Kagemusha - Der Schatten des Kriegers (1980)

OT: Kagemusha - 179 Minuten - Drama
Kagemusha - Der Schatten des Kriegers (1980)
Kinostart: Unbekannt
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: 28.10.2011
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Filmkritik zu Kagemusha - Der Schatten des Kriegers

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Ein Regenbogen über dem See, verkündet er Glanz und Glorie oder Vernichtung und Tod? Das sei nicht nur ein Regenbogen, sondern ein Zeichen, verkündet General Yamagata, ein Zeichen für die Macht des Hauses Takeda, für den kommenden Sieg über die feindlichen Fürsten Nobunaga und Ieyasu.

Drei Männer sitzen zusammen. Sie wirken äußerlich wie Drillinge. Und doch sitzt einer über den beiden anderen: der Fürst und Krieger Shingen Takeda. Wie die heilige Dreieinigkeit von Macht, Besitz und Ideologie wirkt das Bild. Nur, es ist nicht so. Neben Shingen sitzt sein Bruder Nobukado, der auch seinen Doppelgänger spielt in Zeiten, in denen es der Fürst für notwendig erachtet, nämlich immer dann, wenn es heißt: „Der Berg bewegt sich nicht.” Der Fürst thront mächtig, ruhig, fast gelassen über allem und demonstriert den Feinden seine Überlegenheit. Auf der anderen Seite sitzt Kagemusha, gekleidet wie die Takedas, aber von niederem Stand, ein Dieb, einer, auf den man normalerweise spucken würde, einer, den die Takedas normalerweise nicht einmal sehen oder gar beachten würden. Einer, der aus dem Gefängnis geholt wurde, kurz vor seiner Hinrichtung.

Japan 1573, ein zerrissenes Land, gequält von den Machtkämpfen der fürstlichen Kriegsherren, die um Kyoto kämpfen, die unter dem Vorwand, Japan einigen zu wollen, Zehntausende ihrer Soldaten und Samurai in die Schlachten schicken, Zeichen des Zerfalls, des Untergangs. Der Schuss aus einem neuen Gewehr eines Scharfschützen trifft Shingen, nachts, und verletzt ihn tödlich. In allen Einzelheiten erläutert der Scharfschütze den Fürsten Nobunaga und Ieyasu, wie er Shingen auf dessen eigens dafür hergerichtetem Sitz im Feldlager ins Visier genommen hatte, tagsüber, dann eine Schnur am Lauf des Gewehres befestigte, deren anderes Ende er auf den Boden herunter ließ, um durch diesen Abstand das Gewehr in die richtige Position zu bringen. In der Nacht zielte er dann, ohne etwas sehen zu können, genau auf die Stelle, an der Shingen sitzen musste – und traf. Der Fortschritt der Waffentechnik wird Shingen zum Verhängnis. Aber Verhängnis ist ein Begriff, den Shingen nicht kennt. Er kennt nur den Begriff Bestimmung. Vor seinem Tod hatte er befohlen – und sein Befehl reicht weit über seinen Tod hinaus –, noch drei Jahre am Leben gehalten zu werden: durch einen Doppelgänger, eben Kagemusha.

Heimlich wird Shingen in einem großen Gefäß auf dem Grund eines Sees beerdigt, und ab jetzt wissen weder die aller Orten versteckten Spione der rivalisierenden Fürsten, noch der Hofstaat des Fürsten selbst und seine Soldaten so ganz genau, ob Shingen noch lebt oder nicht. Nur sein Bruder Nobukado, sein Sohn Katsuyori, General Yamagata, ein paar weitere Heerführer und ein paar Diener und Leibwächter Shingens sind in die Doppelgängerrolle Kagemushas eingeweiht, der nun mit den Gewohnheiten des Fürsten, seiner Umgebung, seinen Konkubinen, seinem Enkel vertraut gemacht werden muss.

In einer episch breit angelegten, farbenprächtigen und nur mit spärlichem Einsatz von Musik versehenen Inszenierung erzählt Kurosawa – viele Jahre nach seinen beiden bahnbrechenden Filmen „Rashomon” (1950) und „Die sieben Samurai” (1954) – wieder von Japans Vergangenheit – ohne dabei sonderlich auf Gegenliebe im eigenen Land zu stoßen. Die Finanzierung des Films gelang nur durch Unterstützung von George Lucas und Francis Ford Coppola.

Die Doppelgängerrolle des Diebes als Fürst wirkt fast wie ein sarkastischer Kommentar zu einem dem Untergang nahen Gesellschaftssystem, das trotz aller äußeren und verbalen Zeichen des Ruhms und der Größe seine Menschenverachtung kaum verhüllen kann. Kagemusha beweist in den drei Jahren nach dem Tod Shingens, wie rasch er sich in die Rolle des Fürsten einleben kann. Selbst die Konkubinen des Fürsten bemerken den Betrug monatelang nicht. Mit Erstaunen müssen Nobukado und die anderen Führer dies feststellen, ohne die Tragweite dieses Ereignisses erkennen zu können oder zu wollen: die Lüge, auf der ihr Gesellschaftssystem errichtet ist, die Lüge, dass es Hochwohlgeborene, Auserwählte gibt und andererseits niedere Stände, die nie in der Lage wären, die Aufgaben der Elite durchzuführen. Diese Lüge kann nicht einmal der erste Diener des Fürsten, Sohachiro, zugeben, als Kagemusha nach Ablauf der drei Jahre aus dem Hof vertrieben und von Samurai noch mit Dreck beworfen wird.

Der Schattenfürst wird zum Fürst. Der Glaube an das Fortbestehen des Hauses Takeda versetzt zwar keine Berge, aber lässt Nobukado und die anderen Führer an den Sieg des Hauses glauben. Kagemusha selbst erträgt die Rolle, auch wenn ein Alptraum (von Kurosawa in grelle Farben getränkt) ihn quält, in dem der tote Fürst ihn verfolgt. Selbst die Provokation Katsuyoris, der die Rolle Kagemushas und vor allem die Erbfolge im Haus Takeda nicht ertragen kann – sein Sohn Takemaru soll Nachfolger Shingens werden, nicht er –, meistert der Dieb auf dem Thron meisterhaft und kann so die nicht eingeweihten Ratsmitglieder täuschen.

Kurosawa wechselt in fast schon voluminös angelegten Szenenfolgen zwischen den Schlachtfeldern und dem Hof Shingens, zwischen der ideologisch aufgeblähten Größe und dem Betrug der Feinde und der eigenen Leute. Die Ausstattung, die Kostüme, die Landschaftsbilder, das Interieur vermitteln sowohl diesen bombastisch aufgeblähten Kriegsapparat samt der nach Sieg dürstenden machtbesessenen warlords, als auch die ausgetüftelten Tricks und Schliche, die Kagemusha in seiner Rolle als Schattenfürst sichern sollen. Das Vermächtnis Shingens, noch drei Jahre in Gestalt eines solchen Schattens zu überleben, in dieser Zeit die beiden Hauptfeinde zu besiegen, um dadurch die Macht des Hauses Takeda zu sichern, bis der Enkel Takemaru (als genug) an Shingens Stelle treten kann, vermitteln aber auch den Größenwahn dieses sozialen Systems.

Als in der entscheidenden Schlacht an die 25.000 Soldaten und Samurai des Hauses Takeda durch die Truppen Nobunagas und Ieyasus den Tod finden, beobachtet der „entlassene” Kagemusha, hinter hohem Gras versteckt, verzweifelt die tragische Szenerie. Das Haus Takeda ist untergegangen. Er rennt auf das Schlachtfeld, das mit Leichen, Schwerverletzten und auch toten und verletzten Pferden übersät ist. Mehrere Schüsse treffen ihn, der zum See geht, in dem Shingen begraben wurde. Der Schatten scheint sich mit dem Fürsten im Tod zu verbinden. Wozu?

Die Rituale und Zeichen der Macht verschwinden auf dem Schlachtfeld. Geschlachtete legen Zeugnis ab. Die grünen, roten und schwarzen Fähnchen der Truppen Shingens versinken im Blut. Ein geschlagener Fürst benötigt keinen Schatten mehr. Kagemusha geht in den Tod, denn ein Dieb war er seit drei Jahren nicht mehr, sondern einer, der sich längst – seiner Rolle als Schatten entwachsen – mit dem sozialen System identifiziert hatte. So schwer hat man es ihm gemacht. Er stirbt nicht als Dieb durch Hinrichtung, sondern als Schattenfürst.

Kurosawas Epos über das Haus Takeda ist, wie man merkt, wesentlich mehr als ein Historienfilm. Letztlich ist er gar kein Historienfilm, sondern eine grandiose filmische Auseinandersetzung über die Mechanismen der Macht und der sie begleitenden Ideologie. Das Zeichen, das Shingen zum Sinnbild seiner Macht gekürt hatte: „Der Berg (er, Shingen) bewegt sich nicht” wird zum Alptraum für sein Haus und alle, die dazu gehören. Es enthüllt sich als leere Floskel, als Worthülse.

 

Wertung:

10/10 Punkte


Quelle: Follow-me-now.de / Ulrich Behrens

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