Alexander Newski (1938)

OT: Aleksandr Nevskiy - 112 Minuten - Historienfilm
Alexander Newski (1938)
Kinostart: Unbekannt
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Filmkritik zu Alexander Newski

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Man kann kaum bezweifeln, das Sergei Eisensteins „Alexander Newski” aus dem Jahr 1938 ein Propagandafilm war. Zu viele Umstände sprechen dafür: die Stalinsche Verehrung russischer Helden wie Newski oder Iwan, der Schreckliche (Eisenstein drehte 1944 und 1946 zwei der ursprünglich geplanten drei Teile über Iwan; den zweiten Teil zensierte Stalin wegen allzu deutlicher Nähe der Filmfigur zu Stalin selbst), die Bedrohung der Sowjetunion durch die faschistische Diktatur Hitlers und nicht zuletzt die Darstellung der historischen Ereignisse um Newski im Film selbst. Hinzu kommt die zumindest äußerlich vergleichbare Bedrohung der Rus – dem Ursprungsgebiet der Russen – im 13. Jahrhundert durch den Deutschherrenorden (oder auch: Deutscher Orden, Deutscher Ritterorden) – im 12. Jahrhundert im Heiligen Land gegründet –, einem Orden von Rittern, der für die gewaltsame deutsche Ostkolonisation verantwortlich war und sich im 13. Jahrhundert anschickte, bis tief in das Gebiet der Kiewer Rus einzudringen.

Mitte des 13. Jahrhunderts war die Rus, das Stammgebiet der Russen, von zwei Seiten bedroht. Im Osten waren es die Tataren, die sich schon weite Teile des Landes unterworfen hatten, im Westen hatte der Deutsche Orden – während des dritten Kreuzzugs entstanden – weite Teile des heutigen Ostdeutschland, das ehemalige Ostpreußen und das Baltikum bereits erobert und dort eigene Machtstrukturen errichtet. Man wollte mehr. Nowgorod war bedroht, nachdem der Deutsche Orden bereits Pskov unterworfen hatte.

In dieser Situation bitten die Einwohner von Nowgorod – einer blühenden Stadt – den Fürsten Alexander Newski um Hilfe. Alexander hatte bereits die Schweden in einer Schlacht an der Newa (daher der Name Newski) geschlagen und vertrieben. Eisenstein zeigt Alexander als einfachen Fischer, der mit anderen am Pleschtschejew-See einem friedlichen Leben nachgeht. Während die Bojaren – Adlige unterhalt des Fürstenstandes – in Nowgorod mit dem Deutschen Orden Kompromisse eingehen wollen, sehen andere aus der Stadt die Gefahr für die Rus. Alexander kehrt – trotz des früheren Streits mit den Bojaren – nach Nowgorod zurück. Er hält die Deutschen für gefährlichere Gegner als die Tataren. „Lieber sterben, als der Heimaterde den Rücken kehren.” Einige in Nowgorod denken nur an ihren persönlichen Vorteil, wollen nicht gegen den Deutschen Orden ins Feld ziehen. Andere glauben, mit dem Orden verhandeln zu können. Doch Alexander weiß, dass nur ein entschlossenes Vorgehen gegen den Orden die Unabhängigkeit der Rus gewährleisten kann. Er stellt eine Armee zusammen und rekrutiert zusätzlich zahlreiche Bauern, um gegen den Orden und seinen Führer von Balk vorzugehen.

Die Unterstützung für Alexander ist groß – und so zieht das Heer auf den zugefrorenen Peipussee. Dort beginnt am 5. April 1242 die Schlacht gegen den Deutschen Orden, der vernichtend geschlagen wird und dessen weiteres Vordringen in den Osten damit endgültig verhindert wird.

Die filmische Umsetzung dieser Geschichte eines von vielen Russen auch heute noch verehrten „Helden” durch den durch „Panzerkreuzer Potemkin” berühmt gewordenen sowjetischen Regisseur Eisenstein ist zweifellos grandios. Der oft rasche Wechsel zwischen  Close-ups, long shots, Totaler und Halbtotaler – besonders in den Schlachtszenen – verwickelt nicht nur den Betrachter direkt in das Geschehen – so, als ob man „dabei” wäre. Eisenstein erreicht dadurch und mittels Geschwindigkeitswechseln ebenso den Aufbau eines Spannungsbogens, der die gesamte Zeit des Films aufrecht erhalten bleibt. Besonders beeindruckend wirkt dies in der immerhin über 20 Minuten dauernden Schlachtszene auf dem Peipussee.

Hinzu kommt die zwar oft übertrieben plakative, aber dennoch meist überzeugende Darstellung seiner Figuren. Dabei sind drei Charaktere besonders wichtig: der absolute Held Alexander und seine Gegenparts – der skrupellose von Balk und der Mönch mit schwarzer Kutte und Kapuze, der so stark an den Sith Lord erinnert, dass die Vermutung nahe liegt, George Lucas habe sich von diesem Film bei „Star Wars” stark beeinflussen lassen. Als dritter Charakter ist zu nennen: der Verräter Tverdilo.

Zusätzlich untermalt und unterstützt wird diese Art der, man kann schon sagen: Choreografie des Films durch die Musik Prokofievs – einer Mischung aus dramatischen, ja tragischen Elementen und Heldenverehrungssequenzen ganz im Sinne der Staats- und Parteiführung der Sowjetunion.

Hier liegt allerdings auch zugleich das Problem des Films als Propagandafilm nicht nur gegen eine gegenwärtige Bedrohung 1938 durch Nazideutschland, sondern eben auch als Personenkultfilm im Sinne Stalins. Man könnte auch sagen: So wie Alexander war (oder angeblich war), wollte sich Stalin gerne sehen. Ähnliches gilt für den späteren ersten Teil des ursprünglich als Trilogie geplanten „Iwan, der Schreckliche”, dessen dritter Teil durch den Tod Eisensteins 1948 nicht mehr zustande kam. Darüber hinaus sind die Korrelationen zwischen der spezifischen Darstellung der Geschichte Newskis und der zeitgenössischen Situation der Sowjetunion frappant, kaum zu übersehen. Ständig ist die Rede vom Schutz der russischen Erde. Die Einblendung der angeblichen Worte Newskis am Schluss des Films – Wer mit dem Schwert zu uns kommt, werden wir mit dem Schwerte richten – sind offenkundig als Warnung zu verstehen und zugleich als Aufforderung an die eigene Bevölkerung, sich auf einen Angriff Hitlerdeutschlands vorzubereiten.

Doch auch Drohungen gegen die eigene Bevölkerung enthält der Film. Nachdem von Balk und die überlebenden Ritter und Soldaten des Ordens gefangen gesetzt wurden, fragt Alexander das Volk, was mit ihnen geschehen soll. Die Antwort ist enthüllend: Die Knechte (also die einfachen Soldaten) sollen freigelassen werden, die Ritter wolle man tauschen, und die Anführer und die Verräter sollen getötet werden, was dann auch geschieht.

Auch die Zeichnung von Balks, des Mönchs und des Erzbischofs und ihres schrecklichen Handelns (sie töten nicht nur Soldaten, sondern auch Frauen, Kinder und überhaupt Zivilisten) ist eher zeitgenössischen Feinden ähnlich als historischen Figuren des 13. Jahrhunderts. Die Ritter des Ordens werden als düstere, verhüllte Gestalten gezeigt, deren Gesichter zumeist durch Helme verdeckt sind. Die Beschwörung der kollektiven Wehr gegen den Feind dürfte auch eher der Gegenwart und ihren Forderungen angehören als der historischen Perspektive auf die Zeit des 13. Jahrhunderts, in der Bauern nun wirklich nicht die Freiheit hatten zu entscheiden, ob sie sich einem Fürsten anschließen oder nicht.

So zeugt in diesem Film der sog. „historische Materialismus” à la Stalin von seiner zutiefst unhistorischen Sichtweise im Dienste der eigenen, extrem personenbezogenen Propaganda, die als Ursache zwar einen triftigen Grund vorzuweisen hat – die Bedrohung durch die Schlächter aus Deutschland –, zugleich aber in dem Machterhaltungstrieb eines klassischen Machtpolitikers und Diktators wie Stalin ihren eigentlichen Antrieb hervorbringt.

„Alexander Newski” stellt damit etwas Paradoxes dar. Der Film ist ein Lehrstück in Filmkunst – zweifellos – und zugleich ein Lehrstück in Totalitarismus. Selbst in Nebenhandlungen kommt letzteres zum Ausdruck. Zwei Soldaten – Buslai und Oleksich – buhlen um die Gunst der schönen Olga, die sich für keinen von beiden so richtig entscheiden kann. Als die Schlacht gegen den Orden ansteht, findet Olga schnell das Kriterium, von dem sie ihre Entscheidung abhängig machen will: Wer am tapfersten kämpft, soll ihr Mann werden. Auch dies ist unzweifelhaft ein Teil der stalinistischen Ideologie und ihrer Vorläufer. Der „gute” Genosse wird in dieser Nebenhandlung des Films in die Vergangenheit des 13. Jahrhunderts katapultiert, um für den Zuschauer wieder in die Gegenwart zurückgeholt zu werden.

Die äußerst restriktiven Möglichkeiten für einen Regisseur in der Sowjetunion der 30er Jahre, aber auch Eisensteins Befürwortung des dortigen Gesellschaftssystems mögen die Art und Weise, wie dieser Film inszeniert wurde, bedingt haben. Im zweiten Teil seines „Iwan, der Schreckliche” rückte Eisenstein jedenfalls von einer solchen propagandistischen Sichtweise ab.

Es bleiben dennoch die überragenden und für seine Zeit wegweisenden Elemente des Films, die filmtechnischen Raffinessen, wie beschrieben, wozu auch die gespenstischen Szenen zu Anfang des Films gehören, in denen wir Totenköpfe und Skelette einer vergangenen Schlacht im Halbdunkel der weiten russischen Landschaft zu sehen bekommen. Brillant in Szene gesetzt.

 

Wertung:

10/10 Punkte


Quelle: Follow-me-now.de / Ulrich Behrens

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