E.T. - Der Außerirdische (1982)

OT: E.T.: The Extra-Terrestrial - 126 Minuten - SciFi / Drama
E.T. - Der Außerirdische (1982)
Kinostart: Unbekannt
DVD-Start: 05.02.2015 - Blu-ray-Start: 25.10.2012
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Filmkritik zu E.T. - Der Außerirdische

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Der mit vier Oscars bedachte Spielberg-Klassiker wurde zum 20. Jubiläum nicht nur digital bearbeitet. Ebenso wurden aus einigen Szenen, heißt es, Waffen entfernt. Natürlich habe ich damals E.T. ebenso begeistert verschlungen wie Millionen andere. Allein lang, lang ist’s her und ein Vergleich der alten mit der überarbeiteten Fassung schier unmöglich. Interessant aber scheint mir, wie E.T. angesichts eines solchen zeitlichen Abstands heute gesehen werden kann.

Da steht er nun, mitten im Wald, der Außerirdische, den sein Raumschiff vergessen hat bzw. nicht mitnehmen konnte, weil NASA und FBI die Landung registriert hatten. Im Geräteschuppen  der Familie von Mary (Dee Wallace Stone) und ihren Kindern Elliot (Henry Thomas), Michael (Robert MacNaughton) und Gertie (Drew Barrymore als süßes kleines Mädchen mit Zöpfen) findet er Unterschlupf und wird natürlich von Elliot entdeckt. Das Erschrecken ist beiderseitig. E.T., wie Elliot ihn ab sofort nennt, grunzt nur leise vor sich hin, Elliot hat es die Sprache verschlagen. Doch es dauert nicht lange, und beide verkriechen sich im Zimmer des Jungen. E.T. bekommt zu Essen, und schnell werden aus den Fremden Freunde.

Elliot bleibt nach einigen Tagen nichts anderes übrig, als seine zwei Geschwister einzuweihen. Während der große Bruder Michael ebenso sprachlos vor E.T. steht, bekommt seine kleine Schwester einen Schreianfall. Doch Mutter Mary darf nichts merken. Denn Elliot hat das unbestimmte Gefühl, dass es E.T. nicht gut bekommen wird, wenn die Erwachsenen von ihm wüssten.

E.T. schaut und hört Fernsehen, liest Kinderbücher, hört den Kindern zu und lernt sehr rasch die menschliche Sprache so weit, dass eine Verständigung möglich ist. Ja, und dann kommt der berühmte Satz mit dem Fingerzeig: „Nach Hause ...”

Ich will es dabei belassen, denn die Geschichte dieses Sciencefiction-Klassikers dürfte den meisten bekannt sein, und wer E.T. noch nicht gesehen hat, dem geht es auch besser, wenn er nicht mehr erfährt.

„E.T.” war – soweit ich das sehe – der erste große Sciencefiction, in dem ein Außerirdischer nicht als bösartige Bedrohung, gar als Gefahr für die gesamte Menschheit eingeführt wurde, sondern als emotionales, mitfühlendes Lebewesen, das sich recht schnell mit den Gepflogenheiten der Menschen zurechtfindet. Die Bedrohung kommt in Spielbergs Film eher von einem Teil der (institutionalisierten) Menschheit, dem FBI und der NASA, deren Repräsentanten in den ersten Szenen des Films im Schatten, in der Dunkelheit, fast anonym bleiben und erst gegen Schluss ins Helle, ins Tageslicht treten. Potentielles Opfer ist E.T., nicht die Menschheit.

Spielberg führt den Zuschauer (einmal mehr) in die Welt der Phantasie, der Kinder, der Kindheit, in die Welt vor allem von drei Kindern, deren Vater sich von Mary getrennt hat, den sie alle vermissen. Doch es wäre kurzschlüssig, in E.T. eine Art phantasievollen Vaterersatz sehen zu wollen. Das Vertraute, der Vater, ist zwar weit weg, in Mexiko, aber er lebt in den Herzen der Kinder weiter; wie alle Kinder wünschen sie sich instinktiv den Elternteil wieder, der die Familie verlassen hat. Und dann erscheint dort, im wahrsten Sinn vom Himmel gefallen, etwas Fremdes, ein Fremder, der anders aussieht, aber eben doch sehr menschenähnliche Züge hat, der verwelkte Blumen wieder zur Blüte verhilft, der kleine Wunden heilen kann, aber nicht als Vater, sondern als etwas, was so fremd und doch so nah ist.

Elliot, Michael und Gertie reagieren zunächst ganz unterschiedlich auf E.T. Elliot ist sehr schnell mit ihm verbunden; E.T. hat die Fähigkeit, ihn das spüren zu lassen, was in E.T. vorgeht. Man könnte sagen, die beiden sind wie ein Herz und eine Seele. Michael, der ältere Bruder, dagegen geht anfangs auf Distanz, zweifelt, ob da doch noch Gefahren lauern könnten. Die kleine Gertie hat zunächst einfach nur Angst. Doch sowohl Angst wie Zweifel verfliegen bei den Kindern schnell, während Mary das kalte Entsetzen im Gesicht geschrieben steht, als sie E.T. das erste Mal sieht, und ihr Schutzinstinkt gegenüber den Kindern sofort in Aktion tritt.

Elliot repräsentiert eine Art (kindliches) Urvertrauen in das Fremde. Bei ihm setzen sich sofort Schutzmechanismen in Gang, geleitet von seinen Emotionen, aber nicht gegen das Fremde, sondern gegen das Vertraute, Eigene, die Gefahr, die E.T. von denjenigen zumindest drohen könnte, die ihn zu Forschungszwecken missbrauchen oder gar töten könnten. Für die Kinder ist E.T. kein Spielzeug, sondern Freund; für die Erwachsenen eher Objekt von Forschung und Abwehr, auch wenn der NASA-Forschungsleiter (Peter Coyote) zum Schluss friedlich mit ansieht, wie E.T. von seinen Leuten wieder abgeholt wird. Doch er kann dies nur, weil er sich seinen Kindheitstraum bewahrt hat, wie Elliot einmal einem Außerirdischen in Frieden zu begegnen.

Spielberg geht (nicht nur in E.T.) zurück in die Kindheit, nicht um des Außerirdischen, sondern um unser Verhältnis zu „unseren eigenen Fremden”, zum Fremden in uns selbst willen. E.T. verkörpert vielleicht das, was wir in uns selbst als fremd verdrängt, ausgeschieden haben und was sich in unserem Verhältnis zu „anderen Kulturen” oft als Ablehnung, Aggression oder Schlimmeres äußert.

Ich nehme an, dass es kein Zufall ist, dass Spielberg seinen letzten Film „A.I. – Künstliche Intelligenz” ähnlich wie „E.T. – Der Außerirdische” betitelt hat. Der von Menschen geschaffene David in „A.I.” ist der Figur des Elliot in „E.T.” sehr ähnlich, auch wenn er reine Technik ist. Das Absurde in „A.I.” ist, dass David über Jahrhunderte hinweg die längst ausgestorbene Menschheit überlebt und im Schlaf das Menschliche sucht und verstehen will. David ist Technik, die Mensch werden will, Kind, das wissen will, wo seine Mutter, auf die er programmiert ist, geblieben ist. David kennt keine Zeit; Zeit ist nicht sein Problem, Technik nicht, sondern seine „Programmierung auf das Menschliche”. Elliot ist in seinem Urvertrauen ebenso „programmiert”, zwar nicht leichtsinnig sich jeder Gefahr auszusetzen, aber die Nähe zu spüren, egal wie „etwas” oder jemand aussieht, sich bewegt, oder wo jemand herkommt.

Verkörpert „A.I.” eine düstere Vision des Verlusts all dessen, was Humanität ausmacht, ist in „E.T.” 19 Jahre früher das Menschliche in den Kindern und E.T präsent; die Erwachsenen müssen es in sich suchen. Beide Filme stehen in einer denkbar merkwürdigen Tradition zu der alten Geschichte von Pinocchio, der Holzpuppe, die ein Kind werden wollte, was ja auch bedeutet, dann erwachsen zu werden.

Die Bearbeitung des Films ist mir im nachhinein ehrlich gesagt ziemlich egal. Die Waffen bei der Verfolgung in der Schlussszene wurden entfernt, OK. Aber am Gesamteindruck ändert das nichts wesentliches. Es war schön, diesen Film nach so langer Zeit wieder und vielleicht neu zu sehen. Es hat sich gelohnt.


Wertung:
10/10 Punkte

Quelle: Follow-me-now.de / Ulrich Behrens

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