Dogville

OT: Dogville - 178 Minuten - Drama
Dogville
Kinostart: 23.10.2003
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Dogville

Von am

Sie, die über Monate Gepeinigte, sie, die alles erduldet hat, sie, die allen verzeihen wollte, schwinge sich nicht zum Richter über andere auf – sagt sie zu ihrem Vater. Sie, sagt der Vater, würde auch in dem Mörder und in dem Vergewaltiger nur ein Opfer ihrer Kindheit sehen. Sie mache die Umstände für alles verantwortlich. Er aber meine, sie seien Hunde. Und wenn diese Hunde ihr eigenes Erbrochenes auflecken, dann könne man sie nur mit der Peitsche davon abhalten.

Sie, meint der Vater, gehe von dem Vorurteil aus, dass wirklich niemand außer ihr einen dermaßen hohen moralischen Anspruch erhebe. Sie vergebe anderen mit Entschuldigungen, die sie nie und nimmer für sich selbst gelten lassen würde. Die Strafe, die sie für alle ihre Vergehen verdiene, verdienten auch die anderen für all ihre Vergehen.

Aber die Menschen, sagt sie, die hier leben, hätten unter den Umständen, unter denen sie leben, ihr Bestes getan. Warum solle sie daher nicht barmherzig sein?

Doch, sagt der Vater, ist ihr Bestes wirklich gut genug? Hätte sie nicht unter den gleichen Umständen das gleiche getan?

„Und wer die Macht besaß, all dies
richtig zu stellen, hatte die Pflicht,
dies auch zu tun. Um anderer Städte
willen. Um der Menschheit willen.
Und nicht zuletzt auch um des
Menschen willen, der Grace selbst
war.“

M
an kann Lars von Triers „Dogville“ – nicht nur angesichts des vor einiger Zeit erfolgten Übertritts des Regisseurs zum Katholizismus, sondern auch wegen seiner vorangegangenen Filme – in einem strengen Sinn religiös interpretieren. Grace – Big Daddy, Jesus und Gottvater, Gnade und Vergebung hier, Rache und Strafe dort, und so weiter. Man kann, auch wegen des Abspanns des Films, in dem von Trier Bilder der Verlierer des amerikanischen Kapitalismus zur David Bowies „Young Americans“ zeigt, „Dogville“ als Kritik am amerikanischen Kapitalismus interpretieren. Alles dies hat seine Berechtigung. All dies greift – insbesondere angesichts der Schlussszene, dem Gespräch zwischen Grace (Nicole Kidman) und ihrem Vater, dem Gangsterboss (James Caan) – aber meinem Gefühl nach noch zu kurz.

Grace kommt auf ihrer Flucht vor Gangstern in der Zeit der Weltwirtschaftskrise in einen kleinen Ort in Colorado namens Dogville. Niemand dort weiß, was sie dort will, kennt ihre Gründe. Sie trifft auf mehr oder weniger nette Einwohner, die misstrauisch reagieren, und Tom Edison (Paul Bettany), ein Schriftsteller, der nicht viel schreibt, aber des öfteren Abende zur moralischen Erbauung der Einwohner veranstaltet, um den Gemeinsinn, wie er sagt, zu fördern, will Grace beschützen. Das heißt: Eigentlich sieht er in ihr eine Art „Versuchstier“ für den geforderten Gemeinsinn. Er sagt den Gangstern, die Grace suchen, er habe keine Frau gesehen, die diese suchen.

Auf einer Versammlung vereinbart man, Grace solle sich innerhalb von zwei Wochen als ehrenwertes Mitglied der Gemeinschaft erweisen – oder eben wieder gehen müssen. Pro Tag solle sie für jeden Einwohner je eine Stunde Arbeit leisten – obwohl eigentlich niemand Hilfe benötigt: weder Olivia (Cleo King) und die im Rollstuhl sitzende June (Shauna Shim), noch Ma Ginger (Lauren Bacall) und Gloria (Harriet Anderson), die einen Laden besitzen und einen Garten bearbeiten, noch die Hensons, die Gläser schleifen, noch der blinde John McKay (Ben Gazzara) und auch nicht Chuck (Stellan Skarsgård), der Obstbauer, und seine Familie oder Martha (Siobhan Fallon), die sich um die Kirche kümmert, oder Toms Vater (Philip Baker Hall) oder der Lkw-Fahrer Ben (Zeljko Ivanek), der auf seinen Fahrten des öfteren das Bordell besucht.

Doch Grace bemüht sich, ist freundlich, hilfsbereit, und irgend etwas findet sich dann doch. Man bringt sie in der alten Mühle unter. Als nach einiger Zeit der Sheriff zuerst eine Vermisstenanzeige, später ein Fahndungsplakat von Grace im Ort aufhängt, bekommen die Einwohner Zweifel, ob sie Grace noch verstecken sollen. Es ist zwar nicht möglich, dass sie an dem Verbrechen teilgenommen hat, weswegen die Polizei sie sucht, weil sie in Dogville war. Aber sie verlangen für das erhöhte Risiko, sie zu verstecken, die doppelte Arbeitsleistung pro Tag und Einwohner. Auch darin willigt Grace ein, der Tom inzwischen seine Liebe gestanden hat.

Martha soll die Glocke jedesmal läuten, wenn Grace bei jemand anderem arbeiten muss. Ihr Lohn wird gekürzt, sie macht Fehler, zerbricht ein Glas, läuft über ein Beet von Ma Ginger, das sie nicht betreten darf, bricht einen Ast von Chucks Apfelbaum ab. Als der junge Jason (Miles Purinton) Grace erpresst, sie solle ihn für seine Streiche verhauen, und wenn sie es nicht tue, würde er seiner Mutter erzählen, sie habe es getan, wendet sich das Blatt in Dogville. Die Einwohner fletschen die Zähne. Grace wird an eine Kette, die ihr um den Hals gelegt wird, gefesselt, an deren Ende ein schwerer Gegenstand ihr jegliche größere Bewegungsfreiheit verunmöglicht. Die männlichen Einwohner des Ortes vergewaltigen sie regelmäßig. Alle nutzen sie aus für ihren eigenen Vorteil. Auch Tom, der seinem Vater Geld gestohlen hatte, damit er und Grace fliehen können, verrät Grace, als Ben, der Grace für das Geld in seinem Wagen heimlich wegfahren wollte, sie wieder nach einer Vergewaltigung nach Dogville zurückfährt, und Tom die nur angeblich weggeworfene Visitenkarte eines Gangsters aus der Schublade holt, um die Gangster anzurufen.

Dann nähern sich die Autos der Gangster dem Ort ...

Ein Grundriss zeigt uns Dogville. Von oben herab sehen wir sich bewegende Punkte, die sich zwischen weiß gezogenen Linien, die die Häuser markieren, bewegen. Die Grundrisse sind beschriftet, selbst eine Bank, auf der zumeist die älteren Einwohner sich ausruhen, wird nur durch einen Schriftzug mit Umriss angedeutet. Ein Sprecher mit einer ruhigen, warmen Stimme stellt uns die paar Einwohner von Dogville vor. Nur hier eine Tür oder ein Fenster künden davon, dass wir uns in einem bebauten Ort befinden. Das stört nicht nur wenig, das ist nicht nur eine Überraschung im Kino, das führt auch dazu, dass wir uns nur mit den Personen beschäftigen, die sich hier bewegen, handeln und sprechen. Sehr schnell gewöhnt man sich an das ungewohnte Schauspiel – Schauspiel im wahrsten Sinn des Wortes, denn wie eine etwas größere Theaterbühne tut sich Dogville vor uns auf, nur, dass wir als Publikum nicht von einem festen Ort aus beobachten, was geschieht, sondern die Kamera uns den Weg neben dem Erzähler weist. Dass Lars von Trier hier deutlich auf Brecht zurückgreift, versucht er gar nicht erst zu verheimlichen.

Von Brechts Verfremdung („Einen Vorgang oder einen Charakter verfremden heißt zunächst einfach, dem Vorgang oder dem Charakter das Selbstverständliche, Bekannte und Einleuchtende zu nehmen und über ihn Staunen und Neugierde zu erzeugen.“) ist bei von Trier zumindest dies geblieben: der Ort der Handlung wird auf ein Minimum an Objekten reduziert. Doch dadurch verändert sich auch unser Blick auf die Personen. Sie sind – wenn die Kamera es erlaubt – alle auf einmal zu sehen, obwohl sie sich selbst nicht alle sehen. Dadurch entsteht ein anderer Blick auf das Geschehen.

Die Geschichte, die von Trier erzählt, geht hingegen zunächst von etwas aus, was man „Normalität“ nennen könnte, damit aber nicht hinreichend bestimmt ist. Das Leben in Dogville funktioniert, wäre die wohl passendere Beschreibung für den Zustand vor Ankunft von Grace. Jeder geht irgendeiner Beschäftigung nach, das Leben scheint in einem friedlichen Kreislauf – Tag für Tag, und so weiter. Dass auch diese Beschreibung nicht hinreichend ist, wird erst durch den weiteren Verlauf bzw. den Schluss des Films vollends deutlich. Es ist das eingespielte Leben einer – wie man so sagt – kleinbürgerlichen Gemeinde, in der die Kirche im Dorf steht (auch wenn momentan kein Pfarrer anwesend ist). Die Spielregeln sind gegeben: Eine Dorfgemeinschaft lebt – relativ – abgeschottet unter manchmal wirtschaftlich schwierigen Bedingungen und die Bewohner sind aufeinander eingespielt. Jeder weiß, was er vom anderen zu halten hat. Jeder verhält sich so, wie es die Gemeinschaft erwartet. Auch die Geheimnisse einiger (etwa Bens Bordell-Besuche) sind offene Geheimnisse. „Extravaganzen“ werden geduldet, soweit sie der Gemeinschaft nicht schaden. Dazwischen bewegt sich ein Idealist namens Tom, der zur Erbauung seiner selbst und mehr zur Unterhaltung denn zur moralischen Aufrüstung der anderen Versammlungen über das beliebte Thema „Gemeinsinn“ abhält.

Das zunächst nicht Sichtbare, aber in einem engeren Sinne eben nicht außerhalb dieser Gemeinschaft liegende repräsentieren die Gangster um „The Big Man“ (James Caan). Es könnten genauso gut statt Gangstern Vertreter staatlicher Institutionen sein, die über allem schweben. Entscheidend ist ihre Struktur, Organisation und Mentalität: Sie haben Waffengewalt, sie haben überhaupt Gewalt, sie haben Macht.

Und da sich Macht, wenn sie sich nicht gerade durch objektives Verhalten „äußert“ (also etwa durch unmittelbare Gewaltanwendung), als invisible hand erweist, also dadurch „darstellt“, dass sie sich nicht dar-stellt, nicht permanent physisch präsent ist wie der Burgvogt und seine Mannen in viel früheren Zeiten, haben wir alles zusammengenommen eine Situation, die man als durch die Art der Inszenierung bedingte vollkommene Beschreibung der modernen bürgerlichen Gesellschaft bezeichnen könnte. Fehlt nur noch – ja was? Die Religion?

Auch. Grace ist auch Religion. Aber sie ist weit mehr. Sie ist etwas, was in die oben beschriebene Gemeinschaft eindringt, wenn auch vorsichtig, behutsam, tolerant, ja demütig, eine Person, die sich den Bedingungen, die diese Gemeinschaft an sie stellt, unterwirft. Sie ist fremd, die Fremde, das Fremde. Sie ist anders, sie kommt woanders her. Und sie kann sich noch so zurückhaltend und devot verhalten: Sie dringt ein.

Schon mit diesem „Eindringen“ verändert sich die Gemeinschaft. Sie reagiert anders auf das Fremde als auf das Eigene. Bereits hier am Anfang wird deutlich, wie „Fremdes“ und „Eigenes“ überhaupt nicht nur begrifflich, sondern ganz praktisch als Unterscheidung entsteht. Es ist bereits angelegt in der Art und Weise, wie sich Gemeinschaft (zumindest diese und Millionen anderer ähnlicher Orte auf unserem Planeten) selbst definiert. Eigenhaben ist hier etwas Ausschließliches, etwas, was anderes und andere „eigentlich“ ausschließt. Hier liegt nicht nur der Grund für das, was wir Fremdenfeindlichkeit in einem engeren Sinn nennen. Es bezieht sich nicht nur auf „Ausländer“, sondern auf alles, was die Gemeinschaft zumindest potentiell „stören“ könnte.

Relevant wird dies allerdings erst an dem Punkt, an dem die Gemeinschaft ihre eigene Existenz einem gewissen Risiko ausgesetzt sieht (durch die Steckbriefe der Polizei). Das „Gleichgewicht“, das dadurch in Gefahr gerät, kann nur aufrechterhalten bleiben, wenn von dem Fremden respektive der Fremden zusätzliche Leistungen in diesem Sinne abverlangt werden. Grace wird zur Magd, zur Prostituierten, zur Unterschicht per se, die noch unterhalb aller steht, die im „Normalzustand“ Unterschicht repräsentieren. Sie wird zu einer eigenen Kategorie der Gemeinschaft. Paradoxerweise vollendet sich ihre Aufnahme in die Gemeinschaft eben gerade dadurch, dass man auf sie spucken kann, sie schlecht behandeln kann und dies auch tut:

„Wir tun das nicht gern. Aber wir
haben keine andere Wahl, wenn wir
unsere Gemeinschaft schützen wollen.“

Dass die Reaktionen von Grace auf diese ihr zugedachte Rolle – devotes Erdulden, Verzeihen, Gnadendenken – selbst in einem religiös gedachten Sinne ihr letztlich nichts nützen, macht geradewegs deutlich, wie wenig bis nichts diese Mentalität bedeutet. Lars von Trier, katholisch, desavouiert den Katholizismus. Es muss meinem Empfinden nach so sein, dass der Regisseur sich vielleicht in seinem Glauben nicht selbst in Frage stellt, aber zumindest die amtskirchliche Auslegung dessen, was Vergebung und einiges mehr bedeuten.

Für Grace kommt ein entscheidender Punkt, als ihr Vater, die Macht, zurückkehrt. Die Bewohner von Dogville erhoffen sich durch die Macht, sich der „Fremden“ entledigen zu können, ohne selbst Hand anlegen zu müssen. Und es ist Grace, die nach dem am Anfang knapp wiedergegebenen Gespräch mit ihrem Vater, vor dem sie geflohen war, all diese Hoffnungen zerstört. Die Rache verkleidet sich im Mantel der Macht. Grace selbst ist es, die dem gnadenlos gescheiterten Idealisten Tom, der zum Verräter wurde, zum Feigling, der seine eigenen Worte nicht ernst nimmt, den finalen Schuss versetzt. Grace legt ihre religiöse Ummäntelung ab. Sie stellt sich auf die Seite der Macht, wird selbst zur Repräsentantin der Macht. Gnade entpuppt sich als Gnadenschuss für die Bewohner von Dogville, die in ihrer Angst und Feigheit und in ihrer unzureichenden Fähigkeit, auf Dauer Macht über einen anderen ausüben zu können, selbst zum Opfer der Macht werden.

Die bürgerliche Gesellschaft reproduziert sich selbst. Denn Dogville ist nur ein Ort unter Millionen. Die Macht schlägt zu, nachdem Grace zu ihr übergetreten ist. Ist die Reproduktion der bürgerlichen Gesellschaft gewährleistet, wenn der Ausgleich zwischen Herrenmenschentum und kleinbürgerlicher Normalität wiederhergestellt ist, geht alles seinen gewohnten Gang. Das Fremde in Grace kapituliert vor dem Eigenen der Macht, indem sie sich dafür entscheidet.

Lars von Trier drückt uns diese Dinge knallhart vor die Augen. Und seine Schauspieler spielen mit, allen voran Nicole Kidman, die man kaum je besser gesehen hat.

„Dogville“ beantwortet keine Fragen. Der Film stellt Fragen. Dabei geht es weniger um Täter und Opfer, sondern um die Struktur einer Gesellschaft und ihr Zentrum, die Macht, die Täter und Opfer erzeugt. „The Big Man“ zieht seine Tochter Grace auf seine Seite, indem er schwindelt, oder besser: indem er den Individualismus predigt. Ein Mörder hat nichts anderes verdient, als zu sterben. Grace kann mit ihrer Position der „Barmherzigkeit“, der Berücksichtigung der Umstände, unter denen jemand zum Mörder wird, nicht punkten. Denn zum einen ist sie selbst tief gedemütigt worden und hat dies widerstandslos ertragen, aber nicht überwunden. Zum anderen formuliert sie Barmherzigkeit als etwas Absolutes, so dass die individuelle Schuld desjenigen, der z.B. zum Mörder wird, ausgeblendet bleibt.

In diesem Kontext gewinnen die Schlussbilder des Films mit Protagonisten des Verarmungsprozesses in Amerika ihre doppelte Bedeutung: sie sind Opfer, aber eben oft zugleich auch Täter, die auf andere, die noch weiter unten stehen, treten: white trash. Und arme Schwarze, die sich in Religion, Gewalt und Kriminalität ergehen.

Macht ist eben, um mit Foucault zu sprechen, nicht so sehr ein Mittel der „herrschenden Klasse(n)“, sondern vor allem das Zentrum einer Gesellschaft, um das wir uns alle gruppieren. Macht reproduziert sich nach unten, und es käme angesichts der Strukturen dieser Gesellschaft einem Wunder gleich, wenn für den untersten nicht noch jemand gefunden werden könnte, der noch weiter unten steht.


Wertung:
10/10 Punkte

Quelle: Follow-me-now.de / Ulrich Behrens

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