Neue Zeiten - La vie moderne

OT:  La vie moderne   -  88 Minuten -  Dokumentation
Neue Zeiten - La vie moderne
Kinostart: 12.06.2009
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Neue Zeiten - La vie moderne

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Im Kinosessel Platz genommen? Popcorn und andere Störelemente hoffentlich nicht dabei? Bereit? – Gut, es kann losgehen. Das Saallicht geht langsam aus, es kehrt Ruhe ein. Noch bleibt die Leinwand dunkel, doch die Musik beginnt zu erklingen. Es ist Gabriel Faurés Elegie Opus 24. Melancholie würde dieses Stück vielleicht treffend beschreiben. Endlich auch ein Bild dazu, es ist die Kamerafahrt auf einer Landstraße, die sich durch die französische Berglandschaft der Cevennen schlängelt. Langsam, bedächtig. Schon in dieser Vorspannssequenz erkennt man das Flair des Films und sollte es in sich aufnehmen. Die Kamera macht nach einigen Minuten halt beim Bauernhof der Familie Privat. Marcel Privat, der 88 jährige Bauer treibt gerade die Schafe nach Hause. Es wird Abend.

Für Regisseur Raymond Depardon ist LA VIE MODERNE mehr als nur ein Dokumentarfilm. Er ist zugleich die Rückkehr in ein Gebiet, das er bereits 2001 mit dem Film PROFILS PAYSANS: L’APPROCHE (Die Annäherung) und 2005 mit PROFILS PAYSANS: LE QUOTIDIEN (Der Alltag) bereist und gefilmt hat. Während diese ersten beiden Arbeiten noch hauptsächlich fürs französische Fernsehen produziert wurden, ist LA VIE MODERNE (Neue Zeiten) in 35mm gedreht, für die große Kinoleinwand. Trotz der Veränderungen in Technik und Zeit sind gewisse Dinge gleich geblieben: Die anfangs bereits erwähnte Musik von Fauré beispielsweise. Und die Menschen, die Depardon filmt.

Familie Privat zum Beispiel. Dort gibt es kleine Spannungen, weil die älteren Herren Marcel und Raymond Cecile, die neue Frau von Alain, nicht ganz akzeptieren können. Deren 15 jährige Tochter Camille muss sich auch erst mit dem Landleben abfinden. Im Zentrum von LA VIE MODERNE stehen nicht so sehr Beobachtungen des bäuerlichen Arbeitsalltags, sondern vielmehr die zahlreichen Gespräche, die Depardon mit den Bewohnern des Landstrichs führt. Die strengen Tableaus erinnern dabei etwas an die Arbeiten Ulrich Seidls, evozieren aber nicht gar so depressive Emotionen. Ganz im Gegenteil: LA VIE MODERNE ist auch ein Film, der zum Schmunzeln einlädt. Hier könnte man dem Film wiederum zur Last halten, was man auch Seidl-Filmen nachsagt: Sie würden ihre Protagonisten vorführen und der Lächerlichkeit Preis geben. Ein Argument, das hier wie da natürlich nicht stimmt, da beide Regisseure mit unglaublicher Präzision und Einfühlsamkeit inszenieren.

Depardon gibt seinen Interviewpartnern Zeit. Obwohl sie ihn bereits seit Jahren kennen, ist ihnen die Situation vor der Kamera unvertraut – und hier liegt neben der Faszination zugleich der „Knackpunkt“ des Films: Manche wollen – so scheint es – (fast) gar nichts sagen, ihre Antworten fallen knapp aus, doch Depardon setzt sie weiter unserem Blick aus. Das mag mitunter ganz seltsame Gefühle ergeben, sowohl auf der Leinwand, als auch bei den Zuschauern.

Fazit:

NEUE ZEITEN – LA VIE MODERNE – eigentlich zeigt der Film alles andere als das. Es ist eine Reise zu Menschen, die fernab von großstädtischer Konsumgesellschaft leben und überleben müssen und von denen es immer weniger geben wird. Raymond Depardon liebt diese Menschen, er liebt ihre Umgebung und hat aus diesem Gefühl eine Dokumentation gedreht, die uns ebendiese Liebe vermittelt. Schweren Herzens verlässt man bei untergehender Sonne das in den vergangenen 80 Minuten so lieb gewonnene Tal wieder über denselben Straßenzug, über den man zu Beginn gekommen ist. Und hofft auf eine baldige Rückkehr.

Wertung:
8/10 Punkte

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