Ali

OT: -  157 Minuten -  Bio / Drama
Ali
Kinostart: 15.08.2002
DVD-Start: 23.11.2012 - Blu-ray-Start: 23.11.2012
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Filmkritik zu Ali

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Muhammad Ali – die wohl größte Boxerlegende aller Zeiten. Im Grunde war es längst fällig, dass man ihm einen Film widmen würde. Das lang geplante Projekt hatte so seine Schwierigkeiten zu bewältigen. Regisseure wie Drehbücher wurden wieder verworfen, man wollte alles richtig machen, ihm ein filmisches Denkmal setzen und DEN definitiven Film über ihn drehen. Letztlich bekam Michael Mann („Heat“, „The Insider“) den Zuschlag und machte sich zusammen mit Eric Roth („Forrest Gump“, „The Insider“) daran die Vorlage der beiden „Nixon“ – Autoren Stephen J. Rivele und Christopher Wilkinson, deren Skript wiederum auf den niedergeschriebenen Texten von Gregory Allen Howard („Remember the Titans“) beruhte, umzuschreiben, um sich auf die wichtigsten Jahre des Sportidols zu konzentrieren. „Ali“ behandelt die Jahre 1964 – 1974, also startet mit seinem erstmaligen Titelgewinn gegen Sonny Liston und endet mit seinem Comeback, dem „Rumble in the Jungle, in Zaire, gegen George Foreman.

„Ali“ hat etwas Großes, Einmaliges an sich. Das spürt man von der ersten Minute an. Mag daran liegen, dass Michael Mann mein Lieblingsregisseur ist und ich besonders empfänglich für seinen Regiestil bin, aber dass man zumindest von der Inszenierung her dem Film kaum etwas vorwerfen kann, wird sich nahezu jeder Kritiker eingestehen müssen. Allerdings steht den beiden Oscar-Nominierungen für Will Smith („Bad Boys“, „I. Robot“) und Jon Voight („Deliverance“, „The Odessa File“) auch ein enttäuschend mageres Einspiel von gerade 58 Millionen Dollar am amerikanischen Boxoffice, was etwa der Hälfte des Budgets entspricht gegenüber und das hat seinen Grund. Ist der Held mehrerer Generationen plötzlich nicht mehr von Interesse?

Doch, er ist es. Aber leider nicht in „Ali“. Man kann Mann nicht vorwerfen, in seinem sehr dokumentarischen Stil wirklich alle wichtigen Momente dieser Dekade angepackt zu haben, wohl aber, nie seine Hauptfigur richtig verstanden zu haben, beziehungsweise, wenn er sie denn doch verstanden hat, die Erkenntnisse dem Publikum mitzuteilen. Mehr Informationen als in den unzähligen Dokumentationen über Muhammad Ali erfahren wir auch hier nicht. Vielleicht lag es daran, dass Mann immer noch den Flop seines kontroversen „The Insider“ im Hinterkopf hatte und sich deshalb gar nicht so sehr mit der Figur auseinander setzen wollte, um Negativ-Presse, für die die negativen Seiten einer schwarzen Legende leider als Schießpulver fungiert hätten, vorzubeugen.

Deswegen muss der Film an anderer Stelle punkten und er tut es. Die wesentlichen Highlights sind jeweils die Boxkämpfe. Sie reißen mit und sind wohl auch das Beste, was es, seit Rocky Balboa und Apollo Creed zum ersten Mal um die Krone antraten, im Boxring zu sehen gab. Hier gilt insbesondere ein großes Lob an Will Smith, dem ich so eine authentische Darstellung des egozentrischen, großmäuligen, provokanten Boxers, der nie ein Blatt vor den Mund nahm und so zum Liebling der Medien wurde, gar nicht zugetraut hätte. Sonst doch auf leichtfüßige Popcornkost abonniert, liefert er hier mal eben die schauspielerisch beste Leistung seiner Karriere ab und das nicht nur, weil er enorm an Muskelmasse aufbaute, um auch glaubwürdig als Cassius Clay alias Muhammad Ali durchzugehen. Seine Art sich zu bewegen, seine Gestik, sein Mundwerk, das passt alles, wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. In die ruhigeren Szenen kann er dieses Engagement nicht ganz herüberretten, aber es reicht um ihn glaubwürdig zu verkörpern.

Die Boxkämpfe stecken voller Emotionen und Energie, zeigen viel von Alis Können, wie er seine Gegner im Ring verhöhnte, um sie rumtänzelte, sie sich verausgaben ließ und schließlich auf die Bretter schickte. Die Kamera ist immer nah dabei, umkreist die Kontrahenten, steigt mal in die Egoperspektive ein und schaltet auf Slowmotion um, wenn einem Boxer die Luft wegbleibt oder sich die Erkenntnis der nahenden Niederlage in seinem Kopf manifestiert. Es ist mitreißende Boxkost, allemal attraktiver als das, was heutzutage im Ring los ist. Mittendrin statt nur dabei lautet die Devise. Man hört das Keuchen, das schmerzhafte Stöhnen nach einem Treffer und das Lechzen nach Luft in der Ringecke. Die Augen strotzen nur so vor Entschlossenheit...

Nur wenn Ali aus dem Ring steigt, dann will sich diese Euphorie nicht anschließen, sondern darauf warten, dass er wieder in den Ring steigt. Ohne Frage, der Cast ist durch die Bank weg hervorragend besetzt. Speziell unter den schwarzen Darstellern rissen sich die bekannten Gesichter um die Rollen. Manns schon damals auffälliger Spezi Jamie Foxx („Any Given Sunday“, „Collateral“) als Trainer und Säufer, der aus der Versenkung geholte und dorthin danach auch wieder verschwindende Mario van Peebles („Heartbreak Ridge“, „Highlander III: The Sorcerer“), Mykelti Williamson („Heat“, „Con Air“) und auf der weiblichen Seite Jada Pinkett Smith („The Matrix Reloaded“, „Collateral“), um nur die wichtigsten zu nennen, tummeln sich hier in Nebenrollen. Jeder wollte an diesem Mammutprojekt beteiligt sein. Nicht zu vergessen sind natürlich ein kaum wiedererkennbarer Jon Voight als befreundeter Sportjournalist und Ron Silver (!) als enger Vertrauter und jahrelanger Wegbegleiter.

Von den stimmigen Soul and R&B-Klängen über die zeitgemäße Ausstattung, bis hin zu wirklich atmosphärischen und ergreifenden Momentaufnahmen (Mann experimentiert hier unter anderem mit dem dann bei „Collateral“ perfektionierten DV-Look) ist hier wirklich alles vom Feinsten. Die Fassade von „Ali“ bröckelt erst, wenn der Film zu den nachdenklichen Momenten kommt, nicht den Boxer, sondern den Menschen zeigt und hier muss man bei aller Liebe zum neutralen Standpunkt kritisieren, dass man nicht schlau aus der Person wird. Was hat der junge Weltmeister, der quasi über Nacht, dank des Sieges über Liston in aller Munde ist, eigentlich vor? Er tritt der Nation-Of-Islam-Liga bei, in der auch sein Freund Malcolm X als Prediger fungiert und dann, als dieser sich ihren Weisungen nicht fügen will, suspendiert wird. Cassius hingegen ist ein Aushängeschild für sie, legt sich den Namen Muhammad Ali zu und steht nun durch seine Äußerungen im Mittelpunkt des Interesses des FBIs. Speziell diese Komponente, seine stete Überwachung wird hier nur angerissen und nie wieder aufgenommen und was ist eigentlich mit dem Tod von Martin Luther King? Keine Stellungsnahme seitens des Champs?

Sein erster Besuch in Afrika wird rasend schnell abgehandelt, dafür wird sich umso ausführlicher auf seine zahlreichen Frauenabenteuer, die eigentlich weit weniger interessieren, gestürzt. Weit besser wurde wiederum seine Entscheidung, trotz des Einberufungsbescheids nicht den Wehrdienst anzutreten, umgesetzt. Sich keinen Willen aufzwingen lassend, sondern der Champ des Volkes, sein ehernes Ziel, bleibend, ist diese Entscheidung gleich einer Bankrotterklärung. Auch hier wäre interessant zu wissen, ob Ali damals soweit überhaupt gedacht hat. Der Film schweigt sich jedenfalls einmal mehr aus.

Aber Ali ist ein Stehaufmännchen, das in der letzten Instanz schließlich freigesprochen wird, seine Boxlizenz zurückerhält. Auf der Zielgerade landet „Ali“ dann in Kinshasa, wo er geradezu von der Bevölkerung verehrt wird, wie ein Messias gefeiert wird und sich seinen Titel gegen den viel jüngeren, unbeliebten Foreman ein letztes Mal zurückholt.

Bis hin zu den Querelen im Vorfeld des „Rumble in the Jungle“, wo Foreman, der sich dort seinerzeit überhaupt nicht wohl fühlte und abschottete, nach einer Trainingsverletzung am Auge schon abreisen wollte, haben die Mannen um Mann (Blödes Wortspiel...) alles bis in das kleinste Detail recherchiert. Für den bis dato in Sachen Muhammad Ali unbedarften Zuschauer gibt es hier das Wichtigste komprimiert und auf den Punkt gebracht. Soviel ist gewiss. Manns Inszenierung, die sich, angefangen bei der musikalischen Begleitung bis hin zur Ausstattung, auch auf alles verlassen kann und ein ums andere Mal mitreißende, intensive Momente auf Zelluloid bannt, lässt auch keine Zweifel aufkommen, dass hier ein versierter Regisseur am Werk war, der Akustik und Optik (Farbfilter, verblasste Farben, etc) meisterlich zu instrumentalisieren weiß. Allein das minutenlange Intro, eine Kollage, ein Querschnitt, eine Einführung des Elementaren (die wichtigsten Personen, das Training, die Musik, Vorstellung des damaligen Zeitgeists) kann überall vorbehaltlos als Bewerbungsmaterial abgegeben werden. Und trotzdem fehlt etwas und zwar das Vermögen den Mann hinter den Sprüchen zu zeigen. Wer war beziehungsweise ist Cassius Clay alias Muhammad Ali wirklich?

Fazit:
Wie es von Michael Mann auch nicht anders zu erwarten war, stellt sich „Ali“ als makellos inszeniertes Biopic heraus, das in dieser Form auch nicht viele Regisseure so inszenieren können. Allerdings kratzt man nur an der Oberfläche des Mythos, taucht nicht in sein Ich ein und traut sich erst recht nicht negative Seiten zu zeigen. Inhaltlich bleibt es ein Zusammenschluss von Fragmenten, den der Top-Cast und die saubere Regie über die Zeit retten. Unterhaltsam und mit Abstrichen auch überaus informativ, oft aber auch einfach nur verschenkt.

Wertung:
7/10 Punkte

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