Der Ghostwriter (2010)

OT: The Ghost Writer - 128 Minuten - Polit / Thriller
Der Ghostwriter (2010)
Kinostart: 19.02.2010
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Der Ghostwriter

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Roman Polanski ist sicherlich ein großer Regisseur. Das muss er niemandem mehr beweisen, denn seine Karriere ist gespickt mit Meisterwerken, die vor allem eines immer wieder offenbarten: Polanski ein Meister der Inszenierung, der es wie nur wenig andere versteht eine Atmosphäre herauf zu beschwören, die so dicht ist, dass man meinen könnte mit den Figuren in der Welt zu versinken. So ist es auch kein Wunder, dass auch sein neuester Film Der Ghostwriter, der im Wettbewerb der Berlinale läuft, atmosphärisch schlicht meisterhaft ist. Und wenngleich der Film nicht zu den großen Filmen Polanskis aufschließen kann, ist es doch wundervoll Polanski zuzusehen wie er seine klassischen Stärken ausspielt, aber gleichzeitig mit modernen Technologien liebäugelt und diese wie selbstverständlich in seinen ansonsten klassischen Edel-Thriller einbettet.

Da der letzte Ghostwriter des ehemaligen britischen Premierministers Adam Lang (Pierce Brosnan) unter mysteriösen Umständen ertrunken ist, sucht dieser einen Nachfolger um seine Memoiren zu vervollständigen. Der Verlag kontaktiert einen erfahrenen Ghostwriter (Ewan McGregor) und obwohl dieser auf Grund mangelnder Polit-Erfahrung zunächst skeptisch ist, kann er dem großzügigen Angebot nicht lange widerstehen. Also reist er bald schon nach Martha’s Vinyard, wo Lang gemeinsam mit seiner Frau und seinem Team lebt. Innerhalb von vier Wochen soll das Buch fertig sein, doch durch einen aufkommenden Skandal wird Lang plötzlich ins Rampenlicht gezerrt und gerät ins Kreuzfeuer der Journalisten. Ihm werden Kriegsverbrechen vorgeworfen, und die Proteste gegen ihn häufen sich. Und je mehr der Ghostwriter über Lang in Erfahrung bringt, umso verdächtiger wird er...

Roman Polanski und Autor Robert Harris scheinen sich gesucht und gefunden zu haben. Ursprünglich wollte Polanski Harris' Pompeji verfilmen (ein Buch, das laut Robert Harris nicht unwesentlich von Roman Polanski's Chinatown inspiriert ist), doch da daraus schlussendlich nichts wurde und auch andere Projekte im Sand verliefen, fanden die beiden schließlich für Der Ghostwriter zusammen. Eine Schicksalsfügung, die sich als durchaus glücklich erweist. Über die weniger unglücklichen Umstände, dass Polanski den Film im Gefängnis vollenden musste, soll an dieser Stelle nicht weiter geschrieben werden. Dazu gibt es ohnehin schon genügend Diskussionen an anderen Stellen. Festgehalten soll nur sein, dass diese Einschränkung dem Film nicht geschadet hat. Der Ghostwriter ist geradezu ein perfektes Beispiel für gelungenes Filmhandwerk.

Die wichtigste Komponente des Films wurde bereits eingangs erwähnt. Die Atmosphäre von Der Ghostwriter ist so bemerkenswert, dass sie förmlich einlädt sich im Film zu verlieren und in diese Welt abzutauchen. An der Seite des Ghostwriters betreten wir die abgelegene Atlantikinsel Martha’s Vinyard und bereits mit der ausgedehnten Anreise, zunächst mit dem Flugzeug, dann mit der Fähre und anschließend mit dem Taxi, etabliert Roman Polanski den Handlungsort als völlig entlegene Insel, und schafft damit einen Rahmen für seine Story, etabliert aber gleichzeitig wichtige Handlungsgerüste, die später erneut zum Einsatz kommen. Doch wo andere Regisseure solche Elemente so plump präsentieren, dass man sofort weiß in welcher Form sie später wiederkehren werden, versteht es Polanski großartig die Elemente organisch zu inszenieren, sodass sich die Geschichte glaubwürdig und folgerichtig zusammensetzt.

Es ist auch der Handlungsort selbst, der hier nicht nur einen wesentlichen Anteil an der fabelhaften Atmosphäre hat, sondern auch eine treffende Umgebung für den tobenden Konflikt der Story bietet. Eine einsame Insel die ständig von Unwetter durchzogen wird, kahle Strände, die vom Wind gepeitscht werden, ein Hausmeister, der krampfhaft versucht die angewehten Blätter zu beseitigen und ein Haus, das es stets versteht die Landschaft und die inneren Aktivitäten einzufangen. Alleine für das Design des Hauses muss man Der Ghostwriter ein kleines bisschen lieben. Hochmodern und von riesigen Fenstern übersäht, die nicht nur Licht in die Räume werfen, sondern es fast so erscheinen lassen, dass die Räume offen in der Landschaft stehen und sich Innenwelt und Aussenwelt in einer perfekten Symbiose verbinden. In der großartigen Locationwahl, dem fabelhaften Setdesign und der stilsicheren Ausleuchtung findet sich ein weiteres Qualitätsmerkmal von Roman Polanski, der eine handwerklich perfekte Leistung abliefert.

Doch Der Ghostwriter erweist sich auch als über weite Strecken schlicht großartig geschriebener Thriller in Edelhülle, der es versteht sich Suspensemomente zu Nutze zu machen, die sichtlich den Geist eines Alfred Hitchcock atmen. Klassisch ist dabei bereits die Ausgangslage, dass die Hauptfigur wenig politisch interessiert scheint und erst durch die Handlung hinter die Bühne der Macht blicken darf und erkennt wer die Fäden in der Hand hält und wie internationale Politik betrieben wird. Auch dank der sympathischen Darstellung von Ewan McGregor wird dem Zuseher von Anfang an ein klassischer Protagonist an die Hand gegeben, den man gerne beobachtet. McGregor hat dabei immer einen trockenen Spruch auf den Lippen und zahlreiche komische Momente sorgen speziell zu Beginn dafür, dass auch der Unterhaltungswert nicht zu kurz kommt und man leichtfüßig immer tiefer in die Geschichte gezogen wird.

Auch versteht es Polanski hier sehr gut die klassischen Werte des (Polit)-Thrillers hoch zu halten, auf bekannte Weise für Suspense zu sorgen, aber den Film trotzdem tief in unserer aktuellen Zeit zu verwurzeln. Flachbildschirme sind allgegenwärtig, liefern Verknüpfungen zwischen Gesprächen im Hintergrund und der Präsentation nach Außen, das Haus von Lang ist überhaupt ein Tempel der modernen Architektur, ein Betonbunker, gepeitscht vom rauen Atlantikwind und ausgestattet mit der modernsten Technik der heutigen Zeit und auch den diversen Tücken von Handys, den Möglichkeiten von Navigationssystemen und natürlich von Computern und dem Internet wird auf den Zahn gefühlt und all dies wird organisch in die Story eingebaut, sodass ein sehr gutes Bild der heutigen Zeit entsteht, das sehr gut unsere Medienkultur widerspiegelt.

Die Story selbst passt da auch sehr gut ins Konzept, sollte doch die Figur des ehemaligen Premierministers deutliche Erinnerungen an Tony Blair hervorrufen. Denn obwohl Autor Harris beteuert, dass er die grundlegende Idee zum Roman bereits hatte, als Blair noch nicht an der Macht war, zeigen doch die Anspielungen bezüglich des Irakkriegs und den Sympathieentscheidungen zu Gunsten der USA, eindeutig in diese Richtung. Der Ghostwriter schafft es überhaupt ständig die Brücke zur Realität zu schlagen, wenn z.B. das Waterboarding thematisiert wird, oder der Krieg gegen den Terrorismus im Allgemeinen angesprochen wird. Doch dies alles ist vorwiegend schmuckes Beiwerk zu einer spannenden Geschichte, die es sehr gut versteht zu faszinieren und zum Miträtseln einzuladen. Gemeinsam mit dem Ghostwriter begeben wir uns hier auf Spurensuche, während sich das Tempo immer weiter steigert. Zunächst gibt sich Polanskis Exposition noch reichlich gemütlich und der Film lässt sich sehr viel Zeit um Stimmungen auszloten, ohne dass jedoch jemals Langeweile aufkommen würde und steigert sich zwar langsam, aber gegen Ende hin exponentiell stark ansteigend, bis sich die Story am Ende fast schon überschlägt.

Doch hier liegt auch irgendwo das Problem des Films. Während man sich zunächst sehr lange Zeit lässt und das Publikum mit Informationshappen nur Stück für Stück weiterbringt, bzw. manchmal auch einfach in den stimmungsvoll komponierten Bildern schwelgt und die Atmosphäre ins Zentrum rückt, kann es am Ende plötzlich nicht mehr schnell genug gehen. Da werden plötzlich Zusammenhänge geknüpft, falsche Fährten ausgelegt, Wendungen geschlagen und Überraschungen präsentiert und plötzlich ist der Film auch schon vorbei. Obwohl das Ganze dramaturgisch durchaus funktioniert, kann das Ende schließlich einer genauen Hinterfragung nicht unbedingt standhalten, bzw. macht man es sich hier vielleicht etwas zu einfach mit der Auflösung, ohne die edle Stilistik des vorherigen Films zu würdigen. Das ist schade, und dämpft einen ansonsten sehr sehenswerten und großartig inszenierten und geschrieben Film etwas ab.

Fazit:
Mit Der Ghostwriter serviert Roman Polanski einen sehr hochwertigen, spannenden und stark inszenierten Film, der vor allem durch seine großartige Atmosphäre lebt, es aber auch sehr gut versteht den Zuseher ins Geschehen zu ziehen. Nach und nach geraten wir immer tiefer in die Story, lernen Zusammenhänge kennen und folgen der Geschichte durch Wendungen und Spannungskniffe. Die meiste Zeit ist Der Ghostwriter dabei sehr gut geschrieben und inszeniert und lässt auch die Unterhaltungsebene nicht ausser Acht. Lediglich am Ende bricht der Film etwas mit seinem gemächlichen und schlüssigen Stil, und bringt alles etwas überhastet zu Ende, wenngleich die Auflösung auf emotionaler Ebene ihr Ziel nicht verfehlt. Aber man hat dennoch den Eindruck, dass man es sich zu einfach gemacht hat. Trotz dieser Schwäche ist Der Ghostwriter ein stark inszenierter Edel-Thriller, der sehr sehenswert bleibt.

Wertung:
8/10 Punkte

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