Silentium

OT:  Silentium   -  110 Minuten -  Krimi / Groteske 
Silentium
Kinostart: 03.03.2005
DVD-Start: 21.09.2012 - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Silentium

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„Was machen Sie denn in Linz?”
„Schauen, was los ist.”
„Und dann?”
„Fahr ich wieder nach Salzburg
und schaue, was dort los ist.”

Der Brenner (Josef Hader) kriegt gleich eins auf die Mütze. Der Ex-Bulle verdingt sich als Kaufhausdetektiv. Und als er die Tochter des Festspielpräsidenten der Salzburger Festspiele beim Diebstahl erwischt, wird nicht sie verhaftet, sondern er gefeuert. Wer’s Geld hat, lebt gesünder. Aber der Brenner, der mal wieder auf der Straße steht, lässt es geschehen. Was soll er auch machen?

Der Brenner trägt sein Päckchen – auch später im Film, als er in einem Kloster das Kreuz trägt, „das” Kreuz des Herrn, dem ein Handwerker gerade die Nägel gezogen hat, weil der Herr an anderer Stelle wieder aufgehängt werden soll. Dass der Brenner dann mit dem Kreuz des Herrn die Treppe hinunterfällt ... all das ist, könnte man sagen symptomatisch für den Film, für Brenner, für Salzburg (?), für Haas – und für uns. Und dass der Brenner nicht nur sein Kreuz und das des Herrn trägt, ist auch klar. Der Brenner ist der Brenner und deshalb lässt er dann nicht locker, wenn er es für nötig hält, nicht locker zu lassen.

Nach „Komm, süßer Tod” inszenierte Wolfgang Murnberger einen weiteren Film aus der sechs Krimis umfassenden Reihe der Brenner-Geschichten von Wolf Haas, der wiederum am Drehbuch beteiligt war. Und wieder sind es Hader und Simon Schwarz – sein Rettungsfahrerkumpel aus „Komm, süßer Tod” –, die die Sache, von der sie wie wir anfangs noch nicht viel ahnen, in die Hand nehmen.

Der Brenner trifft sie wieder, die Kaufhausdiebin aus hohem Hause, die Konstanze Dornheim (Maria Koestlinger), die ihren Mann kurz zuvor verloren hat. Der soll Selbstmord begangen haben – an einer schönen Stelle oberhalb der Stadt soll er herunter gesprungen sein – mitten in das schöne Salzburg. Wir wissen von Anfang an, dass das nicht so war. Denn zwei Killer – Max und Moritz, diese beiden (Karl Fischer, Wolfgang S. Zechmayer) – haben den Schwiegersohn des Festspielpräsidenten in die Tiefe gestürzt. Und die Salzburger, die gerade drunten standen, glaubten zunächst, es regne – was in der Stadt ja nun keine Seltenheit ist –, nur war der Regen rot.

Der Brenner bekommt von der schönen Frau schöne Augen gemacht und den Auftrag, den Tod des Gatten zu untersuchen. Denn die junge Frau glaubt nicht so recht an Selbstmord – zumal der Gatte immer wieder behauptet hatte, als Kind in einem Kloster missbraucht worden zu sein. Immer wieder habe er versucht, die Schuldigen anzuprangern – vergebens. Der Brenner macht sich auf die Suche – im Kloster mit angeschlossenem Knabeninternat, als Handwerker oder so was ähnliches getarnt. Dort trifft der Brenner auf den Sportpräfekten Fitz (Joachim Król) und eine stattliche Anzahl frommer asiatischer Schwestern, die gerade angekommen sind, um im Kloster zu arbeiten, auf den Hausmeister Josef (Georg Friedrich) und die Köchin Di Ding (Rosie Alvarez). Und er lernt auch den Vater der schönen Auftraggeberin kennen, den Festspielpräsidenten (Udo Samel). In diesem Umkreis spielen sich Verbrechen ab – vom Mord bis ... aber das verschweigen wir lieber.

Der Brenner ist mal wieder am ermitteln. Aber zunächst stößt er auf nicht viel. Bis er wegen des Mordes an seinem Kumpel René (Max Meyr) festgenommen wird, bei dem der Brenner wohnt. Der Brenner gräbt mal wieder zu tief. Und im Kloster mit angeschlossenem Knabeninternat vermutet der Brenner richtigerweise die Lösung allen Übels. Was nicht nur für ihn, sondern auch für den Berti lebensgefährlich wird ...

Haas Roman wie Murnbergers filmische Adaption begrenzen den Raum des Geschehens ganz auf eine Stadt, Salzburg, eigentlich auf nur wenige Orte innerhalb dieser Stadt: das Theater, das Kloster, eine Villa, in der schreckliche Dinge passieren. Diese Enge des Raums ist aber zugleich Voraussetzung für eine äußerst dichte Erzählung und intensive Beziehungen zwischen den Beteiligten. Murnberger verstärkt diese Intensität beispielweise durch die immer wiederkehrenden Träume Brenners, etwa als er nach seiner Verhaftung von Polizisten niedergeschlagen wird und von einem für die Geschichte nicht ganz unwichtigen Raum träumt, in dem ein Tischfußballspiel steht. Er sieht sich, Berti und andere Personen als Köpfe der Kickerfiguren in diesem Spiel (exzellent gemacht übrigens). Und dieser Traum deutet daraufhin, dass Brenner sich verarscht fühlt, als Figur in einem Spiel vorkommt, in dem – außer Berti – ihn jeder zu betrügen scheint – selbst seine Auftraggeberin.

In diesem Raum bewegen sich skurrile Figuren, etwa die zwei Killer (die am Schluss das Weite suchen), die ihren Job erledigen, als ob es nichts wäre. Oder ein Priester, dessen vorgebliche Bibelfestigkeit seinen tatsächlichen Machenschaften diametral entgegensteht. Ein anderer Priester, der im Alter verrückt geworden zu sein scheint, was sich allerdings nur als halbe Wahrheit herausstellen wird. Vor allem aber Brenner selbst: Wie schon in „Komm, süßer Tod” spielt Hader (teilweise spielt er sich wohl selbst; man vergleiche seine Rolle in „Blue Moon” von Andrea Maria Dusl) einen Kerl, der undurchschaubar wirkt, aber dennoch so viel durchblicken lässt, dass man vielleicht teilweise sich selbst in ihm erkennt – oder zumindest wünscht, teilweise wie er sein zu wollen. Es ist mit Brenner so wie mit dem Leberkäs. Der Leberkäs wird aus den Resten von Bratwürsten gemacht, und die Bratwürste werden aus den Resten von Leberkäs gemacht. Der Brenner geht am Schluss nach Linz, um zu schauen, was dort los ist, und dann wird er nach Salzburg zurückkehren, um zu sehen, was dort los ist. Das ist der Brenner, eben einer, der in den Tag hineinlebt, alles auf sich zukommen lässt, keinen Plan hat, dafür ständig Kopfschmerzen, aber eben dennoch – nämlich dann, wenn „es” ihn packt – mehr oder weniger planvoll vorgeht oder zumindest – und das ist das wesentliche – nicht locker lässt. Für seine Gegner ist er ein unliebsamer Eindringling, ein Eigensinn par excellence für seine Bekannten oder Freunde. Und den Berti zieht er mit rein.

Murnberger und Haas verpassen dem Film eine – wie man schon bemerkt haben wird – gute Portion Humor, etwa auch, wenn der Brenner von einem Modellflugzeug verfolgt wird oder wenn er schlicht einschläft, als der Berti ihm autogenes Training beibringen will und der Brenner den Atem in die Hände strömen lassen soll. Schön sind auch die Szenen, in denen Brenner (immer nachts) sich in einer Apotheke Schmerzmittel besorgt. Man achte auf die Dialoge zwischen ihm und der Apothekerin (Anne Bennent). Das wirklich Tragische des Geschehens allerdings (über das ich hier schweigen will) bleibt in seiner Tragweite für die Opfer frei von Komik. Und dieses Tragische ist verbunden mit einer doch ziemlich harschen Kritik an der Obrigkeit, hier vor allem der kirchlichen und kulturellen, und der erbärmlichen Doppelmoral einiger Protagonisten des Films.

Wie schon „Komm, süßer Tod” entzieht sich auch „Silentium” den eingeübten Mitteln der Fernsehkrimiunterhaltung, obwohl Murnberger und Haas den äußeren Rahmen der Handlung wie einen gewöhnlichen Fernsehkrimi aussehen lassen. Aber im Gegensatz zu den Krimiserien bleiben die Charakterdarstellungen nicht jenen Klischees verhaftet, die sicherlich einen wahren Kern haben, aber durch die permanente Wiederholung gleichgelagerter oder gleichartiger Verhaltensmuster in Serien einen starken Geruch von Abnutzung erleiden. Nicht nur der Brenner ist eine einmalige Erscheinung. Auch die anderen Typen des Films bleiben zumeist etwas Besonderes – ob gut oder böse –: schräg und skurril.

„Silentium” ist zudem ein wirklich spannender Film, nicht zuletzt auch durch einige rasante, ja man könnte sagen: Action-Szenen – etwa eine Autoverfolgungsjagd, die Flucht Brenners und Bertis vor den beiden Killern, eine spannende Schlussszene in der Dusche und einiges mehr.

In einer Nebenrolle ist übrigens Regisseur Schlingensief als Opernregisseur zu sehen.


Wertung:
10/10 Punkte

Quelle: Follow-me-now.de / Ulrich Behrens

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