Johannespassion

OT:  Es wäre gut, daß ein Mensch würde umbracht für das Volk   -  125 Minuten -  Musikfilm 
Johannespassion
Kinostart: Unbekannt
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Filmkritik zu Johannespassion

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Die Geschichte vom Leben und Leiden Jesu Christi hat in den knapp 110 Jahren des Kinobestehens unzählige Bearbeitungen erfahren: Man erinnere sich an die pompösen Hollywoodschinken der 50er Jahre, DIE GRÖSSTE GESCHICHTE ALLER ZEITEN zum Beispiel, in dem es John Wayne gerade mal zum peitschenschwingenden Soldaten gebracht hat, an Pasolinis wortgetreue und beeindruckend reduzierte Verfilmung des Matthäusevangeliums (für mich immer noch der beste Film seiner Zunft), an Scorseses LETZTE VERSUCHUNG CHRISTI, der einen psychologischen Weg einschlägt und nicht zuletzt an Mel Gibsons furchtbare Gewaltorgie DIE PASSION CHRISTI (für mich mein Hassfilm Nummer eins). Eigentlich beschämend, die filmische Ausgeburt gibson’schem Wahnsinns hier in einem Atemzug mit einer der wenigen deutschen Bearbeitungen der Passion Christi zu nennen: ES WÄRE GUT, DASS EIN MENSCH WÜRDE UMBRACHT FÜR DAS VOLK – nun bei Arthaus auf DVD unter dem Titel JOHANNESPASSION erschienen, aber beide Filme sind zumindest insofern gleich, als dass sie sich auf die Leidensgeschichte Christi beziehen.

JOHANNESPASSION ist aber weniger ein Film über die biblischen Geschehnisse, sondern vielmehr einer über die Musik Johann Sebastian Bachs (1685-1750), seines Zeichens einer der bedeutendsten Komponisten der Musikgeschichte und verantwortlich für die Johannespassion. Regisseur Hugo Niebeling konzentriert sich eher auf das Zum-Leben-Erwecken dieser Musik. Den Weg, den er hierbei geht, ist vergleichbar mit Ingmar Bergmans Verfilmung der ZAUBERFLÖTE von W.A. Mozart: Auf einer Bühne entstehen Spiel und Musik, doch in den Pausen gewähren uns beide Filme Blicke „Hinter die Kulissen“ – sozusagen Metaebenen, in denen das Werk noch einmal zum Thema wird. Wo in Bergmans Film zu Beginn neben dem Garten des Schlosses Drottningholm vor allem Portraits von Menschen allen Alters, jeglichen Couleurs die Allmacht der Musik beschwören, führt uns Niebeling mit seiner Exposition von der belebten Straße direkt hinein zur Bühne: Gedreht wurde ein Großteil im Dom zu Speyer, die Kostüme sind antik, erinnern etwas an Mysterienspiele, die Ausstattung ist karg. Für visuellen Pomp ist kein Platz.

Pompös hingegen die Akustik: Bachs Johannespassion, interpretiert vom Münchner Bach-Orchester unter der Leitung von Karl Richter. Er galt als einer der – heute würde man sagen – Top-Dirigenten des Bach’schen Oeuvres, war aber auch nicht unumstritten: Historischer Aufführungspraxis verwehrte er sich prinzipiell, seine Einspielungen nahm er mit großer Chor- und Orchesterbesetzung vor, was sie aus heutiger Sicht auch etwas schwerfällig und erdrückend wirken lässt. Richter starb bereits 1981 – und spätestens hier dürfen Puristen wieder zu Recht aufschreien: Wie schon beim großen Ingmar ist auch die JOHANNESPASSION nicht „live“ (aber wenigstens nicht in Schwedisch). Von der „Originalbesetzung“ ist nur der schweizerische Tenor Ernst Haefliger auch im Film zu sehen und zu hören.

ZUR DVD:
„Es wäre gut, daß ein Mensch würde umbracht für das Volk“ ist ein Zitat aus dem Johannesevangelium – ein ungewöhnlicher und doch poetischer Filmtitel, dem mit der DVD Veröffentlichung nicht mehr besonders Rechnung getragen wird. Niebelings Film heißt jetzt JOHANNESPASSION, auf dem Cover mit dem Zusatz „Johann Sebastian Bach“. Es ist klar – diese Veröffentlichung richtet sich mehr an das Klassik-Publikum als an die Filmfans. Bild- und Tonqualität sind in Ordnung, im Bonusbereich gibt es als einzig essentielles Feature das Presseheft als PDF. Eine Kaufempfehlung ergeht somit vor allem an Bach-Fans (wo bleibt eigentlich die deutsche Veröffentlichung von CHRONIK DER ANNA MAGDALENA BACH, dem großartigsten Bach-, ja Musikfilm überhaupt?) und Freunde szenischer Aufführungen.

Wertung:
7/10 Punkte

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