Baaria (2009)

OT: Baaria - 150 Minuten - Drama
Baaria (2009)
Kinostart: 30.04.2010
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Baaria

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Giuseppe Tornatore ist – und das muss man wohl oder übel anerkennen – der einzige namhafte italienische Filmregisseur, der das Land von Fellini, Visconti und Antonioni in den letzten 20 Jahren international mit seinen Filmen repräsentiert. Denn wo noch vor nicht wenigen Dekaden die Filmkunst ihren absoluten Höhepunkt feierte, herrschen heute Beliebigkeit und Anbiederung. Italienische Publikumsknaller – Fehlanzeige! Tornatore ist die Ausnahme. Für CINEMA PARADISO (ein weinerlich-nostalgischer, aber eben auch perfekt funktionierender Film) Ende der 80er Jahre oscargekrönt, in den 90er Jahren mit Mumpitz a la L’UOMO DELLE STELLE quasi in die filmische Bedeutungslosigkeit zurück gefallen, kamen zur Jahrtausendwende zwei weitere, große (wenn auch nicht großartige) Filme von ihm: THE LEGEND OF 1900 mit Tim Roth als Pianovirtuosen, der auf einem riesigen Dampfschiff durch die Meere tuckerte, spielt ebenso wunderbar auf der Klaviatur der Gefühle des Zuschauers, während in MALÈNA hauptsächlich Monica Belluccis Hintern vorgeführt wurde. Mit LA SCONOSCIUTA stellte Torntaore sechs Jahre später seine Fähigkeiten als Thrillerregisseur unter Beweis – ein Unterfangen, das ihm recht gut gelang, da der Film auf die romantisch-verklärte Sichtweise auf Italiens jüngere Vergangenheit verzichtet.

 

Nun darf aber wieder in Rotwein, Olivenhainen und Pasta bei brütender Sommerhitze geschwelgt werden. BAARÌA ist Tornatores Rückkehr zu allem, was diesen Regisseur groß gemacht hat: Die epische Familiengeschichte um einen Hirten, der schon als Kind nicht beim Lied auf den Duce mitsingen will und sich nach dem Krieg den Kommunisten anschließt, um sich – mehr schlecht als recht – in der Parteihierarchie hochzudienen, wirkt wie eine Mischung aus CINEMA PARADISO und MALÈNA, ergänzt um eine politische Komponente. Der Soundtrack aus der Feder von Maestro Ennio Morricone trifft die melancholische wie nostalgische Stimmung wie eh und je bei den Tornatore Filmen, ist aber auch reichlich uninspiriert und einfallslos. Und Monica Bellucci darf in einem Miniauftritt mit einem Bauarbeiter rummachen – sehr zum Vergnügen einer Schulklasse, die dem Treiben neugierig zusieht.

 

So gern man BAARÌA trotz all diesem ideologischen Mist, den Tornatore auf 150 Minuten auswälzt (Krieg und Hunger, Faschisten, Bauskandale, Mafia, Korruption, Landverteilung,… alles halb so schlimm, denn die Sizilianer halten zusammen wie Pech und Schwefel und sind im Grunde alle tolle Menschen) ins Herz schließen möchte – selbst formal ist der Film ein ziemlicher Reinfall: Gerade in der ersten Hälfte schafft es Tornatore durchgehend, jede Szene um ihren Höhepunkt zu berauben. Stattdessen schneidet er munter weiter zum nächsten Block. Beispiel gefällig? Manninnas erste Schwangerschaft endet mit einer Fehlgeburt. In der nächsten Szene zieht das junge Paar in ein neues Haus. Und eine Szene später ist Manninna nicht nur wieder schwanger, sondern es tollen bereits zwei weitere Kinder im Haus herum. Immerhin gelingt es dem Film, ein authentisches Gefühl für seine jeweilige Zeit darzustellen und verzichtet dabei völlig auf die Einblendung von Jahreszahlen.

 

Nach einem ziemlich willkürlichen Ritt durch ein Best-Of von den 1910er bis in die 60er Jahre, kann der Film am Schluss sogar noch mal etwas an Sympathie gewinnen, nämlich wenn er sozusagen die Zeittafel mal aus der Hand legt und sich tatsächlich auf die Familie Peppino Torrenuovas konzentriert. Statt der Geschichte aber einen runden Abschluss zu verpassen, flüchtet Tornatore abermals vor seiner Verantwortung als Chronist und demonstriert stattdessen die Macht des Kinos: Fast schon wie bei Theo Angelopoulos verschwimmen da die Zeitebenen während nur einer Einstellung ineinander.

 

Das Rezept geht nicht auf: Da uns BAARÌA so viel sagen will, tut es nichts davon richtig. Die Zerrissenheit, an der dieses Epos letztlich scheitert, ist wie das Durchblättern alter Fotoalben: Einzelne Bilder rufen noch Assoziationen und Geschichten hervor, andere wiederum lassen einen kalt und scheinen so, als hätten sie nichts mit einem zu tun. Warum dennoch fünf Punkte? Weil man ihn gern haben kann, wenn man einfach nur ein touristisches Italienbild genießen möchte. Weil die Kameraarbeit elegant ist und die historischen Verflechtungen nachvollziehbar. Und: Weil BAARÌA ein großer Film hätte werden können, der aber an den Ansprüchen und gleichzeitigen Hilflosigkeit seines Regisseurs gnadenlos scheitert.

 

Wertung:

5/10 Punkte

Filmering.at
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