Catch Me If You Can

OT:  Catch Me If You Can   -  115 Minuten -  Krimi / Komödie 
Catch Me If You Can
Kinostart: 30.01.2003
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: 06.12.2012
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Filmkritik zu Catch Me If You Can

Von am

Die Sicht auf vergangene Jahrzehnte ist oft versperrt oder zumindest verschoben, weil wir diesen Jahrzehnten noch zu nahe sind – zumindest die von uns, die in dieser Zeit als Kinder aufgewachsen sind, aber auch die, die wenig darüber erfahren. Wer weiß schon, was in den 50er Jahren wichtig war – denen, die damals lebten, denen die später ihre Eltern- und Großelterngeneration anprangerten angesichts der Verwicklung in die Zeit vor 1945. Die 50er Jahre gelten noch immer als Zeitalter der konservativen Restauration nach dem Krieg – zumindest was Deutschland betrifft. Die 60er stehen im Ruch und Geruch des „Kalten Krieges“. An alldem ist sicherlich vieles richtig, aber wie oft drückt dies nur die halbe Wahrheit und damit gar keine aus. Denn über das Lebensgefühl dieser Zeiten sagt derlei wenig aus.

Merkwürdig: Aber über die Zeit des Nationalsozialismus, der organisierten Vernichtung von Menschen wissen jüngere Generationen heute oft mehr als über die Zeit zwischen 1945 und dem Beginn der sog. „Kohl-Ara“. Im Geschichtsbewusstsein klaffen Lücken, riesige Lücken. Man nennt diese Zeit der 50er und ersten Hälfte der 60er Jahre oft die „Adenauer-Ära“. Und man muss sich angesichts solch personeller Zuspitzungen auf eine – sicherlich entscheidende – Person dieser Zeit mit Bertolt Brecht fragen: Cäsar eroberte Gallien. Hatte er nicht wenigstens einen Koch dabei? Für die Verhältnisse in den USA in bezug auf diese Zeit wird anderes, aber ähnliches gelten.

Steven Spielberg ist ein schlauer Fuchs. Dieser Film scheint in seiner Werkgeschichte eine Ausnahmeerscheinung, ein wenn auch positiv zu sehender Fauxpas, ein Ausflug in die unbefangene, belanglose, wenn auch durchaus gute Komödie, kein allzu ernst zu nehmender Film, der unpolitisch daher kommt, eine bisschen Satire vielleicht, eine beschwingte, leichte Komödie, die vielleicht nur zufällig im Amerika der 60er Jahre spielt, weil eben die reale Person des Frank Abagnale sein „Unwesen“ als Betrüger in dieser Zeit trieb. Von wegen zufällig!! Nein, nein, nicht nur die Bilder, die Musik, die Kostüme, die Kulisse, die Charaktere, die Handlung, die Umstände – nicht nur all dies ist einer Zeit verhaftet, die manche gern – im Vergleich zu dem, was folgte: Vietnam, Watergate vor allem – die Zeit der Unschuld nennen (möchten). Spielberg versetzt uns im wahrsten Sinn des Wortes in eine Zeit, in der tatsächlich vieles beschwingt, leicht und unschuldig anmutet. Solche Eindrücke sind zumeist trügerisch, künden von eher tragischen Dingen, die da kommen, von Ablenkung, Verleugnung, dem Sich-Hingeben an die Launen, Lüste und Laster einer nur scheinbar so reinen Zeit.

Der Vietnamkrieg begann nicht erst in den 70er Jahren, Kennedy wurde in den 60er Jahren ermordet, die Kuba-Krise, die fast einen Weltkrieg auslöste, war ein sattes Ereignis dieser Zeit, die Erstarrung angesichts des Kalten Krieges war präsent wie nie zuvor und nie mehr danach. Und was macht der schlaue Steven Spielberg daraus? Einen Film zwischen Komödie und Drama, zwischen der Tragik eines Jahrzehnts und der Komik seiner Mentalitäten. Er erzählt uns eine Geschichte, die mit alldem scheinbar nichts zu tun hat, die Geschichte des Betrügers Frank Abagnale (Leonardo DiCaprio), der einen geliebten Vater verliert und einen neuen väterlichen Freund gewinnt.

Franks Eltern, Frank Abagnale Sr. (Christopher Walken in einer seiner besten Rollen) und Paula (Nathalie Baye) hatten sich während des Krieges in Frankreich kennen gelernt. Doch in ihrer Ehe kriselt es. Paula hat ein Verhältnis mit Jack Barnes (James Brolin), einem Bekannten des Ehepaares, den sie später – nach der Scheidung von Frank Sr. – auch heiraten wird. Für Frank Jr., der sich bei beiden immer wohlgefühlt hat, ist dies eine Katastrophe. Er soll sich entscheiden, bei wem von beiden er leben will. Das kann er nicht. Statt dessen flieht er. Gerade einmal 16 Jahre alt kommt er mehr oder weniger zufällig auf die Idee, sich als Pilot auszugeben. Er hat beobachtet, wie Flugkapitäne hofiert und von Frauen umschwärmt werden. Frank entscheidet sich für eine Laufbahn als Betrüger. Er gibt sich nicht nur als Pilot aus, er lernt – fast perfekt – das Handwerk des Scheckbetrugs.

Der Betrug Franks nimmt Ausmaße an, die das FBI auf den Plan rufen. Der Experte für Scheckbetrug Carl Hanratty (Tom Hanks im 60er-Jahre-Stil!!) macht sich an die Arbeit. Aber Frank ist nicht zu fassen. Immer wieder entwischt er dem Zugriff der Bundesbehörde, gibt sich als Anwalt und Arzt aus, indem er beispielsweise ein Harvard-Diplom penibel fälscht und lernt darüber die naive, aber nicht dumme Brenda Strong (Amy Adams) und deren Eltern (Martin Sheen, Nancy Lenehan) kennen, die sich hervorragend verstehen und Frank an die Zeiten erinnern, als seine Eltern glücklich zu sein schienen.

Im folgenden entwickelt sich eine Art Katz- und Mausspiel zwischen Frank und Carl, das von zunehmendem gegenseitigen Respekt geprägt ist ...

Spielbergs Film beginnt schon im Vorspann mit den Farben und dem Design der 60er Jahre. Er spielt mit dem Gedanken an diese Zeit, und insofern ist auch der Titel des Films durchaus doppeldeutig: Fangen wir sie ein, die 60er Jahre, wenn wir es können. Fangen wir den Betrüger, wenn wir es können. Hinter der Jagd Carls auf Frank steckt mehr als die Aufklärung von Verbrechen, das am wenigsten. Der richtige wie der visuelle Frank war der Hacker von damals. So, wie Hacker in den 90er Jahren nach ihrer erfolgreichen Jagd auf Sicherheitsbereiche später zum Teil von Firmen als Experten eingestellt wurden, wird Frank Abagnale in den 70er Jahren zum führenden und hoch bezahlten Spezialisten für Scheckbetrug beim FBI.

Diese scheinbar „einfache“ Metamorphose vom Verbrecher zum Kriminalisten ist nur der äußere Rahmen für eine wesentlich komplexere Sicht. Das drückt sich schon in den Rollen der beiden Protagonisten aus. Während DiCaprio den gewieften, charmanten, flinken, oft nüchternen, in bezug auf seine Eltern allerdings sehr sensiblen Betrüger und Täuscher spielt, scheint Tom Hanks FBI-Agent ein manchmal tumber, nie lachender, ja humorloser Staatsbeamter zu sein, der nur in seiner zur Schau gestellten Ungeschicklichkeit zum Lachen reizt. Andererseits lässt Carl Hanratty nicht locker. Es scheint seine Lebensaufgabe geworden zu sein, Frank hinter Schloss und Riegel zu bringen. Im Verhältnis beider entwickelt sich so etwas wie unausgesprochene Sympathie, ja Zuneigung, etwa wenn sie immer wieder zu Weihnachten aufeinander treffen bzw. miteinander telefonieren. Hanratty will Abagnale zwar einbuchten, gleichzeitig liegt er ihm jedoch am Herzen – ein Gemisch aus Vater-Sohn-Verhältnis und Männerfreundschaft. Wieder einmal gestalten zwei Figuren, die ihre Familie verloren haben – Frank durch die Scheidung seiner Eltern, Carl durch die Trennung von Frau und Kind – so etwas wie emotionalen Zusammenhang durch einen Konflikt, der sich zwar als Auseinandersetzung um Recht und Gesetz darstellt, aber letztlich geht es um anderes.

Frank linkt zu Beginn Carl, indem er sich – als er schon gestellt zu sein scheint – seinem FBI-Gegenüber als Mitarbeiter des Geheimdienstes ausgibt, der auch hinter dem Betrüger her sei. Carl fällt darauf herein. Später entschuldigt sich Frank bei Carl, der ihm das nicht so recht abnehmen will, aber auch unsicher ist, ob Frank es nicht doch ein bisschen ernst meint. Franks Weg ist der der leisen, aber betonten Rache am verlorenen Vater. Frank Sr. ist nicht verloren, weil er seinen Sohn im Stich lässt, sondern weil er bankrott ist, die Staatsanwaltschaft ihm im Nacken sitzt, seine Frau ihn verlassen hat und er für seinen Sohn nicht viel tun kann. Frank Jr. kann das nicht akzeptieren, nimmt sich von denen, die er für die Situation seines Vaters verantwortlich hält: Banken und Staatsmacht. DiCaprio spielt keinen Revolutionär, keinen Rebellen, seine Motive sind keine politischen. Sie sind persönlich, sehr persönlich, und drücken damit eine Zeitstimmung aus, die man vielleicht als „vor-rebellisch“ bezeichnen könnte. Frank Jr. hat nichts mit der 68er-Bewegung, die es auch in den USA gab, zu tun. Er steht tatsächlich noch für eine andere Zeit, eine andere Generation, eine andere Atmosphäre. Versöhnung ist noch möglich, denkbar, mir ihr kann man in bezug auf Frank noch kalkulieren. Und Carl tut dies.

In beiden Charakteren drückt sich – so sehr sie auch mit Flucht hier, Verfolgung da beschäftigt zu sein scheinen – eine unterschwellige Suche aus, einer Suche nach dem, was man neudeutsch später als „Identität“ bezeichnen sollte. Frank wie Carl befinden sich in einer Art Schwebezustand zwischen zwei Epochen, der Nachkriegs-Ära und der Zeit nach Vietnam, nach 1968, einer Epoche des ungebrochenen Optimismus – trotz aller Tragik weltpolitischer Ereignisse –, des uneingeschränkten Glaubens an Emporkommen, wirtschaftliche Prosperität, farbiges Leben. Nur dieser Optimismus macht einen Betrüger wie Frank möglich. Im Rausch dieses Glaubens an wachsendes und ständiges Glück fallen die kleinen verborgenen Dinge, die Täuschungen weniger auf, auch wenn Frank trotzdem einige Mühe darauf verwenden muss, Harvard-Diplom, Schecks usw. überzeugend zu fälschen.

Man erinnere sich an die Filme jener Zeit, auf die Spielberg unausgesprochen, sanft, wenn auch – bei genauem Hinsehen – deutlich Bezug nimmt. Die Musik John Williams’ und die Lieder von Sinatra u.a., jedoch auch die spezielle Verve der Inszenierung geben dem eine zusätzliche Note.

Leonardo DiCaprio spielt keinen jungen Helden, schon gar keinen, der übertrieben und maßlos sein (Un-)Wesen treibt. Er spielt diesen Frank Abagnale eher fast zurückhaltend und doch zugleich gerissen und wendig, tragisch und komisch, auf natürliche Art charmant und traurig. Es gibt einige sehr beeindruckend Szenen zwischen ihm und dem exzellent aufspielenden Christopher Walken als seinem Vater. Tom Hanks ist einfach grandios als humorloser, leicht steifer FBI-Agent, der sein Ziel fest im Auge hat, und nach etlichen vergeblichen Zugriffsversuchen Frank doch noch schnappen kann. Martin Sheen als Vater Brendas und Amy Adams als Brenda mit Zahnspange ergänzen die insgesamt ausgezeichnete Besetzung des Films.

Spielberg spielt. Er spielt mit der Annäherung an eine Zeit, die bislang nur wenig thematisiert wurde, jedenfalls nicht im Kino. Natürlich ist „Catch Me If You Can“ als Dreamworks-Produktion auch Hollywood-like. Aber ich muss zugeben, dass mich das bei Spielberg bisher kaum gestört hat, vor allem weil er nicht den Fehler begeht, Wahrheiten zu verkünden und etwas als selbstverständlich visualisiert, was nicht selbstverständlich, sondern historisch bedingt ist. Er bleibt konsequent bei seiner Geschichte und seinen Charakteren und überlässt es seinem Publikum – nicht nur zu lachen, sondern auch zu denken. Insofern steht der Film dann eben doch in einer Reihe mit vielen anderen Inszenierungen eines Regisseurs, dem die amerikanische Geschichte am Herzen zu liegen scheint.


Wertung:
9/10 Punkte

Quelle: Follow-me-now.de / Ulrich Behrens

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