Eureka (2000)

OT: Eureka - 217 Minuten - Drama
Eureka (2000)
Kinostart: Unbekannt
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Filmkritik zu Eureka

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Als der Mathematiker Archimedes (285-212 v. Chr.) den Goldgehalt einer Königskrone bestimmen sollte, kam ihm – so erzählt man jedenfalls – der Zufall zu Hilfe bzw. eine überlaufene Badewanne, in der er saß. Wenn er die Krone in das Wasser sinken ließe, so seine Überlegung, hätte das verdrängte Wasser das gleiche Volumen wie die Krone selbst. Volumen und Gewicht der Krone wären dann die Daten, aus denen er den Goldgehalt bestimmen könnte. Freudig erregt über seine bahnbrechende Entdeckung soll Archimedes nackt auf die Straße gelaufen sein und „Heureka! Heureka!“ (engl.: Eureka) gerufen haben: „Ich habe es gefunden!“ – zur Verwunderung aller Leute über den scheinbar verrückten Mann ohne Kleidung.

Für den japanischen Busfahrer Makoto (Koji Yakusho) und die Geschwister Kozue (Aoi Miyazaki) und Naoki (Masaru Miyazaki) stellen sich in Shinji Aoyamas „Eureka“ ganz andere Probleme. Sie werden von einem offenbar verrückten Fahrgast (Gô Rijû) als Geiseln festgehalten, der alle anderen Fahrgäste bereits getötet hat. Still und von Angst gelähmt sitzen der Junge und das Mädchen auf dem Rücksitz des Busses. Der bewaffnete Mann steigt mit Makoto aus. Beide stehen Rücken an Rücken vor dem Bus, als die Polizei erscheint. Scharfschützen gehen in Stellung. Makoto duckt sich plötzlich, die Schussbahn ist frei, der Mann wird getroffen, schleppt sich in den Bus, richtet seine Waffe auf die beiden Kinder, die immer noch fast regungslos am gleichen Platz sitzen. Zwei weitere Schüsse strecken ihn nieder.

Doch Aoyamas Film ist kein Thriller. Der traumatische Spuk setzt sich für die zwei Kinder und Makoto fort. Zwei Jahre später haben Kozue und Naoki ihre Eltern verloren. Der Vater ist betrunken am Steuer seines Wagens umgekommen, die Mutter auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Die Kinder schweigen seit dem Überfall, haben symbolische Gräber für die Toten vor ihrem Haus errichtet. Makoto hat in diesen zwei Jahren nach dem schrecklichen Ereignis seine Familie, die ihn nicht versteht, verlassen und kehrt jetzt zurück, immer noch unfähig, das Trauma zu überwinden. Kozue denkt an Selbstmord. Naoki köpft Blumen. Da taucht Makoto bei den beiden Kindern auf. Es zieht ihn zurück zu dem „Urknall“ seines Lebens. Er hustet ständig, immer stärker, scheint eine unheilbare Krankheit zu haben.

Das gespenstische Haus, in dem er die beiden Kinder vorfindet, ist voll von Müll. Wie Untote bewegen sich Kozue und Naoki zwischen den Resten ihres früheren Lebens. Makoto bleibt, räumt auf, kocht, spricht mit den Kindern, die weiterhin schweigen, sorgt sich. Er lernt eine junge Frau auf der Baustelle kennen, auf der er arbeitet, ist jedoch unfähig, zu ihr eine auch nur flüchtige Beziehung zu finden. Diese junge Frau wird Opfer eines Mörders. Makoto gerät in Verdacht, ein Mörder zu sein. Mehrere Frauen wurden getötet. Die Polizei lässt ihn jedoch wieder frei.

Kurz danach taucht der Cousin der beiden Kinder auf, Akihiko (Yoichiro Saito), der für etwas Leben im Haus sorgt, aber selbst eine Erfahrung mit dem Tod hat, die ihn bedrückt. Eines Tages spürt Makoto, dass er mit den Kindern und deren Cousin das Haus verlassen muss. Er kauft einen Bus, stellt Betten hinein. Die Reise der vier beginnt auf dem Parkplatz, auf dem das Trauma für Makoto, Kozue und Naoki begann ...

„Eureka“ ist eine Zumutung, nein, nicht im Sinne eines völlig überdehnten, überlangen Films (immerhin 217 Minuten), sondern in bezug auf die vier Hauptpersonen des Films. Das Trauma, das in ihnen fortlebt, ist eine Zumutung, es wird ihnen zugemutet. Die kleine Kozue reagiert mit Selbstmordgedanken, ihr Bruder Naoki gibt die Gewalt weiter, heimlich, lange Zeit unbemerkt geht er mit dem Messer auf Frauen los. Rache für das Geschehene, für den Verlust der Eltern, gerichtet eigentlich gegen die Mutter, die die Kinder verlassen hat, ziellose Rache?

Makoto reagiert mit zielloser Flucht. Und selbst Akihiko, der ein anderes Trauma zu verarbeiten hat, zieht es zu den beiden Kindern vor allem wegen der Ähnlichkeit des Schocks. Warum haben sie überlebt, während andere längst unter der Erde liegen? Schuld und Unschuld, Opfer und Täter scheinen sich zu verkehren, wechseln, wie von Geisterhand bewegt, die Personen. Wie in einem Horrorfilm sind die vier befallen von einer unheimlichen Macht, die sie beherrscht. Sie fühlen sich schuldig, nicht, als ob sie irgend etwas Verwerfliches getan hätten, nein. Ihr Dasein nach dem „Urknall“, der alles ins Rollen bringt, was jetzt noch geschieht, besteht in einer sehr spezifischen Kombination von Leben, Tod und Überleben, die ineinander überzugehen scheinen.

Wie Gefangene ihrer selbst vegetieren die drei vor sich hin, bis sozusagen wieder Ordnung in die Dinge zu kommen scheint, als Makoto beschließt, mit dem Bus durch Japan zu ziehen, bis zum Meer. Er und die Kinder brauchen Luft, Bewegung, sie müssen versuchen, die Fesseln zu sprengen.

Aoyama verzichtet weitgehend auf ausgefeilte Dialoge, die Kinder schweigen sowieso bis fast zum Schluss des Films. Das, was allerdings gesagt wird, hat Hand und Fuß. Makoto fragt die Frau, die er begehrt, ob ein Mensch sich ganz für andere aufopfern, ob jemand so leben könne. Makoto ist bescheiden; er opfert sich für die Kinder und geht darüber gleichzeitig seinen Weg aus der Tragödie. Doch Aoyama zeigt kein Mainstream-Schicksals-Drama. Die Gewalt scheint nach der Tragödie zu Anfang verschwunden; sie geschieht im Verborgenen. Die Welt der vier Gestrandeten scheint eine abgeschlossene, von allem und allen anderen abgeschottete. Traumsequenzen, abrupte Schnitte, Sprünge wechseln mit langen Einstellungen. Das Sepia-Braun und Weiß des Films lässt Landschaften, Gebäude, andere Menschen als Teil der abgeschlossenen Welt Makotos und der Kinder erscheinen. So sinnlos, bedeutungslos, grundlos die Tat des Verbrechers zu Anfang erscheint, so wertlos scheint auch das Leben für Makoto und die anderen geworden zu sein.

In diesem alltäglichen, aber leisen Horror wirkt der Kauf des Busses durch Makoto wie ein Gegen-Urknall, wie der Versuch, in das Chaos des Daseins irgendwo zwischen Leben und Tod geordnete Strukturen zu bringen. Makoto hat nur ein Ziel: Wenn Kozue und Naoki wieder sprechen, können sie sich aus dem Sumpf, dem Schlamm der psychischen Deformierung selbst befreien.

Aoyama inszeniert einen entsetzlichen Horror – ohne Horroreffekte. Die Stille ist nicht trügerisch, sondern erschreckend, etwa wenn die Kinder im Bus sich mit Klopfzeichen verständigen (man hört sonst nichts), wenn man erfährt, dass – ohne dass beide reden – Kozue genau über die Morde ihres Bruders Bescheid weiß. Sie liest alles in seinen Augen.

Ein Roadmovie, ja auch, aber vor allem – trotz allem Schrecken – ein bewegender und ein nahezu poetischer Film über eine Fahrt aus der Hölle, hin zum Leben – und ein Film über einen Mann, dessen Zärtlichkeit, Behutsamkeit und Liebe keine Grenzen zu kennen scheint. Koji Yakusho spielt diesen (Ersatz-)Vater Makoto exzellent, einen Vater, der seine Familie zusammenbringt, der genau spürt, was in den Kindern vorgeht, und der Kozue und Naoki auf eine unvergleichlich liebevolle Art und Weise von ihrer Hölle befreit. Zum Schluss ist nicht alles in Ordnung, aber geordnet und befreit.

 

Wertung:

10/10 Punkte


Quelle: Follow-me-now.de / Ulrich Behrens

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