![]() ![]() Antichrist OT: Antichrist Regie: Lars von Trier Drehbuch: Lars von Trier Darsteller: Willem Dafoe, Charlotte Gainsbourg Filmstart: 05.11.2009 | Laufzeit: | Horror |
Ein Mann (Willem Dafoe) und eine Frau (Charlotte Gainsbourg) haben Sex. Doch nicht nur einfach Sex, sie scheinen ineinander zu versinken. Das führt dazu, dass sie nicht mitbekommen, wie sich ihr Sohn aus seinem Zimmer schleicht, auf den Schreibtisch krabbelt und schließlich aus dem Fenster stürzt. Während das Kind am Boden aufschlägt kommen seine Eltern zum Höhepunkt. Der Verlust zehrt an beiden, doch während der Vater, der sein Geld als Psychologe verdient, relativ schnell darüber hinweg zu kommen scheint, droht die Mutter daran zu zerbrechen. Entgegen allen Warnungen (Schlafe nicht mit deinem Therapeuten; Nie ein Familienmitglied therapieren) beschließt er seine eigene Frau zu behandeln. So fahren beide in ihre entlegene Waldhütte „Eden“ um über den Verlust hinweg zu kommen. Doch dort soll etwas anderes auf sie warten…
Der Film macht dabei bereits durch seine unpersönliche Figurenbezeichnung (Er und Sie oder Mann und Frau) klar, dass es sich bei Antichrist nicht zwingend um eine persönliche, sondern um eine universelle Geschichte handelt (wenngleich dem Film eine sehr persönliche Geschichte zu Grunde liegt, aber dazu später mehr). Und als universelle Geschichte sollte man den Film auch deuten, und dank seines extrem reduzierten Ensembles (im Wesentlichen besteht der Film nur aus Willem Dafoe und Charlotte Gainsbourg) und seinen zahlreichen Metaphysen und Anknüpfpunkten besitzt Antichrist auch einen gewissen Holzschnittcharakter und kann wunderbar auf verschiedene Arten gedeutet werden.
Lars von Trier etabliert seine Vordergründigen Themen dabei bereits im Prolog (der Film ist in 6 Kapitel eingeteilt: Prolog, Trauer, Schmerz, Verzweiflung, Die drei Bettler, Epilog), der übrigens für sich selbst genommen bereits ein Meisterwerk ist, und nicht nur das Genie von Lars von Trier zum Ausdruck bringt, sondern auch gleich die inszenatorische Aufdringlichkeit des Films in die Auslage stellt (von den minimalistischen Dogma-Prinzipien ist nämlich so gut wie nichts übrig). Gedreht in lupenreinen Schwarzweißbildern, die mit einer Spezialkamera in Super-Slowmotion mit 1000 Bildern pro Sekunde aufgenommen wurden, und unterlegt mit Lascia ch'io pianga erzeugt Antichrist hier eine Wucht die selten ist. Der Epilog ist übrigens ähnlich gestaltet, doch dazwischen ist von dieser visuellen Ordnung nichts mehr zu spüren.
Ähnlich roh und brutal zeigt er auch die Sexszenen, die mit Hilfe von Bodydoubles einen äußerst pornographischen Charakter besitzen. In diesen Szenen ist keine Ästhetik, und schon gar keine Erotik zu erkennen. Es herrscht lediglich die Brutalität der Natur und eine spürbare Verzweiflung, die sich in Sex manifestiert. Für das Ehepaar scheint es der einzige Ausweg zu sein, doch stattdessen steuern sie mit Vollgas auf eine Katastrophe zu, aus der es kein Entrinnen gibt. Besonders im letzten Teil erreicht der Film dabei eine Brutalität die berechnende Horrorfilme wie die Saw-Fortsetzungen in ihre Schranken weisen.
Viele Szenen in Antichrist sind so dermaßen unangenehm, dass vielen ein kalter Schauer über den Rücken laufen wird. Die expliziten, brutalen und oftmals verstörenden Sexszenen werden dabei bei vielen ganz oben auf der Liste stehen, doch auch ansonsten bietet Antichrist eine visuelle Härte, die an die Nieren geht, und die hier nicht näher beschrieben wird, da es unfair wäre, würde man diese Szenen vorweg nehmen und ihnen die Überraschung zu rauben. Doch die rein visuelle Ebene wäre nichts ohne die zu Grunde liegende Atmosphäre, die in vielen Nuancen Andeutungen und Symbole bereithält, die bis hin zu einer interessanten Erkenntnis über Mutter und Sohn führen.
Dies führt auch gleich zu einem abschließenden und wichtigen Punkt, den Darstellern. Wie bereits erwähnt besteht der Film fast ausschließlich aus Willem Dafoe und Charlotte Gainsbourg (und natürlich der Natur, die in ihrer Dunkelheit schon fast eine eigene, tragende Rolle spielt). Und diese beiden spielen sich förmlich die Seele aus den Leib und zeigen Schauspielkunst auf höchstem Niveau. Lars von Trier hat hier wirklich das Letzte aus Ihnen herausgekitzelt, und besonders Charlotte Gainsbourg erreicht eine Dimension die beängstigend ist, und für die sie hoch verdient mit dem Preis als Beste Darstellerin in Cannes geehrt wurde. Diese Tour de Force, die für die Darsteller der blanke Horror gewesen sein muss, überträgt sich auch nahtlos auf den Zuseher, der im Kinosessel fast zu versinken droht.
Fazit:
Dieses Jahr wird wohl kein Film eine ähnlich kontroverse Reaktion wie Antichrist auslösen. Man findet ihn beeidruckend oder man hasst ihn. Beide Seiten haben natürlich ihre Argumente, aber dazwischen ist eben kaum Raum. Denn Lars von Trier hat sein Werk äußerst kompromisslos kreiert, und seinen Film eine ungeheure Wucht verliehen. Ja, man kann Antichrist vorwerfen, dass er bewusst provoziert und dass er sich selbstgefällig gibt in seiner Inszenierung. Man kann ihm aber nicht vorwerfen, dass er seine Gewalt und Sexualität zum bloßen Selbstzweck verwendet. Denn abgesehen davon dass der Film das Publikum dadurch provoziert, löst er doch eine teilweise sehr unangenehme Reaktion aus, die dazu führt, dass Antichrist sein Publikum verstört, und durch seine böse Atmosphäre richtiggehend erschüttert. Gut, es hat sich so manch zweifelhafte Szene eingeschlichen (wie der sprechende Fuchs), aber darüber kann man hinweg sehen. Denn Antichrist ist Arthouse-Horrorkino vom Feinsten und ein verstörendes Filmerlebnis der Extraklasse. Bitte den Film aber nicht als Mutprobe konsumieren (nach dem Motto: Ich sehe mir die härteren Filme an), denn abgesehen davon, dass der Film seine Kraft nicht nur aus der visuellen Brutalität zieht, sondern aus dem Zusammenspiel all seiner Teile, hat er auch noch eine tiefere Dimension, die zum eigenen Interpretieren einlädt und die volle Aufmerksamkeit des Publikums erfordert. Erst dann kann Antichrist auch seine ganze Wirkung entfalten.
Wertung:
9/10 Punkte

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