25 Stunden (25th Hour) (2002)

OT: 25th Hour - 135 Minuten - Drama
25 Stunden (25th Hour) (2002)
Kinostart: 15.05.2003
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu 25 Stunden (25th Hour)

Von am

„Start spreading the news, I'm leaving today
I want to be a part of it - New York, New York
These vagabond shoes, are longing to stray
Right through the very heart of it - New York, New York
I want to wake up in a city, that doesn't sleep
And find I'm king of the hill - top of the heap“
If I can make it there, I'm gonna make it anywhere
It's up to you - New York, New York“

Spike Lee ist das, was man einen Heimatfilmer nennen könnte. Nein, nicht im Sinne jener verklärten deutschen Movies der 50-er Jahre. Eher vielleicht ist er so etwas ähnliches, was Fassbinder für das Nachkriegsdeutschland war – und natürlich doch ganz anders und wo ganz anders. New York, New York, Stadt aller Städte!

Lee erzählt – bitter, schön, einfühlsam, skurril, von Schrecklichem und Attraktivem, von Alltäglichem, das sich in dieser Stadt extremer zu manifestieren scheint als irgendwo anders. Einmal überschaut er diese Stadt, durchschaut sie, und dann wieder steht er vor einem Rätsel, einem schier unauflösbaren Gewirr emotionaler Verstrickungen. Lee begibt sich in den Moloch der Stadt, und mit ihm seine Protagonisten, die nach Erlösung suchen, nach der Liebe, von der sie denken, dass sie keine Ahnung von ihr haben, sich aber nach ihr sehnen, von Freundschaft und Hass, von Vergebung und Buße.

Diese Stadt überwältigt sie, zwingt sie nieder auf die Knie. Was von ihnen übrig bleibt, ist eine große Sehnsucht: zu wissen, was leben heißt, und eine fundamentale Einsicht: sie sind schuldig geworden, nicht die anderen, immer nur sie selber. Sie zahlen den Preis, nicht die anderen. Aber wer sind die anderen und wieso müssen nur sie zahlen?

„These little town blues, are melting away
I'm gonna make a brand new start of it - in old New York If I can make it there, I'll make it anywhere
It's up to you - New York, New York
New York, New York
I want to wake up in a city, that never sleeps
To find I'm a number one, head of the list,
Cream of the crop at the top of the heap.“

So geht es auch Monty Brogan (Edward Norton), dem Drogendealer, der mit der russischen Mafia in New York seit Jahren Geschäfte macht, viel Geld verdient, und eines Tages verraten wird. Die Polizei findet eine Menge Stoff und eine Menge Geld im teuren Sofa von Monty und seiner Freundin Naturelle (Rosario Dawson). Sieben Jahre soll Monty hinter Gitter, und den letzten Tag vor seinem Strafantritt will er nutzen, um sich zu verabschieden: von seinem Vater James (Brian Cox), der ihm bei einem gemeinsamen Essen sagt, er habe schuld, dass es soweit gekommen sei; von seiner Freundin Naturelle (Rosario Dawson), die Monty über alles liebt; von seinen beiden Freunden, dem Börsenmakler Frank (Barry Pepper), der meint, wenn Frank nicht fliehe oder sich selbst töte, sondern ins Gefängnis gehe, werde er sein Leben nicht mehr in den Griff bekommen, und dem Englischlehrer Jacob (Philip Seymor Hoffman), dem einsamen, scheuen, in eine seiner Schülerinnen, Mary (Anna Paquin), verliebten Mann, der vor dieser Liebe Angst hat, weil es sündhaft und kriminell wäre, sie zu leben.

Monty wägt ab, bereut, blickt auf sein Leben zurück, distanziert sich von dem russischen Mafia-Boss Nikolai (Levani Outchaneichvili) und dem Drogendealer Kostya (Tony Siragusa). Monty hat Angst, Angst, dass er im Gefängnis zugrunde geht, dass er dort allein steht gegen alle anderen. Doch die Angst ist nicht nur auf seiten Montys. Alle haben Angst. Lee erzählt letztlich keine Geschichte, sondern zieht uns in eine Atmosphäre des Alptraums, ein New York nach dem Fall der Twin Towers (in einer Szene, dem Gespräch zwischen Frank und Jacob über Monty vor einem Fenster von Franks Appartement, ist Ground Zero zu sehen, das erste Mal in einem Spielfilm nach dem 11. September), ein kaltes New York, ein fast Heimat-unfähiges New York. Naturelle, die Monty gut kennt, weiß darum, dass sie und auch Montys Vater von den Drogengeldern gelebt haben. Frank wirft ihr das vor. Aber all diese Vorwürfe, aggressiven Töne sind doch letztlich nur Ausdruck von Angst. Je näher die 25. Stunde kommt, desto näher sind sich Frank und Jacob und Naturelle und James.

In einer Szene steht Monty vor seinem Spiegelbild in der Toilette des Restaurants, in das er mit seinem Vater gegangen ist und doch nichts von dem Essen herunterbringt. Auf dem Spiegel steht unten in der Ecke „Fuck you“, und sein Spiegelbild beginnt, auf alles zu schimpfen und alle zu verfluchen, die Monty gerade in den Sinn kommen: Puertoricaner, Chinesen, Mafia, Reiche, Arme – auf alle New Yorker, und als sein Fuck you zu Ende ist, schließt sich Monty selbst ein: Fuck you, Monty.

Parallel zu den letzten 24 Stunden vor Strafantritt erzählt Lee von Jacob und seiner Schülerin Mary, die unbedingt in den selben Nachtclub hinein will, in der Monty eine Art Abschiedsparty feiert. Sie nehmen sie mit. Jacob erzählt seinen Freunden von seiner Liebe. Dann wagt er es, Mary auf der Toilette zu küssen – und geht wieder weg.

„These little town blues, are melting away
I'm gonna make a brand new start of it - in old New York.“

New York – das ist bei Spike Lee eben auch Fassade, riesige Fassade, die Stadt der Städte und das Dorf der Gefühle. Die Wunden liegen offen, für die Wünsche, die Monty und die anderen in ihrem Leben sich erfüllen wollen, müssen sie zahlen, zumeist bitter bereuen. New York ist der Moloch, der schöne – übrigens matt und oft trostlos von Prieto fotografierte – Moloch, der schreckliche Moloch. Sieben Jahre Gefängnis und sieben Jahre Trennung von Naturelle, und dann? Die Gewalt ist stets präsent, nicht so sehr die offene, brachiale, blutige Gewalt, aber die dahinter, die anonyme Gewalt, die die Sehnsüchte bestraft und die Fehler umso mehr.

Lee ist moralisch und unmoralisch zugleich. Er verurteilt und lässt Erlösung nicht zu. James Phantasien auf dem Weg zum Gefängnis, zu dem er Monty am Morgen fährt, künden von einem anderen Leben, davon, dass Monty flieht, irgendwohin gen Westen, in einen kleinen Ort, wo er eine Bar aufmacht wie James, Naturelle heiratet, Kinder mit ihr hat, die ihm Enkelkinder schenken. Der alte Traum vom Amerika, in dem man immer ein Stück nach Westen zieht, wenn es an Ort und Stelle nicht mehr geht – dieser Traum besteht nur noch in der Phantasie; die Realität ist das Gefängnis für Monty, das hier schon symbolisch für die andere Seite der Stadt aller Städte steht: ein Gefängnis der Wünsche, Phantasien, Träume und ideologischen Verbrämungen. Der amerikanische Traum scheint nicht erst seit dem 11. September ausgeträumt? Fast könnte man Lees Inszenierung hierhin interpretieren. Kein Wunsch ohne Reue, keine Sehnsucht ohne Strafe.

Es bleibt etwas zurück: die Liebe. Naturelle, die Unschuld, die Liebende, die Monty nicht dazu bringen konnte, früher mit dem Drogenhandel aufzuhören, und die Freundschaft: Jacob und Frank. Als Liebe und Freundschaft am stärksten zu sein scheinen, muss Monty ins Gefängnis. Denn der Judas, der Verräter, der eben auch zur Geschichte gehört, hat sein Handwerk erfolgreich zu Ende gebracht.


Wertung:
10/10 Punkte

Quelle: Follow-me-now.de / Ulrich Behrens

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