Syndromes and a Century (Sang sattawat) (2006)

OT: Sang sattawat - 105 Minuten - Drama
Syndromes and a Century (Sang sattawat) (2006)
Kinostart: 18.06.2010
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Syndromes and a Century (Sang sattawat)

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Beim Cannes Filmfestival 2010 konnte sich der thailändische Regisseur und Liebling der Kunstfilmszene Apichatpong Weerasethakul durchsetzen und die Goldene Plame mit nach Hause nehmen. Sein Film Uncle Boonme Who Can Recall His Past Lives wird auch in Österreich zu sehen sein, zuerst bei der Viennale und dann auch regulär. Das Stadtkino Wien nimmt dies zum Anlass auch den vorletzten Film von Weerasethakul, Syndromes and a Century zu zeigen. Zwar mit vier Jahren Verspätung, aber immerhin. Und dieser Film erweist sich als Glücksgriff für alle, die etwas Urlaub vom westlichen Streben nach Ordnung suchen und sich auf eine verschlungene, traumhafte Inszenierung einlassen können.

 

Der Armee-Arzt Dr. Nohng (Jaruchai Iamaram) will eine Stelle in einem ländlichen Krankenhaus in Thailand antreten und erscheint deshalb zum Vorstellungsgespräch bei Dr. Toey (Nantarat Sawaddikul), die ihn über sein Studium und seine Interessen befragt. Doch das Krankenhaus ist voll mit eigenwilligen Figuren, die alle ihre eigenen Problemchen habe: Da wäre der Zahnarzt (Arkanae Cherkam) der eigentlich Sänger werden will und seine Patienten schon einmal mit selbst vorgesungenen Interpretationen von thailändischer Countrymusik betört, ein alter Mönch (Sin Kaewpakpin), der als Kind Hühner getötet hat und nun von ihrer Rache träumt und viele weitere Menschen...

 

Man kann es bereits aus dem Versuch einer Inhaltsangabe herauslesen: Syndromes and a Century ist kein Film, der von seiner Story lebt. Apichatpong Weerasethakul entfernt sich von der westlichen Weise Filme zu machen und verlässt sich stattdessen vorwiegend auf sein unglaubliches Talent Atmosphären zu kreieren. Er schafft es großartig Schauplätze heraufzubeschwören und Stimmungen auszuloten, sodass man sich als Zuseher wie durch Geisterhand in eine andere Welt transportiert fühlt. Es ist gar nicht so wichtig was hier geschieht, sondern viel eher wie man es als Zuseher erlebt und welche Stimmung sich dabei ausbreitet.

 

Apichatpong Weerasethakul versteht es dabei sehr geschickt die Erwartungen ins klassische Erzählmuster zu unterwandern und schleichende Übergänge zu kreieren, die den Zuseher unbemerkt in eine neue Erzählebene überführen. Dies beginnt simpel mit dem Übergang in eine Rückblende, der ebenfalls stufenlos erfolgt und endet bei einem subersiven Unterwandern, an dessen Ende der Zuseher perplex wieder am Beginn landet. Denn während uns der Film sanft und ruhig von seinen Figuren erzählt schleicht sich unerwartet ein großer Wechsel an und bei der Hälfte des Films sind wir wieder am Beginn angelangt.

 

Doch plötzlich ist alles anders: Szenen werden ähnlich aber leicht variiert aufgebaut, aus dem ländlichen Krankenaus ist eine Großstadtklinik geworden und anstelle der Frau ist plötzlich ein Mann im Mittelpunkt und erzählt die Geschichte aus einem unterschiedlichen Blickwinkel. Spätestens hier wird klar, dass das zentrale Thema des Films die Erinnerung ist, denn mit geschichktem Bildaufbau spielt  Apichatpong Weerasethakul mit den Erinnerungen des Zusehers und arbeitet mit Andeutungen und Wiederholungen. Aber es handelt sich auch um die Erinnerungen des Regisseurs selbst, der den Film als Hommage an seine Eltern konzipiert hat, die beides Ärzte waren. So könnte man auch meinen, dass die erste Hälfte eher der Mutter und die zweite Hälfte eher dem Vater gewidmet sind.

 

Aber eigentlich durchzieht das Thema Erinnerung bereits vor diesem radikalen Wechsel den Film. Dies beginnt bei den Erzählungen der Figuren, die zwar banal aber dennoch so fesselnd sind, dass man die Ereignisse förmlich vor dem eigenen Auge erscheinen sieht und endet bei dem Grundaufbau der verschiedenen Szenen. Denn die Momente in Syndromes and a Century wirken flüchtig. Zwar konstituieren sich hier fremde Welten vor dem Auge des Zusehers, jedoch hat man stets das Gefühl einer gewisse Distanz in sich, die auf einen Traum, oder eben eine Erinnerung, schließen lässt. Es ist diese ganz spezielle Atmosphäre die Apichatpong Weerasethakul heraufbeschwört, die seinen Film so sehenswert werden lässt.

 

Fazit:

Syndromes and a Century ist ein wunderbar verschlungener Film, der die westliche Rationalität hinter sich lässt und stattdessen Gefühlslandschaften ergründet. Der Film ist dabei im Kern eine Auseinandersetzung mit Erinnerungen und besitzt vor allem auf atmosphärischer Ebene einen ganz besonderen Reiz. Vorraussetzung ist natürlich, dass man sich auf diese spezielle Form des Filmemachens einlassen kann, denn hier ist es wichtiger zu erleben, als zu verstehen und das Gleiten zwischen den Ebenen ist weitaus interessanter als die rudimentären Storyansätze.

 

Wertung:

8/10 Punkte

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