A Single Man (2009)

OT: A Single Man - 101 Minuten - Drama
A Single Man (2009)
Kinostart: 16.04.2010
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu A Single Man

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Als sich das Luxusmodelabel Gucci Anfang der 90er Jahre in einer schweren wirtschaftlichen Krise befand und dem Bankrott nahe war, erwies sich das Anheuern eines gewissen Tom Ford als unerwarteter Glücksgriff. Mit dem Aufstieg zum Kreativdirektor und der dringend notwendig gewordenen Modernisierung des Unternehmens führte der amerikanische Modedesigner binnen weniger Jahre Gucci dank sukzessiver Umsatzsteigerungen zurück in die Glamour-Topliga.

 

Nachdem sich Ford Ende 2003 vom nunmehr erfolgreichen Label trennte und eine eigene, selbst benannte Modemarke ins Leben rief, ebbten Nachrichten über das oftmals als Mister Cool bezeichnete Kreativwunder jedoch kaum ab. Der größte Coup und zugleich erste bedeutenden Schritt in ein neues Milieu konnte durch die Einbindung in den erfolgreichen Neustart der James Bond-Reihe verbucht werden: Als Casino Royale 2006 weltweit geradezu kometenhaft in den Kinos einschlug, war auch Tom Ford als neuer Schneider der Maßanzüge von James Bond mit von der Partie (und ist es auch in der mäßigen Fortsetzung gewesen).

 

2009 stellte der Designer sein Spielfilmdebüt „A Single Man“ bei den 66ten Filmfestspielen von Cannes vor und überraschte Publikum und Kritiker gleichermaßen. Basierend auf dem gleichnamigen Roman des Schriftstellers Christopher Isherwood erzählt der filmische Autodidakt und zugleich auch Drehbuchautor Ford (zusammen mit David Scearce) die Geschichte des britischen Professors George Falconer (großartig: Colin Firth), dem nach dem Tod seines langjährigen Partners Jim (Matthew Goode) der Lebenssinn abhanden gekommen ist.

 

Isoliert in einem Teufelskreis aus Verzweiflung und Trauer klammert sich der hochintelligente Zyniker stets an die noch verheißungsvolle Vergangenheit, wodurch seine mittlerweile inhaltsleer gewordene Existenz jede Lebensberechtigung verloren zu haben scheint. Auch seine in die Jahre gekommene beste Freundin Charley (Julianne Moore) vermag Georges Kummer und Perspektivenlosigkeit nicht ins Gegenteil verkehren zu können, denn auch sie hat mit eigenen Problemen zu kämpfen. Einzig der junge und zudem ansehnliche Student Kenny (Nicholas Hoult) kann emotionale Impulse bei seinem Professor hervorrufen, auch wenn bei beiden anfangs noch Unklarheit darüber besteht, wie diese zu deuten sind.

 

Angesiedelt an einem einzigen Tag im Los Angeles der frühen 60er Jahre und damit in eine durch die Kubakrise zutiefst misstrauische, ängstliche sowie vorurteilsbehaftete Gesellschaft lässt Tom Ford seinen Protagonisten in gleichermaßen emotional distanzierten wie auch kraftvollen Bildern durch die karge Landschaft seiner eigenen Existenz wandern: Eine makellose Hülle umgibt einen zutiefst verletzten Kern, der jeden Moment zu zerspringen droht. Der gebürtige Brite Colin Firth als optisch imposantes Marcello Mastroianni-Double spielt seinen Part als verbitterter sowie vereinsamter Homosexueller meisterhaft, was man auch durch die mittlerweile unzähligen Auszeichnungen (u.a. eine Golden Globe sowie Oscar-Nominierung für die beste männliche Hauptrolle) nur unterstreichen kann. Es bleibt zu hoffen, dass sich seine zukünftige Rollenauswahl nun dank dieser starken Charakterrolle wieder in bedeutungsvollere Richtungen abseits von Mamma Mia und Bridget Jones Diary bewegen wird.

 

Die emotionale Unsicherheit von Firths Figur breitet sich mit jeder Vorstellung eines neuen Charakters innerhalb des Handlungsgefüeges weiter aus: So kann ein scheinbar unbefangener Abend mit Vertrauensperson Charley, deren eigene Hoffungslosigkeit aufgrund beständiger Beziehungsmissglücke durch Julianne Moores gelungen Performance intensiv betont wird, kaum mehr bewirken als ein zufälliges Treffen mit einem sexuell offensiven Callboy. Die Erzählstrategie führt dem Zuseher die mannigfaltigen Möglichkeiten des Hauptcharakters vor, mit dem sich sein persönliches Glück scheinbar Stück für Stück rekonstruieren lässt: verlorene Gesten oder vergessene Details werden bei Großaufnahmen in den Mittelpunkt gestellt, nur um bald darauf durch Rückblenden als obsolet deklariert zu werden.

 

Mithilfe von penibel ausgeführten Farbverlagerungen, die einerseits den grauen Alltag durch fast monochrome Bilder zeigen und andererseits das Auge aufgrund extremer Saturierungen zum tränen bringen kann, stellt sich Regisseur Ford wenig überraschend als Freund eines hochstilisierten filmischen Looks dar. Von einzelnen Einstellungen, die oftmals mehr als Abfolge verschiedenster Werbeplakate für Mode oder Parfümerieprodukte erscheinen, bis hin zu den auch für Fashionmuffel ansehnlichen Bekleidungen der Schauspieler scheint jedes auch noch so kleines Detail monatelang am Reißbrett durchgekaut worden zu sein – ob dies nun als verwerflich im Sinne eines zunehmend optischen Reizüberflusses zu werten ist, bleibt der Aufgeschlossenheit des Zuseher überlassen.

 

Fazit:

Wer glaubt, das Modedesigner Tom Ford mit seinem Spielfilmdebüt „A Single Man“ auf oberflächliches und bedeutungsloses Geplänkel mit hübscher Optik abzielt, darf enttäuscht werden: Colin Firth als homosexueller Professor, der am Tag seines penibel geplanten Selbstmordes eine ehemals glückliche Beziehung Revue passieren lässt, vermag (fast) vollends zu überzeugen. Großartige schauspielerische Leistungen, exzellente Kameraarbeit und ein überraschend hochwertiges Drehbuch verdeutlicht die Begabung des Autodidakten, der mit diesem düsteren Arthouse-Melodram ein eindringliches Portrait über Liebe, Trauer und Verzweiflung erschaffen hat.

 

Wertung:

9/10 Punkte

Filmering.at
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Ø Wertung: 8.1/10 | Kritiken: 2 | Wertungen: 39
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