Biutiful (2010)

OT: Biutiful - 138 Minuten - Drama
Biutiful (2010)
Kinostart: 27.05.2011
DVD-Start: 29.09.2011 - Blu-ray-Start: 13.10.2011
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Filmkritik zu Biutiful

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Mittlerweile ist es über 10 Jahre her, dass der damals völlig unbekannte mexikanische Regisseur Alejandro González Iñárritu mit seinem Spielfilmdebüt Amores Perros für Furrore sorgte. Mit seinem großartigen Erstling, der auch heute noch gerne als sein bester Film bezeichnet werden kann, legte er die Messlatte hoch und bot zugleich einen Ausblick auf sein weiteres Schaffen: Denn auch die beiden fabelhaften Nachfolgerfilme 21 Gramm und Babel waren vom selben Stil (Episodenstruktur und viele emotionale Tiefschläge) geprägt. Speziell an Babel konnte man aber kritisieren, dass der Film immer noch eines nachsetzt, die Figuren mit aller Gewalt noch weiter nach unten drückt und die Japanepisode (so gut sie auch war) nur mit Mühe in die restliche Story gequetscht wurde. Biutiful ist in gewissem Maße nun ein Stilwechsel. Iñárritu versucht sich an etwas Neuem - und leider hat man den Eindruck, dass er eher seine Schwächen als seine Stärken weiter ausgebaut hat.

Uxbal (Javier Bardem) lebt mit seinen beiden Kindern in einer heruntergekommenen Wohnung in einem schäbigen Viertel von Barcelona. Von seiner mental instabilen Ex-Frau Marambra (Maricel Álvarez) ist er geschieden, da sie weder für ihn, noch für die Kinder Ana (Hanna Bouchaib) und Mateo (Guillermo Esterella) ein guter Umgang ist. Sein Job führt Uxbal in den Untergrund: Er besticht die Polizeit, schützt afrikanische Straßenverkäufer und vermittelt illegale Einwanderer als billige Arbeitskräfte. Dabei bewahrt er sich aber immer die nötige Menschlichkeit. Er versucht zwar Profit zu machen, kümmert sich aber dennoch um die Menschen. Doch sein Leben hat ein Ablaufdatum: Uxbal hat Prostatakrebs im Endstadium und hat nicht mehr allzu lange zu leben...

Biutiful ist in ein leicht schizophrener Film. Man hat den Eindruck, dass sich Alejandro González Iñárritu ehrlich den Kritikpunkten gestellt hat, die an seinem letzten Mammutwerk Babel laut wurden. Denn bei aller Größe und aller Wucht die den Film auszeichnete, man konnte nicht verkennen, dass die Methoden des Regisseurs etwas durchschaubar und einseitig wurden. Besonders deutlich wird dies im Umgang mit den Figuren, auf die in Babel quasi ohne Unterbrechung eingetreten wurde. Biutiful ist nun der erste Film von Alejandro González Iñárritu bei man spürt, dass er versucht einen anderen Stil zu finden.

So ist es auch erstmals kein Episodenfilm, sondern eine klassische, lineare Geschichte einer einzelnen Figur die erzählt wird. Auch die Breite (die sich bei Babel ja über den ganzen Globus spannte) wurde drastisch reduziert. Stattdessen schiebt Biutiful den Fokus auf einen kleinen Bereich und betrachtet diesen dafür detaillierter. Aber damit beginnen auch schon die Probleme des Films. Denn es scheint als hängt Iñárritu immer noch im alten Muster fest, sodass es auch hier teilweise so scheint als würde eine Episodenstruktur durchscheinen. Nebenschauplätze und Figuren eröffnen sich, und werden gleich wieder fallengelassen. So entsteht ein teileweise etwas unbefriedigender Mix.

Die Episodenstrutkur war aber auch eigentlich nie eine Schwäche von Iñárritu’s Filmen. Im Gegenteil: Bis auf die kleine Erklärungsnot mit der Japanepisode in Babel hatte er seine verschachtelten Geschichten immer sehr gut im Griff. Und den größten Kritikpunkt an Babel hat er in Biutiful sogar noch weiter ausgebaut: Denn wer den Eindruck hatte, dass die Schicksalsschläge in Babel eine Nummer zu viel waren, der möge sich bitte Biutful ansehen. Anschließend wird man wohl kaum mehr in der Lage sein Babel diesen Kritikpunkt anzulasten. Denn in Biutiful treibt Iñárritu seinen scheinbaren Hass für die Figuren auf die Spitze.

Es reicht nicht, dass Uxbal Krebs hat und damit beschäftigt ist alles vorzubereiten, damit für seine Kinder auch nach seinem Ableben gesorgt ist (ein Umstand der eigentlich alleine schon gereicht hätte um den Film zu tragen). Nein, es müssen auch noch laufende Probleme mit seiner Ex-Frau, mit den illegalen Straßenhändlern die er betreut, Gewissensbisse über Abschiebungen und vor allem der Tod von zahlreichen illegalen Immigranten, für den sich Uxbal schuldig fühlt, ins Spiel gebracht werden. Man hat hier den Eindruck, dass Iñárritu jedes Gespür dafür verloren hat wann es genug ist, stattdessen tritt er immer wieder nach und versucht noch eines drauf zu legen.

Das große Problem dabei ist folgendes: Dieser ständige Zwang die emotionalen Qualen der Hauptfigur zu steigern resultiert nicht darin, dass man als Zuseher durchgeschüttelt und zermürbt wird, wie es wohl die Absicht war. Stattdessen stellt sich eine gewisse Gleichgültigkeit ein. Denn es dauert nicht allzu lange, bis man erkennt, dass die Einstellungen, die Entwicklung der Handlung und diese Steigerung reines Kalkül sind. Und wenn man erst einmal soweit ist, dass man die Schicksalsschläge der Figur nicht mehr als solche, sondern viel eher als kalkulierte Entscheidung des Regisseur wahrnimmt, dann fällt es Biutiful natürlich auch schwer eine emotionale Wucht zu entfesseln.

Dass der Film über weite Strecken trotz dieser großen Schwäche funktioniert ist zwei Dingen zu verdanken: Zum einen dem sensiblen Schauspiel von Javier Bardem, der in den ansonsten sehr berechnend wirkenden Film die nötige Prise Wärme mitbringt und Uxbal mit tragischer Würde und enormen Gefühl spielt. Zum anderen aber auch der Inszenierung von Iñárritu, woran sich auch schön die Zweischneidigkeit des Films beobachten lässt. Denn obwohl es Schwächen gibt ist auch nicht zu verkennen, dass Iñárritu ein großartiger Regisseur ist, der ein Gefühl für Schauplätze und Atmosphären hat.

Auch tut es dem Film gut, dass man das erste Mal das Gefühl hat, dass Iñárritu einen wirklich persönlichen Film gedreht hat (schließlich stammen die Drehbücher zu seinen anderen Filmen ja auch aus der Feder von Guillermo Arriaga). Der Film ist in spanisch gedreht, nimmt sich mehr Zeit für eine einzelne Figur und dank der Charakterisierung von Javier Bardem folgen wir Uxbal auch über weite Strecken sehr gerne und interessiert auf seinem Lebensweg. An manchen Stellen erkennt man aber eben, dass Biutiful weniger ausgereift ist als die anderen Film von Iñárritu. Welchen Sinn es zum Beispiel hat, dass Javier Bardem scheinbar mit Toten sprechen kann und warum er diese in bester Horrorfilmanier an der Decke krabbeln sieht, erschließt sich zum Beispiel nicht.

Vergeben und vergessen sind die Schwächen allerdings in der letzten halben Stunde, in der es zum einzigen Mal wirklich gelingt glaubwürdige Emotionen zu zeigen, weil es auch wirklich thematisiert wird, dass Uxbal demnächst sterben wird und er Lösungen finden muss (was leider den restlichen Film über oft in den Hintergrund rückt um Nebenhandlungsstränge anzureissen). Diese letzte Phase des Films, inklusive einer wundervoll und stark inszenierten Sterbeszene samt Übertritt ins Jenseits ist es zu verdanken, dass Biutiful doch einiges seines Potential nützt. Rückblickend verlässt man den Film also mit einem positiven Gefühl. Aber dies ändert nichts daran, dass viel Potential vergeudet wurde und Biutiful trotz vielen Stärken der bislang schlechteste Filme von Alejandro González Iñárritu ist.

Fazit:
Biutiful balanciert haarscharf an der Grenze zwischen Genie und Wahnsinn. Vieles funktioniert leider nicht so gut: So erzählt Regisseur Alejandro González Iñárritu zwar zum ersten Mal eine lineare Geschichte mit einer Hauptfigur, aber trotzdem öffnen sich ständig neue Handlungsstränge fast in Episodenform, die aber oftmals nur angedeutet werden. Auch wirkt es störend, dass der Film ständig und immer weiter auf die Hauptfigur einprügelt. Es reicht nicht, dass Uxbal an Krebs stirbt und alleinerziehender Vater ist, es müssen immer weitere Schicksalsschläge nachgereicht werden. Das Problem dabei ist nur, dass diese nicht organisch wirken, sondern oftmals sehr kalkuliert erscheinen. Jede Einstellung, jeder weitere Schlag, alles wirkt wie kalt errechnet. Einzig der warmen und sensiblen Darbietung von Javier Bardem ist es zu verdanken, dass man sich dennoch für die Figur interessiert und mitleidet. Zwar lässt Alejandro González Iñárritu den ganzen Film über durchscheinen, dass er ein großer Regisseur ist, aber wirklich ohne Abstriche gelungen ist lediglich die letzte halbe Stunde des Films in der er die Geschichte von Uxbal mit viel Feingefühl und ohne unnötige Effekthascherei zu Ende bringt. Biutiful ist ein sehr schwierig zu bewertender Film, weil viele Dinge schlecht, andere hingegen wieder ausgezeichnet. funktionieren. Insgesamt betrachtet ist Biutiful natürlich ein wirklich guter Film, aber wenn man bedenkt, dass er vom selben Regisseur wie Amores Perros, 21 Gramm und Babel ist, hinterlässt ein “guter” Film dennoch einen etwas schalen Nachgeschmack. Und Kritiker des Regisseurs haben hier noch mehr Grund denn je um zu kritisieren.

Wertung:
7/10 Punkte

Filmering.at
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Ø Wertung: 7.2/10 | Kritiken: 1 | Wertungen: 19
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