Uzala, der Kirgise (1975)

OT: Dersu Uzala - 141 Minuten - Drama
Uzala, der Kirgise (1975)
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Filmkritik zu Uzala, der Kirgise

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Dersu, weißt Du überhaupt,
was die Sonne ist.” „Sonne?
Das wissen wir alle. Du noch
nie Sonne gesehen? Dann
gucken!”

Dersu (Maksim Munzuk) – das ist „das” Leben, die Weite der Taiga, die Taiga selbst, ist Teil der Taiga und doch einer, der sich in ihr bewegt, wie kein anderer sich in ihr zu bewegen scheint. Dersu, der Kirgise, vom Stamme der Golden. Dersu ist allein, hat seine Frau und seine Kinder durch Pocken verloren. Und doch ist Dersu nie einsam – im wahrsten Sinne des Wortes: nie. Dersu, der alte Mann, keiner weiß, wie alt er wirklich ist, auch er nicht, Dersu Uzala scheint ein Überbleibsel einer vergangenen Zeit, ein un-zivilisierter Mensch, der als Jäger durch die Taiga streift, einer, der nichts weiter kennt als die Natur, die ihn umgibt, und die kennt er gut. So gut, dass Vladimir Arseniev (im Film gespielt von Yuri Solomin) seine Bekanntschaft mit dem Kirgisen in einem viel beachteten Roman schilderte, der nicht nur Maxim Gorki Respekt abverlangte (1).

Kein geringerer als Akira Kurosawa widmete dem Kirgisen und dem Roman Arsenievs 1975 einen immerhin zwei Stunden und zwanzig Minuten dauernden Film, der, wie ein Rezensent einmal schrieb, der Viva- und MTV-Generation vielleicht zu viel Geduld abverlangen dürfte. „Dersu Uzala” schildert die zwei Begegnungen zwischen Dersu und Arseniev in den Jahren 1902 und 1907, als der Offizier Arseniev mit einigen Soldaten Teile der Ussuri-Region erkunden und topographisch erfassen sollte.

Eines Nachts treffen Arseniev und seine Leute auf den kleinen Mann, der als Jäger durch die Taiga streift. Dersu hat kein zu Hause in ihrem Sinn, keine Hütte, in die er immer wieder zurückkehren würde. Sein Zuhause ist die Taiga, die unendlich scheinenden Wälder, die Steppen, die vereisten Seen. Die Taiga liefert ihm alles, was er zum Leben benötigt: Kleidung, Essen, Schutz vor Kälte, Ruhe und Besinnlichkeit, Muße und Geborgenheit. Arseniev ist begeistert von dem nur gebrochen russisch sprechenden Mann. Er fragt Dersu, ob der die Soldaten durch die Region führen wolle – und am nächsten Morgen entscheidet sich Dersu, das Angebot anzunehmen.

Und so streifen die Soldaten geführt von Dersu durch die Einsamkeit der Taiga – und schnell begreifen sie, dass Dersu einer anderen Welt als sie selbst angehört. Er ist keiner jener sich zivilisiert nennenden Menschen, die sich in Städten wohlfühlen würden. Als die Gruppe eine Hütte, in der man übernachtet hat, verlassen will, sammelt Dersu trockenes Holz für diejenigen, die möglicherweise morgen, in ein paar Tagen oder Monaten hier vorbeikommen könnten, damit auch sie Feuerholz haben. Das ist Dersu. Als die Soldaten (vergeblich) auf eine Flasche schießen, die sie an einem Seil befestigt haben und die hin und her pendelt, meint Dersu, es sei nicht gut, in der Taiga eine Flasche zu zerschießen, die man noch einmal brauchen könne; schließlich finde man eine Flasche in der Taiga nicht alle Tage. Er zielt auf das Seil, um die Flasche nicht zu zerstören – und trifft, während die Soldaten nicht einmal die Flasche getroffen hatten.

Dersu weiß, wann man weitergehen kann, weil er weiß, dass es demnächst aufhört zu regnen. Er weiß, welche Spuren in der Taiga ihm was sagen.

Zu den schönsten Szenen gehört jene, in der der Kirgise und Arseniev auf einem teilweise zugefrorenen See entlang gehen, von einem Sturm überrascht werden und den Rückweg zu den anderen Soldaten nicht mehr finden. Auch der Kompass des Offiziers nutzt nun nichts mehr; man hat sich verlaufen und die Nacht kündigt sich an. „Sammeln! Sammeln! Schnell! Beeil dich!” ruft Dersu dem Kapitän Arseniev zu. Man sieht beide, wie sie fast mannshohes Gras sammeln und zusammentragen, und Dersu baut in der beginnenden Dunkelheit mit Hilfe eines Messgeräts mit drei Beinen eine provisorische Hütte aus dem Gras, damit beide in der Nacht nicht erfrieren.

„Der Mensch wird klein, wenn
er mit der großen Natur auf
Tuchfühlung gehen will.”
(Arseniev)

Arseniev beginnt zu begreifen, dass er und Dersu aus ganz unterschiedlichen Welten stammen. Und trotzdem beginnt in diesem Jahr 1902 eine tiefe Freundschaft zwischen den beiden Männern. Jeder der beiden weiß, dass er in der Welt des anderen nicht auf Dauer leben könnte. Später, als sich die beiden bei einer weiteren Expedition Arsenievs im Sommer 1907 wieder treffen und Arseniev Dersu mit nach Hause nimmt, wird dies nach kurzer Zeit deutlich. Und doch lernen sich diese beiden Welten so intim und innig kennen, dass es nur Freude macht, die langen, oft beschwerlichen Wege der beiden durch die winterliche, einsame Taiga mit zu verfolgen. Denn auch wir lernen diese uns so fremde Lebensweise in einer Art und Weise kennen, dass sie uns schnell vertraut wird, auch wenn wir wissen, dass wir selbst nicht so leben könnten.

Kurosawa, der in vielen seiner Filme ein Individuum in den Vordergrund des Geschehens rückte, um zu zeigen, was „Individuum” eigentlich bedeutet, gelingt es auch in diesem Film wieder, das Wunderbare, zugleich aber auch Tragische und wiederum Komische „des Lebens” in der Person des Dersu Uzala zu konzentrieren. Dersu repräsentiert eine Welt der wirklichen Verbundenheit des Menschen mit seiner Herkunft, mit der außermenschlichen Natur. Dersu begreift die Natur nicht als ausbeutbares Reservoir, aus dem man sich stets und bedienen kann – ohne Rücksicht auf die Folgen. Er nimmt nur das, was er unbedingt zum Leben benötigt. Dersu hat ein Wissen, das nicht dem Forschungsdrang und den Wissenschaften der zivilisierten Welt entstammt. Die Natur ist für ihn nicht Gegenüber, Objekt, formbarer Gegenstand, degradiert zum Mittel menschlicher Zwecke, die außerhalb der Natur liegen. Natur ist nicht identisch mit dem Menschen. Aber der Mensch ist noch in einem wahrhaftigen Sinn aufgehoben in der außermenschlichen Natur. Dersu erhebt sich zwar über die Natur als lebendiges, leidenschaftliches Individuum, aber nicht im Sinne eines instrumentellen Verhältnisses, das zur Plünderung und Destruktion führt. Dersu lebt mit der Natur in einer symbiotischen Art und Weise.

Diesem Verhältnis entspricht der ganz „natürliche” Respekt vor allem, was ihn umgibt, und die Abwesenheit von Gefühlen wie Neid, Geiz oder Habgier. Als Dersu erzählt, er habe das Geld, das er aus dem Verkauf von Zobeln, die er gejagt hatte, einem Kaufmann zur Verwahrung gegeben, der daraufhin mit dem Geld verschwunden sei, kann er dieses Verhalten nicht begreifen. Er ist nicht böse, er trauert nicht dem Geld nach; er kann nur nicht verstehen, wie sich ein anderer Mensch derart verhalten kann.

Andererseits versteht er Arseniev, weil er merkt, dass der Kapitän ein Gefühl für das Leben in der Taiga entwickelt und zuhört, fragt, sich Gedanken macht usw. Er bemerkt, dass in Arseniev und auch den anderen Soldaten jene „Tradition” noch schlummert, deren Eigentümlichkeit darin besteht, menschliche wie außermenschliche Natur als eine Einheit zu begreifen und zu empfinden. Selbst der Aberglaube erscheint bei Dersu als Ausfluss dieser Verbundenheit und dieser Achtung. Als er in einer Notsituation einen Tiger anschießt, ist Dersu tagelang schlecht gelaunt, weil er meint, der Tiger schicke ihm einen bösen Geist, der ihn töten solle. Der Tiger ist in dieser Hinsicht – ja nicht zu Unrecht – eine Art König der Taiga, ein einsam umherstreifendes mächtiges Tier, Dersu und ähnlichen Menschen ganz ähnlich. Das macht ihn zu einem quasi heiligen, unantastbaren Lebewesen, dessen Tötung einem Verbrechen nahe kommt.

Der Tod Dersus am Schluss des Films – erschossen von irgendwelchen Banditen, die sein Gewehr haben wollten, ein neues Gewehr, das ihm Arseniev geschenkt hatte, als Dersu wieder zurück in die Taiga ging –, dieser Tod ist auch eine Art Todesschuss gegen alle Dersus, soweit sie zu dieser Zeit lebten oder auch heute noch irgendwo leben sollten.

Dabei unternimmt Kurosawa nicht etwa den (eurozentristisch geprägten) Versuch, irgend so etwas wie ein „Zurück zur Natur” zu predigen. „Dersu Uzala” ist kein naiv-romantischer Versuch irgendwelcher Naturbündelei-Bewegungen, die sowieso nie viel mehr waren als ein Abwehrreflex gegen industrielle oder postindustrielle Modernisierungsschübe und höchstens gewisse Korrekturen im Prozess der Industrialisierung anbringen konnten. Wenn schon, dann repräsentiert „Dersu Uzala” den Versuch einer Rückbesinnung, einer Reflexion über das Entstehen der Zivilisation und ihrer Irrtümer und Irrwege, ohne die Repräsentanten der Zivilisation, im Film die Soldaten, zu verurteilen oder zu verdammen. Die Frage ist eher: Was lernen sie aus der Begegnung mit Uzala für ihre eigene Welt? Und was lernen wir daraus?

Die Bilder der Taiga, der Seen, Flüsse, Tiere, des Winters wie des Sommers, der untergehenden Sonne sind alles andere als romantisierend oder idyllisierend. Kurosawa gewährt lediglich Einblick in die Einsamkeit und Vielfalt und darin, wie sich ein Mensch darin bewegt. Das Feuer, der Wind und das Wasser, sagt Dersu, sind nützlich, aber sie können auch viel Schaden anrichten. Damit muss der Mensch leben, ob er will oder nicht. Die Sonne ist für ihn kein Experimentierfeld wissenschaftlicher Betätigung. Die Sonne ist „einfach” die Sonne, wie der Mond der Mond ist – und beide weisen dem Menschen den Weg und nutzen ihm in anderen Dingen.

Maksim Munzuk „ist” Dersu – so kann man die Rolle, die er spielt, eigentlich nur charakterisieren, diesen Kirgisen, der von sich selbst oft als „die eigene Leut” spricht, der nur ab und an „ich” sagt, statt dessen von sich eben als das spricht, was er ist: Mensch. Yuri Solomin ist ihm ein angemessenes schauspielerisches Gegenüber als immer wieder staunender, wissbegieriger „zivilisierter” Mensch. Und Kurosawa ist für mich der einzig in Frage kommende Regisseur, der dieses bildgewaltige, aber – wie gesagt – nie übermächtigende oder romantisierende Epos in Szene setzen konnte. Wenn etwas seine Filme durchzieht, dann ist es der Schrei des einzelnen nach Leben angesichts der lebensbedrohenden Wege der Zivilisation. In „Dersu Uzala” war ihm dies auf eine einzigartige Weise (wieder einmal) gelungen.

(1) Arseniev (1872-1930) unternahm zwischen 1902 und 1930 zwölf größere Expeditionen zwischen Ussuri und Stillem Ozean – als Geologe, Ethnologe, Sprachforscher, Botaniker, Topograph und Zoologe. In über 60 Publikationen schrieb er seine Forschungsergebnisse nieder. Als er 1930 starb, lag bereits ein Haftbefehl gegen ihn vor; seine Frau wurde 1938 als angebliche „japanische Spionin” von den sowjetischen Behörden ermordet. Nach Arsenievs Rehabilitation wurde sein Buch über Dersu Uzala 1949 publiziert und zu einem Welterfolg.

 

Wertung:

10/10 Punkte


Quelle: Follow-me-now.de / Ulrich Behrens

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