Tropa de Elite - The Elite Squad (2007)

OT: The Elite Squad - 115 Minuten - Thriller / Drama
Tropa de Elite - The Elite Squad (2007)
Kinostart: 18.12.2009
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: 21.10.2011
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Filmkritik zu Tropa de Elite - The Elite Squad

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2008 hieß der überraschende Sieger der Berlinale Tropa de Elite, ein Preisträger der sehr umstritten aufgenommen, und von den Kritikern teilweise sehr kontrovers diskutiert wurde. Von diesen sehr unterschiedlichen Reaktionen sollte man sich jedoch auf keinen Fall abschrecken lassen. Denn Tropa de Elite taucht nicht nur tief in die Atmosphäre eines desolaten Brasiliens ein, sondern schafft es virtuos politische Bruchstellen aufzudecken, und dabei auch noch eine spannende und dynamische Geschichte zu erzählen. Das Ergebnis ist schlicht umwerfend, und schafft es ausgezeichnet eine Brücke zwischen einem politischen Kino, und einem intensiven Thriller zu schlagen.

 

Die Spezialeinheit der Polizei BOPE, rückt regelmäßigen in die verseuchten Favelas von Rio de Janeiro vor, um dort besonders hartnäckige Fälle zu lösen, bei denen die normale Polizei nicht mehr weiter weiß. In den Favelas gilt das Recht des Stärkeren, und Drogendealer haben sich längst mit korrupten Cops arrangiert um den Laden am Laufen zu halten. Captain Nascimento (Wagner Moura) ist ein Squat-Leader von BOPE, und ein besonders skrupelloser Korruptionsgegner, der mit äußerster Brutalität gegen die Verbrecher vor geht. Doch ihm steht Nachwuchs ins Haus, und so will er den riskanten Job hinter sich lassen. Doch zuvor muss er einen würdigen Nachfolger ernennen. Nach einer intensiven Ausbildung engt sich die Auswahl auf Matias (André Ramiro) und Neto (Caio Junqueira) ein…

 

Tropa de Elite musste sich nach seiner Aufführung bei der Berlinale, und besonders nach dem Gewinn des Goldenen Bären, zahlreiche Vorwürfe gefallen lassen. Von Gewaltverherrlichung und faschistoidem Gedankengut war da gar die Rede. Da stellt sich doch eine entscheidende Frage: Haben diese Gegensprecher den richtigen Film gesehen? Und falls ja, ist es denn so schwierig zwischen den Zeilen zu lesen, und zu reflektieren, ob die ausbrechende Brutalität innerhalb der Polizei wirklich als Verherrlichung dieser dient, oder ob man nicht eher zu einem gesellschaftspolitischen Rundumschlag ausholt, der nicht nur die Kriminellen, und die korrupten Cops, sondern auch skrupellose Ermittler an den Pranger stellt?

 

Scheinbar ist es zu viel verlangt, dass man hier den aktiv gezeigten Inhalt korrekt analysiert und die Botschaft aus den radikalen Bildern filtert. Natürlich schafft sich Tropa de Elite bereits durch seinen Schauplatz einen gewissen Identifikationsrahmen mit dem grandiosen Meilenstein City of God von Fernando Meirelles, der ja ebenfalls die Lupe über das Leben in den Favellas von Rio de Janeiro legte, und auf virtuose Weise ein politisch brisantes Thema mit einer unterhaltsamen und spannenden Filmhandlung verwebte, und dabei auf epochale Weise die Mitteln des Medium Film ausnutzte. Tropa de Elite kann nun nicht ganz an die leichtfüßige aber tief greifende Wucht von City of God anschließen (fast schon die Bürde eines Favella-Films), aber dies ändert nichts daran, dass Tropa de Elite zweifellos den Geist des großen Vorbilds atmet.

 

Ein großer Unterschied ist natürlich, dass City of God tief in das Verbrechermillieu eintauchte, und das Leben in den Favellas von innen heraus ausleuchtete. Tropa de Elite hingegen wird aus der Sicht der Polizei erzählt, und steht somit prinzipiell ausserhalb der Favellas, taucht jedoch immer wieder in diese ein, und erzählt somit von einem ewigen Säuberungskreis, also den Versuch das Verbrechen aus den Vierteln zu verbannen. Konkret angesprochen wird dies im Film durch die grobe Rahmenhandlung, dass der Papst Rio de Janeiro besuchen will, und man ein bestimmtes Viertel säubern muss, sodass der heilige Besucher unter keinen Umständen etwas von den desolaten Verhältnissen innerhalb der Stadt mitbekommt. Dies thematisiert natürlich auch die Verlogenheit der gesamten Welt, und spricht an, dass wir eigentlich alle gar nichts von diesen Problemen wissen wollen.

 

Tropa de Elite entwirft dabei geschickt das Bild einer Stadt, die in den Favellas von Verbrechern regiert wird, die sich längst mit den Cops arrangiert haben. Es entsteht somit ein gemütlicher Status quo: Die Drogendealer regieren ihre Viertel und werden von einer kleinen Privatarmee geschützt, während die Cops geschmiert werden, und somit auch davon profitieren, da sie ihr Leben nicht riskieren müssen, und dabei auch noch Geld verdienen. Durchbrochen wird diese Balance der Korruption von einer kleinen Spezialeinheit, die mit äußerster Brutalität die Kruste des Systems durchbrechen will, und dabei sowohl gegen korrupte Cops, als auch die Verbrecher vorgeht. Und in diesem radikalen Vorgehen der BOPE Einheit (unter anderem verhören sie auch Unschuldige, in dem sie ihnen eine Plastiksack über den Kopf ziehen, sodass sie meinen zu ersticken, bis sie die Informationen Preis geben) liegt auch der Grund, warum manche Kritiker dem Film Gewaltverherrlichung unterstellten. Dabei entblößt Tropa de Elite doch gerade dieses Vorgehen als ein „notwendiges Übel“, das man nicht als Lösung für die Probleme des Landes ansehen kann, und verlangt somit förmlich nach einer großflächigen politischen Lösung der Missstände. In dieser Hinsicht erlaub sich der Film mit seiner letzten Szene einen zynischen Seitenhieb, der andeutet, dass sich alles im Kreis dreht, die Geschichte von vorne los geht, und eine Lösung noch nicht in Sicht ist.

 

Auf der Ebene der reinen filmischen Darstellungsform gibt sich Tropa de Elite vor allem sehr unruhig (passende zum beunruhigenden Thema) und passend zur hitzigen Atmosphäre sehr fiebrig und dynamisch inszeniert. Der Film taucht dabei tief in die Atmosphäre von Rio de Janeiro ein, und schafft es sehr gut die Geschichte mehrere Figuren zu erzählen, deren Wege sich schließlich am Ende kreuzen und sich in einer Haupthandlung vereinen. Auffällig ist, dass es keine richtige Identifikationsfigur gibt, und die Figur, die noch am ehesten in diese Rolle passen würde ordnet sich am Ende auch noch dem System unter, und verleiht Tropa de Elite eine nachdrückliche Wirkung von Ausweglosigkeit, die ausgezeichnet zur Stimmung während des gesamten Films passt. Tropa de Elite ist dabei jedoch kein sperriges Sozialdrama, sondern ein rasant inszenierter Thriller, dessen Dynamik sich jedoch nicht im Wohlgefallen des Zusehers ausdrückt, sondern stattdessen gegen den Strich gebürstet ist. Denn wie bereits erwähnt dient die Radikalisierung des Polizeivorgehens hier lediglich um Aufzuzeigen, dass es einer besseren Lösung bedarf, da hier die Grenzen zwischen gut und böse längst sehr schwammig geworden sind.

 

Auch wird Tropa de Elite nie langwierig, sondern schafft es seine Geschichte spannend und kurzweilig zu erzählen. Natürlich wiegt der Schatten von City of God hier schwer, jedoch schafft es Tropa de Elite sehr gut einen neuen Blickwinkel auf das bekannte Thema zu werfen. Man muss jedoch erwähnen, dass der Film nicht ganz mit der fast schon spielend anmutenden filmischen Brillanz eines City of God mithalten kann, und somit natürlich auch eine Spur schwächer als das große Favella-Epos von Fernando Meirelles ist. Dies ändert jedoch nichts daran, dass Tropa de Elite genügend eigenständige Qualitäten hat, und mit einer durchdachten Story sowohl gesellschaftspolitische Probleme thematisiert, als auch einen spannenden Thrillerrahmen konstituiert, der es schafft das Publikum in einen Sog aus Korruption und kollektiver politischer Blindheit zu ziehen, den man nicht so leicht vergessen wird.

 

Fazit:

Tropa de Elite schafft es ausgezeichnet die desolate Atmosphäre eines von Korruption zerfressenen politischen Systems in eindringlichen Bildern auf die Leinwand zu bringen. Durch seine versteckte Doppeldeutigkeit einzieht sich der Film dem, leider nicht sehr durchdachten, Vorwurf der Gewaltverherrlichung und schafft es eine brisante Geschichte spannend und temporeich zu inszenieren. Natürlich steht der Film im Schatten des großen City of God, und natürlich schafft er es auch nicht die geballte Brillanz von Meirelles’ Favella-Meisterstück zu erreichen. Doch das wird wohl auch lange kein Film dieser Art schaffen. Tropa de Elite ist jedenfalls ein durchdachter und spannender Versuch der Thematik neue Aspekte abzugewinnen und auch auf andere Grundsatzprobleme zu verweisen. Insgesamt also ein verdammt guter Film, der auf allen Ebenen überzeugt und in jeder Hinsicht viele Ansätze bietet um reflektiert zu werden.

 

Wertung:

9/10 Punkte

Filmering.at
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Ø Wertung: 8.4/10 | Kritiken: 2 | Wertungen: 8
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