Antichrist (2009)

OT: Antichrist - 104 Minuten - Horror
Antichrist (2009)
Kinostart: 05.11.2009
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Antichrist

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„Chaos Reigns“

Wenn man über das Filmfestival von Cannes 2009 spricht, mögen manche an den überfälligen Triumph von Michael Haneke denken, der mit Das Weisse Band die Goldene Palme gewann. Andere denken vielleicht an die grandiose Performance von Christoph Waltz der den österreichischen Triumph abrundete, und für Inglourious Basterds den Preis als Bester Darsteller abräumte. Die meisten werden aber vor allem an Lars von Triers Antichrist denken. Kein Film sorgte für mehr Gesprächsstoff, keiner provozierte extremere Reaktionen. Lobgesänge und Verfluchungen gingen Hand in Hand, aber bei allem Medienecho muss man Antichrist eines zugestehen: Der Film verfehlt seine Wirkung nicht, und schafft es zu verstören, wie lange schon kein Film mehr.

Ein Mann (Willem Dafoe) und eine Frau (Charlotte Gainsbourg) haben Sex. Doch nicht nur einfach Sex, sie scheinen ineinander zu versinken. Das führt dazu, dass sie nicht mitbekommen, wie sich ihr Sohn aus seinem Zimmer schleicht, auf den Schreibtisch krabbelt und schließlich aus dem Fenster stürzt. Während das Kind am Boden aufschlägt kommen seine Eltern zum Höhepunkt. Der Verlust zehrt an beiden, doch während der Vater, der sein Geld als Psychologe verdient, relativ schnell darüber hinweg zu kommen scheint, droht die Mutter daran zu zerbrechen. Entgegen allen Warnungen (Schlafe nicht mit deinem Therapeuten; Nie ein Familienmitglied therapieren) beschließt er seine eigene Frau zu behandeln. So fahren beide in ihre entlegene Waldhütte „Eden“ um über den Verlust hinweg zu kommen. Doch dort soll etwas anderes auf sie warten…

Ich sage es gleich direkt und unmissverständlich vorweg: Antichrist wird sicher nicht vielen gefallen (wobei gefallen ohnehin ein völlig falsches Wort ist). Es ist ein Film der Kontroversen, und ein Film der sich diesen Kontroversen auch völlig bewusst ist. Dabei hält Lars von Trier nichts von Kompromissen, sondern geht in die Vollen. Und dieser Ansatz, inklusiver extrem brutalen und pornographischen Szenen, geht eben an die Nieren, und mit seinen ganzen psychologischen Verschlingungen und seiner bedeutungsschwangeren Symbolik wird der Regisseur auch nur ein überschaubares Cineasten-Publikum erreichen. Und wie bereits erwähnt kann Antichrist nicht im herkömmlichen Sinn gefallen. Aber der Film kann unter die Haut gehen und verstören. Es bleibt lediglich beim Zuseher ob er das auch will.

Der Film macht dabei bereits durch seine unpersönliche Figurenbezeichnung (Er und Sie oder Mann und Frau) klar, dass es sich bei Antichrist nicht zwingend um eine persönliche, sondern um eine universelle Geschichte handelt (wenngleich dem Film eine sehr persönliche Geschichte zu Grunde liegt, aber dazu später mehr). Und als universelle Geschichte sollte man den Film auch deuten, und dank seines extrem reduzierten Ensembles (im Wesentlichen besteht der Film nur aus Willem Dafoe und Charlotte Gainsbourg) und seinen zahlreichen Metaphysen und Anknüpfpunkten besitzt Antichrist auch einen gewissen Holzschnittcharakter und kann wunderbar auf verschiedene Arten gedeutet werden.

Durchzogen wird der Film von einer Aura des Bösen, was sich wohl auch durch seine Entstehungsgeschichte erklären lässt. Denn Regisseur Lars von Trier befand sich in einer schweren Depression, und erklärte vor einiger Zeit sogar, dass er bezweifle, dass er jemals wieder einen Film drehen kann. Doch mit Antichrist wagte er sich an einen Versuch sich selbst zu behandeln, und sein Inneres auf die Leinwand zu zerren. Dieser krankhafte Charakter haftet dem Film auch in jeder Sekunde an, und man hat hier wirklich das Gefühl in der abgründigen Gedankenwelt eines psychisch nicht gerade gesunden Menschens herumzuwandern.

Lars von Trier etabliert seine Vordergründigen Themen dabei bereits im Prolog (der Film ist in 6 Kapitel eingeteilt: Prolog, Trauer, Schmerz, Verzweiflung, Die drei Bettler, Epilog), der übrigens für sich selbst genommen bereits ein Meisterwerk ist, und nicht nur das Genie von Lars von Trier zum Ausdruck bringt, sondern auch gleich die inszenatorische Aufdringlichkeit des Films in die Auslage stellt (von den minimalistischen Dogma-Prinzipien ist nämlich so gut wie nichts übrig). Gedreht in lupenreinen Schwarzweißbildern, die mit einer Spezialkamera in Super-Slowmotion mit 1000 Bildern pro Sekunde aufgenommen wurden, und unterlegt mit Lascia ch'io pianga erzeugt Antichrist hier eine Wucht die selten ist. Der Epilog ist übrigens ähnlich gestaltet, doch dazwischen ist von dieser visuellen Ordnung nichts mehr zu spüren.

Denn ein wesentlicher Aspekt von Antichrist dreht sich um die schaurige Brutalität der Natur („Nature is satan’s church“), und Lars von Trier scheint die Natur vor allem als ein riesiges Chaos zu sehen, das er auf seine Protagonisten, und in weiterer Folge auf sein Publikum überträgt. Die Natur kennt keine Gnade, was er auch durch Bilder eines Rehs, das eine Totgeburt mit sich herumträgt, einen Fuchs der sich selbst verschlingt, oder ein Vogelbaby das aus dem Nest fällt, und von seiner Mutter gefressen wird, visualisiert. Denn diese Bilder sind nicht nur eine treffende Reflexion der Handlung, sie zeigen die Natur als einen wüsten Ort, und da die Menschen nun einmal Teil der Natur sind, nimmt Lars von Trier sie nicht von der Brutalität aus.

Ähnlich roh und brutal zeigt er auch die Sexszenen, die mit Hilfe von Bodydoubles einen äußerst pornographischen Charakter besitzen. In diesen Szenen ist keine Ästhetik, und schon gar keine Erotik zu erkennen. Es herrscht lediglich die Brutalität der Natur und eine spürbare Verzweiflung, die sich in Sex manifestiert. Für das Ehepaar scheint es der einzige Ausweg zu sein, doch stattdessen steuern sie mit Vollgas auf eine Katastrophe zu, aus der es kein Entrinnen gibt. Besonders im letzten Teil erreicht der Film dabei eine Brutalität die berechnende Horrorfilme wie die Saw-Fortsetzungen in ihre Schranken weisen.

Denn obwohl Filme wie Saw und Hostel genauso wie Antichrist versuchen mit Gewalt zu schockieren, erreicht Antichrist dennoch eine andere Dimension. Dies ist zum Teil durch den durchdachten Hintergrund zu erklären, der viel Freiraum für Interpretationen bietet, aber vor allem hat es damit zu tun mit welcher Konsequenz Lars von Trier den Horror zeigt, und wie er zunächst durch höchst atmosphärische Gruselbilder, und schließlich durch explizite Sex- und Gewaltszenen verstört und aufrührt. Das alles beinhaltet natürlich Provokation und Tabubrüche, aber diese sind nicht Selbstzweck, sondern erfüllen den Zweck das Publikum zu verstören, aufzurütteln und zu schockieren. Und dies ermöglicht es erst, dass der Horror von Antichrist wirklich unter die Haut geht und auf höchst unangenehme Weise berührt.

Viele Szenen in Antichrist sind so dermaßen unangenehm, dass vielen ein kalter Schauer über den Rücken laufen wird. Die expliziten, brutalen und oftmals verstörenden Sexszenen werden dabei bei vielen ganz oben auf der Liste stehen, doch auch ansonsten bietet Antichrist eine visuelle Härte, die an die Nieren geht, und die hier nicht näher beschrieben wird, da es unfair wäre, würde man diese Szenen vorweg nehmen und ihnen die Überraschung zu rauben. Doch die rein visuelle Ebene wäre nichts ohne die zu Grunde liegende Atmosphäre, die in vielen Nuancen Andeutungen und Symbole bereithält, die bis hin zu einer interessanten Erkenntnis über Mutter und Sohn führen.

Es ist ja auch kein Geheimnis, dass Lars von Trier ein etwas eigenwilliges Frauenbild zu haben scheint, und man hat Antichrist auch konkret vorgeworfen frauenfeindlich zu sein. Dieser Vorwurf ist zwar gut zu verstehen, jedoch fügt sich besagter Teil nur logisch in die Geschichte ein, und ist somit vertretbar ohne dass man daraus ein generelles Statement machen müsste. Sicher ist nur, dass Charlotte Gainsbourg am Ende eine Dimension erreicht die beängstigend ist, und die in ihrer brutalen Schockwirkung wohl sämtliche Maskenträger der Horrorgeschichte in den Schatten stellt.

Dies führt auch gleich zu einem abschließenden und wichtigen Punkt, den Darstellern. Wie bereits erwähnt besteht der Film fast ausschließlich aus Willem Dafoe und Charlotte Gainsbourg (und natürlich der Natur, die in ihrer Dunkelheit schon fast eine eigene, tragende Rolle spielt). Und diese beiden spielen sich förmlich die Seele aus den Leib und zeigen Schauspielkunst auf höchstem Niveau. Lars von Trier hat hier wirklich das Letzte aus Ihnen herausgekitzelt, und besonders Charlotte Gainsbourg erreicht eine Dimension die beängstigend ist, und für die sie hoch verdient mit dem Preis als Beste Darstellerin in Cannes geehrt wurde. Diese Tour de Force, die für die Darsteller der blanke Horror gewesen sein muss, überträgt sich auch nahtlos auf den Zuseher, der im Kinosessel fast zu versinken droht.

Eingefangen wurde dieser gesamte Horror in unglaubliche Bilder vom oscarprämierten Kameramann Anthony Dod Mantle (Slumdog Millionär). Angefangen über die stilistisch herausragenden Schwarzweißbilder in Prolog und Epilog, über die hypnotische und intensive Kameraführung in den Kapiteln dazwischen, ist die Kameraarbeit hier äußerst stimmig und punktgenau. Antichrist wird somit seinem Status als diskutierbarer Film sehr gerecht, und wird bei der Rezeption große Kontroversen auslösen. Kalt lassen wird der Film aber kaum jemanden, und alleine dafür, dass es Lars von Trier schafft mit einer solchen Intensität in das Leben seines Publikums zu treten, verdient sich sein Film großes Lob. Mögen im herkömmlichen Sinn kann man den Film zwar wohl eher nicht, aber beeindruckend ist er dennoch. Und auch wenn man ihn hassen mag, eine Chance verdient sich dieses kompromisslose Werk dennoch.

Fazit:
Dieses Jahr wird wohl kein Film eine ähnlich kontroverse Reaktion wie Antichrist auslösen. Man findet ihn beeidruckend oder man hasst ihn. Beide Seiten haben natürlich ihre Argumente, aber dazwischen ist eben kaum Raum. Denn Lars von Trier hat sein Werk äußerst kompromisslos kreiert, und seinen Film eine ungeheure Wucht verliehen. Ja, man kann Antichrist vorwerfen, dass er bewusst provoziert und dass er sich selbstgefällig gibt in seiner Inszenierung. Man kann ihm aber nicht vorwerfen, dass er seine Gewalt und Sexualität zum bloßen Selbstzweck verwendet. Denn abgesehen davon dass der Film das Publikum dadurch provoziert, löst er doch eine teilweise sehr unangenehme Reaktion aus, die dazu führt, dass Antichrist sein Publikum verstört, und durch seine böse Atmosphäre richtiggehend erschüttert. Gut, es hat sich so manch zweifelhafte Szene eingeschlichen (wie der sprechende Fuchs), aber darüber kann man hinweg sehen. Denn Antichrist ist Arthouse-Horrorkino vom Feinsten und ein verstörendes Filmerlebnis der Extraklasse. Bitte den Film aber nicht als Mutprobe konsumieren (nach dem Motto: Ich sehe mir die härteren Filme an), denn abgesehen davon, dass der Film seine Kraft nicht nur aus der visuellen Brutalität zieht, sondern aus dem Zusammenspiel all seiner Teile, hat er auch noch eine tiefere Dimension, die zum eigenen Interpretieren einlädt und die volle Aufmerksamkeit des Publikums erfordert. Erst dann kann Antichrist auch seine ganze Wirkung entfalten.

Wertung:

9/10 Punkte

Filmering.at
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Ø Wertung: 7.4/10 | Kritiken: 5 | Wertungen: 46
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