Nine (2009)

OT: Nine - 115 Minuten - Musical / Drama
Nine (2009)
Kinostart: 26.02.2010
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Nine

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Es gibt Filme die einfach schlecht sind. Keiner macht sich etwas vor, keiner muss groß enttäuscht sein, und da sich die meisten über die Ausgangslage einig sind, kann man ja vielleicht sogar gerade deshalb seinen Spaß haben. Andere Filme enttäuschen einfach. Vielleicht können sie den hohen Erwartungen nicht wirklich gerecht werden, vielleicht führen sie ein viel versprechend gestartetes Franchise unwürdig weiter, oder sie liefern einfach nur uninspirierte Durchschnittskost ab. Doch manchmal, da gibt es auch einen Film wie Nine, bei dem das kolossale Scheitern fast selbst zum Highlight wird. Da darf man dem Fall Goliaths, dem Untergang der Titanic, oder auch dem Riesen, der sich im Treibsand immer weiter dem Tod entgegenstrampelt zusehen. Ein solches epochales Scheitern ist schon fast einen Blick wert, und mit Nine kommt der neueste Vertreter dieser seltenen Filmgattung in unsere Kinos.

 

Guido Contini (Daniel Day-Lewis) gilt Mitte der 60er Jahre als wichtigster Filmemacher Italiens. Er verkörpert das italienische Lebensgefühl geradezu perfekt und hat gehörigen Einfluss. Doch seine letzten Filme sind geflopt, und so liegt ein enormer Druck auf Guido und seinem nächsten Projekt „Italia“. Guidos Muse Claudia Jenssen (Nicole Kidman) wurde bereits für die Hauptrolle engagiert, Guidos Stammkostümdesignerin (Judi Dench) hat sich bereits an die Arbeit gemacht, und die Sets werden auch schon vorbereitet. Doch Guido hat eine Schaffenskrise, noch kein Drehbuch fertig gestellt, und keine wirkliche Idee, was er eigentlich machen will, ausser, dass es ein Film über Italien werden soll. Da hilft es auch nicht, dass er gerade gehörige Probleme mit den Frauen in seinem Leben hat. Er vermisst seine verstorbene Mutter (Sophia Loren), betrügt seine Frau Luisa (Marion Cotillard) mit Carla (Penélope Cruz), fühlt sich von einer Journalistin (Kate Hudson) angezogen und denkt an sündige Kurven aus seiner Jugend (Stacy Ferguson)…

 

Am Beginn des Jahres war Nine einer der großen Oscarfavoriten, und hätte man Awardexperten am Beginn der Saison über mögliche Favoriten ausgefragt, so hätte wohl so gut wie jeder Nine in allen wesentlichen Kategorien genannt. Und dieser Status hatte auch eine fundierte Ausgangslage. Regisseur Rob Marshall inszenierte bereits mit seinem ersten Film Chicago einen Oscargewinner, der sechs Goldmänner mit nach Hause nehmen durfte. Auch sein zweiter Film Die Geisha konnte noch drei Oscars gewinnen, wenngleich der Film in den großen Kategorien leer ausging. Doch abgesehen vom Regisseur, sorgte alleine das Thema für Aufsehen. Nine basiert auf dem gleichnamigen, Tony-Award prämierten Musical, welches wiederum auf Federico Fellinis oscarprämierten Meisterwerk 8 1/2 basiert.

 

Und wer an dieser Stelle noch nicht seine Erwartungen hoch geschraubt hatte, der wurde speziell durch den erlesenen Cast überzeugt. Scheinbar war es eine Teilnahmevorrausetzung, dass man zumindest eine Oscarnominierung vorweisen kann. Wer kann es also den zahlreichen Awardspezialisten verübeln, dass Nine ganz oben in diversen Listen der Oscarfavoriten stand. Doch als die ersten Screenings gelaufen sind, verschwand Nine plötzlich aus diesen Listen, und nun muss sich der Film mit vier Oscarnominierungen in Nebenkategorien begnügen, darunter nur eine (ungerechtfertigte) Nominierung für Penélope Cruz, als Beste Nebendarstellerin, die als einzige des grandiosen Casts berücksichtigt wurde. Und wenn man den Film gesehen hat, versteht man auch diesen einzigartigen Fall des großen Mitfavoriten.

 

Auf den ersten Blick entpuppt sich Nine als hochwertige Produktion. Die Kostüme sind wunderschön, die Darsteller zählen zu den Besten ihrer Zunft, die Ausstattung ist pompös, Rob Marshall versteht es einen Film zu inszenieren, und dennoch fügt sich überhaupt nichts zusammen, und Nine ist nur ein einziges gigantisches Durcheinander, das keinen Schritt voran kommt. Es beginnt bei der grundlegenden Form des Films. Rob Marshall versteht es zwar jeden einzelnen Frame kunstvoll zu arrangieren, und seinen Film mit Dynamik aufzuladen, aber wen nützt das schon, wenn er von erzählenden Elementen in der Geschichte immer wieder unmotiviert zu Musicalszenen springt, die kein Konzept erkennen lassen, und stattdessen nur den Film zerstückeln? Der Film entwickelt so keinen kraftvollen Fluss, sondern fährt immer wieder ein Stück voraus, nur um anschließend wieder voll in die Bremsen zu springen. So entsteht ein äußerst holpriger Fluss, und ein konfuses Durcheinander, das keinen größeren Sinn zeigt.

 

Erschwerend hinzu kommt, dass Nine, gerade im Vergleich zum großartigen Vorbild 8 1/2, keinerlei inhaltliche Qualitäten besitzt. Der Film besitzt lediglich den Aufhänger der kreativen Blockade, und der Frauenprobleme, entwickelt diese Thematik aber keinen Hauch voran. Guido dreht sich im Kreis, steht still, und wir bekommen noch nicht einmal einen besonders tiefen Einblick in seine Persönlichkeit. Alles Wesentliche zu Figur ist bereits relativ früh gesagt, und so breitet sich auch schon bald Langeweile aus. Eine prunkvoll ausgestattete Langeweile zwar, aber das zieht den Karren hier auch nicht mehr aus dem Dreck. Die Musicalnummern selbst sind zwar schick inszeniert, bleiben aber an der, bei Musicals oftmals kritisierten, Oberfläche hängen. Sie bringen die Figuren und die Geschichte nicht weiter, und tragen mit den schockierend oberflächlichen Texten auch absolut nichts bei.

 

Noch nicht einmal der Cast kann so überzeugen, wie man sich das eigentlich erwartet hätte. Daniel Day-Lewis, einer der größten Darsteller unserer Zeit, liefert zwar eine sehr gute und energievolle Darbietung, aber auch er kann gegen seine eindimensionale Figur nicht wirklich viel ausrichten. Nicole Kidman bekommt kaum etwas zu tun, und scheint nie richtig in den Film zu finden, Marion Cotillard ist chronisch unterfordert, Sophia Loren hat einen besseren Cameoauftritt, Penélope Cruz wird auf ihre, zugegeben bemerkenswert inszenierten, optischen Reize reduziert, Stacy Ferguson ebenso, besonders in ihr Dekolleté scheint sich Rob Marshall verliebt zu haben. Lediglich Judi Dench darf den Sympathiepol der Geschichte bilden, schüttelt dies aber auch ohne große Mühen herunter.

 

Was ist also aus dem großen Hoffnungsträger Nine geworden? Eine riesige Seifenblase, die kaum zu überzeugen weiß, und der es an Struktur und an inhaltlichen Qualitäten mangelt. Optisch hat der Film zweifellos seine Reize, und weiß zu blenden, aber unter der schillernden Oberfläche herrscht leider gähnende Leere. Aus Fellinis vielschichtigem Werk 8 1/2 wurde so leider ein zerstückelter, simpler und unmotiviert arrangierter Fleckenteppich, der leider absolut gar nichts über seine Hauptfigur zu sagen hat, ausser dass diese aktuell einige Probleme hat. Eine Enttäuschung auf ganzer Linie, und lediglich die schillernde Hülle, und die Songs "Cinema Italiano" und "Be Italian", die über Ohrwurmqualität verfügen, rechtfertigen hier überhaupt einen Kinobesuch. Aber die Zielgruppe dürfte eher überschaubar bleiben: Wer 8 1/2 kennt, aber nicht allzu gut kennt, keinen Wert auf emotionale Tiefe legt, mit einer spannungsarmen Geschichte ohne großartige Überraschungen und Entwicklungen leben kann, und dazu Musicals mag, der könnte unter Umständen Spaß mit Nine haben. Alle anderen können sich diese Enttäuschung sparen.

 

Fazit:

Aus dem Oscarmitfavoriten des Jahres ist schnell eine der größten Enttäuschungen des Jahres geworden. Doch Nine ist nicht nur eine normale Enttäuschung, es ist wie der Untergang der Titanic. Abartig faszinierend in all seiner Traurigkeit. Der Film besitzt eine glänzende optische Hülle, darunter herrscht aber gähnende Leere. Die Figuren entwickeln sich kein Stück, Nine hat kein wirkliches Konzept und durchbrochen wird diese Struktur auch immer wieder durch Musicalnummern, die das Werk nur noch weiter zerreissen. Obwohl viele Einzelteile überaus gelungen sind, fügt sich in Nine leider überhaupt nichts zusammen, und der Film wirkt förmlich zerrissen. Noch nicht einmal das großartige Ensemble kann hier so überzeugen, wie man es erwartet hätte. Eine große Enttäuschung!

 

Wertung:

4/10 Punkte

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Liste von Steffi89
Erstellt: 05.01.2013