Nikita

OT: -  115 Minuten -  Action / Drama
Nikita
Kinostart: 28.06.1990
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: 15.03.2012
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Filmkritik zu Nikita

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Unlängst als moderner Klassiker des französischen Kinos anerkannt, konnte Luc Besson 1990 mit „Nikita“ das europäische Kino gefühlvoll mit einer tragischen Figur infizieren, wie man sie so in den Jahren zuvor vorwiegend aus Hongkong kannte. Das Konzept war in unseren Breitengraden also noch unverbraucht, stellte für Regisseur und Autor Luc Besson aber eigentlich nur einen weniger intensiv ausgearbeiteten Probelauf für „Léon“ dar. Denn ohne „Nikita“ gäbe es sein wenig später folgendes Meisterwerk mit Jean Reno („Ronin“, „Die Purpurnen Flüsse“), dessen Performance in der Rolle des Cleaners ihn erst inspirierte und zu den Highlights des Films zählt, nicht. Diese Tatsache soll „Nikita“ nicht abwerten, denn immerhin war der Film damals neunmal für den César (Anne Parillaud gewann ihn schließlich für ihre Hauptrolle) nominiert, aber gegen den großen, noch weitaus dramatischeren Bruder hat die Tragödie nie eine Chance.

An einer Heldenfigur ist ihm aber auch hier nicht gelegen. Seine Hauptfigur, ziel- und hoffnungslos im Drogenmilieu versunken, überfällt in einer herrlich düster und urban inszenierten Sequenz (Kameramann übrigens Frankreichs Koryphäe Thierry Arbogast, „The Fifth Element“, „Die Purpurnen Flüsse“), halb im Delirium zusammen mit ihrer Punker-Gang in Paris eine Apotheke. Die Lage eskaliert. Der Besitzer greift zur Waffe, erkennt unter den Einbrechern seinen eigenen Sohn. Die Polizei rückt an, wird niedergestreckt, schließlich sterben alle Punks im Kugelhagel außer Nikita, die einem verdutzten Polizisten seine Dienstwaffe an den Kopf hält und abdrückt...

Der sich jeder Form von gekünstelter Ästhetik verschließende und ganz traditionell kantige, ja schäbige Stil der Bilder gibt den Leitfaden für Luc Besson vor, der sein Actiondrama ähnlich hässlich wie das Innenleben seiner Protagonistin inszeniert. Manierlos, rebellisch, ja psychotisch und unkooperativ verhält sich die Mörderin auf dem Revier, zeigt sich uneinsichtig und anarchistisch, wird deshalb gezüchtigt und landet letztlich lebenslänglich hinter Gittern. Der Prozess der Bewusstseinswerdung setzt erst jetzt ein. Zu spät, wie ihr dämmert. Sie flennt, schreit und bettelt um eine letzte Chance. Die soll kommen...

Anne Parillaud („Innocent Blood“, „The Man in the Iron Mask”) geht mit Hingabe in ihrer Rolle vor den Augen ihres damaligen Ehemanns Luc Besson auf. Hätte sie diese Leistung konserviert, hätte es in den Folgejahren vielleicht zu einer internationalen Karriere gereicht. Die Emotionen lebt sie aus und bleibt deswegen eine für den Zuschauer zwiespältige Figur, der den Wolf im Schafspelz nie wirklich lieb gewinnt, doch Mitleid mit ihr empfindet. Denn, und die Geschichte ist bekannt, von Regierungsseite wird ihr eine Alternative angeboten – eine Ausbildung und danach ein Job. Wie der aussieht, soll sie erst später erfahren. Doch mit der Aussicht auf den Tod und dem Wissen, aus dem Komplex, der von nun an ihr Welt sein wird, nicht entkommen zu können, nimmt sie an. Sie lernt und hört zu...

Viel Zeit nimmt sich Besson für den nun folgenden Charakterwandel der Figur, der sich vor allem äußerlich vollzieht, während sie im Innersten nie ganz zu einer Dame erzogen werden kann. Unterordnen will sie sich zumindest nicht gänzlich, sondern nur so weit wie zwingend nötig.. Sie testet ihre Grenzen aus und glaubt in ihrem Mentor Bob (Tchéky Karyo, „1492: Conquest of Paradise“, „Bad Boys“) einen Freund gefunden zu haben, der ihr innerhalb ihres Mikrokosmoses, monatelang auf wenige Ausbildungsstätten beschränkt, nur vorgaukelt, sie manipuliert und endlich zur Feuertaufe geleitet, die sie als Profikillern im Auftrag des Staates zu bestehen hat. Der Weg dorthin ist jedoch beschwerlich. Ihre Schießübungen und das Kampftraining, stets von ihr improvisiert, sind ihr kleinstes Problem. Am Frauwerden und -sein hapert es. Die stark gespielten Momente mit der Grand Dame, die ihr die Waffen der Frauen erklärt, sind die schwersten Lektionen, die sie ungeschliffen und verroht wie sie ist, nur mit Nachdruck erlernen kann. Die Vergangenheit und ihre Erfahrungen lassen es nicht anders zu. Aber trotz oder gerade wegen Bessons gemächlicher Erzählweise, die möglichst allen Facetten der Ausbildung und Nikitas Stadien ihren Raum gönnt, schleichen sich während ihrer Neugeburt die ersten Schwächen ein. Der Wandel, eben noch mitten in der Ausbildung und plötzlich schon die tödliche Waffe, wird sehr plötzlich vollzogen, obwohl ihr Weg zur wiederentdeckten Weiblichkeit nur wenige Minuten noch ein weiter gewesen ist. Gerade als ob es Besson urplötzlich bewusst wird, dass er mit seiner Figur noch weiter will, bricht er die Ausbildung ab und geleitet sie in den ersten Killer-Auftrag – die erste, größere Actionszene.

Davon fährt „Nikita“ als Film der eher leisen Töne nicht viel auf. Wenn dann aber zur Waffe gegriffen wird, geschieht dies energisch, realistisch und blutig. Nikita, die eigentlich mit einem romantischen Dinner bei Kerzenschein zu ihrem Geburtstag rechnet, wird von Bob als Geschenk eine Waffe überreicht. Die Zielperson und ein falscher Fluchtplan werden ihr flugs vorgestellt, auf das sie umgehend zur Tat schreitet und das Gelernte in die Tat umsetzt. Der Job gelingt, die Flucht weniger. Festgenagelt von den Leibwächtern, die schweres Geschütz auffahren, muss Nikita schießen, töten, flüchten, überleben und vor allem improvisieren. Von nun an ist sie eine Killerin im Staatsdienst, der eine Tarnidentität nebst regelmäßige Zahlungen gestellt werden und die dafür hin und wieder einen Job zu erledigen hat. Die werden übrigens nie legitimiert, zumal Nikita nie etwas über ihre Zielobjekte erfährt, sondern sie einfach liquidiert. Die Menschlichkeit bewahrt sie sich dabei. Nie werden die hässlichen Aufträge kühl und routiniert absolviert. Den goldenen Schuss setzt sie angewidert unter Zwang und möchte stets schnellstmöglich vergessen.

Die wiedererlangte Freiheit ist für sie eine Wohltat. Darüber hinaus vergisst sie ihre Beziehung zu Bob, für den sie mehr als nur eine Schülerin war, der sich aber nie zwischen Pflicht und Liebe entscheiden konnte und gerät in den nächsten Konflikt. Ihre große Liebe, ein romantischer Verkäufer, muss sie irgendwie mit ihrem Job in Einklang bringen, die Tarnidentität aufrechterhalten und ihre Kills erledigen. Besson setzt ihr glückliches Leben, das sie ihre mörderische Berufung schon einmal vergessen lässt, in Kontrast zu den tödlichen Aufträgen, in denen sie mal nur eine unspektakuläre Nebenrolle spielt und dann wieder selbst zur Waffe greifen muss, hebt die scheinbare Idylle nach Monaten der Ruhe urplötzlich wieder zugunsten eines Attentats auf und treibt Nikita damit kontinuierlich zwischen Glück und Leid hin und her. Unfähig ihrem Schicksal zu entrinnen, leidet das Privatleben zusehends bis ein Auftrag dank fehlerhafter Vorbereitung misslingt, ihr fast das Leben kostet und in einer schießwütigen Katastrophe endet.

Das Interesse an der leidenden Figur geht dabei nie verloren. Ganz im Gegenteil, man kann sich endlich zusehends für sie erwärmen, gönnt ihr das Glück, vielleicht die einzige Rettung für sie nach dieser langen, quälenden Phase der Ausbildung und fühlt sich ergriffen, wenn sich gegenüber ihrem Freund offenbaren möchte und doch nicht kann, Halt sucht und stumm ihr Schicksal erträgt. Luc Bessons dann bisweilen nüchtern werdende Bilder und Eric Serras betont melancholischer Score treiben das Drama dem ergriffenen Zuschauer derweil in die Arme.

Trotz seiner unspektakulären, subtilen Ausgangs, frei von einer reißerischen Auseinandersetzung, der den Weg in die Freiheit, damit eine neue Zukunft darstellt und genau den ruhigen Ton trifft, der das i-Tüpfelchen darstellt, stellt sich schlussendlich dann nicht das Gefühl ein, ein Meisterwerk begutachtet zu haben. „Nikita“ ist ohne Frage eine eindringliche Tragödie mit radikalen Actionszenen und einer rührenden Hauptfigur, aber er macht seine Fehler leider regelmäßig und da ist die zu plötzliche Transformation vom hässlichen Entlein zum ausgebildeten Schwan nur der auffälligste. Zu oft verliert (für meinen Geschmack) Nikita die Fassung und vergießt Tränen, zu lange braucht ihr Freund um wirkliches Misstrauen in die Tat umzusetzen und nachzuforschen, verhält sie sich doch oft sehr strange. Besson will zeitweise auf Gedeih und Verderb sein Publikum auf emotioneller Schiene mit seiner leidenden Hauptfigur konfrontieren und übersieht dabei mehr als einmal, dass mehr Subtilität ein Gewinn gewesen wäre. Denn sein Ziel erreicht der Film auch so.

Fazit:
Nichtsdestotrotz gelang Luc Besson mit „Nikita“ ein gutes Drama, das erst in den Folgejahren auch außerhalb Frankreichs als solches anerkannt wurde. Zum großen Bruder „Léon“ schließt der Film, obwohl ganz ähnlich gelagert, nicht auf, denn so eingängig Besson seine Figur hier auch porträtiert, faszinierender sind Jean Reno und Natalie Portman im Duett – auch dank einer fortschrittlicheren Umsetzung. Fehler im Detail verhindern den Aufstieg in die Oberliga, jedoch kann die kalte, karge Bildsprache zu den stillen Tönen genauso überzeugen, wie die wertfrei erzählte, gar nicht mal so unmögliche Geschichte an sich. Emotionell, atmosphärisch und mitreißend! Schade, dass Besson an so reifen Projekten heute keinen Gefallen mehr findet.

 

Wertung:

7/10 Punkte

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