Picknick am Valentinstag (Picnic at Hanging Rock) (1975)

OT: Picnic at Hanging Rock - 103 Minuten - Mystery / Drama
Picknick am Valentinstag (Picnic at Hanging Rock) (1975)
Kinostart: 01.01.1976
DVD-Start: 27.07.2012 - Blu-ray-Start: 27.07.2012
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Filmkritik zu Picknick am Valentinstag (Picnic at Hanging Rock)

Von am

“What we see and what we seem are but a dream, a dream within a dream.”

Miranda

 

Der großartige Peter Weir, heutzutage vor allem bekannt durch seine moderneren Produktionen wie Der Club der toten Dichter, Die Truman Show oder Master and Commander, war bereits in den 70er Jahren ein ausgezeichneter Filmemacher. Von seinem australischen Frühwerk sticht (neben Gallipoli mit Mel Gibson) vor allem sein Durchbruch, Picknick am Valentinstag, hervor, der sich in seiner mystischen Herangehensweise sehr speziell, vor allem aber äußerst faszinierend gibt, und so zu einer kleinen Arthouseperle wird.

 

Australien im Jahre 1900: Die Mädchen des Mädcheninternats Appleby brechen am Valentinstag zum nahe liegenden Hanging Rock auf, wo sie ein Picknick veranstalten. Vier Mädchen lösen sich von der Gruppe, und wollen die Umgebung etwas erkunden. Angeführt von der wunderschönen Miranda (Anne-Louise Lambert) entfernen sie sich fast traumwandlerisch immer weiter von der Gruppe. Eine der vier kehrt jedoch um, und so beginnt die betreuende Lehrerin Miss McCraw (Vivean Gray) nach den drei Mädchen zu suchen. Bald schon gelten die drei Mädchen, genau wie Miss McCraw als verschwunden. Die Geschichte schlägt hohe Wellen, und auch Michael (Dominic Guard) und Albert (John Jarratt), die die Mädchen vorbeiwandern gesehen haben, beginnen sich für das Verschwinden zu interessieren…

 

Peter Weir lässt uns seine Absichten bereits von Anfang an spüren. Obwohl Picknick am Valentinstag ruhig beginnt, und sich sein eher ruhiges Tempo auch über die gesamte Laufzeit beibehält, schafft es Peter Weir dennoch eine mystische und verträumte Stimmung zu elaborieren. Dies beginnt beim Einsatz der Panflöte, geht über die schwelgerischen Bilder des Films, und endet bei der fast schon traumwandlerischen Inszenierung seines Films, die sich dem Surrealen nicht verschließt, sondern einen stilvollen Tanz mit dem Ungewissen eingeht.

 

Man sollte sich jedoch bewusst sein, dass Picknick am Valentinstag kein Interesse hat sich den gewöhnlichen Erzählmustern des Mainstreamkinos unterzuordnen, und eine konventionelle Geschichte zu entwerfen, die am Ende in einer eindeutigen Auflösung gipfelt, die alle Fäden zusammenführt. Stattdessen erlaubt sich der Film Freiheiten und Lücken, die mit der eigenen Imagination zu füllen sind. Auflösung des Rätsels gibt es keine, stattdessen viele Anspielungen, die angedeutet aber nicht ausgeführt werden, und die es dem Zuseher ermöglichen in alle möglichen Richtungen abzuschweifen und sich selbst Gedanken zu einer möglichen Auflösung zu machen. Grenzen gibt es dabei fast keine, da Picknick am Valentinstag mögliche Fallstricke geschickt umschifft, und Interpretationen in wirklich alle Richtungen zulässt.

 

Eine weitere interessante Ebene des Films ist die (unterdrückte) sexuelle Komponente, die Picknick am Valentinstag stilvoll in den Film integriert. Diese manifestiert sich vor allem in seiner strengen viktorianischen Komponente (wie so oft im australischen Film auch eine Anspielung auf den ewigen Konflikt zwischen den Engländern und Australiern, aber dazu später mehr), die vor allem Ausdruck im Mädcheninternat findet. Dies führt auch zu sehr speziellen Bildern, wenn sich die züchtig gekleideten Mädchen in der australischen Wildnis befinden, und die raue Umgebung im starken Kontrast zu den in weiß gekleideten strengen Mädchen gesetzt wird. Aus dieser widersprüchlichen Ausstrahlung entsteht (zum Beispiel auch durch den voyeuristischen Auftritt von Michael und Albert in Kombination mit der verführerischen Aura von Miranda) eine subversiv-sexuelle Anspannung, die dem Film ebenfalls eine eigenwillige Note gibt.

 

Dies führt auch zu der, auch durch die fiebrige Inszenierung, fast zu spürenden Reibung zwischen der Zivilisation und der Wildnis, oder auch zwischen dem formal strengen England, und dem indigenen Australien. Denn die Mädchen wirken wie ein Fremdkörper in dieser Umgebung, was man ja durchaus auch als Ansatzpunkt für eine Interpretation hinsichtlich des Verschwindens benutzen könnte (oder auch nicht, denn wie bereits erwähnt, lässt Picknick am Valentinstag alle Möglichkeiten offen). Dies ist nicht nur eine kulturelle Anspielung auf die Entwicklung Australiens, und seine Emanzipation von den ehemaligen Kolonialherren, sondern auch ein visuelles Leitmotiv für die Bildgestaltung des Films.

 

Auch wenn der Irrglaube lange vorhanden war, basiert der Roman von Joan Lindsey, auf den wiederum der Film basiert, nicht auf einer wahren Geschichte (obwohl der Film fast den Anschein erweckt), sondern ist rein fiktiv. Und diese Freiheit, absolut auf keinen realen Background einzugehen, hat mit Sicherheit auch dazu beigetragen, dass sich Picknick am Valentinstag so von den starren Mustern eines Dramas lösen kann, und seinen eigenen Weg geht, der fern von einer schubladisierten Genrezuordnung liegt, und stattdessen ein ambitioniertes Wechseln zwischen verschiedenen Ansätzen ins Zentrum rückt.

 

Das Verschwinden der Mädchen ist dabei vor allem in der ersten Hälfte des Films im Zentrum, schwebt aber als Leitmotiv natürlich über dem ganzen Film. Danach wendet sich Picknick am Valentinstag jedoch auch dem Schicksal der Hinterbliebenen zu, und versucht die Auswirkungen des Verschwindens aufzuzeigen. Für die Internatsbesitzerin zeigt sich dies vor allem dadurch, dass viele Eltern ihre Kinder aus dem Internat nehmen, aber besonders für die Mädchen ergeben sich hier einige interessante Situationen, die auf psychologischer Ebene versuchen die Charaktere auszuloten, und dem Film auch eine weitere Diskursebene geben.

 

Verbunden werden all diese Elemente durch die träumerische Inszenierung von Peter Weir, durch die man das Gefühl hat Schlafzuwandeln und die etwas Schwelgerisches an sich hat, das uns auf hypnotische Weise immer weiter in diese Geschichte abdriften lässt. Natürlich muss man sich auf das Puzzle einlassen, und wer nur auf der Suche nach einem konventionellen Dreiakter, mit festgesetzten Handlungsgrenzen ist, der wird mit Picknick am Valentinstag kaum Freude haben. Wer aber bereit ist etwas einzubringen, und sich von der betörenden Schönheit des Films bezirzen lässt, der erlebt mit Picknick am Valentinstag eine Arthouseperle, wie man sie nur selten findet. Großes Kino aus Australien, und auch heute noch absolut sehenswert.

 

Fazit:

Peter Weir begibt sich mit seinem Picknick am Valentinstag in traumwandlerische Gefilde, und nimmt uns mit auf eine mysteriöse Reise. Im Zentrum steht ein ungelöstes Rätsel, zu dem uns zwar Ansatzpunkte geboten werden, aber eine eindeutige Aufklärung ist nicht in Sicht. Es obliegt hier dem Zuseher sich selbst seine Gedanken zu machen und die Geschichte zu ergründen. All dies inszeniert Peter Weir verträumt und mystisch, sodass wir fast hypnotisiert auf seinen Pfaden folgen und uns dem Film hingeben können. Sein Picknick am Valentinstag ist dabei jedoch nur für diejenigen geeignet, die sich auch auf eine solche Art des Geschichtenerzählens einlassen können.

 

Wertung:

9/10 Punkte

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