Hunger (2008)

OT: Hunger - 96 Minuten - Drama
Hunger (2008)
Kinostart: 04.06.2010
DVD-Start: 25.02.2011 - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Hunger

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Das Langfilmdebüt des britischen Regisseurs Steve McQueen Hunger gewann nicht nur zahlreiche Preise für den besten Debütfilm des Jahres 2009, sondern ist auch ein Sieger, der jeden einzelnen seiner Preise überaus verdient hat. Auf virtuose Weise versteht es McQueen die Zeitgeschichte wieder zu beleben und vor den Zusehern einen vielschichtigen Mikrokosmos zu öffnen, der sich nicht auf eine klassische gut-böse Zeichnung beschränkt, sondern äußerst präzise auseinanderklappt und stets neue Einblicke ermöglicht.

 

Davey Gillen (Brian Milligan) ist einer der vielen IRA-Aktivisten, die ins Maze-Gefängnis gesteckt werden, wo sie vor sich hin vegetieren. Sie kämpfen mit der britischen Regierung, damit sie als Freiheitskämpfer akzeptiert werden und damit die Behandlung von politischen Gefangenen verdienen. Doch die Regierung weigert sich diesen Status anzuerkennen. Also legen sich die Gefangenen quer. Da sie die Kleiderordnung der Haft nicht akzeptieren sitzen sie meistens nackt in ihren verdreckten Zellen. Jede Gelegenheit den Wärtern eins auszuwischen wird genutzt und umgekehrt revanchieren sich die Wärter mit unglaublicher Brutalität. Doch Bobby Sands (Michael Fassbender), Anführer der IRA-Gefangenen will dem ein Ende setzen: Er plant einen Hungerstreik, bis all ihre Forderungen akzeptiert werden. Und dabei ist der Tod als letzte Konsequenz eingeplant…

 

Hunger ist kein lauter Film. Es ist auch kein Film, der seine Meinung hinausposaunt und irgendetwas rechtfertigen will. Stattdessen ist Hunger ein unglaublich vielschichtiges Werk, eines talentierten Regisseurs, das es versteht auf subtile Weise alle Seiten auszuleuchten. In leisen Tönen wird hier die Geschichte zum Leben erweckt und obwohl sich die dramatische Wucht von Hunger nur langsam anschleicht, überrollt sie den Zuseher schließlich doch äußerst kraftvoll. Es ist erstaunlich, dass es Steve McQueen hier so großartige gelungen ist poetische Momente in ein Loch aus Dreck und Verzweiflung zu zaubern und dabei trotzdem so greifbar zu bleiben.

 

Hunger arbeitet dabei mit einer interessanten Inszenierungsweise. Die Perspektiven werden schon einmal vertauscht und zu Beginn wird der Film noch aus der Sicht eines Gefängniswärters erzählt, der sich die Hände im Waschbecken kühlt, nachdem er sie zuvor an Gefangenen taub geprügelt hat und der schon einmal sicher gehen muss, dass keine Bombe unterm Auto liegt, bevor er Morgens zur Arbeit fährt. Hunger versteht es somit geschickt eine Atmosphäre des Misstrauens zu etablieren und eine gewisse Grundspannung aufzubauen. Anschließend wird die Brutalität zunächst mit kleinen Gesten angedeutet, bevor sie in letzter Konsequenz an die Oberfläche gezerrt wird.

 

Und was dann geboten wird, geht gewaltig an die Nieren. Häftlinge die ohne Kleidung in ihren winzigen Zellen sitzen, dabei fast lebendig verwesen und in ihren eigenen Fäkalien fast untergehen. Dank kleinen Radiofetzen wird auch der Eindruck einer politischen Dimension gewahrt, die aber im engen Mikrokosmos des Gefängnisses nur zu erahnen ist und förmlich von den brutalen Haftbedingungen erdrückt wird. Die wahre Stärke von Hunger ist dabei, dass er niemanden an den Pranger stellt, sondern beiden Seiten Raum gibt um ihr Handeln zu erklären.

 

So werden auch die Wärter nicht als gesichtslose Bösewichte gezeigt, sondern als Menschen mit Familie, die an ihrer Aufgabe zerbrechen, von der Politik keinen Rückhalt bekommen und sich gegen die schwierigen Gefangenen nur durch maßlose Brutalität durchsetzen können. Die Gefangenen hingegen werden dadurch noch weiter in die Enge getrieben und können lediglich ihren Körper in die Waagschale werfen um an ihren Umständen etwas zu ändern. Hunger versteht es dabei großartig körperbetont zu bleiben und uns die zerschundenen Leibe der Häftlinge fast spüren zu lassen. Die Inszenierung ist äußerst plastisch und eindringlich in der Darstellung der Leiden aller Beteiligten und geht doch ziemlich an die Nieren.

 

Hunger zeichnet besonders aus, dass er sich langsam öffnet und verschiedene Standpunkte zulässt. Das Highlight des Films ist dabei eine äußerst lange Unterhaltung zwischen Bobby Sands und Pater Dominic Moran (Liam Cunningham), die das zentrale Ereignis des Films und die wahrscheinlich fesselndste Szene darstellt. Das Gespräch beginnt trivial und humorvoll, zieht die Spannungsschraube aber zunehmend an. Im Laufe dieser einzigen Unterhaltung öffnet sich die Figur des Bobby Sands, man kann seine Vergangenheit erahnen und das Innenleben dieses Menschen förmlich vor sich aufgehen sehen. Aus rationalen Überlegungen beschließt er sich zu Tode zu hungern und findet dabei im Pater ein gleichwertiges Gegenüber, was diese Szene (die zu großen Teilen aus einer langen Einstellung von der Seite besteht) nur so mit subtiler Spannung auflädt.

 

Im letzten Drittel folgt die folgerichtige Konsequenz aus den ersten beiden Dritteln. Der Körper, der im ersten Drittel so geschunden wurde und der im zweiten Drittel (dem oben erwähnten Gespräch) zur alleinigen Waffe deklariert wird, zerfrisst sich selbst. Es sind nicht nur die eindringlichen Bilder des bis zu den Knochen abgemagerten Michael Fassbender, dessen Körper nicht einmal mehr die Kraft hat eine Bettdecke ohne Stütze zu tragen, die sich hier förmlich ins Auge brennen, sondern auch die Metatexte und poetischen Einschübe, die Hunger auch im Finale unvergesslich werden lassen. Hunger beginnt kraftvoll, geht tiefgründig weiter und endet mit einem stillen Flüstern. Wenn der Abspann schließlich läuft, ist man nur noch sprachlos.

 

Fazit:

Hunger ist ein großer Film. Die IRA-Thematik wird in einem unbarmherzigen Mikrokosmos gebündelt und vielschichtig dargeboten. Hunger bezieht dabei keine Stellung, sondern überlässt es dem Zuseher sich selbst eine Meinung zu bilden. Der Film erlaubt sich dabei durchaus leise und poetische Töne zwischen den rauen und brutalen Szenen. Steve McQueen ist es gelungen einen stark nachwirkenden und beeindruckenden Film zu drehen, den man nicht so schnell vergessen wird. Nach dem Abspann ist man auf jeden Fall einmal sprachlos.

 

Wertung:

9/10 Punkte

Filmering.at
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Ø Wertung: 8.2/10 | Kritiken: 4 | Wertungen: 20
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