A Serious Man (2009)

OT: A Serious Man - 105 Minuten - Tragikomödie
A Serious Man (2009)
Kinostart: 22.01.2009
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu A Serious Man

Von am

“Receive with simplicity everything that happens to you.”

- Rashi

 

Es ist schon im höchsten Maße beeindruckend, dass die Coen Brüder, immerhin mittlerweile Oscarpreisträger und Kumpel von unzähligen Stars, immer noch diese rohe Liebe fürs Kino aufbringen, um zwischen ihren großen Produktionen kleinere Arthouseperlen einzuschieben (und ja, auch ihr Oscarabräumer No Country for Old Men fällt, trotz starker Besetzung, in diese Kategorie). Ihr neuster Streich A Serious Man ist aber noch eine Spur mehr in die Independent-Schiene verstrickt. Einmal ganz davon abgesehen, dass sie auf große Namen völlig verzichten, ist ihr Thema und ihre herangehensweise äußerst ungewöhnlich, erweist sich aber bei näherem Hinsehen als sehr gelungen.

 

Wir schreiben das Jahr 1967: Jefferson Airplane ertönt aus den Radios, F-Troop strahlt von den TV-Schirmen. Larry Gopnik (Michael Stuhlbarg), ein Physikprofessor, der in einem Vorort im Mittleren Westen der USA lebt, meint sein gewöhnliches Leben halbwegs unter Kontrolle zu haben. Doch da offenbart ihm seine Frau Judith (Sari Lennick) plötzlich, dass sie in einen anderen Mann verliebt ist, dem weitaus älteren Sy Ableman (Fred Melamed). Auf seinen Wunsch hin will sie Larry zu einem Gett überreden, einer rituellen Scheidung. Doch auch ansonsten droht Larry’s Welt gewaltig aus den Fugen zu geraten…

 

Willkommen im Tal der Wahnsinnigen. Die Coen Brüder sind seit jeher dafür bekannt in ihren Filmen äußerst schräge Figuren einzubetten, diesen durchgeknallte Dialoge in den Mund zu legen, und durch völlig skurrile Situationen zu hetzen. A Serious Man macht dabei keine Ausnahme, bekommt aber hierbei eine weitere hoch interessante Ebene, da die Coens ihre eigene jüdische Vergangenheit verarbeiten, und dabei auf eine Mischung aus liebevoller Hommage und kecker Karikatur setzen.

 

Denn das Judentum, in all seinen Traditionen und Riten nimmt einen Wesentlichen Stellenwert im Film ein. Die Coens sind sich dabei sehr wohl bewusst, dass die eigenwilligen Sprachmuster und Vorgehensweisen innerhalb der jüdischen Gemeinde für Aussenstehende eine sehr amüsante Wirkung haben (sie zeigen dies aber nachdrücklich mit Respekt, ohne sich über die Religion lustig zu machen) und selbst Leute die innerhalb der Gemeinschaft stehen sind scheinbar nicht wirklich mit allen Eigenheiten vertraut (She want’s a gett – A What???). Die Coens spielen dabei gekonnt mit den diversen Riten, und sorgen dabei für gelungene Unterhaltung.

 

Ursprünglich war es übrigens die Idee einen Kurzfilm, rund um die Bar Mitzwa von Danny zu drehen, dem jüngsten Spross von Larry. Aus diesem Gedanken, sind aber viele weitere Ideen gesprossen, sodass die ursprüngliche Ausgangslage im fertigen Spielfilm nur mehr ein kleiner Handlungsstrang ist. Denn die Coen-Brüder fanden größere Freude daran, sich auf die Lebenskrise von Larry zu stürzen, und ihn durch eine Vielzahl von Prüfungen zu schicken. A Serious Man zeigt nämlich auch, dass man sich im Leben nichts sicher sein kann, und stets mit dem Unerwarteten rechnen muss. Larry muss dies durch zahlreiche Ohrfeigen, die ihm das Schicksal verpasst, am eigenen Leib erfahren.

 

Mit zahlreichen Anspielungen, die uns die Coens in Form der Figuren präsentieren, z.B. dass man das Mysteriöse akzeptieren muss, und nicht auf alles eine Antworten erwarten soll, bereiten uns die Filmemacher übrigens gleich im Laufe des Films auf ein offenes Ende vor. Dies steht auch in der Tradition, dass man eben mit allem rechnen muss, überlässt es aber dem Zuseher die Fäden der Geschichte weiter zu spinnen. In diesem Sinne ist A Serious Man auch wie ein Besuch in einer fremden Subkultur zu sehen, mit dem man auf keinen Fall alle Facetten abdecken kann, sondern nur kurz in die Welt der Figuren schnuppert.

 

Dass es den Coens dabei vor allem um die Schilderung der jüdischen Gemeinschaft geht, zeigt auch der großartige Prolog, der völlig in jiddisch gedreht ist. Hier servieren uns die Coens nämlich eine selbst erfundene jiddische Fabel, die völlig unabhängig vom Rest des Films zu betrachten ist, und die uns gleich die zwei wesentlichsten Aspekte des Films vorstellen: Auf der einen Seite sollen wir in die jüdische Gemeinschaft abtauchen, und ihre Eigenheiten kennen lernen, auf der anderen Seite werden uns aber auch zahlreiche völlig durchgeknallte Situationen geboten, die mit einem solch absurden Humor garniert sind, wie ihn eben nur die Coens auf die Leinwand bringen können.

 

Da werden lange und breit Geschichten erzählt, die bis ins kleinste Detail rekonstruiert werden, nur um dann am Ende zu sagen, dass dies eigentlich völlig unnütz war. Da wird gekonnt mit Figurenklischees gespielt (man denke nur an den neuen Geliebten von Judith), und es wird ein gewisser Subtext eingeflossen, der erklärt, dass sich mit Mathematik und Wahrscheinlichkeitsrechnung die Welt erklären lässt, nur um am Ende klarzustellen, dass dem eben nicht so ist, und dass man mit allem, oder eben nichts rechnen muss. Und gerade aus diesen Absurditäten zieht A Serious Man viel von seinem Reiz, und schafft es für Lacher zu sorgen.

 

Stilistisch geprägt wird A Serious Man dabei vor allem von den klaren und präzisen Bildern von Roger Deakins, dem Stammkameramann der Coen Brüder, der mit ihnen unter anderem No Country for Old Men, Fargo, The Big Lebowski, und viele weitere Filme drehte. Diesen klaren Bildern steht ein darstellerischer Wollknäul gegenüber, in dem sich alle Figuren verfangen, und zu einem ganzen Ensemble verknüpfen, das in seiner Einheit wirklich überzeugt. Die Coens vermengen dabei gekonnt eine Prise Drama, mit einem persönlichen Requiem über ihre jüdische Kindheit, und garnieren dies alles mit der genial absurden Komik des Brüderpaars. Dabei fahren sie mit A Serious Man aber eher die Arthouse Schiene, was einen klaren stilistischen Unterschied zum ähnlich absurden, aber klar am Mainstream ausgerichteten Burn After Reading bedeutet. Sie schaffen es zwar nicht diesen Stil an die Spitze zu treiben, wie bei The Big Lebowski, aber für einen ansprechenden Filmabend sorgt A Serious Man garantiert.

 

Fazit:

A Serious Man zeigt die Coen-Brüder in toller Form. Vor allem, da sie zeigen, dass sie immer noch nicht den Spaß am Kino verloren haben, und zwischen ihren großen Produktionen auch gerne einmal einen kleineren Arthousehappen ohne große Namen servieren. A Serious Man webt dabei geschickt eine persönliche Ebene, nämlich die Auseinandersetzung der Coen-Brüder mit ihrer jüdisch-akademischen Kindheit, in eine Story wie sie klassisch für die Coens ist. Stilistisch steht A Serious Man zwar im krassen Gegensatz zu seinem Mainstream Bruder Burn After Reading, im Kern bleiben die Coens aber ihren schrägen Figuren und absurden Situationen treu, und servieren damit eine sehr stimmungsvolle Komödie, mit einer Prise Alltagsdrama, die zwar nicht das Toplevel eines The Big Lebowski erreicht, aber auf jeden Fall gelungen ist.

 

Wertung:

8/10 Punkte

Filmering.at
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Ø Wertung: 7.8/10 | Kritiken: 5 | Wertungen: 39
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