Network

OT: Network - 121 Minuten - Mediensatire
Network
Kinostart: 10.03.1977
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Network

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„Wir machen kein seriöses Programm.
Wir sind ein Nuttensender, der alles
nimmt, was er kriegt."
(Frank Hackett)

„Die ‚Gemeinplätze’, die im alltäglichen
Gespräch eine enorme Rolle spielen,
haben den Vorteil, dass jedermann
sie aufnimmt und augenblicklich
versteht: Aufgrund ihrer Banalität
sind sie dem Sender wie dem
Empfänger gemeinsam. Im
Gegensatz dazu ist Denken von
vornherein subversiv: Es muss damit
beginnen, die ‚Gemeinplätze’ zu
demontieren, und damit fortfahren,
dass es demonstriert, Beweise führt.“
(Pierre Bourdieu) (1)

Ein medialer Reigen tut sich auf. Der Einsatz der Splitscreen-Technik verstärkt dies noch. Es herrscht Quote. Der Name Howard Beale ist auch noch heute bei vielen eine Art Synonym für die Künstlichkeit einer Welt, die das Fernsehen schafft - bei jenen, für die der Film Sydney Lumets noch in Erinnerung ist. Aber auch ein Synonym für die Tragik eines medialen Helden, einer Kunstfigur, hinter der der Mensch Howard Beale zugrunde gerichtet wurde und sich selbst zugrunde richtete.

„Network” ist eine Art Tragikomödie, eine Satire, fast, aber nur fast eine Farce - fast, weil sich hinter dem ganzen gezeigten Rummel eine Dramatik auftut, in der nicht nur Howard Beale (Peter Finch) seine Selbstachtung verliert. Er, über Jahre hinweg der absolute Star der Nachrichtenabteilung einer dieser monumentalen amerikanischen Fernsehanstalten neben ABC, CBS, dem erfundenen UBS, steht vor dem Aus – die Quote für seine Sendung sinkt rapide, und sein bester Freund und direkter Vorgesetzter Max Schumacher (William Holden in einer seiner besten Rollen) muss ihm verkünden, dass Howard gefeuert ist. In einer seiner letzten Sendungen kündigt er an, am nächsten Dienstag werde er sich vor der Kamera umbringen.

Inzwischen allerdings weht der Wind von einer anderen Seite. Einer der größten Konzerne des Landes mit dem nichts sagenden Kürzel CCA hat sich bei UBS eingekauft. Und der von CCA zu UBS gesandte „Terminator” Frank Hackett (Robert Duvall) kennt nur ein Ziel: Alles raus aus dem Sender, was kein Geld bringt, vice versa. Die Nachrichtenabteilung und damit auch Max hat Hackett vor allem im Visier. Auf einer Aktionärsversammlung verkündet er indirekt die Entmachtung von Max. Der Direktor des Senders, Ruddy, der noch nicht ahnt, dass er selbst kalt gestellt werden soll, ist bereits entschlossen, Max zu entlassen, weil der Howard Beale erlaubt hat, noch einmal nach seiner öffentlichen Selbstmordankündigung in der Sendung aufzutreten. Und Beale, verzweifelt, seinen Job, seine Lebensaufgabe verloren zu haben, redete sich seinen ganzen Frust von der Seele.

„Du bist eine von Howards
Retortenmenschen. Ich werde kaputt
gehen, wenn ich bei dir bleibe. ... So
wie alles, was du und das Fernsehen
anrühren, kaputt gehen wird. Du bist
die Verkörperung des Fernsehens, Diana,
gleichgültig gegenüber dem Leid,
unempfindlich gegenüber der Freude.
Das ganze Leben ist reduziert auf
eine Anhäufung von Banalitäten.”
(Max zu Diana)

Doch es kommt anders. Die Leiterin einer anderen Abteilung, Diana Christensen (Faye Dunaway), hat eine blendende Idee: Warum Beales Auftritt nicht perpetuieren. Schließlich stieg die Quote nach seinem letzten Auftritt drastisch, die Presse berichtete breit über den Frust-Kommentar. Sie bequatscht Hackett, die Nachrichtensendung völlig anders zu gestalten und Beale mit seinem Die-Schlechtigkeit-der-Welt-Anprangern ins Zentrum zu stellen. Aus der Nachrichtensendung soll eine Show werden. Diana will auch Max für diesen Plan gewinnen, doch der lehnt ab und wird prompt von Hackett gefeuert. Max ahnt, was auf den Sender mit CCA und was auf Beale zukommt. Er weiß, dass das alles Beale kaputt machen wird. Und gleichzeitig fühlt er sich zu Diana hingezogen, schläft mit ihr, verlässt später seine Frau und zieht mit Diana zusammen - auch wenn er inzwischen aus dem Geschäft ist.

Die Quote für die Nachrichtenshow steigt. Beale ruft sein Publikum auf: „Ihr müsst erst einmal wütend werden. Reißt euer Fenster auf und schreit hinaus: 'Ihr könnt mich alle am Arsch lecken. Ich lass mir das nicht länger gefallen'.” Und die Leute tun es. Beale hält sich inzwischen für einen Auserwählten, einen, den die Energie des Universums erfasst habe. Und Max? Er kann nur zuschauen, was aus seinem Freund wird und was aus seiner Beziehung wird - und was aus den Medien wird ...

„Krieg, Mord, Tod sind für dich dasselbe wie
Bierflaschen. Und der täglich ablaufende
Vorgang des Lebens ist eine korrupte
Komödie. Und selbst die Sensationen
von Zeit und Raum splitterst du auf
in Sekundenbruchteile und sofortige
Wiederholungen. Du bist der Wahnsinn,
Diana. Ansteckender Wahnsinn. Alles,
was du berührst, stirbt mit Dir. Aber
ich nicht - nicht solange ich noch so
etwas empfinden kann wie Freude,
Schmerz und Liebe."
(Max zu Diana)

Als „Network” 1976 in die Kinos kam, schlug es ein wie eine Bombe. Lumet kannte kein Pardon bei seiner sarkastischen Kritik am Fernsehen, mit der Beherrschung der Szenerie durch die Quote, dem einzigen entscheidenden Faktor für die Gestaltung des Programms, ein Faktor, der das Medium zu einer Anstalt verkommen lässt, in dem alles gemacht werden soll, was Quote und damit Geld bringt. So kommt Diana auf die Idee, eine Serie zu terroristischen Anschlägen und den sie ausführenden Gruppen, hier der „Ökumenischen Befreiungsfront”, zu produzieren. Denn diese Gruppe hatte einen ihrer Banküberfälle selbst gefilmt und dem Sender den Film geschickt. Sie überredet die Kommunistin Hobbs (Marlene Warfield) und den Führer der anarchistischen Gruppe, den „großen” Ahmed Khan (Arthur Burghardt), sie dabei zu unterstützen und selbst im Programm aufzutreten.

Hackett ist der personale Inbegriff einer neuen Generation von „Fernsehmachern”, ein skrupelloser Geldmacher, dem alles egal ist – außer der Quote. Auch Beale ist ihm gleichgültig. Hackett ist der Inbegriff der Gleichgültigkeit. Und Diana. Unfähig zu irgendeinem echten Gefühl ist sie bereit, alles zu verkaufen, was UBS an die Spitze bringt.

Vieles an „Network” erinnert an das 1970 von Wolfgang Menge geschriebene und von Tom Toelle in Szene gesetzte „Das Millionenspiel”, in dem in einer Todesshow drei Killer einen Mann durch die Landschaft bis ins Studio jagen, wobei dem Gejagten entweder der Tod oder ein Geldsegen winkt. „Network” ist in ähnlicher Weise vorausschauend im Hinblick auf die weitere Entwicklung der Medien – der Jagd nach dem scoop, dem Knüller, der abseits jeglicher Qualität die Quote hochtreibt.

Lumet geht aber noch weiter. Er zeigt in der eigentlich tragischen Figur Max Schumacher, einem Insider, wie dieser nicht nur seinen Job verliert, weil er bei diesem Spiel nicht mehr mitmachen will, sondern auch seine Ehe aufs Spiel setzt, weil er unsterblich in Diana verliebt ist. Und doch muss er erkennen, dass auch Dianas Privatleben nicht von Gefühlen, von Leben bestimmt ist, sondern von Inszenierung, von Show. Und ebenso wie die Zuschauer von UBS sich dieser Show, dieser virtuell inszenierten Wirklichkeit hingeben, ebenso gibt sich Howard Beale seiner eigenen Inszenierung hin – bis die Quote sinkt, weil er nur noch in depressiven Stimmungen die Verlorenheit aller Menschen beklagt.

Lumet visualisiert deutlich, worin die Macht des Mediums tatsächlich besteht und welche Auswirkungen dies für die Konsumenten wie für die Insider hat. Er nimmt damit vieles von dem voraus, was sich später tatsächlich (jedenfalls teilweise) ereignen sollte. Das Medium verkauft alles, selbst die Taten derjenigen, die zu erklärten Feinden nicht nur des Mediums, sondern der Gesellschaft selbst gehören. Beale kann im Medium selbst über das Medium herziehen. Ja, noch mehr. Er kann dort über die Finanzierung von CCA durch saudi-arabisches Geld berichten, was zwar Hackett stört, aber nicht den Chef von CCA Jensen. Der hält Beale einen Vortrag über sein Ziele: Das Erreichen von Globalität. In einer Zeit, in der von Globalisierung noch keine Rede war, schreit Jensen es in Lumets Film bereits hinaus: Die neue Macht auf Erden werden die global operierenden Konzerne sein. Und denen ist es egal, was im Fernsehen „berichtet“, gezeigt wird – solang es an ihrer Macht nicht kratzt.

Wie eine schleichende Macht überzieht das Medium die Gesellschaft, und aus der Lebenswirklichkeit wird eine mediale Wirklichkeit – schneller als es manche merken können. Nur Max Schumacher erkennt die enormen Risiken – und ist dem gegenüber doch machtlos. Die sich abzeichnende (ökonomische) Globalisierung – das zeigt der Film in Ansätzen bereits deutlich – korrespondiert mit der Ersetzung der Lebenswirklichkeit und der verschiedenen Lebenswelten durch eine allumfassende mediale Realität. Dass dies so sein muss, liegt in der Logik der Dinge: Wenn eine Strukturierung der Welt durch das Spinnenetz multinationaler Konzerne, die keine Grenzen in jeder Hinsicht kennen, Erfolg haben will, wenn der Ort von Wahrheit und Wahrhaftigkeit sich verschiebt von unabhängigen Wissenschaften und von jedem zugänglichen Diskursen hin zu diesen Unternehmen, dann benötigt es einer Absicherung dieser Macht durch entsprechende Mittel der „Wahrheitsgestaltung“ – Medien, die zweierlei „perfekt“ zugleich erfüllen: sie bringen Geld und sie bestimmen, was wahr ist und was nicht, was wichtig ist und was nicht usw. Dass dies in Reinform und in dieser Absolutheit nie geschehen ist, ändert nichts daran, dass es in dieser Hinsicht weit gekommen ist.

Es bewahrheitet sich im Film, was Jahre später Pierre Bourdieu in seinen Essays über das Fernsehen ausführte: Jedes Ereignis – wenn es denn überhaupt quotenverdächtig ist – wird nicht nur einfach zu einer Nachricht zurecht gestutzt, nein, es wird in einen sensationsheischenden Event verwandelt. Die gekünstelte Show ersetzt die Information, das „Äußere” ersetzt das „Innere”, die Form beherrscht den Inhalt. So wie Diana dies bezüglich der „Ökumenischen Befreiungsfront” einmal deutlich sagt: Was die Gruppe vertrete, sei ihr völlig egal; Hauptsache, die Show mit der Gruppe stimmt. Die Ereignisse, die Tragik des Lebens, aber auch die Freude des Lebens werden ihrer Vitalität entkleidet; es bleibt eine hohle, inhaltsleere Knüller-Mentalität, ein adrenalintreibender scoop, ein kurzzeitiger Event, der nur in stetiger Wiederholung Permanenz garantiert und damit als Surrogat für die Permanenz des wirklichen Lebens wirken kann.

Während in „Das Millionenspiel” am Schluss Bernhard Lotz gerade noch einmal mit dem Leben davon kommt, ereilt Howard Beale der inszenierte Tod: Weil der Chef von CCA Beale persönlich in dessen Show gut findet und ihn nicht fallen lassen will, entscheiden sich Hackett und Diana dafür, ihn den Medientod sterben zu lassen: Mitglieder der „Ökumenischen Befreiungsfront” erschießen ihn während einer Nachrichtenshow. Auch das bringt Quote – und schafft Endgültigkeit. Das virtuelle Leben hat das wirkliche eingeholt. Der Tod Beales ist echt. Oder sind wir auch hier wieder getäuscht worden und alles war Inszenierung? Ich fürchte: nein. Und dieser Akt der Grausamkeit, der Quoten-Grausamkeit ist nur konsequent, was die Logik der Quotenjäger angeht – so wie Menges Fernsehshow auch.

Neben William Holden glänzen in „Network” Peter Finch als langsam, aber sicher dem Wahnsinn verfallender Howard Beale, Faye Dunaway als in die inszenierte Welt des Mediums völlig integrierte Diana Christensen und Robert Duvall als skrupelloser Vertreter der CCA.


Wertung:
10/10 Punkte

Quelle: Follow-me-now.de / Ulrich Behrens

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