Die Affäre (2009)

OT: Partir - 86 Minuten - Drama
Die Affäre (2009)
Kinostart: 10.09.2010
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: 29.04.2011
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Filmkritik zu Die Affäre

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Ein Schuss. Selbstmord, Mord? Catherine Corsini beginnt ihren Film mit dem Ende. Das nimmt dem Film nichts. Es deutet auf ein Scheitern, fast schon ein zwangsläufiges, gesetzmäßiges Scheitern. Schicksal. Figuren, die nicht anders handeln können, sich verstricken und auf dieses Ende unausweichlich zuarbeiten. In einer sommerlichen, mediterranen Umgebung – Nîmes in Südfrankreich – spielt diese Geschichte. Das Sonnenlicht durchdringt mit all seiner Wärme jeden Winkel. Die Tragik des Erzählten konterkariert mit dieser Wärme, teilweise, nur teilweise.

Suzanne – gespielt von der in jeder Hinsicht beeindruckenden Kristin Scott Thomas – hat mit ihrem Mann, dem Arzt Samuel, zwei Kinder großgezogen, David und Marion, Teenager. Jahrelang hat sie aus diesem Grund ihren Beruf als Physiotherapeutin nicht ausgeübt. Er sieht es nicht gern, dass sie wieder arbeiten will, stimmt aber dem Umbau eines kleinen Hauses auf dem riesigen Grundstück der reichen Familie zu, um Suzanne dort eine Praxis einzurichten – ganz in seiner Nähe und unter seiner Kontrolle. Samuel hat Einfluss in der Stadt, und politische Ambitionen. Rémi, ein kleiner Bauunternehmer, beauftragt den aus Spanien stammenden Ivan mit der Renovierung. Der zieht sich einen Knochenbruch zu, als er versucht, Suzannes Auto (sie hatte vergessen, die Handbremse anzuziehen) zu stoppen, das führerlos die Straße hinab fährt. Suzanne kümmert sich um Ivan, fährt ihn sogar nach Spanien, damit Ivan seine kleine Tochter wiedersehen kann. Er erzählt Suzanne, dass er im Gefängnis war und nur ab und zu seine Tochter sehen darf.

Ivan kann eine Weile nicht mehr arbeiten. Suzanne fühlt sich immer mehr zu ihm hingezogen. Ivan verliebt sich in sie. Sex. Sie gesteht die "Affäre" ihrem Mann, verspricht ihm kurz darauf, sie zu beenden, kann aber von Ivan nicht lassen. Sie will sich von Samuel trennen. Der reagiert zunächst verzweifelt, dann aggressiv. Mit allen Mitteln versucht er, Suzanne zu schaden. Er dreht ihr den Geldhahn zu, sperrt ihre Kreditkarte und verhindert aufgrund seines Einflusses bei der Stadtverwaltung, dass Ivan in Nîmes noch irgendeine Arbeit auf dem Bau bekommt.

Suzanne und Ivan aber können nicht voneinander lassen, nehmen schlecht bezahlte Jobs an, kommen kaum zu so viel Geld, um sich eine eigene Existenz aufbauen zu können. Suzanne ist zu allem entschlossen – auch dazu, Samuel zu bestehlen ...

Vieles an der Thematik dieses Films erinnert mich an Claude Chabrol. Dabei inszeniert Catherine Corsini ihren Streifen unaufdringlich, manchmal schon fast nüchtern. Corsinis Helden sind immer Heldinnen. Jene Frauen, die an einem bestimmten Punkt entschlossen und entschieden an einem Weg, einem Ziel festhalten, wovon niemand sie mehr abbringen kann. Es ist auch diese Konsequenz, die Suzanne treibt. Der deutsche Titel des Films – "Die Affäre" – erweckt den Anschein von etwas Flüchtigem, Vorübergehenden. Das täuscht. Die Beziehung Suzannes zu Ivan mag anfangs diesen Eindruck vermitteln. Doch Suzanne geht es nicht um etwas Flüchtiges.

Kristin Scott Thomas spielt eine Frau, die bereit ist, ihre bisherige sozial gehobene Position als Frau eines vermögenden Arztes aufzugeben. Sie weiß darum, dass auch ihre Kinder das irgendwann verkraften werden – zumal zumindest ihr Sohn uneingeschränkt zu ihr hält. Doch nicht nur das. Suzanne ist bereit, jede Mühsal auf sich zu nehmen, um der Ehe mit Samuel zu entkommen und mit Ivan neu anzufangen. Beide nehmen schlecht bezahlte Jobs an. Suzanne ist es gleichgültig, dass Ivan einer anderen sozialen Schicht angehört, in einer miesen Wohnung haust. Suzanne ist bedingungslos, sogar dazu bereit, Samuel zu bestehlen, als der sich einige Tage nicht in Nîmes aufhält, um seiner Strategie, ihr die finanzielle Basis zu entziehen, entgegenzuwirken.

Die Leidenschaft, das Begehren, die Solidarität zwischen ihr und Ivan sind konsequent, unverbrüchlich. Dagegen steht die gesamte gesellschaftliche Einbindung beider. Samuel spielt alle Karten dieser Machtposition, in der er sich befindet, aus, um sein "Eigentum" zurückzubekommen: Geld, Erpressung, Verrat ...

Der Schuss zu Anfang des Films, der das Ende verkündet, ob nun Mord oder Selbstmord, ist angesichts dessen, was Suzanne empfindet, ebenso konsequent. Er deutet vom Scheitern, nicht von Rache, er deutet von Übermacht, nicht von der Konsequenz der Gefühle Suzannes, nicht einmal so sehr von Ohnmacht.

Eine moderne Chabrol-Geschichte? Vielleicht. Aber ich habe da meine Zweifel. Chabrols "Helden" können aus ihrer Haut kaum heraus. Sie sind verstrickt in ihre soziale Herkunft und dementsprechende bürgerliche Mentalität. Auch bei ihm ist der Tod, auch der gewaltsame Tod eine Folge dieser Verstrickung, nie eine Folge unvorhersehbarer Ereignisse. Das "Schicksal" bei Chabrol hat weder etwas Transzendentes, noch Mechanisches. Das Tun seiner Figuren ist soziales Tun und nur in diesem Sinne Schicksal. Corsinis Suzanne ist in ihrem Tun weit weniger sozial bestimmt. Ihre Konsequenz ist die der Liebe und daher des Ausbruchs, des Verlassens (partir), einer Sphäre, in der sie nie mehr glücklich werden könnte. Sie scheitert weniger an dieser Konsequenz als daran, dieses Verlassen zu einem Ankommen zu gestalten. Dass dies in Nîmes nicht möglich sein kann, macht der Film – gewollt oder ungewollt – mehr als deutlich. Das Verlassen Suzannes ist gekoppelt mit der (durchaus nachvollziehbaren) Überzeugung, in Nîmes den Kampf gegen Samuel gewinnen zu können, d.h. auch einen Teil des Geldes, das ihr bei einer Scheidung zustehen würde.

Ivan spürt an einer Stelle des Films, dass das nicht funktionieren wird. Für Suzanne legt der Film – eigentlich von vornherein – nur eine Lösung parat: Scheitern auf ganzer Linie. Was bleibt ihr? Erstens, sich der Erpressung Samuels zu beugen. Zweitens: Sich umzubringen. Drittens: Samuel zu töten. Alle drei Möglichkeiten sind nur eine – die des Scheiterns.

Diese Konsequenz in der Konsequenz von Suzannes Handeln hat meinem Gefühl nach etwas Inkonsequentes, oder besser gesagt: etwas geradezu Apokalyptisches. Das Ansinnen Suzannes, ihr Willen, ein neues Leben zu beginnen, zu lieben ist von Anfang an mit der Tragik behaftet, dass es nicht gelingen kann. Dies mag ja in einer konkreten Geschichte durchaus so sein. Aber manches Mal legt der Film nahe, man könne diese (angeblich) unausweichliche Tragik pauschalisieren.

So bleibt das Verlassen etwas Halbherziges, Unvollendetes. Das Prinzip Liebe scheint immer vor dem Prinzip Macht kapitulieren zu müssen. Trotzdem ist die Geschichte zweifellos nicht unglaubwürdig, vor allem auch, weil Kristin Scott Thomas der Figur der Suzanne etwas Lebendiges, Nahes, Sympathisches, Solidarisches vermitteln kann.

 

Wertung:

8/10 Punkte

 

Quelle: Follow-me-now.de / Ulrich Behrens

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