Die erste Vorstellung (Opening Night) (1977)

OT: Opening Night - 144 Minuten - Drama
Die erste Vorstellung (Opening Night) (1977)
Kinostart: Unbekannt
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Filmkritik zu Die erste Vorstellung (Opening Night)

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"...dass der Spieler hier
bei einer bloßen Dichtung, einem Traum
der Leidenschaft, vermochte seine Seele
nach eignen Vorstellungen so zu zwingen."
(Shakespeare, Hamlet)

Eine Schauspielerin kommt aus der Garderobe, gibt einem Mann hinter der Bühne noch Anweisungen für die Bereitstellung von Requisiten, trinkt einen ordentlichen Schluck Alkohol, qualmt eine Zigarette und betritt die Bühne. So, wie sie auf die Bühne geworfen wird, werden wir in dieses Stück von John Cassavetes (1929-1989; „Ehemänner”, 1970; „Eine Frau unter Einfluss”, 1974; „Die Ermordung eines chinesischen Buchmachers”, 1976) hinein katapultiert. Der ganze Film besteht aus einem ständigen Wechsel zwischen „hinter der Bühne” und „auf der Bühne”. Während die „Eckdaten” der Geschichte simpel zu sein scheinen (eine Truppe probt ein Bühnenstück, teils vor Publikum, für die erste Vorstellung), bleibt alles andere in einem Raum des Unfassbaren. Glaubt man, jemanden begriffen zu haben, belehrt einen die nächste Szene, der nächste Schnitt eines Besseren. Glaubt man, Gründe für das Verhalten einer Person gefunden zu haben, zerfließen diese Erkenntnisse im nächsten Moment im undefinierten Nichts.

Cassavetes Kino ist anders als das Kino, das wir vielleicht gewohnt sind. Das betrifft nicht nur den Mainstream, das betrifft auch andere Regisseure außerhalb des gängigen Hollywood-Kinos. Wie anders es ist, ist schwer zu beschreiben. Jedenfalls fehlt jegliche Psychologisierung, es werden keine „Vorgeschichten” der Handelnden erzählt. Es eröffnen sich keine Perspektiven. Es scheint sich auch keine Entwicklung abzuzeichnen. Manchmal erscheinen die Geschichten, die Cassavetes, der Gründer des Independent-Kinos, erzählt, als Nicht-Geschichten, als geradezu Anti-Geschichten in Bezug auf uns bekannte Erzählweisen des Kinos. Die Figuren, die er uns vorsetzt, sind wenig geeignet, übliche Identifikationsmöglichkeiten zu bieten. Sie sind uns oft in dem Sinne fremd, dass wir „so nicht sein wollen” wie die da auf der Leinwand. Und doch beeinflusst in Cassavetes Werk das Geschehen auf der Leinwand in einer merkwürdig starken und strengen Art und Weise die Atmosphäre im Kinosaal.

Die Geschichte ist schnell erzählt. Regisseur Manny Victor (Ben Gazzara) probt mit seinen Schauspielern, dem Star Myrtle Gordon (Gena Rowlands), dem Nicht-Star Maurice Aarons (John Cassavetes) u.a., ein Bühnenstück der Autorin Sarah Goode (Joan Blondell). Produzent des Stücks ist David Samuels (Paul Stewart). Das Stück „Die zweite Frau” erzählt die Geschichte einer alternden kinderlosen Frau namens Virginia, die den verpassten Chancen ihres Lebens nachjagt und daran zu zerbrechen droht. Cassavetes spielt im Film den Ex-Liebhaber von Myrtle, im Bühnenstück Marty, den zweiten Ehemann Virginias, die in ihre Vergangenheit „zurückreist”, d.h. in einer Szene ihren ersten Ehemann (Gus Simmons) aufsucht. Cassavetes zeigt uns die Proben zu drei Szenen des Stücks (Besuch Virginias bei ihrem ersten Ehemann, Streit zwischen Virginia und ihrem zweiten Ehemann, und eine Szene, in der Virginia von Marty geohrfeigt wird). So weit, so gut. Aber: Myrtle hat erhebliche Probleme mit ihrer Rolle. Sie will sich nicht mit dieser Rolle identifizieren – vielleicht weil auch sie im gleichen Alter ist wie Virginia, ebenfalls kinderlos, vor allem aber, weil sie das Zerbrechen Virginias im Stück nicht akzeptieren will. Myrtle rebelliert gegen die Rolle, die sie spielen soll, will sich nicht ohrfeigen lassen, will sich nicht mit dem Schicksal der Rolle abfinden. Das Stück droht zu scheitern. Produzent Samuels und vor allem die Autorin des Stücks, die 65jährige Sarah Goode, befürchten das Schlimmste für die Erstaufführung in New York. Und als es nach allen Schwierigkeiten zur ersten Vorstellung kommt, erscheint Myrtle völlig betrunken und viel zu spät hinter der Bühne ...

Schon von Anfang an verschwimmen die Grenzen zwischen Film- und Theaterhandlung – aber nicht nur dies. Die zunächst scheinbar klaren Gründe für die Rebellion Myrtles gegen die Verzweiflung der Hauptperson des Stückes Virginia – Myrtle selbst sei verzweifelt, einsam, und wolle das nicht noch auf der Bühne darstellen – zieht Cassavetes durch die weitere Handlung wieder in Zweifel. Myrtle, obwohl oft alkoholisiert, will das Stück nicht so, wie es geschrieben wurde. Es trage keine Hoffnung in sich, sagt sie der Bühnenautorin. Und sie scheint alles daran zu setzen, das Stück so zu spielen, dass die Verzweiflung überwunden werden kann.

Aber auch dies bleibt zweifelhaft. Cassavetes lässt es nicht zu, seine Figuren eindeutig zu identifizieren. Mag all das eine Rolle spielen, was oben geschrieben steht, so bleibt doch immer der letzte Zweifel, der vom Publikum einzuräumende Irrtum. Myrtle wehrt sich gegen die Ohrfeige im Stück. Genauso wehrt sie sich gegen den Zynismus von Maurice, ihrem Ex-Liebhaber, der sie auf Distanz hält. Ihre Rebellion kulminiert – und das schon gleich zu Anfang des Films –, als eine fanatische junge Frau, die ein Autogramm von Myrtle will, dem Wagen, in dem Myrtle das Theater verlässt, nachrennt und dabei von einem anderen Auto erfasst wird und stirbt. In der Folge erscheint ihr diese junge Frau Nancy Stein (Laura Johnson), immer wieder in der Phantasie als eine Art Bedrohung, als junge Myrtle selbst, könnte man sagen, die sie irgendwann im Film erschlägt, so, als ob sie dadurch endgültig von ihrer Jugend Abschied nehmen würde.

Aber auch diese Interpretation ist eben nur eine Interpretation.

Sicherlich zelebriert Cassavetes in „Opening Night” auch einiges von dem, was er unter Kino verstand: Schauspielerkino, das vor allem ein situatives Kino ist, Situations-Kino, das dem Zuschauer keine Geschichte im üblichen Sinn erzählt, sondern ihn von einer Situation in die andere wirft, und am Schluss ein unbehagliches Gefühl hinterlässt. Kurz, Methode und Erzählen verkörpern bei Cassavetes ein Kino, in dem seinem Publikum aber auch gar keine Interpretationen angeboten werden, keine Psychologie, keine Genese bezüglich des Verhaltens seiner Figuren – nichts, was es uns etwas leichter machen könnte.

Das gelingt Cassavetes hier vor allem dadurch, dass er drei Ebenen des Spielens erzeugt: den Film, das Theaterstück, das im Film gespielt wird, und den Kinosaal, in dem wir sitzen. Denn das Publikum ist auf eine besondere Weise in die beiden anderen Ebenen der Geschichte eingebunden. Im Film selbst ist es das Publikum, was bei den Proben teilweise anwesend ist – stellvertretend für uns, die wir „uns” dort betrachten können.

Trotzdem könnte man sich nach allem Gesagten fragen: Was soll das? Geht es hier nur um Formales, um Method Acting (1) etwa? Dafür spricht jedenfalls einiges. So tritt Myrtle bei der ersten Vorstellung, zu der sie zu spät kommt, betrunken auf die Bühne, lässt den vorgeschriebenen Text vorgeschriebenen Text sein, improvisiert einen ganz anderen Text und zwingt auch ihren Partner Maurice dazu, das Drehbuch zu verlassen und zu improvisieren. Heraus kommt dabei eine mehr oder weniger platte Improvisation. Ein Teil des Publikums lacht zwar an einigen Stellen, ein anderer Teil des Publikums und natürlich Regisseur, Autorin und Produzent sind entsetzt. Man könnte sagen, Cassavetes lotet die Chancen zwischen Method Acting und freier Improvisation hier aus. Auf der einen Seite rebelliert Myrtle gegen eine zu starke Identifikation mit ihrer Rolle, auf der anderen Seite rebelliert Cassavetes gegen eine völlig freie Improvisation des Stücks durch die Schauspieler.

Aber das alles ist nicht alles. „Opening Night” ist nicht nur Form und ist nicht ausschließlich die Frage nach dem Verhältnis von Theater oder Film zum Publikum, deren Wechselwirkungen. Cassavetes stellt in seinen Film über diese scheinbar nur formale Frage die wesentliche Frage danach, wie eine Geschichte glaubhaft, wie die Gefühle ihrer Figuren überzeugend dem Publikum gegenüber nahe gebracht werden können. Und er zwingt sein Publikum – so es sich denn darauf einlässt – dazu, sich selbst darüber Gedanken zu machen. Das alles ist eine Rebellion des Regisseurs selbst gegen jegliche Zeigefinger-Psychologie, die im hohlen Raum verbleibt, aber auch gegen jegliche sonstige „eindeutige” Identifikationsstrategie, die schlau daherkommt, aber an der Wirklichkeit und damit auch an der Beziehung zwischen Fiktion und Realität, Film und Publikum scheitert und nur Illusionen erzeugt.

Daher sind Cassavetes Filme eben auch Versuche, den „optimalen” Weg zwischen Fiktion und Realität im Film zu finden, bevor man sich der Frage stellt, welche Geschichte er eigentlich erzählt. Cassavetes verlangt also viel von seinem Publikum. Zu viel? Das muss jeder selbst entscheiden. Man kann sich beispielsweise die Frage stellen: Wie „beurteilt” man die Hauptfigur in „Opening Nights”, Myrtle. Was tut sie, was tut sie nicht, warum und wieso. In allen Cassavetes-Filmen gehören die Figuren dem amerikanischen Mittelstand an. Cassavetes handelt von diesem Mittelstand, von sonst eigentlich nichts und niemandem. Er erzählt die Geschichte dieses Mittelstands, aber nicht mit diesen erbärmlichen Hollywood-Manieren und -Manierismen. Er bürstet diese Geschichte gegen den Strich, indem er seinen Figuren eine Biografie verweigert. Wir sehen sie in Situationen, aber ohne Bezug zu ihrer Lebensgeschichte. Wir sehen ihre Verlorenheit, ihre vergebliche Hoffnung, durch immer extremere Anpassung an die scheinbar oder nur vermeintlich vorgegebenen Mentalitätsfaktoren ihres „Standes” zu Glück oder Sinn zu finden, und doch nur das zu finden, was sie loswerden wollten: ihr Mittelmaß. Cassavetes Figuren erscheinen eigenartig geschichts- und oft auch gesichtslos. Wie eingefroren auf einem bestimmten Stand ihrer Entwicklung, der eher Ausdruck eines ideologisierten Lebensstils zu sein scheint als irgendetwas Lebendinges in sich zu tragen, bewegen sie sich in den eingefahrenen Wegen ihrer Klasse. Sie repräsentieren etwas, aber nicht sich selbst als eigenständige Individuen, sondern eher den Schein und das Sein ihres Standes. Cassavetes zeigt die großartige Gena Rowlands in einer Szene, in der Myrtle in den Spiegel schaut. Was sieht sie? Nun, sicherlich sich selbst. Aber  die Frage stellt sich: Wer ist sie selbst?

Man betrachte Cassavetes eigene Rolle in „Opening Night”: den zynischen, feigen Maurice, der auf der Bühne nichts anderes spielt als im Leben. Auch Myrtle gehört in diese Kategorie. Aber Myrtle rebelliert. Sie rebelliert gegen die Gleichgültigkeit ihres Umfelds angesichts des Todes des weiblichen Fans. Gleichzeitig wirkt ihr Besuch bei der Familie der toten Nancy wie ein völlig verfehlter, hilfloser Versuch, irgend etwas zu finden – an Zuneigung, Liebe, Mitgefühl –, was ihrem eigenen Leben fehlt. Sie rebelliert gegen das ihrer Meinung nach aussagelose, langweilige Theaterstück Sarahs, dem sie – komme, was da wolle – Leben, Hoffnung, Liebe eintrichtern will – und doch bleibt der Schluss – nach der ersten Aufführung des Stücks – offen, das heißt in einem fundamentalen Sinne: fraglich.

Da ist die Macht – ausgedrückt in den teilweise diktatorischen Versuchen des Regisseurs Manny, das Stück gegen alle Widerstände Myrtles so auf die Bühne zu bringen, wie es geschrieben wurde; der Egozentrismus eines Maurice, für den er selbst das einzig wichtige in seinem Leben ist, ohne dass er überhaupt weiß, warum er wichtig sein sollte – und da ist der Versuch Myrtles so etwas wie wirkliche Gefühle in einem Stück zu implementieren, in dem keine sind, wie in ihrem Leben dasselbe zu finden. Der Ausgang bleibt offen. Nach der Premiere des Theaterstücks erscheinen Stars in Cameo-Auftritten – Peter Falk, Peter Bogdanovich etwa, enge Freunde von Cassavetes und seiner Frau Gena Rowlands –, um zu gratulieren. Der Vorhang ist schon gefallen, gleich darauf endet der Film.

Man kann sich auf diese Art von Filmen einlassen; man kann es auch lassen. Wie bei jedem Film, der einem angeboten wird. Eines aber ist sicher. Wer sich darauf einlässt, sieht den Film irgendwann ein zweites Mal und wird ein Wunder erleben, das man nicht oft erlebt: Cassavetes Filme, auch „Opening Night”, sieht man jedesmal irgendwie anders.

(1) „Dabei soll der Darsteller in den zu spielenden Figuren eine Seite seines eigenen Selbst erkennen und widerspiegeln. Er soll in der Figur weitmöglichst aufgehen und persönlich erlebte Schicksalsschläge und ähnliches einbringen. Gearbeitet wird mit aktiver Spannung (der Körper wird vor einem Auftritt entspannt, damit er absolut durchlässig ist für Gefühle) und emotionellen Gedächtnisübungen (man versucht, das Grundgefühl der Rolle durch eigene Erlebnisse heraufzuholen, die man sich in Erinnerung ruft).”
Quelle: Wikepedia

 

Wertung:

10/10 Punkte


Quelle: Follow-me-now.de / Ulrich Behrens

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