Shutter Island (2010)

OT: Shutter Island - 138 Minuten - Thriller
Shutter Island (2010)
Kinostart: 26.02.2010
DVD-Start: 28.10.2011 - Blu-ray-Start: 28.10.2011
Will ich sehen
Liste
8656
Bewerten:

Filmkritik zu Shutter Island

Von am

Martin Scorsese hat sich in Hollywood einen Status erarbeitet, der sehr selten ist. Obwohl er noch nie für die ganz großen Blockbuster verantwortlich war und es viele seiner Filme sehr schwer mit dem Publikum hatten, genießt er den vollsten Respekt der Branche und hat mittlerweile wohl alle Freiheiten die sich ein Regisseur wünschen kann. Produzenten arbeiten gerne mit ihm, wohl mit einen Auge schon auf die nächste Oscarverleihung schielend, die Schauspieler kann er sich nach belieben herauspicken und bezüglich der Stoffe scheinen ihm auch keine Grenzen gesetzt zu sein. Dank seines letzten Films The Departed ist auch jeglicher Oscardruck von seinen Schultern gewichen und nun kann Scorsese mit noch mehr Freiheiten voran eilen. Doch leider kann sein neuestes Werk Shutter Island nicht ganz mit dem Oeuvre der Regielegende mithalten, was nach einem eigentlich ausgezeichneten Film vor allem an einer sehr billigen und unbefriedigenden Auflösung liegt.

 

Teddy Daniels (Leonardo DiCaprio) ist ein US-Marshall und reist gemeinsam mit seinem neuen Partner Chuck Aule (Mark Ruffalo) im Jahr 1954 nach Shutter Island, um dort nach einer verschwundenen Insassin der örtlichen Anstalt für geistig gestörte Verbrecher zu suchen. Doch es schein mehr dahinter zu stecken: Die Insassen wirken verschwiegen, der Leiter der Anstalt Dr. Cawley (Ben Kingsley) arbeitet nur widerwillig mit den Ermittlern zusammen und scheint etwas zu verbergen und die Atmosphäre wird immer bedrohlicher. Hinzu kommt, dass Teddy immer stärker von Flashbacks aus seiner Vergangenheit geplagt wird. Abgesehen von traumatischen Erlebnissen während des zweiten Weltkriegs ist es vor allem die Erinnerung an seine verstorbenen Familie, die ihn plagt. Seine Frau Dolores (Michelle Williams) ist bei lebendigem Leibe in ihrem Apartment verbrannt und der Brandstifter, der für Teddys Unglück verantwortlich ist, soll auch irgendwo auf Shutter Island inhaftiert sein...

 

Die Zusammenarbeit hörte sich im Vorfeld fast schon zu gut an. Wenn der Name Martin Scorsese als Regisseur fällt, dann pilgern die Cineasten ohnehin schon ins Kino, aber da der Film auch noch auf einem Roman von Dennis Lehane basiert, dessen Werke schon die Vorlage für die beiden großartigen Filme Mystic River und Gone Baby Gone lieferten, schien ein Meisterwerk quasi vorprogrammiert. Doch als schließlich bekannt wurde, dass der ursprüngliche Starttermin von Paramount von Oktober 2009 weg ins neue Jahr gelegt wurde und als Begründung geliefert wurde, dass man sich nicht zwei Oscarkampagnen für das Jahr leisten will und man lieber auf In meinem Himmel setzen würde, wurden die Ersten skeptisch. Als dann In meinem Himmel auch noch grandios bei den Kritikern durchfiel und bei den Oscarnominierungen auch kaum auf Gegenliebe stieß, wurde die Skepsis noch größer. Doch soviel vorweg: Shutter Island ist sicher kein Reinfall.

 

Bereits vom ersten Frame an zelebriert Martin Scorsese die Stimmung des Films. Wenn der pompöse Score erklingt, dann wird klar, dass Shutter Island kein Film der leisen Zwischentöne wird, sondern dass Scorsese einmal richtig auf die Pauke hauen will. Und Scorsese ist vor allem ein großer Filmkenner, der eine Menge Wissen in punkto Filmgeschichte mitbringt und von Anfang an ist dies seinem Film auch deutlich anzumerken. Zur Vorbereitung musste sich das Team einige, Scorseses Meinung nach, essentielle Filme ansehen, an denen sich Shutter Island anlehnt und gemeinsam mit einigen klassischen Film-Noirs, waren dies vor allem die frühen RKO-Horrorfilme, deren Stil in Shutter Island ein neues Gewand bekommt. Aber auch der hitchock’sche Suspense-Thriller und der klassische Psychothriller sind vertreten, sodass Shutter Island ein moderner Blick auf klassische Genres ist und als solcher auch äußerst reizvoll ausgefallen ist.

 

Hinzu kommt natürlich, dass Martin Scorsese eine Menge Erfahrung mitbringt und schlicht ein Meister der Inszenierung ist. Von Anfang an hält er die Storyfäden fest in der Hand und kontrolliert mit der Hand eines Meisterregisseurs den Filmfluss und führt uns gelungen durch alle Ebenen des Films. Und Shutter Island erweist sich durchaus als vielschichtig und filmtechnisch anspruchsvoll. Scorsese versteht es zwischen den Ebenen zu wechseln, inszeniert die Flashbacks auf verschiedenen Zeitebenen genauso großartig wie die aktuelle Realität, bricht im Laufe des Films Traum und Wirklichkeit immer weiter auf, vermischt das Ergebnis und erschafft einen äußerst stilsicheren Film, der trittsicher auf den verschlungenen Pfaden des menschlichen Verstandes watet und den Zuseher mit in diesen rasanten Psychotrip nimmt.

 

Atmosphärisch kann man dem Film schlicht nichts vorwerfen. Scorsese ist ein großer Handwerker und Künstler, der Bilder erschafft, die man nicht so schnell vergisst, die aber nicht nur rein selbstzweckhaft sind, sondern tatsächlich gut in die Geschichte und ihre verzweigten Wege integriert sind. Das beginnt mit den Flashbacks, die visuell atemberaubend sind, aber auch einen Einblick in Teddys Psyche ermöglichen und sich schließlich immer besser in die Hintergründe der Handlung integrieren. Hinzu kommt, dass alleine das Setting des Films schon atemberaubend ist und die düstere Gestaltung des Gefängnisses und der Insel im Allgemeinen auch einem lupenreinen Horrorfilm entsprechen könnten. Tatsächlich versteht es Scrosese auch sehr gut Horrorelemente in den Film zu integrieren und mit den Möglichkeiten des Genres etwas zu experimentieren.

 

Dass auch die Darstellerriege ausgezeichnet ist, versteht sich bei Scorsese fast schon von selbst. Leonardo DiCaprio, der in allen seinen letzten Spielfilmen die Hauptrolle übernahm, was schon fast an die legendäre Zusammenarbeit mit Robert de Niro erinnert, zeigt sich erneut von seiner besten Seite. Auch wenn viele ihn immer noch nicht als großen Schauspieler sehen können, ist DiCaprio ein waschechter Charaktermime geworden, der über seine Titaniczeit längst hinweg ist. Er dient sowohl als Sympathieträger und Identifikationsfigur fürs Publikum, schafft es aber der Figur Facetten zu verpassen und alle verschiedenen Ebenen seiner Figur zu einer starken Performance zu vereinen. Ben Kingsley schafft seine wenige Screentime gut zu nützen, genau wie Max von Sydow und Michelle Williams. Mark Ruffalo dient zwar großteils nur als Sidekick, nutzt seine Möglichkeiten aber gut, kämpft jedoch gegen eine schwierige Prämisse seiner Figur, die sich erst im Laufe des Films offenbart.

 

Soweit steht bei Shutter Island also zunächst tatsächlich alles steil auf Erfolgskurs. Scoreses Inszenierung ist über jeden Zweifel erhaben, die Bilder sind wunderschön, bedrohlich und tiefgehend und die Darsteller schlicht vom Feinsten, was man so auch genau über die Ausstattung, das Art-Design und die atmosphärischen Qualitäten sagen kann. Doch wie steht es um den Kern des Films, die Story? Zunächst erstaunlich gut. Scoresese gibt sich als großer Puppenspieler, der die Fäden straff in der Hand hält und geschickt durch den Film führt. Vom ersten Frame an fasziniert Shutter Island und zieht uns förmlich in diese nebelverhangene, düstere Welt. Die Geschichte ist mitreissend, die Atmosphäre undurchschaubar und Scorseses Inszenierung offenbart verschiedene Ebenen, die den Film mit Spannung füllen und den Zuseher fesseln. Doch gerade als alle Anzeichen am positivsten sind, die Handlungsfäden ausgelegt sind und Shutter Island auf sein furioses Finale zusteuert, liefert der Film eine enttäuschende, geradezu billige Auflösung, die das sorgfältig aufgetürmte Mauerwerk des Films mit einem einzigen Schlag zum Einsturz bringt.

 

Über die volle Laufzeit ist der Film bemüht sich verschiedene Möglichkeiten offen zu halten, präsentiert verschiedene mögliche Hintergründe, entscheidet sich jedoch schließlich für die absolut falsche und enttäuschendste Möglichkeit den Film zu erklären. Erklären ist dabei schon ein gutes Stichwort, denn Shutter Island überlässt rein gar nichts der Phantasie, erlaubt sich keinerlei Zweideutigkeit, sondern setzt stattdessen auf eine simple Erklärung, vorgetragen von einer Figur, die uns alle Hintergründe auf dem Silbertablett serviert. Nicht nur dass diese unkreative Auflösung per se schon peinlich ist, auch die Lösung selbst, also das große Geheimnis des Films, erweist sich als abgedroschen, billig und letzten Endes leider völlig unplausibel. Der große Kniefall vor dem Mainstreampublikum ist schlussendlich auch der Sargnagel für den Film. Bis kurz vor dem Ende (Stichwort: Leuchtturm) fesselt Shutter Island ungemein, hält sich viele Möglichkeiten offen, und sorgt für atmosphärisch dichte Spannung, die nur so vor Energie überschäumt. Doch mit der Auflösung zerfrisst sich der Film leider selbst. Nicht, dass dies Shutter Island zu einem schlechten Film machen würde, dazu ist der Rest einfach zu gut, aber ich bin Scorsese wirklich böse, dass er sich einen großartigen Film mit einem solch einfachen und billigen Schlusskniff zerstört, der zwar vielleicht ein noch höheres Einspielergebnis lukriert, aber leider die künstlerische Integrität des Werks stark angreift. In der letzten Szene macht Scorsese einiges davon wieder gut und sorgt für einen bitteren Schlussmoment. Aber das Finale davor kann ich ihm leider dennoch nicht vergeben.

 

Fazit:

Um die Fronten gleich direkt abzuklären: Martin Scorsese ist wahrscheinlich mein Lieblingsregisseur, wenn ich einen benennen müsste. Und in Shutter Island spielt er sein gesamtes Inszenierungsgeschick aus und schafft es einen atmosphärisch dichten Psycho-Thriller zu servieren, der auf vielen Ebenen funktioniert und es schafft verschiedene klassische Genremotive aufzugreifen und spannend umzusetzen. Hinzu kommt eine filmtechnisch schlicht großartige Aufbereitung und starke Darsteller. Auch schafft es der Film, die Story packend zu präsentieren, sich verschiedene Möglichkeiten offen zu halten und den Zuseher so geschickt im Dunkeln zu lassen. Doch genau wie meine Zuneigung zu Scorsese bewirkt, dass ich mich in seiner Inszenierung verlieren kann, bewirkt sie umgekehrt auch, dass ich ihm die Auflösung doppelt übel nehme. Denn das Finale ist schlicht billig, unzufriedenstellend und hält bezüglich seines logischen Aufbaus kein genaues Reflektieren stand. Diskussionsstoff liefert der Film sicher, speziell für ein Mainstreampublikum, aber das ändert nichts daran, dass Shutter Island von allen möglichen Auflösungen, die wahrscheinlich abgedroschendste ausgewählt hat. Die letzte Szene macht einiges davon wieder gut, aber die Enttäuschung über das davor ist leider noch zu präsent um das Kino wirklich zufrieden zu verlassen. Abgesehen von diesem großen Makel, ist Shutter Island jedoch äußerst sehenswert, mitreissend und schlicht atemberaubend. Stelle ich mir vor, dass der Film mit Teddys Betreten des Leuchtturms endet, dann habe ich einen der besten Filme des Jahres gesehen. So wie er jedoch ist, zertrümmert der Film leider am Ende vieles was er zuvor so geschickt aufgebaut hat.

 

Wertung:

8/10 Punkte

Filmering.at
Community
Ø Wertung: 7.9/10 | Kritiken: 6 | Wertungen: 135
10 /10
11%
9 /10
28%
8 /10
29%
7 /10
18%
6 /10
7%
5 /10
0%
4 /10
7%
3 /10
0%
2 /10
1%
1 /10
0%
Vielleicht interessiert dich auch
The Departed (2006)
Fight Club (1999)
Die Hollywood-Verschwörung
Zodiac - Die Spur des Killers (2007)
Batman: The Dark Knight (2008)
Disturbia - Auch Killer haben Nachbarn (2007)
Lucky Number Slevin (2006)
Prisoners (2013)
Alle Empfehlungen anzeigen
Der Film ist in diesen Listen
Will ich sehen
Liste von mausmaus
Erstellt: 11.11.2013
Will ich sehen
Liste von donbenni
Erstellt: 09.12.2012
Besten Dicaprio Filme
Liste von Radleey
Erstellt: 07.10.2012
Alle Listen anzeigen