8 1/2 (Achteinhalb) (1963)

OT: 8 1/2 - 138 Minuten - Drama
8 1/2 (Achteinhalb) (1963)
Kinostart: 23.05.1963
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu 8 1/2 (Achteinhalb)

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„Das einsame Ich, das um sich
selbst kreist und nur von sich
selbst zehrt, erstickt letztendlich
durch lautes Weinen oder lautes
Lachen.” (Stendhal)

Atemnot. Erstickungsangst. Todesangst. Es scheint kein Entrinnen und alle schauen zu. Eine Fähre, die jemanden doch irgendwo hinbringen soll, erscheint als Todesfalle. Ein Auto neben dem anderen – so eng, dass die Türen sich nicht öffnen lassen. Ein Mann versucht verzweifelt, herauszukommen. Er schafft es schließlich, durch das Fenster auf das Dach zu steigen. Alle schauen zu – stumm. Der Mann schwebt davon – wie ein Engel – und er gelangt an einen Strand, plötzlich ein Seil um seinen Fuß gelegt. Ein anderer zieht ihn wie einen Drachen hinunter – und der Mann fällt ins Wasser - und erwacht in einer Kurklinik, in der ihn Ärzte begutachten. Der Traum ist zu Ende. Der Mann – Regisseur Guido Anselmi – soll eine Kur machen, wegen Erschöpfung in jeder Hinsicht.

Guido träumt und wacht und wacht und träumt. Der erste Traum, der uns gewahr wird, ist symptomatisch: erst der drohende Tod durch Ersticken, dann das befreiende Gefühl im Fluge und schließlich der Sturz auf die Erde zurück. Guido ist in einer Krise. Man mag sie Midlifecrisis nennen. Doch das wäre fast schon zu trivial. Vielleicht ist es eher eine Kulturkrise, eine Krise unserer Kultur, die sich in ihm manifestiert.

Fellinis „8 1/2" (sein acht und ein halber Film) – von dem behauptet wird, sein Hauptdarsteller Mastroianni sei sein alter ego gewesen (ich kann und will das nicht diskutieren) – zeichnet am Beispiel Guidos die Krise einer Kultur in den 60er Jahren, die Krise einer Schicht von Intellektuellen – und zwar in all ihren Beziehungen, privaten, beruflichen usw. –, in der aber auch nur die Krise einer verkrusteten Gesellschaft offenbar wird.

Guido plant – nach dem Erfolg seines ersten Films – einen weiteren Film; doch niemand, weder der Produzent, noch die bereits engagierten Schauspieler, noch die sonstige Crew wissen, um was es in diesem Film eigentlich gehen soll. Guido weiß es auch nicht. Ein riesiges Gerüst wurde irgendwo im Freien aufgebaut, eine Raketenabschussbasis als Attrappe, von der ein Attrappen-Raumschiff hinaufsteigen soll. Das ist das einzige, was über den Film bekannt ist. Der Produzent ist am verzweifeln, die Geldgeber ebenso, die Schauspieler nicht weniger. Was will Guido?

Guido scheint selbst nicht zu wissen, was er will. Er, der seit 20 Jahren mit Luisa verheiratet ist, trifft sich in der Kurklinik mit seiner Geliebten, Carla, einer leicht üppigen, leicht frivolen Frau. Aber hat er tatsächlich Sex mit ihr? Vieles deutet darauf hin, dass Guido in jeder Hinsicht impotent ist: sexuell, beruflich, privat, überhaupt als Mensch, unfähig, irgendeinen Weg zu gehen, weil er nicht weiß, welchen Weg. Luisa, kurze Haare, prägnantes Gesicht, vernunftbestimmt, weiß um die Krise ihrer Ehe und sieht kaum noch einen Ausweg.

Die dritte Frau, die nur in Guidos Träumen auftaucht, ist die wunderschöne Claudia, die immer lächelt, auf diese verbindliche, zarte Art, die Guidos Traum bestimmt. Claudia, das ist die Reinheit, die Unschuld, ja die engelsgleiche Frau. Und so schnell sie in seinen Träumen erscheint, so rasch ist sie wieder verschwunden – nah, und doch unnahbar, unbegreiflich und ungreifbar für Guido, ein wahrer Traum, eine Illusion, eine Metapher für Wünsche, von denen Guido aber nichts weiß. Doch selbst in ihren Worten im Traum dringt das Krisenhafte in Guido durch, etwa wenn sie ihm – wiederum mit einem Lächeln – sagt, dass er unfähig sei zu lieben

Der Film – vielleicht soll er von ihm selbst handeln, von einem Mann, der den Glauben verloren hat, den religiösen, aber auch den Glauben an anderes. Als er bei einer Audienz bei einem Kardinal davon spricht, er sei nicht glücklich, antwortet der ihm:

„Wer hat ihnen gesagt, dass man auf
die Welt kommt, um glücklich zu
sein? Nur in den Armen der Kirche
findet man Erlösung. Wer nicht zur
civitas Gottes gehört, gehört zur
civitas des Teufels.”

So enttäuschend dies vielleicht für Guido klingen mag, bestätigt es doch seine Gefühle, das, was sein Inneres ihm sagt. Und wenn er von seiner Kindheit mit strengen Eltern und einer harten Disziplin in der Klosterschule träumt, davon wie ihm die Büßerkappe aufgesetzt wurde, weil er gesündigt habe, dann sieht er die Mönche in schwarzen Kutten, die einem jeglichen Anflug von Lust am Leben nehmen. Als er erwacht, sieht er das Bad in der Kur, die Sauna, und er sieht wieder lauter Gestalten, diesmal in weiße Tücher und Laken gehüllt. Gibt es da noch einen Unterschied? Zwischen Kutten und Kutten? Zwischen Realität und Fiktion?

Luisa wirft ihm vor, als sie ihn in der Kur besucht, er könne keinen ehrlichen Film machen, weil er eigentlich nichts, aber auch gar nichts zu sagen habe und ständig lüge – sie lüge er an, die anderen, sich selbst mache er etwas vor. Ihre Freundin Rossella, das Vernunft-Korrektiv zwischen Guido und Luisa, konstatiert, wenn er sich nicht ändere, gebe es keine Chance für das Paar.

Und wieder ein Traum: ein Raum, Guido, und nur Frauen um ihn herum. All die Frauen, die ihm begegnet sind, mit denen er etwas hatte oder haben wollte oder noch haben möchte. Und solche, die in den ersten Stock umziehen sollen, weil sie zu alt sind. Und eine Luisa, die zur Hausfrau und Ja-Sagerin in seinem Leben verkommen zu sein scheint. Andere Frauen, die es nicht akzeptieren, in den ersten Stock verbannt zu werden. Mit der Peitsche will sich Guido durchsetzen.

Und in einem anderen Traum erinnert sich Guido an die Sünde, für die er bestraft worden war: an La Saraghina, eine äußerst üppige Frau am Strand, die er und andere Jungen aus der Klosterschule beobachtet hatten – wie sie tanzte, aufreizend, die Sünde in Person.

Und noch ein Korrektiv: der Filmkritiker Carini, der Guido immer wieder auf eine höchst direkte und auch sarkastische Art vermittelt, dass es mit seinem Film nichts werde. Eine Pressekonferenz bei der Abschussrampe fällt ins Wasser – und am Schluss träumt Guido, wie alle, die er kennt, um diese Rampe herum tanzen. Spätestens hier bleibt auch dem Zuschauer verborgen, ob Guido nur noch träumt oder einige der letzten Szenen Realität sind.

Fellini wäre der letzte, der eine solche Geschichte in bitterernsten Bildern und Dialogen inszeniert hätte. Der hintergründige Humor in etlichen Szenen, aber auch der Sarkasmus des Carini deuten mehr als deutlich darauf hin.

Man kann „8 1/2" eigentlich nur vor dem Hintergrund der frühen 60er Jahre sehen, einer auch kulturellen Umbruchzeit, in der Guido Anselmi für viele steht, ohne dass er im Film selbst zu einer Gallionsfigur für anderes herhalten müsste. Er ist es schon, der hier im Mittelpunkt steht. Im Grunde ist alles vorhanden, um einen Weg zu finden. Doch Guido sieht keinen Anhaltspunkt, keine Wahrheit und Wahrhaftigkeit in sich selbst. Er fühlt sich von allen gelangweilt – vor allem von sich selbst. Als ihn Journalisten nach seiner Meinung zu politischen Themen befragen, antwortet er nicht einmal. Als ihm Luisa vorwirft, nichts zu sagen zu haben, hat er dem nichts zu entgegnen. Die Korrektive, die vorhanden sind, kann er nicht als solche erkennen, weil er gar nicht weiß, was zu korrigieren wäre. Es bleibt ihm nur der immer wiederkehrende Traum von einer Traumfrau, Claudia, ein Traum, der immer wieder wie eine Seifenblase zerplatzt.

Das gleiche gilt für die Frauen in seinem Leben. Er behauptet, Luisa zu lieben, weiß aber gar nicht, was das ist: Liebe. Auch die üppige Carla oder die in seinen Träumen erinnerte La Saraghina sind nicht in seinem Inneren verhaftet. Die teilweise heftigen Spitzen des Filmkritikers (der ihm auch die Sätze Stendhals, die ich anfangs zitiert habe, entgegenhält) prallen an Guido mehr oder weniger ab.

Keine Ernsthaftigkeit, keine innere Beziehung zu irgend etwas, irgendwem, vor allem aber nicht zu sich selbst. Diese als Film inszenierte Krise der Identität eines Mannes in den frühen 60er Jahren ist für heute weit verbreitete Hör- und Sehgewohnheiten sicherlich ungewöhnlich gemacht. Und doch lässt sie einen tiefen, auch ironischen Einblick in diese Zeit zu. Fast alles tritt auf der Stelle, nicht nur Guido. In den Worten des Kardinals etwa kommt die Unbeweglichkeit der Kirche und ihrer Vertreter in jeder Hinsicht zum Ausdruck – als ob der Kardinal im tiefsten Mittelter sprechen würde. Auch die französische Schauspielerin Madeleine, die Guido engagiert hat, lebt eher in der Vergangenheit. Die Fragen der Journalisten anfangs des Films langweilen Guido – immer dieselben öden Fragen.

Die Antwort seiner französischen Kollegen auf dieses Krise des Films, der Kultur, der Nachkriegsgesellschaft war die nouvelle vague, die Antwort Fellinis ist u.a. dieser Film und sind seine folgenden Werke, um das „Kreisen des Ichs um sich selbst” und das der inzestuöse Kreisen einer ganzen Kultur um sich selbst zu durchbrechen. Das „Sündhafte”, die Lust, das Begehren gibt es in dieser krisenhaften Situation entweder nur im Traum (Claudia), in der Erinnerung (La Saraghina) oder in geheimnisvollen Metaphern: Als ein Zauberer u.a. Guido auffordert, an etwas aus seiner Vergangenheit zu denken, damit sein Medium es erraten solle, schreibt diese die merkwürdigen Worte Asa Nisi Masa an eine Tafel. Es geht zurück auf ein Erlebnis Guidos in seiner Kindheit, und die Anfangsbuchstaben der drei Worte ergeben das Wort Anima = Seele – die Seele, das Beseelte, das schon in seinem Kindheitserlebnis verborgen war und jetzt erst recht.

Es ist dieses Beseelte, das in der Kultur verloren gegangen zu scheint, erst wieder entdeckt werden muss. Vielleicht ist das (reale oder fiktive?) Fest am Schluss des Films, das insofern eine Initialzündung sein könnte?

Aus der exzellent ausgewählten Darstellercrew ragt einer noch einmal besonders heraus: der große Marcello Mastroianni, ein Schauspieler, dem man jede Rolle abnehmen konnte.

Ein wunderbarer Film!


Wertung:
10/10 Punkte

Quelle: Follow-me-now.de / Ulrich Behrens

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