Vom Winde verweht (1939)

OT: Gone With the Wind - 238 Minuten - Melodram
Vom Winde verweht (1939)
Kinostart: 15.01.1953
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: 23.10.2014
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Filmkritik zu Vom Winde verweht

Von am

„There was a land of Cavaliers and
Cotton Fields called the Old South.
Here in this pretty world, Gallantry
took is last bow. Here was the last
ever to be seen of Knights and their
Ladies Fair, of Master and of Slave.
Look for it only in books, for it is no
more than a dream remembered, a
Civilization gone with the wind...“

Es ist ein schier endloses Zu-Spät-Kommen. Fast alle in diesem klassischen Film kommen zu spät. Nur eine nicht, eine unscheinbare, stille, friedliche Frau namens Melanie Hamilton (Olivia de Havilland), verheiratete Wilkes. Sie kommt nie zu spät. Sie ist immer da, immer anwesend, und nur sie weiß, was vor, während und nach dem Bürgerkrieg die anderen treibt, weg treibt, fort, nicht nur in den Krieg, sondern auch und vor allem fort von sich selbst. Diese Frau Melanie Wilkes verlangt nichts, erhebt keine Ansprüche, ist zufrieden mit dem, was sie hat. Manche halten sie für dumm, aber das ist sie nicht. Sie ist die einzige, die die Dinge durchschaut, die ihre Mitmenschen kennt.

Das „Zu spät“ durchzieht diesen Film wie ein roter Faden. Es wird zu spät erkannt, es wird zu spät wirklich gefühlt und geliebt – und nur Melanie Wilkes weiß, dass sie dagegen kaum etwas unternehmen kann, nur ein bisschen, hier und da. Victor Fleming, der neben „Gone with the Wind“ mindestens einen ebenso großen Film gedreht hat – „Der Zauberer von Oz“ (1939) mit Judy Garland – schildert die Geschichte der Familie O’Hara und einiger anderer Großgrundbesitzerfamilien der halb feudalen Gesellschaft der Südstaaten mit ihrer Sklavenhaltermentalität und -praxis vor, während und nach dem amerikanischen Bürgerkrieg – eine Geschichte des Niedergangs, des Schreckens, des Leides, über die nur wenig Positives zu vermelden ist. Eine Geschichte, in der der Niedergang des alten Südens verwoben ist mit den ganz persönlichen Schicksalen ihrer Protagonisten.

Fleming, der nur knapp die Hälfte des Films als Regisseur leitete (Sam Wood, William Cameron Menzies, George Cukor und einige Second-Unit-Directors vollendeten den Rest, und der eigentliche „Regisseur“ des Streifens war Produzent Selznick) zeigt uns während der Eröffnungsszenerie die galante, farbenprächtige und lebenslustige Welt des alten Südens, in der die wirklichen Sklaven und deren wirkliche Behandlung keinen Platz haben. Die Sklaven, die wir sehen, sind Hausangestellte wie Mammy (Hattie McDaniel), Pork (Oscar Polk) oder auch Prissy (Butterfly McQueen), die offenbar gern für ihre Herrschaften arbeiten. Nur manchmal klingt in Untertönen ein gewisser Widerstand heraus, etwa wenn Prissy nur wenig Lust verspürt, der schwangeren Melanie während des schon verlorenen Krieges einen Arzt zu besorgen oder Scarlett bei der Geburtseinleitung zu helfen. Man mag dies als eine mehr oder weniger heimliche Rechtfertigung der alten Gesellschaft des Südens empfinden. Doch man sollte bedenken, dass der Film in einer Zeit entstanden ist, in der die Rassentrennung in den USA, nicht nur im Süden, noch gang und gäbe war. Demgegenüber ist gerade die großartig von Hattie McDaniel gespielte Rolle der Mammy – einer durchaus selbstbewussten und intelligenten Frau, die Scarlett und ihre Schwestern groß gezogen hatte – zu erwähnen, einer Rolle, durch die sozusagen „über die Hintertreppe“ der Rassentrennung eine wenn auch versteckte Absage erteilt wird.

Scarlett und ihre Schwestern Suellen (Evelyn Keyes) und Carreen (Ann Rutherford) wachsen auf dem Besitz „Tara” ihrer Eltern Gerald (Thomas Mitchell) und Ellen (Barbara O’Neil) auf – wohl behütet, reich und elegant. Vor allem Scarlett wird von einer Unmenge junger Galane umschwärmt. Doch Scarlett scheint nur einen von ihnen zu lieben: Ashely Wilkes (Leslie Howard). Der allerdings, der auf dem Gut seiner Eltern „Twelve Oaks“ aufgewachsen ist, soll Melanie Hamilton (Olivia de Havilland) heiraten – eine Konvenienz-Ehe soll geschlossen werden. Auch Ashley scheint Scarlett zu lieben, aber er beugt sich dem Willen der Eltern.

Aus Verzweiflung, aber vor allem aus Rache an Ashley heiratet Scarlett Charles Hamilton (Rand Brooks), der jedoch kurz darauf in dem gerade begonnenen Bürgerkrieg zwischen „Yankees” und „Konföderierten” fällt. Scarlett, die das Tragen der schwarzen Witwentracht hasst, geht nach Atlanta zur Familie Hamiltons, wo sie zum ersten Mal auf den Abenteurer Captain Rhett Buttler (Clark Gable) trifft, den die junge eigensinnige Frau von Anfang an anzieht.

Der Krieg nähert sich dem Ende. Die Nordstaaten werden siegen, das weiß auch Buttler, der sich gegenüber emphatischen Südstaatlern unbeliebt macht, als er meint: „Der Süden besitzt nur Baumwolle, Sklaven und Arroganz.” Atlanta fällt nach 35 Tagen Belagerung. Scarlett drängt Buttler dazu, sie, die schwangere Melanie und Prissy nach Tara zurückzubringen – was er schließlich auch in einer gefährlichen Fahrt durch das brennende Atlanta tut.

Und dort – ihr Vater ist wahnsinnig geworden, die Mutter an Typhus gestorben, der Besitz von den Soldaten der Nordstaaten geplündert – schwört Scarlett, alles tun zu wollen, damit sie und die Menschen in ihrem Umkreis nie wieder hungern müssen. Mit Geschick, Intrige und allem Charme, den sie hat, gelingt es ihr, den Kaufmann Kennedy (Carroll Nye) für sich zu gewinnen. Er, der eigentlich eine Schwester Scarletts ehelichen wollte, heiratet Scarlett, die so zu Vermögen kommt und nur auf diese Weise Tara wieder aufbauen kann – auch mit Hilfe von billigen Strafgefangenen. Als Kennedy bei einer Verschwörung von Südstaatlern stirbt – die Männer wollten auf eigene Faust Wegelagerer jagen, die ihre Frauen überfallen hatten –, ist Scarlett Alleinbesitzerin eines inzwischen wieder mächtig gewachsenen Vermögens – und es gelingt Buttler, sie zur Heirat zu überreden. Der weiß, auf was er sich eingelassen hat. Er sagt zu Scarlett: „Gott gnade dem Mann, der dich wirklich liebt.” ...

Die hier nur in groben Zügen wiedergegebene Geschichte der Scarlett O’Hara bis zur Heirat mit Rhett Buttler vermittelt kaum einen Eindruck von der Atmosphäre des Films, den man selbst unbedingt gesehen haben muss. Ich würde sagen, dass sich in dieser Geschichte einerseits der Aufstieg und Fall des (alten) Südens der Vereinigten Staaten spiegelt – und zwar unter dem anfangs angedeuteten Aspekt des „Zu-Spät-Kommens”. Was heißt dies? Rhett Buttler ist der einzige unter den Handelnden, der schon vor dem Krieg weiß, dass die halbfeudale Gesellschaft der Großgrundbesitzer samt Sklaverei auf Basis der Baumwollwirtschaft gegenüber dem industrialisierten Norden der USA letztlich keine Chance des Überlebens hat. Buttler – selbst ein Kind des Südens und Privilegierter der angenehmen Seiten dieses Systems – ist ein Abenteurer, ein Egoist, aber eben auch ein Realist, der die Zukunft klar im Auge hat und nichts anderes will, als sein eigenes Scherflein ins Trockene zu bringen. Buttler, charmant, zumeist von einer bestechenden Ehrlichkeit und Wahrheitsliebe, ein Südstaaten-Macho, der allerdings genug Einfühlungsvermögen besitzt, um zu wissen, dass er eine Frau wie Scarlett nur bekommt, wenn sie einer Verbindung zustimmt, hält nichts von der Ehe, möchte eine lose Verbindung mit Scarlett – bis er nach deren zweiter Ehe einsieht, dass er nur Chancen hat, wenn er die junge Frau heiratet.

Und hier liegt sein Scheitern. Er bekommt Scarlett, die allerdings noch immer Ashley zu lieben glaubt. Bei beiden wird im Laufe der Handlung jedoch zunehmend deutlich, dass es weniger Liebe ist, die sie zu Scarlett bzw. Ashley treibt, sondern etwas ganz anderes. In einem nämlich sind sich beide ähnlich: Sie können keine Absage akzeptieren. Sie können nicht akzeptieren, etwas, was sie wollen, nicht zu bekommen.

Scarlett ist gerissen, kann intrigieren, weiß ihre Wirkung auf Männer zum eigenen Vorteil einzusetzen – selbst, wenn es sein muss, gegen die eigene Schwester. Und wenn sie am Schluss nach dem Tod Melanies zu Buttler sagt, sie habe erkannt, dass sie ihn liebe und nicht Ashley, so beschleicht einen ein Gefühl von Zweifel, ob dies wirklich der Fall ist. Scarlett rettet die schwangere Melanie, als Atlanta fällt, bringt sie mit Hilfe Buttlers zurück nach Tara. Obwohl sie mehrfach sagt, sie würde Melanie hassen, hilft sie der Frau Ashleys immer wieder – allerdings eben auch aus Eigennutz und aus Zuneigung zu Ashley.

In der Person der Scarlett – so negativ sie im einzelnen auch präsentiert wird – kommt weniger eine konkrete Person der Zeit des Bürgerkriegs zum Ausdruck. Sie ähnelt eher den Frauen der Jahre, in denen der Film gedreht wurde, die aus den patriarchalen Strukturen ausbrechen wollten. Sie verhält sich letztlich nicht anders als viele Männer, insbesondere auch Rhett Buttler, der während des Bürgerkriegs einiges an Vermögen zusammen geraubt hatte, oder andere Kriegsgewinnler. Nur – dass sie eben eine Frau ist. Und genau dies wird in dem Film deutlich: Man neidet ihr, was man einem Mann nie neiden würde; man verurteilt sie, was man bei einem Mann nie tun würde, täte er ähnliches. Scarlett scheitert am Schluss nicht daran, was sie getan hat. Sie scheitert, weil sie es als Frau getan hat. In diesem entscheidenden Punkt entfernt sich der Film von seinem historischen Bezug und ist ganz Gegenwart.

Wenn sie nach dem Krieg zu Hause nach den dortigen Plünderungen und Zerstörungen auf dem Acker steht und sagt:

„As God is my witness, as God
is my witness they're not going
to lick me. I'm going to live
through this and when it's all
over, I'll never be hungry
again. No, nor any of my folk.
If I have to lie, steal, cheat
or kill. As God is my witness,
I'll never be hungry again“,

so ist dies auch eine Art Kampfansage an den Krieg der Männer und an die Männer selbst. Nie nähert sie sich einem Mann so stark, dass sie abhängig werden könnte. Und Ashley, dem sie mehrmals sehr nahe kommt, ist für sie nicht erreichbar, weil mit Melanie verheiratet. In dem Moment schließlich, als sie möglicherweise bemerkt, dass Buttler der richtige Mann für sie wäre, hat der nach allen Streitigkeiten und Auseinandersetzungen und dem Tod der gemeinsamen Tochter längst aufgegeben, an Scarlett und beider Beziehung zu glauben. Er verlässt sie.

Überhaupt kommen die Männer in „Gone with the Wind” insgesamt nicht gut weg. Die Männer, die den Süden führten, sind auf dem absteigenden Ast. Die, die noch leben, sind schwach. Ashley bleibt bei seiner Frau, und auch er merkt erst angesichts der sterbenden Melanie, dass er diese Frau geliebt hatte – nicht Scarlett – zu spät. Ashley repräsentiert den verzweifelten, hilflosen, kapitulierenden Mann des Südens. Es bleibt Buttler – und der scheitert an Scarlett.

Im nachhinein wirkt es fast grotesk, aber in diesem Film der 30er Jahre „herrschen” die Frauen, jedenfalls was die Charaktere angeht. Denn neben Scarlett ist da noch eine Frau, die ihre Stärke auf ganz andere Weise demonstriert: Melanie Wilkes, eine ruhige, friedliche, intelligente und sehr einfühlsame Frau, die genau weiß, dass zwischen ihrem Mann und Scarlett „etwas ist”, wenn auch keine intime Beziehung. Sie hasst Scarlett nicht, nein, sie liebt sie. Melanie bringt ihre Familie durch die Wirren des Krieges und danach. Und sie weiß es zu schätzen, dass Scarlett ihr das Leben gerettet hat. Melanie ist keine „Feministin”, aber sie ist eine Christin, die aus ganzem Herzen ihr Leben und das ihrer Umgebung in Liebe organisiert. Hass ist ihr fremd, Gewalt ist ihr fremd.

So stehen sich zwei Frauentypen in „Gone with the Wind” gegenüber, die – trotz der „Verkleidung” der Geschichte in ein Melodrama mehr über die Zeit, in der der Film entstanden ist, aussagen als über die Zeit des Bürgerkriegs selbst. Hinzu kommt die schon erwähnte Mammy, eine Frau, die weiß, was sie will – wenn auch unter den restriktiven Bedingungen des halbfeudalen Südens –, eine Frau, die offen ihre Meinung sagt (wie dies wohl im alten Süden kaum eine Sklavin hätte tun können).

Zugleich aber – und abseits der Bezüge der Figur der Scarlett zu aufbegehrenden Frauen der 30er Jahre (man denke etwa an die großartige Katherine Hepburn) – parallelisiert der Film Bürgerkriegsgeschichte und Individualgeschichte in den entscheidenden Passagen. Ich sehe in „Gone with the Wind” kaum oder nur am Rande eine oberflächliche Verklärung des alten Südens. Denn wie in der Geschichte der Akteure das „Zu-Spät” eine entscheidende Rolle spielt, so in der Bürgerkriegsgeschichte selbst auch. Die Entscheidung, gegen den Norden mit Separation und dann mit Krieg zu antworten, war – wie man Buttlers Aussagen an mehreren Stellen des Films entnehmen kann – eine fatale (Fehl-)Entscheidung, die zur Niederlage des Sklaven-Regimes führen musste. An ein Umdenken in Richtung Kompromiss mit dem Norden war von vornherein offenbar nie gedacht. Und dies spiegelt sich in den Akteuren und ihren Handlungen deutlich wider.

Während Melanie im Tod trotz allem auf ein erfülltes Leben mit ihrem Mann und ihrer Familie zurückblicken kann, scheitern Rhett Buttler und Scarlett nicht nur an sich selbst, sondern auch bei dem Versuch, von der alten „Herrlichkeit” des Südens etwas zu erhalten. Während Buttler in seine Heimatstadt zurückkehrt, bleibt Scarlett völlig allein in Tara zurück. Der Süden ist Vergangenheit, Scarlett als aufbegehrende Frau scheitert letztlich doch und Rhett Buttler gibt wohl zum ersten Mal in seinem Leben auf. Er wird – so wie er strukturiert ist – seinen Weg finden.

Erwähnt werden muss, in welch grandiosen Farben der Film gedreht wurde, in manchen Bildern an die Gemälde Caspar David Friedrichs erinnernd. Auch die Bilder vom Untergang des brennenden Atlanta, von den Zerstörungen des Grundbesitzes und insgesamt die Liebe der Filmmacher für Details in Kostümen und Ausstattung machen dieses klassische Melodrama zu einem unvergesslichen Erlebnis. „Gone with the Wind” ist in seiner epischen Breite – der Film dauert weit mehr als drei Stunden – einer klassischen Tragödie sehr ähnlich, in der Liebe und Hass, Treue und Verrat, Macht und Ohnmacht, Leben und Tod zu den zentralen Faktoren einer schicksalhaft anmutenden Erzählung geraten.

Der Einfluss des Films auf spätere Melodramen ist unverkennbar – man denke etwa nur an die Filme Sirks oder auch an „Giganten“ (1956). Vivien Leigh spielte in „Gone with the Wind“ wohl eine ihrer größten Rollen – und sie tat dies mit einem Können, was kaum zu übertreffen ist.


Wertung:
10/10 Punkte

Quelle: Follow-me-now.de / Ulrich Behrens

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