Der unsichtbare Dritte

OT:  North by Northwest   -  132 Minuten -  Thriller
Der unsichtbare Dritte
Kinostart: 18.12.1959
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Der unsichtbare Dritte

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Ich muss gestehen: „North by Northwest“ ist mein Lieblingsfilm von Hitchcock. Mit diesem Streifen führt der Master of Suspense sein Publikum mehrfach hinters Licht; der Streifen überzeugt durch eine Handlung, die von Geheimnissen voll ist, durch etliche Wendungen und unglaublich gedrehte Szenen immer wieder die Spannung steigert, und mit dem Hitchcock bis ins letzte Detail beweist, warum er der Meister des Suspense und in gewisser Weise auch der Absurdität war und ist. Hitchcock selbst bezeichnete „North by Northwest“ als Höhepunkt seines in Amerika gedrehten Werks.

Roger Thornhill (Cary Grant) ist Werbefachmann. Eines Tages wird er entführt und seine Kidnapper wollen von ihm bestimmte Informationen, weil sie glauben, er sei ein Spion namens George Kaplan. Der feindliche Agent Phillip Vandamm (James Mason) und sein Helfershelfer Leonard (Martin Landau) bekommen aus Thornhill jedoch nichts heraus, weil der überhaupt nicht weiß, um was es eigentlich geht. Nachdem sie den vermeintlichen Kaplan betrunken gemacht haben, setzen sie ihn in ein Auto, um ihn bei einem inszenierten Unfall zu töten. Doch die Polizei kann Thornhill vor dem Tod bewahren. Nur seine Geschichte glaubt ihm niemand, auch seine Mutter (Jessie Royce Landis) nicht. Es gibt keine Spuren, nicht den geringsten Hinweis auf irgendeine Falle, die jemand Thornhill stellen wollte.

Vandamm und seine Helfershelfer verfolgen ihn weiter. Als er im Gebäude der Vereinten Nationen glaubt, über den Diplomaten Lester Townsend (Philip Ober) Licht ins Dunkel bringen zu können, wird dieser vor seinen Augen ermordet. Jetzt hat Townsend nicht nur Vandamm, sondern auch die Polizei im Nacken. Mit Mühe kann er sich in einen Zug flüchten und trifft dort auf die schöne Eve Kendall (Eva Marie Saint), die vorgibt, ihm uneigennützig helfen zu wollen. Doch Eve führt offenbar anderes im Schilde: Unter dem Vorwand, Thornhill mit dem wahren George Kaplan bekannt zu machen, versucht sie, ihn Vandamm auszuliefern. Mit knapper Not kann er den Killern entkommen und wird vom Chef der US-Spionageabwehr (Leo G. Carroll) über die Hintergründe des Geschehenen und über Eve Kendall aufgeklärt ...

„North by Northwest“ sprudelt nur so vor überraschenden Wendungen, den Zuschauer in die Irre führenden Szenen, und vor allem konzentriert Hitchcock die schreckliche Unwissenheit über das, was passiert, in seinem Hauptdarsteller, Cary Grant. Der ahnungslose Werbefachmann gerät in einen Strudel von (Lebens-)Gefahr und weiß absolut nicht, was eigentlich mit ihm passiert. Er wird zum Rädchen in einem Getriebe, das ihm lange verborgen bleibt. Grant selbst soll während der Dreharbeiten geäußert haben: „Ich glaube, das ist ein ganz fürchterliches Drehbuch. Wir haben jetzt schon ein Drittel des Films abgedreht, es passiert alles mögliche, und ich weiß noch immer nicht, worum es geht.“ Damit bestätigte er, ohne es zu ahnen, die enorme Spannung, die einen gute zwei Stunden lang in Atem hält.

Auf der Flucht vor seinen unbekannten Peinigern steht Thornhill an einer Straße mitten in einer wüstenartigen Gegend – eine stumme Szene, ohne Dialoge. Grant wartet. Das Publikum weiß, dass etwas passieren wird; es ist sonnenklar, dass demnächst ein Anschlag auf Thornhill stattfinden wird. Aber Hitchcock zieht diese Szene auf ganze sieben Minuten in die Länge, lotet die Umgebung aus, eine Straße, ein bepflanztes Feld, ansonsten Wüste, bevor sich dann – zunächst nur für den Zuschauer hörbar – ein Flugzeug nähert. Eine völlig absurde, unwahrscheinliche Szene. Hitchcock gestaltet den Raum, die Zeit spielt keine Rolle. Er bietet dem Zuschauer alle Fakten, um auszuloten: Wo könnte sich Thornhill jetzt verstecken? Was könnte ihn vor dem Tod retten? Dann nähert sich das Flugzeug. Ein Farmer, der gerade in einen Bus einsteigen will, sagt zu Thornhill, der neben ihm steht, die Hände in den Hosentaschen: „Dahinten kommt ein Insektenvernichtungsflugzeug, dabei gibt es hier doch gar keine Insekten zu vernichten.“ Nach diesen langen, zu äußerster Spannung getriebenen sieben Minuten beginnt die Flucht Thornhills vor dem tödlichen Flugzeug. Grant rennt, als wenn er auf einer Sprintstrecke im Stadion den Weltrekord brechen wollte – bis zum ersten, aber nicht letzten Showdown des Films.

Nichts ist hier – wie eigentlich nie bei Hitchcock – dem Zufall überlassen. Das Phantastische an der Szene besteht aber auch darin, dass sie nicht, wie oft üblich bei Sequenzen, in denen ein (versuchter) Mord unmittelbar bevorsteht, in einer dunklen Seitengasse mit einer mysteriösen Gestalt hinter einer Häuserecke oder ähnlichem spielt, sondern im lichten Freien, in der Sonne; es spielt keine Musik, ist fast absolut still. Die Gegend scheint harmlos und friedlich, und doch weiß jeder Zuschauer, dass es nicht so ist. Grandios.

Ebenso gekonnt umgesetzt ist die Szene, in der der Professor, der Chef der Spionageabwehr, Thornhill über die Umstände des Falls aufklärt und ihm erklärt, warum ihm die Polizei nicht helfen kann. Die Szene, dreißig Sekunden lang, spielt auf dem Flugplatz. Der Zuschauer bekommt von diesem Gespräch nichts mit; es wird von dem Maschinenlärm der Flugzeuge überdeckt, man sieht nur die Gesichter des Professors und Thornhills, seine Reaktionen auf das, was ihm berichtet wird. Hitchcock selbst wies auf die Bedeutung der Zeit in dieser Szene hin. Eine solche Aufklärung über die Hintergründe hätte als reales Geschehen wesentlich länger als dreißig Sekunden gedauert. Doch dem Zuschauer fällt dies im Film gar nicht auf, zum Teil auch deswegen, weil er schon mehr weiß als Thornhill selbst.

Auch in weiteren Szenen, im nachgestellten UN-Gebäude und am Schluss des Films am Mount Rushmore vor der steinernen Kulisse der amerikanischen Präsidenten, beweist Hitchcock Einfallsreichtum und sein Gespür für Hochspannung. Das UN-Gebäude durfte übrigens auf Anweisung des damaligen Generalsekretärs Dag Hammarskjöld für Filmaufnahmen nicht betreten werden. Hitchcock gelang es dennoch, mit versteckter Kamera die Szene zu drehen, in der Cary Grant das Gebäude betritt. Zudem ließ er heimlich im Innern des Gebäudes Fotos machen, um die Dekors rekonstruieren zu können.

So wie Cary Grant 1938 in „Leoparden küsst man nicht“ („Bringing Up Baby“, Regie: Howard Hawks) in einer Komödie den ahnungslosen Wissenschaftler spielte, den Katherine Hepburn voll im Griff hatte, mimte er hier in einem Thriller den ahnungslosen Werbefachmann, der lange Zeit ebenso hinters Licht geführt wird. So unterschiedlich die Genre, die beiden Filme auch sein mögen: Grant meistert seine Rolle nicht nur gekonnt, sondern in der ihm eigenen Art. Genau diese Rolle liegt ihm: Der intelligente Unwissende, der aufs Kreuz gelegt wird, flüchtet, protestiert, sucht verzweifelt (aber ohne aufzugeben) nach der Wahrheit, wird böse und setzt sich am Schluss doch noch durch (oder wird dazu veranlasst, sich durchzusetzen, wie in der Komödie von 1938 durch die Hepburn).

Eva Maria Saint überzeugt in der Rolle einer geheimnisvollen, äußerst attraktiven Frau, die ihre erotische Anziehungskraft und ihren situativen Einfallsreichtum geschickt einzusetzen vermag.

James Mason schien in der damaligen Zeit (zu Recht) abonniert auf den kühlen, überlegten, hartgesottenen, intelligenten Bösewicht, der sich durch fast nichts aus der Ruhe bringen lässt.

Fazit:
Wie François Truffaut gegenüber Hitchcock richtig bemerkte: „ ... man sollte ihren Filmen nie die Willkür zum Vorwurf machen, denn sie glauben an die Religion der Willkür, Sie haben den Sinn für die Phantasie, die auf dem Absurden basiert.“ „Den Sinn für das Absurde praktiziere ich wie eine Religion“, bestätigte der Meister. „North by Northwest ist nicht nur dafür ein Musterbeispiel.

Alle Zitate aus: François Truffaut (in Zusammenarbeit mit Helen G. Scott): Truffaut / Hitchcock, München / Zürich 1999 (Diana-Verlag) (Originalausgabe: 1983), S. 212 ff.


Wertung:
10/10 Punkte

Quelle: Follow-me-now.de / Ulrich Behrens

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