Bad Lieutenant - Cop ohne Gewissen (2009)

OT: Bad Lieutenant: Port of Call New Orleans - 121 Minuten - Crime / Drama / Persiflage / Komödie
Bad Lieutenant - Cop ohne Gewissen (2009)
Kinostart: 25.02.2010
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Bad Lieutenant - Cop ohne Gewissen

Von am

Shoot him again. His soul is still dancing!

 

What the fuck? Also hiermit hätte wohl keiner gerechnet. Der deutsche Regieexzentriker und Arthouselegende Werner Herzog dreht ein Remake von Abel Ferrara’s Bad Lieutenant. Oder anders: Ein ernster Filmemacher interpretiert einen sehr ernsten Stoff neu. Dass dabei eine der absurdesten und fabelhaftesten Grotesken des Jahres herauskommen würde war wohl kaum abzusehen. Aber mit Bad Lieutenant – Cop ohne Gewissen beweißt Herzog erneut, dass man bei ihm nur das Unerwartete erwarten darf, und dass er den Hang zu Experimenten noch nicht verloren hat. Hinzu kommt noch, dass Herzog einem angeschlagenen Nicolas Cage die vielleicht beste Leistung seiner Karriere entlockt.

 

Hurrikane Katrina bricht über New Orleans herein: Cop Terence McDonagh (Nicolas Cage) diskutiert mit seinem Kollegen Stevie (Val Kilmer) ob es sich rentiert einen Häftling aus dem verlassenen Gefängnis zu retten, der in Begriff ist in seiner Zelle zu ertrinken. Schlussendlich überwindet sich McDonagh doch dazu dem Gefangenen zu helfen. Als Dank bekommt er eine Beförderung und ein Rückenleiden. Als Lösung bieten sich jede Menge Drogen an, die er einfach den Verdächtigen abnimmt, und für sich selbst behält. Als er jedoch auf ein Massaker angesetzt wird, das er mit Drogenboss Big Fate (Xzibit) in Verbindung bringen will, läuft sein Leben endgültig aus dem Ruder. Mit seiner Freundin, der Prostituierten Frankie (Eva Mendes) gibt es Probleme, und sein Buchmacher (Brad Dourif) ist auch nicht begeistert, dass er alle Wetten verliert, aber anstatt seine Schulden zu tilgen immer weiterwettet…

 

Abel Ferrara, Regisseur des Originals, war alles andere als begeistert, als bekannt wurde, dass sein Baby neu verfilmt werden soll. Was folgte war eine mediale Schlammschlacht, zu der Werner Herzog nur zu sagen hatte, dass er das Original überhaupt nicht kenne, Abel Ferrara ihm auch nicht wirklich etwas sagt, und dass sein Bad Lieutenant folgerichtig kein Remake wird, sondern lediglich eine neue Interpretation einer Idee. Manch einer (inklusive mir selbst) war dabei aber sehr skeptisch, ob eine Neuauflage des Bad Lieutenant, in welcher Form auch immer, überhaupt funktionieren kann, und die Trailer zum Film sorgten dabei auch vor allem für Verwirrung. Dass Herzog, eigentlich ein klassischer Autorenfilmer, dabei auf ein fremdes Drehbuch zurückgriff, wirkte auch nicht unbedingt beruhigend.

 

Doch Kommando zurück, all diese negativen Vorzeichen sind völlig wertlos. Denn Werner Herzog dürfte das Original wirklich nicht gesehen haben, und abgesehen von einem abwegigen Cop in der Hauptrolle, hat sein Bad Lieutenant wirklich gar nichts mit dem fast schon apokalyptischen Drama von Abel Ferrara zu tun. Manch einer mag dabei befürchten, dass sich Herzog am Mainstream anschmiegt, da er den harten Grundton des Originals vollständig entfernt hat. Auch die Besetzung mit Nicolas Cage, Xzibit, Eva Mendes und Val Kilmer lässt das Publikum im Glauben in einem Mainstream Film zu sitzen, was auch durch die veröffentlichten Poster, Bilder, Videos, usw. verstärkt wird. Doch das ist keineswegs ein Einbruch von Herzog, sondern lediglich ein geschickter Schachzug.

 

Denn Bad Lieutenant – Cop ohne Gewissen ist ein einziges, gewaltiges Spiel mit der Erwartungshaltung des Zusehers. Es wird zunächst der Eindruck von Mainstream erweckt, und Herzog tatstet sich auch tatsächlich an die Mechanismen des Mainstreamkinos heran. Doch wo andere stur weitertrampeln, schlägt er Haken, verblüfft und driftet in die seltsamsten Richtungen ab. Da deutet er den im Crime-Genre klassischen, großen Fall an, eben jener Fall der im Original die Charakterwandlung Harvey Keitels einläutete, nur um sich im Endeffekt überhaupt nicht für diesen Fall zu interessieren. Stattdessen handelt es sich nur um einen Aufhänger, um sich an die Fersen des völlig durchgeknallten Bad Lieutenant zu hängen.

 

Die Show die Herzog dabei abzieht, ist auch wahrlich schwer in Worte zu fassen, und wird so manchen Zuseher verblüffen. Denn Herzog lotet hier, wie man es von ihm kennt, die Grenzen des Wahnsinns aus, und watet auf den Pfaden einer verlorenen Seele. Ein wesentliches Stilmittel um diesen Wahnsinn dabei ins Publikum zu übertragen ist die gnadenlose Groteske, der hier jede Handlung untergeordnet ist. Herzog spielt dabei vor allem mit dem Genre, und lässt seine Hauptfigur auf völlig absurde Weise Verdächtige hochnehmen, und führt den Film schließlich zu einem Finale, das in seiner durchgeknallten Auflösung fast schon wie ein Wunschtraum wirkt, aber eben völlig ernst gemeint ist. Und das ist eben auch eine grandiose Stärke Herzogs: Er macht das, was sich andere nie trauen würden, und schafft es damit zu verblüffen.

 

Die größte Stärke des Films wurde dabei aber noch gar nicht erwähnt. Denn als erster Regisseur seit Jahren schafft es Werner Herzog das Talent von Nicolas Cage wieder auszuschöpfen. Manch einem wird ja schon aufgefallen sein, dass Cage in den letzten Jahren in seinen Rollen immer etwas deplatziert wirkte, so als würde er eigentlich gar nicht in die filmische Welt passen. Alleine durch seinen stets nervösen und irgendwie unpassenden Gesichtsausdruck, verstärkte Cage den Eindruck, dass er irgendwie nicht mehr der Alte ist. Doch das ist nun vergeben und vergessen, denn Werner Herzog beweist erneut sein unglaubliches Talent, und kitzelt aus Cage eine Leistung heraus, die meiner Meinung nach, die beste seiner bisherigen Karriere ist.

 

Und dies erreicht er dadurch, dass er die Schwächen von Cage in seine Stärken umwandelt. Denn auf gewisse Weise wirkt Cage auch hier leicht abwesend, und unpassend, und genau dies passt eben verdammt gut zu seiner Rolle. Hinzu kommt, dass Herzog Cage genau dort weiter pusht, wo andere Regisseure wohl die Handbremse angezogen hätten, was zu den eher zweifelhaften Leistungen von Cage’s jüngerer Vergangenheit geführt hat. So scheucht er Cage förmlich durch diese verrückte Welt, und dieser wandelt mit fast schon fiebriger Verve durch die Szenen und bringt dabei das Äußerste auf die Leinwand. Auf der einen Seite ist das schon fast eine neue Dimension von overacting, auf der anderen Seite passt dies aber fabelhaft in Herzog's Film, und so bietet Cage genau das wahnsinnige Medium, durch das Werner Herzog seine kreative Kraft aufs Publikum übertragen kann. Diese Performance ist zittrig, energiegeladen, wahnsinnig und eben absolute Meisterklasse. Cage war nie besser.

 

Bad Lieutenant – Cop ohne Gewissen verbindet dabei geschickt Mainstream und Arthouse, spielt beide Filmgattungen gegeneinander aus, nähert sich beiden an, und findet irgendwo dazwischen einen eigenen Weg, der uns auf ungewohnte Pfade führt. Das zeigt sich auch, wenn Herzog zwischen den prächtigen Bildern des Post-Katrina New Orleans Zeit findet um experimentelle Tieraufnahmen in seinen Film zu integrieren, oder wenn er die Seele eines Erschossenen tanzen lässt. Das alles ist eben pure kinetische Energie, und Herzog wandelt dabei nicht nur zwischen Arthouse und Mainstream, sondern auch zwischen Genie und Wahnsinn. Das alles garniert er auch noch mit einer absurd komischen Persiflage auf das Crime-Genre, ein wenig durchgeknallte Amerikakritik und natürlich allen voran einfach den äußerst gelungenen Versuch sein Publikum zu unterhalten. Und dies alles gelingt Werner Herzog auf höchst erfrischende Weise.

 

Fazit:

Wer Werner Herzog’s Bad Lieutenant mit dem Original von Abel Ferrara vergleicht, hat von vorne herein verloren. Denn Herzog geht in jeder Hinsicht seinen eigenen Weg, und kreiert einen Film voll absurder Komik, und einer Gratwanderung zwischen Genie und Wahnsinn. Herzog lotet dabei die Grenzen aus, und pusht vor allem Nicolas Cage zu einem neuen Karrierehöhepunkt. Dabei schafft er es neue Wege zu beschreiten und sein Publikum zu verblüffen. Bad Lieutenant zappelt sich dabei energiegeladen durch eine unbedeutende Story, und verliert sich stattdessen im Wahnsinn seiner Hauptfigur. Das Ganze ist in höchstem Maße eigenwillig, wahnsinnig, unerwartet und großartig, vor allem aber verdammt unterhaltsam. Oder hat man sonst schon einmal einen Film gesehen, in dem die "Lucky Crackpipe" des Ermittlers den Ausgang des Falls entscheidet?

 

Wertung:

9/10 Punkte

Filmering.at
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Ø Wertung: 7.6/10 | Kritiken: 2 | Wertungen: 25
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