Das Weisse Band - Eine deutsche Kindergeschichte (2009)

OT: Das Weisse Band - 145 Minuten - Drama
Das Weisse Band - Eine deutsche Kindergeschichte (2009)
Kinostart: 24.09.2009
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Das Weisse Band - Eine deutsche Kindergeschichte

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Michael Haneke darf sich ohne Scham zu den größten europäischen Regisseuren der Gegenwart zählen. Für Die Klavierspielerin hat er den Großen Preis der Jury in Cannes gewonnen, für Cachè wurde er mit den Preis als Bester Regisseur in Cannes geehrt und konnte zusätzlich den Europäischen Filmpreis (Bester Film, Beste Regie) gewinnen, und in diesem Jahr schaffte er es mit Das Weisse Band endlich auch die Goldene Palme in Cannes zu erobern. Man kann davon ausgehen, dass Haneke auch im Rennen um den Auslandsoscar einiges mitzureden hat, denn mit Das Weisse Band ist ihm sein vielleicht bester Film bis dato gelungen.

Deutschland vor dem herannahenden ersten Weltkrieg: Im protestantischen Dorf Eichwald herrscht eine respektvolle Strenge im Umgang miteinander. Im ansonsten so ruhigen Dorf bahnt sich eine Veränderung an, die damit beginnt, dass der Doktor (Rainer Bock) einen Reitunfall hat. Dieser Reitunfall ist keinesfalls natürlicher Natur, sondern wurde durch ein gespanntes Drahtseil herbeigeführt. Kurz darauf stirbt eine Frau, die im Sägewerk des Barons (Ulrich Tukur) gearbeitet hat. Nach einer kurzen Ruhepause häufen sich die mysteriösen Vorgänge erneut, und dem Lehrer (Christian Friedel) fällt auf, dass sich einige Kinder des Dorfes äußerst merkwürdig verhalten…

Nachdem Haneke mit seinem letztem Film, dem überflüssigen Funny Games Remake, seine Weitsicht und sein unglaubliches Talent vermissen ließ, ist er mit Das Weisse Band wieder zurück am Zenit seines Könnens, und gibt sich sogar noch einen Tick ausgereifter als er es noch bei seinem, ebenso großartigen, Caché war. Gefilmt in glasklaren und brillanten Schwarz-Weiß Bildern hat der österreichische Regisseur ein unglaublich detailliertes und einprägsames Sittenbild entworfen, das sich in seiner Bildsprache und seinem eindringlichen Wesen nicht hinter den Werken der großen Autorenfilmer der Filmgeschichte verstecken braucht.

Im Zentrum der Geschichte steht dabei der aufblühenden Faschismus, aber vor allem die alltägliche Gewalt und das Machtsreben der Menschen. Er spielt dabei gekonnt mit dem eigenen Machtempfinden des Zusehers. Die meisten „Gewaltszenen“ werden nicht gezeigt, sondern lediglich angedeutet und schließlich ihr Ergebnis präsentiert. Haneke bringt den Zuseher damit in eine unbequeme Lage: Man sieht nicht direkt wie etwas geschieht, weiß aber dass jeden Moment etwas geschehen könnte, und durch diese geschickte Form des „nicht agierens“ erzeugt er viel Suspense, und schafft es gleichzeitig, dass der Zuseher sich hilflos fühlt.

Es ist seit jeher eine Stärke Hanekes, dass er auf ganz natürliche Weise versteht mit welchen psychologischen Tricks er das Publikum um den Finger wickeln kann, und es schafft es in seine eigene Welt zu entführen. Und dass diese Welt keine nette ist, das sollte jeder wissen, der sich auch nur rudimentär mit dem Werk des Regisseurs auseinandergesetzt hat. Das Weisse Band zeigt ein recht pessimistisches Abbild von einer Welt, in der Gewalt nicht nur allgegenwärtig ist (wenngleich sie nur im versteckten ausgelebt wird), sondern scheinbar auch von jedem, in welcher Form auch immer, praktiziert wird. Das zeigt sich speziell bei den brutalen Worten die der Doktor für seine Geliebte übrig hat, von diversen anderen Handlungen ganz zu schweigen.

Formal gibt sich Das Weisse Band grundsätzlich wie man es von Haneke gewohnt ist. Eine gewisse formale Strenge ist stets zu erkennen, und die Bildkomposition wirkt messerscharf und jeder einzelne Filmausschnitt wirkt wohl durchdacht, und erscheint in seiner Wirkung vollendet. Durch die scharfen Schwarz-Weiß Bilder wirkt der strenge und präzise Eindruck des Films noch weiterverstärkt, was insgesamt dazu führt, dass Das Weisse Band in seinem ganzen Erscheinungsbild unglaublich rund wirkt und man in jeder Sekunde den Eindruck hat einem Kunstwerk beim Erblühen zuzusehen.

Doch es gibt einen Unterschied zu anderen Filmen des Regisseurs. Denn Das Weisse Band ist zwar formal streng, aber durch die Aufsplittung auf viele Handlungsstränge, die allesamt unterschiedliche Einwohner des Dorfes in ihrer Umgebung zeigen, erreicht der Film einen Detailgrad, der das Spröde aus den Bildern vertreibt, und dazu führt, dass man sich als Zuseher mitten in die Geschichte versetzt fühlt. Nicht selten kommt es vor, dass man sich in vielen Arthouse-Filmen immer etwas fremd und ausgeschlossen fühlt, doch Haneke vermeidet diesen Fehler mit den Fähigkeiten eines Meisterregisseurs, und schafft es das Kino mit Leben zu füllen, sodass wir wirklich im Film versinken können, und uns der Akribie mit der hier, nicht nur geschichtlich, vorgegangen wurde hingeben können.

Die Präzision Hanekes wird hier wirklich nur in ihrer besten Weise sichtbar. So etwa wenn er seine Bilder arrangiert, seine Dialoge erklingen lässt, oder wenn er wie gewöhnlich nur Musik verwendet, die auch auf der Leinwand eine entsprechende visuelle Erklärung findet. Dies alles führt zu einem vielschichten und beeindruckenden Film, der es schafft, bei aller Klarheit mysteriös zu bleiben und der trotz aller Kälte doch unwahrscheinlich viel Wärme ausstrahlt, wenn es darum geht das Dorfleben zu schildern. In all seinen Gegensätzen und Geschichten ist Das Weisse Band somit vor allem eine filmisch unglaublich beeindruckend aufbereitete Geschichte, die in jeder Hinsicht befriedigend ist. Und das gilt auch für den Mut Hanekes, dass er eben nicht alles in lauten Klängen hinausposaunt, sondern darauf vertraut, dass die Zuseher die Zwischentöne selbst interpretieren können, und ihren Spaß dabei haben den Fährten zu folgen.

Denn auf dem Silbertablett servieren war noch nie Hanekes liebste Beschäftigung, und hier verlegt er die wirklich schweren Brocken stets aus dem Blickfeld des Zusehers, sodass dieser seine Sinne selbst einsetzen muss, um die Geschichte zu ergründen. Der Film dauert dabei zwar 144 Minuten, doch auch hier scheint es so, als hätte Haneke messerscharf überlegt was in den Film soll, und was nicht. Denn Langeweile macht sich hier keine breit, stattdessen schafft es der Film seine Wucht auszudehnen und dank einer Fülle an Details eine längst vergangene Zeit heraufzubeschwören.

Doch nicht nur formal gibt sich Das Weisse Band sehr ausgereift, auch die Geschichte selbst versteht es zu faszinieren. Haneke erweckt hier den Anschein einer großen Literaturverfilmung, ohne dass dem Film überhaupt eine Literatur zu Grunde liegt. Denn das Originaldrehbuch Hanekes hat jene Dichte, und jene Epik, wie man sie eigentlich vorwiegend in einem Roman erwartet, jedoch ohne den Nachteil, dass man sich darum Bemühen müsste die Größe eines Romans in einen Film zu zwängen. Stattdessen hatte Haneke die Möglichkeit eine Art Film-Roman zu erschaffen, der mit zutiefst filmischen Mitteln an eine Literaturverfilmung erinnert, ohne jedoch eine zu sein, und damit das beste aus beiden Medien mitnehmen kann.

Besonders interessant ist auch, dass Haneke gleich zu Beginn seinen Protagonisten und Erzähler, den Lehrer, sagen lässt, dass er nicht weiß ob alles was er erzählt der Wahrheit entspricht, und dass er viele Handlungsstränge nur vom Hörensagen kennt. Durch diesen Kniff nimmt Haneke quasi seinem Erzähler den Nimbus der Unfehlbarkeit, und signalisiert dem Zuseher gleich zu Beginn, dass die folgende Geschichte auch seinen eigenen Interpretationshorizont fordert. Hinzu kommt auch, dass man sich eher in einer zutiefst menschlichen Erzählung wahrt, als lediglich in einem eiskalten "Faktenbericht".

Das Weisse Band erzeugt dabei jenes selten Kribbeln das man nur hat wenn man einen wahrhaft großen Film sieht und das man gemeinhin auch als Kinomagie bezeichnen kann. Es wäre somit durchaus möglich, dass Österreich zum dritten Mal in Folge für den Oscar als Bester Fremdsprachiger Film nominiert wird. Verdient wäre diese Ehre allemal, denn Das Weisse Band ist ein ganz großer Film, und wird mit Sicherheit seinen Weg in die Geschichtsbücher finden. Michael Haneke hat sich erneut als größter heimischer Filmemacher präsentiert, und auch wenn die Spekulation unsinnig ist, und sie ihm wahrscheinlich sogar egal ist, würde eine Oscarstatue sehr gut zu ihm passen.

Fazit:
Das Weisse Band ist vielleicht Michael Hanekes bester Film bis dato. Formale Strenge, eine unglaubliche Bildkomposition und eine großartige Detailfülle, verbunden mit dem starken Drehbuch, sorgen für ein Sittengemälde der Extraklasse, das es schafft den Zuseher mitten in längst vergangene Zeiten zu ziehen. Das besondere dabei ist, dass der Film, bei aller Kälte und Gewalt, doch ein lebhaftes Bild der Dorfgemeinschaft zeichnet, in dem man sich verlieren kann, und die Präzision mit der dies alles auf die Leinwand gezaubert wird, ist schlichtweg magisch. Das Weisse Band ist großes Kino, und jeder der meint, dass Autorenfilmer vom Schlag eines Ingmar Bergman heutzutage nicht mehr existieren, der möge doch bitte einen Blick riskieren. Arthouse-Kino der Extraklasse!

Wertung:
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Filmering.at
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Ø Wertung: 7.9/10 | Kritiken: 2 | Wertungen: 55
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