Ein Sommer in New York (The Visitor) (2007)

OT: The Visitor - 108 Minuten - Tragikomödie
Ein Sommer in New York (The Visitor) (2007)
Kinostart: 11.06.2010
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Ein Sommer in New York (The Visitor)

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Richard Jenkins, ein Name der wohl vor nicht allzu langer Zeit (oder vielleicht auch jetzt noch) kaum jemanden etwas gesagt hat. Aber sieht man dann das dazugehörige Bild, werden die meisten das Gesicht wohl sofort erkennen. Richard Jenkins war lange ein klassischer Nebendarsteller wie aus dem Lehrbuch: Er gab den Vater in Six Feet Under, spielte an der Seite von George Clooney und Brat Pitt in Burn After Reading und spielte seit 1974 in den verschiedendsten Produktion, von Verrückt nach Mary über The Core, The Man Who Wasn’t There bis zu Step Brothers. Doch mit Ein Sommer in New York fand er endlich Beachtung und brachte es zu seiner ersten Oscarnominierung. Und das hoch verdient.

 

Walter Vale (Richard Jenkins) driftet seit dem Tod seiner Frau unmotiviert durchs Leben. Er arbeitet als Professor, doch er macht seit Jahren nur immer wieder die gleiche Vorlesung. Als Ausrede benutzt er, dass er ein neues Buch schreiben will, doch auch da bringt er nicht viel weiter. Auf Bitten eines Kollegen reist er nach New York um ein Projekt zu präsentieren. Doch als Walter seine alte Wohnung betritt erlebt er eine Überraschung: Eine Frau (Danai Jekesai Gurira) liegt in seiner Badewanne und auch ihr Freund Tarek (Haaz Sleiman) lebt in Walters Wohnung. Von einem Schwindler wurde ihnen Walters Wohnung vermietet. Doch da die beiden nirgendwo hinkönnen lässt Walter sie noch etwas bei sich wohnen. Und es bahnt sich eine Freundschaft an, bis Tarek, der illegal in den USA eingereist ist, aufgegriffen wird und abgeschoben werden soll…

 

Ein Sommer in New York ist ein Film mit mehreren Ebenen. Die oberste Schicht bezieht sich dabei auf die Charakterentwicklung der Hauptfigur Walter Vale. Richard Jenkins spielt diesen Walter Vale als leisen, traurigen Mann, der sein Leben langsam aushaucht und längst jede Lebensfreude verloren hat. Eingekesselt in einer Arbeit die ihm nichts mehr bedeutet, kehrt er am Ende des Tages in eine leere Wohnung, wo er Klavierspielen lernen will wozu ihm aber das Talent fehlt. Es ist eine leise Alltagsschilderung eines vereinsamten Menschen.

 

Doch Ein Sommer in New York bietet ihm eine Perspektive, einen Anreiz dieses Leben hinter sich zu lassen. Und dieser Wink des Schicksals geschieht in Form von Tarek. Man muss natürlich einräumen, dass Tarek schon fast überkonstruiert lebensfroh, sympathisch und freundlich ist, aber das kann man dem Film durchaus verzeihen, schafft er es doch die Lebensfreude von Tarek nicht nur auf Walter zu übertragen, sondern auch ins Publikum zu projizieren. Und Ein Sommer in New York versteht es gekonnt die aufkeimende Freundschaft zwischen Walter und Tarek zu zeigen.

 

Dies schafft der Film vor allem auf Basis der Musik, die im Film überhaupt eine starke Präsenz entwickelt. Am Klavierspielen ist Walter gescheitert, aber beim Trommeln mit Tarek erwecken seine Lebensgeister und er kann sich rein auf den losgelösten Fluss der Musik einlassen, der stellvertretend für sein neues Leben steht und ihn hin zu einer neuen, lockereren Persönlichkeit führt. Es ist ein Hauch von Freiheit der sich hier konstituiert. In Folge entwickelt sich nicht nur die Freundschaft zwischen Walter und Tarek weiter, sondern Walter zeigt das erste Mal wieder so etwas wie Freude am Leben.

 

Doch unter dieser Charakterebene des Films schlummert noch mehr: Ein Sommer in New York erzählt eine Geschichte vom modernen Amerika, nach dem einschneidenden 11. September 2001. Die Zeiten der offenen Arme sind vorbei, ab jetzt wird gründlichst durchleuchtet und wer nicht ganz genau ins Schema passt, wird abgeschoben. Ein Sommer in New York erzählt dabei von den Möglichkeiten des mutlikulturellen Zusammenlebens, den lebensbejaenden Umständen die dies ergeben könnte und stellt dieser Utopie die abweisende und kühle Realität gegenüber, die vor allem durch Misstrauen gekennzeichnet ist.

 

Auch auf das System wirft der Film einen kritischen Blick, da man nicht die Zeit findet einzelne Fälle differenziert auszuleuchten, sondern nur nach klarem gut-böse Schema vorgeht. Speziell im Kontrast zur ausgelassenen Atmosphäre des Films erweisen sich die späteren Momente als bedrückend und emotional ergreifend. Und über allem schwebt die Charakterzeichnung von Walter, die dem Film einen Hauch von Vergänglichkeit gibt. Ein Sommer in New York ist somit auch ein temporärer Ausflug, ein hauchdünner Zustandsbericht, dem die Melancholie der Ereignisse nicht verborgen bleibt.

 

Etwas kritisieren muss man jedoch die Übertriebenheit mit der Regisseur Thomas McCarthy seinen Film inszeniert. Alles wirkt hier bewusst so geschildert, damit sich die Gefühle beim Zuseher multiplizieren. Die aufkeimende Freundschaft dient dazu um die späteren Szenen emotional aufzuladen, das triste Leben zu Beginn dient dazu um die Freundschaft heller strahlen zu lassen. Die Lebenslust der multikulturellen Gemeinschaft dient dazu um später das System noch stärker zu verurteilen. Natürlich funktioniert der Film dennoch, aber diese Konstruiertheit fällt eben leider doch auf und dämpft den Genuss ein kleines bisschen.

 

Fazit:

Ein Sommer in New York ist ein Höhenflug für den ewigen Nebendarsteller Richard Jenkins. Mit viel Elan spielt er die Charakterwandlung vom traurigen Einzelgänger zum lebensfrohen Trommler. Unter dieser Ebene der Figuren schlummert jedoch die Vision eines multikulturellen Amerikas, dem ein skeptisches post-09/11 Amerika gegenübergestellt wird. Im Wesentlichen hat der Film seine Ebenen dabei im Griff, jedoch kann man nicht von der Hand weisen, dass sich die Geschichte an manchen Stellen doch etwas konstruiert anfühlt.

 

Wertung:

7/10 Punkte

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