American Beauty (1999)

OT: American Beauty - 122 Minuten - Drama
American Beauty (1999)
Kinostart: Unbekannt
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: 22.08.2011
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Filmkritik zu American Beauty

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Die wunderschönen Rosen im haarnadelkurvenscharf gepflegten Garten der Immobilienmaklerin Carolyn (Annette Bening) in – na vielleicht in Carolina, oder wo auch immer, heißen American Beauty und duften durch die Szenerie eines von viel Grün umgebenen durchschnittlichen Mittelklasse-Vororts bis zu mir herüber. Tief einatmen. Sie sind das Schönste an diesem Film. Oder vielleicht doch nicht? Vielleicht nur das Unschuldigste und vielleicht riechen sie gar nicht. Jedenfalls durchwandern sie plötzlich die Phantasien von Carolyns Ehemann Lester (Kevin Spacey), einem seit Jahren in der Werbebranche tätigen Vater einer weniger rebellischen als durch und durch missgestimmten und fast schon im zarten Alter ausgebrannt wirkenden Tochter namens Jane (Thora Birch), die ihren Vater verachtet und daraus auch kein Hehl macht.

Lester Burnham erzählt rückblickend seine Geschichte. Ein Jahr später sei er tot, aber eigentlich wäre er es schon damals gewesen. Frau und Tochter halten ihn für den dauernden Verlierer, einen Versager, könnte man schon sagen. Sein Tag beginnt unter der Dusche. Dort onaniert er – und damit sei der Höhepunkt des Tages auch schon vorbei. Sex? Nein, das Bett der Burnhams dient nur noch zum Schlafen, zum Warten auf den nächsten Tag, der nicht anders sein wird, als der davor. Das war mal anders, sagt Lester Carolyn und erinnert sie an die Zeit, als sie sich kennen gelernt hatten. Carolyn kann er damit allerdings nur einige Sekunden aus ihrem jetzigen Leben reißen, bevor sie ihn wie ein kleines Kind darauf aufmerksam macht, sein Bier nicht auf die 4.000 Dollar-Nobel-Couch zu schütten. Beim Abendessen spielt immer dieselbe, grässliche, ja tödliche Musik, Mantovani or something like that, passend zum Totenmahl im reinlichen Esszimmer und mit drei schweigenden, lebenden, wenn auch nicht lebendigen Gestalten am Tisch.

Lester – ungeliebt von seiner Tochter, wie ein Teil des Inventars im Haus behandelt von seiner Frau, letztlich überflüssig in seiner Firma, für die er einen Entlassungsplan zwecks der üblichen Rationalisierung ausarbeiten soll – ist im Grunde tot, so gut wie. Doch vor dem Tod schickt der liebe Gott, der Zufall, der Teufel oder wer auch immer ihm eine Herausforderung, sozusagen eine letzte Chance, ein Angebot, das er kaum ablehnen kann. Unwillig fährt Lester samt hysterischer Frau, die alles gut zu reden weiß und Vorschriften an andere, vor allem Lester, verteilt wie eine Hilfsorganisation Lebensmittel an Hungernde (in dem Glauben scheint sie jedenfalls zu leben), unwillig also fährt Lester mit dieser seiner Frau zur High School, wo Töchterchen als Cheerleader das Tanzbein schwingt, und dort sieht er deren Schulfreundin Angela (Mena Suvari) einen 18jährigen, autofahrenden Engel, eine Lichtgestalt, und ohne dass Hildegard Knef „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ zu singen braucht, fallen die Rosenblätter der American Beauty Lester wie verwandelte Schuppen von den Augen. Was für eine Verführung! Direkt ins Herz geht ihm Angelas Anblick, und weiter nach unten. Lesters Phantasien gehen mit ihm durch – fast, fast bis zum Äußersten.

Peinlich für Jane, die nach der Aufführung zusehen muss, wie ihr Vater ihre Freundin mit den Augen voller Lust regelrecht anbetet.

Wer allerdings denkt, hier entfalte sich irgend etwas in Richtung 40jähriger verführt gerade eben nicht mehr Minderjährige, irrt. Angela, die sich mehr als gern bewundern lässt, egal wie alt der gut aussehende Mann auch sein mag, der ihr schmeichelt, dieser Engel Angela, die die Anerkennung ihres Äußeren für einen Gradmesser innerer Stärke hält, diese Angela ist ein auslösendes Moment, ein Funken, der bei Lester so einiges in Fahrt bringt. Nicht nur, dass er mit Hanteln seine Muskeln aufzubauen versucht, er kündigt seinen Job – gegen eine entsprechende Abfindung, bei der Erpressung eine große Rolle spielt – und sagt seiner Frau endlich die Meinung, mehrmals deutlich und unmissverständlich. Es ist ihm gleichgültig, dass Carolyn inzwischen mit einem Kollegen aus der Immobilienbranche (Peter Gallagher) heiße Nächte und Tage verbringt, die letztlich nichts bedeuten. Lester verwirklicht einen Traum, kauft sich einen 1970 Pontiac Firebird, arbeitet in einem Job, der möglichst wenig Verantwortung mit sich bringt (in einem Fastfood-Betrieb) – und es scheint, als sei Lester auf dem besten Weg, aus seinem stinknormalen, ekelhaften, gepflegten, langweiligen Leben herauszutreten. Lester nimmt kein Blatt mehr vor den Mund, onaniert nachts im Bett neben Carolyn, aber an Angela denkend, und schämt sich nicht im mindesten, als Carolyn es bemerkt – im Gegenteil.

Bis hierhin scheint alles für Lester besser zu werden. Doch die neuen Nachbarn der Burnhams bringen einiges noch mehr durcheinander, was eh schon ins Trudeln geraten ist. Jane wird heimlich von Ricky Fitts (Wes Bentley) mit einer Digitalkamera aufgenommen. Erst wütend auf Ricky verliebt sie sich in den heimlich Rauschgift verkaufenden, etwas still wirkenden, merkwürdigen jungen Mann, dessen Vater Colonel Fitts (Chris Cooper) auf die rechten amerikanischen Werte schwört, Schwule hasst und auf Ricky aufpasst, damit der nicht wieder mit Drogen in Kontakt kommt. Er ahnt nicht, dass sein Sohn damit regen und gewinnbringenden Handel treibt. Als er Ricky durchs Fenster heimlich beobachtet, der sich bei Lester aufhält, um Stoff zu verkaufen, zieht er einen falschen Schluss aus seiner Beobachtung mit fatalen Folgen ...

Nichts ist echt in „American Beauty“, nichts authentisch, rein, obwohl sich alle dafür halten. Alle reden aneinander vorbei, wenn sie überhaupt miteinander reden, dann sind es Worthülsen, Banalitäten, mit denen sie um sich werfen. Niemand ist, was er zu sein scheint. Carolyn sehnt sich genauso nach Geborgenheit, Anerkennung und Liebe wie Lester. Doch sie hat ihn längst aufgegeben. Und auch Lester hat sich mit seiner Rolle als Versager, als Nichtsnutz, abgefunden. Jane verachtet ihren Vater wie ihre Mutter, die ebenso auf Äußerlichkeiten, auf Fassade aus ist wie ihre Freundin Angela. Freaks nennt sie ihre Eltern. Colonel Fitts ist vordergründig militärisch streng, konservativ bis in die Knochen und hütet ein Geheimnis, das dem allen diametral zuwiderläuft. Bei ihm wird zum Schluss am deutlichsten, wie wichtig die Aufrechterhaltung einer Fassade als Lebenssinn für die Beteiligten gegenüber dem geworden ist, was wirklich in ihnen vorgeht – an Bedürfnis, an Phantasie, an Lebenslust, an Interesse. Und auch als der Colonel sein Geheimnis nicht mehr verbergen kann – eine Täuschung zwingt ihn dazu –, reagiert er nicht mit Ehrlichkeit, Offenheit, selbstbewusst, sondern mit verzweifelter, wütender Gewalt. Seine eigene Frau sitzt im ebenso pikfeinen, klinisch sauberen Wohnzimmer und schweigt, wie sie überhaupt schweigt, völlig in sich gekehrt, versunken, versackt in ihrer völligen Enttäuschung. Auch Barbara Fitts ist mehr tot als lebendig.

„American Beauty“ ist jedoch alles andere als eine düstere Geschichte, die ihre Figuren desavouiert, verabscheut, verdammt. Sam Mendes bietet eine bemerkenswerte Mixtur aus Komödie und Tragödie, stellt Einsamkeit und Trauer nicht einfach bloß, sondern gewinnt ihnen Humorvolles en masse ab. Selbst der Ex-Marine Colonel Fitts, der einen Teller mit Hakenkreuz sein eigen nennt und eine dementsprechende Gesinnung zu haben scheint, wird nicht als völlige Negativfigur gezeichnet. Er ist tragische Gestalt in diesem Film wie kaum ein anderer.

Trotzdem kommt Mendes in wunderbarer Weise zum Kern der Dinge, etwa wenn Lester und Angela sich gegenüberstehen, er der jungen Frau, die kaum älter ist als seine Tochter, über die Haare und das Gesicht streicht, sie verführen will, sie sich verführen lassen will. Als Angela Lester gesteht, dass das für sie das erste Mal sei, hört Lester auf, nimmt sie in den Arm. Dieser Moment, in dem so viel Liebe steckt, so viel Zuneigung, so viel Verantwortung, so viel Verständnis, so viel Ehrlichkeit, dieser Augenblick lässt das zu, gesteht das ein, was sich sonst kaum jemand eingesteht – um der Fassade willen.

In einer anderen Szene erzählt Ricky Jane von seinen Aufnahmen mit der digitalen Kamera. Er wolle das Leben, das in allem steckt, wenigstens einfangen, damit er eine Hilfe habe, sich daran zu erinnern, was in allem und jedem sei. Er zeigt eine Aufnahme, in der eine Tüte zwischen Laub durch den Wind bewegt wird, umher fliegt, eine alltägliche Situation, scheinbar völlig unwichtig, aber für Ricky Symbol für das Lebendige. In diesem Augenblick spürt auch Jane etwas von dem, worauf es ankommt. Solche Szenen werden nicht verkitscht, lassen nichts von Rührseligkeit zurück, sind aber rührend und gehen ans Innerste.

„American Beauty“ enthält sehr viel Psychologie, ohne psychologisch aufdringlich zu sein. Mendes gelingt mit der Entwicklung seiner Figuren das, woran andere mit Lehrsätzen aus der psychologischen Hausapotheke scheitern. Die Geschichte ist, trotz satirischer Übertreibungen – oder gerade deswegen –, glaubwürdig und nachvollziehbar. Mendes zeigt zudem, dass der amerikanische Traum – aber nicht nur für Amerika stimmt das Bild – von Freiheit und Sicherheit, Eigenheim und 4.000-Dollar-Sofa, hoch dotiertem Job und Einheitsfamilie nicht mit dem Leben kalkuliert, sondern mit dem Tod. Die Unsicherheit des Lebens, das Unvorhersehbare bricht sich Bahn – durch einen Irrtum, ein Trugbild, das tragische Konsequenzen hat. Trotzdem ist Lester am Schluss frei, befreit von seiner Rolle als Looser & Loner, weil er wieder gelernt hat, wenn auch für kurze Zeit, zu leben.

Kevin Spacey ist prädestiniert für die Rolle des Lester. Überhaupt zeugt die Besetzung des Films von einem enormen Gespür für die jeweiligen Figuren.

„American Beauty“ fällt für mich unter die Rubrik „Klassiker“, ist ein durch und durch ehrlicher Film, kein Schmäh, kein Trug, kein doppelter Boden. Er verurteilt nicht, urteilt nicht, sondern überlässt es uns, damit etwas anzufangen oder auch nicht.

 

Wertung:

10/10 Punkte


Quelle: Follow-me-now.de / Ulrich Behrens

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