Unheimliche Begegnung der dritten Art

OT:  Close Encounters of the Third Kind   -  135 Minuten -  SciFi 
Unheimliche Begegnung der dritten Art
Kinostart: 06.03.1978
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Unheimliche Begegnung der dritten Art

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Fünf Jahre, bevor Steven Spielberg mit „E. T.” einen der wohl beliebtesten Sciencefiction-Filme der Filmgeschichte drehte, überraschte er mit einem Streifen das Publikum, in dem alles so anders schien als sonst in diesem Genre. Keine bewaffneten Kämpfe, keine, außer eingebildeten Gefahren – Friedfertigkeit aller Orten. Doch „Close Encounters of the Third Kind” ist deswegen noch lange kein Gutmenschen-Film oder langweilig oder behäbig. Spielberg nutzte den in den 70er Jahren weit verbreiteten Glauben an UFOs und vor allem seine eigene Faszination für dieses Thema – geboren in seiner Kindheit, als ihm sein Vater ein vermeintliches UFO zeigte –, um den Film in dieser Weise zu inszenieren.

Dabei unterscheidet sich die damalige Kinoversion von einer späteren, in die eine zusätzliche Abschlussszene, die im Raumschiff der Aliens spielt, und die 1980 in den Kinos gezeigt wurde. Später entschied sich Spielberg, diese Schlussszene wieder herauszunehmen, um eine weitere Version mit gegenüber der ersten Kinofassung zusätzlichen Szenen auf den DVD-Markt zu werfen, die auf der sog. „Collector’s Edition” zu sehen ist. Diese Doppel-DVD enthält auch andere zusätzliche Szenen und die Schlussszene aus der Kinofassung von 1980 sowie ausführliche Erläuterungen des Regisseurs und anderer zur Entstehung des Films.

Merkwürdige Dinge geschehen. In der Wüste Gobi findet man ein Schiff, das vor etlichen Jahren verschwunden war – von der Besatzung fehlt jede Spur. Auch einige Flugzeuge finden sich wieder, die sich in einem noch tadellosen Zustand befinden. In Indiana kommt es fast zu einem Zusammenstoß mit einem unbekannten Flugobjekt. Und ebenfalls dort sieht der kleine Barry (Cary Guiler), wie sich seine Spielzeuge und andere Gegenstände im Haus wie von selbst bewegen. Kurze Zeit später ist Barry verschwunden, nachdem er nach draußen gelaufen und offenbar irgend jemandem gefolgt war. Seine Mutter Gillian (Melinda Dillon) ist verzweifelt.

Der Techniker Roy Neary (Richard Dreyfuss) fährt durch eine sternenklare Nacht – und wird plötzlich durch merkwürdige Erscheinungen am Himmel überrascht. Wie andere Personen auch, die später den Behörden berichten, sie hätten Raumschiffe am Sternenhimmel gesehen. Neary kommt nach Hause und eine seiner Gesichtshälften ist wie von einem Sonnenbrand rot gefärbt.

Die amerikanische Regierung erklärt der Öffentlichkeit und den Medien, es gebe überhaupt keine handfesten Hinweise auf UFOs oder Aliens. Doch insgeheim hat sie längst den französischen Experten Claude Lacombe (von keinem anderen gespielt als dem französischen Regisseur François Truffaut) beauftragt, den merkwürdigen Ereignissen nachzugehen. In der Gobi, in Indien und in Indiana suchen Lacombe und eine Reihe amerikanischer Experten nach den Ursachen für die merkwürdigen Ereignisse. Dabei sind die meisten längst davon überzeugt, dass die UFOs keine Einbildung sind.

Genauso wie Neary und Gillian. Neary scheint sich angesichts der Beobachtung der UFOs zu verändern. Er macht seine ganze Familie verrückt, schneidet Zeitungen aus mit Berichten über UFO-Erlebnisse – und hat vor allem immer wieder dasselbe Bild im Kopf – einen Berg mit flacher Oberfläche – und eine simple Folge von fünf Tönen, die er gehört hatte. Ebenso ergeht es Gillian, die immer wieder den merkwürdigen Berg malt.

Als Neary allen möglichen Abfall, einen Drahtzaun, der Gänse am Weglaufen hindern soll, und Erde ins Haus wirft, glaubt seine Frau Ronnie (Teri Garr), dass er verrückt geworden ist und verlässt mit den Kindern das Haus. Aber selbst das kann Neary nicht daran hindern, aus dem ganzen Müll und der Erde diesem Bild von dem Berg Gestalt zu verleihen. Und dann steht er da, dieser Berg, in der Wohnung – und Neary spürt, dass es diesen Berg auch real geben muss.

Wenig später trifft er ein zweites Mal auf Gillian – und beide beschließen, der Sache auf den Grund zu gehen. Sie befahren heimlich ein inzwischen von der Regierung und dem Militär gesperrtes Gebiet, in dem angeblich giftige Gase die Atmosphäre verunreinigt haben. Doch Neary weiß, dass dies nur ein Vorwand ist, um andere an der Entdeckung der Wahrheit zu hindern. Auch beider Festnahme und die weiterer Menschen, die dieselben Bilder im Kopf haben, kann Neary und Gillian nicht davon abhalten, ihren Gefühlen zu folgen.

Und dann sehen sie den Berg vor sich, den Devil’s Tower in Wyoming. Beide spüren, dass sie nicht nur hinauf müssen – auch wenn das Militär sie fast um jeden Preis daran hindern will. Sie ahnen, was sich hinter dem Berg enthüllen wird ...

Sehen – Spüren – Kontaktieren. Das sind die drei Arten unheimlicher Begegnung, die Spielberg uns förmlich selbst spüren lässt. Es ist völlig unerheblich, ob der eine von uns an UFOs glaubt und die andere nicht. Spielberg zieht uns hinein in diese märchenhaft scheinenden Bilder. Das beginnt schon mit dem sternenklaren, doch vom Mond erleuchteten Himmel, irgendwo auf einer Landstraße. Schon bei diesen Bildern spürt man förmlich die Anwesenheit der Außerirdischen – die man erst ganz zum Schluss sehen wird. Das Auftauchen der UFOs, die scheinbar verrückt spielenden Gegenstände in Gillians Haus, das Leuchten in den Augen der Kinder und auch einiger Erwachsener, vor allem aber das Staunen, dieses unermessliche Staunen darüber, dass man – sprich: die Erdenbewohner – offenbar nicht die einzigen Lebewesen im All sind, und die prickelnde Erwartung, mit diesen Aliens Kontakt aufzunehmen – das ist es, was „Unheimliche Begegnung ...” – egal wo wir uns im Film gerade befinden: in Idaho, Wyoming, in der Wüste Gobi oder in Indien – so faszinierend macht.

Faszination – das ist es auch, was Neary überkommt und seine Frau so gar nicht versteht, weil die Angst vor dem Unheimlichen sie zu beherrschen scheint. Die verrückten Dinge, die er tut, sind alles andere als verrückt. Er sieht ein Ziel, einen Sinn, der seinem bisherigen Leben abhanden gekommen schien. Und dieses Ziel und dieser Sinn haben nichts mit Bedrohlichem, mit Gefahr, gar mit Lebensgefahr zu tun – im Gegenteil. Da taucht etwas auf, etwas Unbekanntes, etwas das lebt, das neugierig ist und macht, und in dem soviel Unermessliches zu sein scheint, dass Neary und auch Gillian nicht von ihrem Weg ablassen können. Es scheint ihre Seele, ihr Herz und ihren Verstand ergriffen zu haben wie nichts anderes zuvor.

Man könnte auch sagen: das Märchenhafte dieser Geschichte, in der sich auch Truffaut als Lacombe nur noch dem Staunen und der Erwartung hingibt, ist die Erwartung von etwas, was den Sinn des Lebens erst ausmacht: das Leben selbst. Die unheimlichen Begegnungen sind nämlich nicht geprägt von der Hektik des Alltags, den Zahlen, der „Faktizität” und der Jagd einer Gesellschaft, die fast nur noch das kennt, nicht einmal von einer wissenschaftlichen Neugier, die sich längst darin erschöpft hat, all das zu machen, was machbar ist, um daraus Profit zu schlagen.

Das, was hier erwartet wird, worüber man hier staunt, ist die Faszination des Lebens selbst, seiner unterschiedlichen Formen, Inhalte, seiner Ausprägungen, seiner Überraschungen, seiner Möglichkeiten. Wenn die Wissenschaftler, Militärs, Gillian und Neary am Schluss vor dem außerirdischen Raumschiff stehen, dann stehen sie einfach da und schauen – nichts weiter. Wer wird raus kommen? Die fünf Töne erklingen, aus dem Raumschiff antwortet man mit immer komplexeren Tonfolgen. Und dieses „Wir sind nicht allein”, so sehr diese Aussage auch auf „die anderen” deutet, weist doch – vielleicht die wesentliche Aussage des Films – auf uns selbst zurück.

Das Innehalten, die eingekehrte Ruhe im Angesicht der unheimlichen Begegnungen, das Staunen und die erwartungsvolle Haltung führen uns zumindest einen Kino- oder DVD-Abend zurück auf uns selbst. Es reißt uns heraus aus einer selbstentwickelten Hektik unseres Daseins. Der Kontakt, die unheimliche Begegnung der dritten Art, ist letztlich der Kontakt mit uns selbst, der dem Kontakt mit dem anderen geschuldet ist. Und dieser Kontakt ist durch nichts vermittelt, das heißt, nichts Sachliches außer uns stellt ihn her: WIR stellen ihn her. Vom einen direkt zum anderen. Die Vermittlung liegt hier lediglich in der Geschichte selbst, das heißt der „Einführung” der Außerirdischen als vermittelnde Instanz. Es ist dieses Kontemplative, was fortan in Neary und Gillian wirkt.

Kontemplation als religiöser Schritt – Reinigung, Erleuchtung, Seeleneinheit mit Gott – ist hier nicht einmal vonnöten, aber doch in einer nicht-religiösen Bedeutung präsent. Indem die hier gezeigten Menschen in einer nicht nur friedvollen, sondern eben erwartenden und staunenden Art und Weise dem Leben gegenübertreten in Gestalt der Aliens, werden sie eins mit sich selbst. Es ist diese Art Rückbesinnung und Rückbeziehung – ob man sie nun religiös fassen will oder nicht –, die den Film und seine Geschichte prägt und ihn auch heute noch so sehenswert und faszinierend macht. Es ist diese Art Staunen, die dem kindlichen, unverbildeten Staunen entspricht, oder auch der Kontemplation in der Kunst, die zudem direkt zu Spielbergs „E.T.” führen wird.


Wertung:
9/10 Punkte

Quelle: Follow-me-now.de / Ulrich Behrens

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