Strange Days

OT: Strange Days - 145 Minuten - SciFi / Thriller
Strange Days
Kinostart: 01.02.1996
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Strange Days

Von am

Eine massenuntaugliche Utopie zum Millenium lieferte Regisseurin Kathryn Bigelow („Point Break“, „K-19: The Widowmaker“) zusammen mit ihren ehemaligen Ehemann James Cameron (Drehbuchautor und Produzent) bereits 5 Jahre vor dem eigentlichen Jahrtausendwechsel, traf mit diesem schweren, düsteren Tobak im Kino seinerzeit aber kaum auf Gegenliebe und so wurde er dann auch erst zum Jahreswechsel 1999/2000 wiederentdeckt und wiederaufgeführt. Rückblickend bleibt es natürlich nach wie vor interessant, wie man sich 1995 unsere mögliche Zukunft vorgestellt hat.

Verständlich ist die damalige Missachtung des Stoffs schon ein wenig, denn um ihn zu genießen, muss man sich drauf einlassen. Das ist nicht leicht, denn „Strange Days“ offenbart in der ersten Hälfte eine ungeheuer komplexe, sich aus vielen Fäden zusammensetzende Story, die erst in der zweiten Hälfte zu einem Ganzen verknüpft wird. Das hier gezeigte Los Angeles ist nicht mehr weit von den Zuständen der biblisch fest gehaltenen Sodom und Gomorra entfernt. Die gesellschaftlichen Strukturen brechen zusammen, ein Rapper ruft zur Revolution gegen den Polizeistaat auf und Gewalt und Verbrechen regieren die Stadt. Längst hat sich die Bevölkerung in reich und arm aufgespalten. Die Regierung ist nicht mehr in der Lage dem brodelnden Kessel Einhalt zu gebieten und fährt zusätzlich Militär auf, was die Bevölkerung wiederum als Provokation ansieht.

Bigelow zeigt Los Aangeles als eine düstere, vor grellen Neonbeleuchtungen, strahlende, kalte, seelenlose Stadt, die im Chaos zu versinken droht. Schmierige Clubs und Diskotheken voll stranger Figuren dominieren das Bild. Dampf zieht durch die Gullys und vernebelt die Straßen. Kein Platz an dem man sich sicher fühlt und erst recht keiner an dem man Silvester verbringen möchte. Der Niedergang der Gesellschaft, genauer der Unter- und Mittelschicht, scheint sich unaufhaltsam fortzusetzen. Ihr letzter Kick ist keine Droge im eigentlichen Sinn, sondern SQUIDs. Kleine Discs, die Erlebnisse anderer Menschen (von Sex bis Raubüberfälle) gespeichert haben und die Benutzer über ein futuristisches Headset, wirklichkeitsnah nachempfinden lassen. Die Realität ist hier kaum noch existent, alles flüchtet sich in die Sinne killenden Partys und Exzesse. Es fehlt nur der Tropfen, der das Fass zum überlaufen bringt. Die wackelige, hektisch umherwandernde Kamera versteckt nichts, bricht sämtliche Tabus hinsichtlich Sex & Violence – vielleicht ein Schritt zu weit für das prüde amerikanische Publikum.

Der ehemalige Cop Lenny Nero (Ralph Fiennes, „The Avengers“, „Red Dragon“) ist als SQUID-Dealer ganz groß im Geschäft, handelt mit den schmierigsten Aufnahmen und macht damit die große Kohle. Doch längst ist er seiner eigenen Ware verfallen. Bei dem Versuch seine alte Liebe Faith (Juliette Lewis, „From Dusk Till Dawn“, „The 4th Floor“) zurück zu gewinnen, stolpert er in ein Wespennest, das brisanter in dieser Nacht kaum sein könnte. In „Strange Days“ gibt es keine schillernden Helden oder Anti-Helden, sondern nur Individuen, die von ihren Instinkten voran getrieben werden – stets um den eigenen Vorteil bedacht. Nero schien sich in dieser Welt bisher zurecht zu fühlen, als ihm jedoch eine Disc in die Hände gespielt wird, die ihm den perversen Tod von Faiths bester Freundin zeigt, geraten seine Wertvorstellungen ins Wanken. Mit Hilfe von Mace (Angela Bassett, „Contact“, „Supernova“), der kampferprobten Angestellten eines Sicherheitsfahrdienst, macht er sich auf, um seine Ex aus den Fängen von ihrem jetzigen Promoter Gant (Michael Wincott, „The Crow“, „Alien: Resurrection“) zu befreien. Doch die will nicht und er ahnt nicht mal ansatzweise etwas von Mace's Zuneigung...

Mitdenken ist für den Zuschauer unumgänglich, denn einmal den Faden verloren ist es schwer abseits von Neros verhunzten Liebesleben wieder Fuß zu fassen. Irgendwie haben nämlich alle Personen und Ereignisse etwas miteinander zu tun. Die Entwicklung des Plots hält einige Überraschungen parat und lässt sich, sofern man einen deutlichen Hinweis außer Acht lässt, bis zum Finale nicht vorhersehen. Das liegt vor allem am unberechenbaren Verhalten der Figuren selbst, denn die werden einerseits von ihren Gefühlen, anderseits vom letzten Rest Ehre und Verstand getrieben. Nero selbst macht beispielsweise eine Wandlung vom egoistischen, windigen Dealer zum rechtschaffenen und Gerechtigkeit bemühten Beinahe-Helden durch. So bleibt „Strange Days“ bis zum Ende undurchschaubar in seinem Ausgang. Angesichts der Übermacht von Negativcharakteren kann diese Nacht für jeden die Letzte sein. Enden soll es dann in den überfüllten Straßen von Los Angeles. Pünktlich um 0:00 Uhr!

Ralph Fiennes gibt eine aalglatte Vorstellung als schmieriger Dealer, der sich ganz nach seiner verlorenen Liebe verzehrt und dabei gar nicht sieht, wie nah sein Glück in Person von Angela Bassett doch ist. Die muskelbepackte Frau hat nicht nur Herz und Hirn, sondern vermag auch auszuteilen und rettet Nero mehrmals das Leben. Während Juliette Lewis nur ein weiteres Mal die nuttige zutiefst unsympathische Edel-Schlampe gibt und Michael Wincott seit „The Crow“ keine Probleme mehr hat, in seine Paraderolle des widerlichen Unsympaths zu schlüpfen, darf Tom Sizemore („The Relic“, „Saving Private Ryan“) mal wieder auf seine unverkennbare Art (und zudem mit abgefahrener Frisur) einen abgehalfterten Privatdetektiv geben. Der Cast ist, auch wenn ihm der große Name fehlt, erlesen, spielt gut und müht sich redlich die kaputte, vor Egomanen strotzende, Gesellschaft wiederzugeben. Insbesondere die zwar nur in Nebenrollen zu sehenden, aber als Auslöser enorm wichtigen Vincent D’Onofrio („Men in Black“, „The Salton Sea“) und William Fichtner („Armageddon“, „The Perfect Storm“) geben als diabolisches, untriebiges Cop-Duo alles.

Fazit:
Atmosphärisch umwerfende, inzwischen temporär natürlich längst eingeholte, pessimistische Zukunftsvision, die visuell wie akustisch eine bizarre, aus den Fugen geratene Gesellschaft zeigt. Die sich nur noch dem Vergnügen hingebenden Menschen versinken langsam aber sicher, ohne es zu merken, in chaotische Anarchie und sind in ihren Handlungen nur noch selbstfixiert. Der spannende Thrillerplot, der dem Publikum aufgrund seiner Komplexität (Personen wie Motive) zunächst Geduld abfordert, ist nicht nur intelligent erzählt, sondern richtet sich kaum nach Konventionen und Kassentauglichkeit. Das Potential zum modernen Klassiker ist vorhanden. Lassen wir den Schinken noch ein paar Jahre ruhen. Vielleicht wird diese Utopie dann Wirklichkeit.

 

Wertung:

8/10 Punkte

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Ø Wertung: 8.2/10 | Kritiken: 0 | Wertungen: 5
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