Cocktail für eine Leiche (1948)

OT: Rope - 80 Minuten - Psycho / Thriller
Cocktail für eine Leiche (1948)
Kinostart: 25.06.1963
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: 06.02.2014
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Filmkritik zu Cocktail für eine Leiche

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Mit seinem ersten Farbfilm wollte der Meister des Suspense Neuland erschließen. „Rope“ war die filmische Umsetzung eines 1929 uraufgeführten Theaterstücks von Patrick Hamilton, die den Eindruck entstehen lässt, als wäre der Film in einer einzigen Einstellung gedreht worden. Tatsächlich drehte Hitchcock etwa acht einzelne zehn Minuten lange Szenen und kaschierte die Übergänge u.a. durch Wechsel der Kamera auf dunkle Gegenstände (die Anzüge der Schauspieler), so dass der Effekt eines Films ohne Schnitte entstand.

Die beiden Harvard-Studenten Brandon (John Dall) und Philip (Farley Granger) ermorden ihren Kommilitonen David Kentley (Dick Hogan) und verfrachten ihr Opfer in eine alte Truhe in ihrem New Yorker Appartement. Sie wollen beweisen, dass es den perfekten Mord geben kann. Darauf haben sie sich gut vorbereitet. Ihre Haushälterin Mrs. Wilson (Edith Evanson) durfte sich den ganzen Nachmittag damit beschäftigen, die Einkäufe für die Party zu erledigen, die nach dem Mord am Abend in dem Appartement stattfinden soll. Sie gehen sogar so weit, das kleine Buffet nicht auf dem normalerweise dafür vorgesehenen Tisch im Esszimmer zu servieren, sondern just auf der Truhe mit der Leiche, auf die sie zudem noch zwei Kerzenleuchter stellen. Die beiden jungen Mörder planen, die Leiche Davids nach der Party verschwinden zu lassen.

Nach und nach treffen die Gäste ein: Kenneth Lawrence (Douglas Dick), ein Kommilitone, Janet Walker (Joan Chandler), die Verlobte des Mordopfers, die früher einmal mit Kenneth liiert war, Davids Vater (Cedric Hardwicke) mit seiner geschwätzigen, vergesslichen Schwägerin Mrs. Atwater (Constance Collier) und als letzter Professor Rupert Cadell (James Stewart), bei dem Brandon, Philip und David Philosophie studiert haben.

Alle warten auf David. Doch niemand schöpft Verdacht. Doch die beiden Mörder reagieren unterschiedlich auf die skurrile Situation. Während Brandon jede potentiell brenzlige Situation und jede Frage nach David kaltblütig überspielt, wird Philip zunehmend nervöser und ängstlicher. Langsam schöpft Prof. Cadell Verdacht, doch noch ahnt er nicht, was hinter dem merkwürdigen Verhalten vor allem Philips und dem Verschwinden Davids steckt ...

„Rope“ war ein Experiment Hitchcocks, das in der Art der Inszenierung und der speziellen Schnitttechnik einmalig blieb. „Die Kamerabewegungen und die Bewegungen der Schauspieler“, erörterte Hitchcock, „entsprechen genau meiner üblichen Schnittmethode. Das heißt, ich hielt mich weiter an das Prinzip, die Proportionen der Bilder zu verändern im Verhältnis zur emotionalen Wichtigkeit der einzelnen Momente“ – allerdings in einer neuartigen Weise, wie anfangs beschrieben.

Die Kritik reagierte teilweise ablehnend, teils zurückhaltend. Doch „Rope“ ist aus heutiger Sicht sicherlich ein Meisterwerk. Neben der Schnitttechnik, die den Film als Theaterstück auf der Leinwand erscheinen lässt, überzeugt vor allem die bis ins Extreme gesteigerte Ausformulierung der Idee, ob sich ein perfekter Mord inszenieren lässt, dessen Motiv sich einzig und allein aus dieser Fragestellung ergibt. Es geht dabei nicht einfach um das Verschwindenlassen einer Leiche und die Erzeugung eines Alibis. Viel mehr: Brandon will die Tat mit einem banalen, ganz normalen Geschehen – einer Party – kaschieren und provoziert zusätzlich noch Situationen, auf die sich ein „normaler“ Mörder sicherlich nicht einlassen würde.

Die Gäste beschäftigt Brandon mit seiner ihm eigenen Gefühllosigkeit. Er verwickelt Prof. Cadell in ein Gespräch über die Frage, ob Mord an minderwertigen Personen nicht für die gerechtfertigt sei, die über Gut und Böse, Moral und Ethik ständen. Während Cadell den Faden eher humorvoll aufnimmt und nicht ernst nimmt, regt sich Davids Vater über diese Art der Diskussion auf. Cadell betrachtete diese Frage des Übermenschen in seinen Vorlesungen als philosophischen Diskurs über die Frage des Übermenschen, der über alle moralischen Grenzen hinweg für sich beansprucht, sich als gottähnliches Wesen über die Gesellschaft stellen zu können, um Menschen, die so handeln, zu verstehen, nicht um Mord zu rechtfertigen. Brandon nimmt diese Fragestellung jedoch als praktische Konsequenz ernst.

Doch nicht nur das. Brandon lädt den Vater des Mordopfers ein, seine Verlobte und obendrein auch noch Kenneth, mit dem Janet befreundet war und der sie verlassen hatte. Janet und Kenneth verstehen dies auch als Provokation, zumal Brandon gegenüber Kenneth anklingen lässt, er habe jetzt wieder bessere Chancen gegenüber Janet.

Aber Hitchcock wäre nicht Hitchcock, wenn er nicht in der Figur des Philip einen Gegenpart zu Brandon entwickeln würde. Denn Philip ist neben David das zweite Opfer des Abends. Er lässt sich auf den Mord ein, wird von Brandon mit rhetorischem Geschick und präsenter Überlegenheit instrumentalisiert – und gerät zunehmend in Verzweiflung. Das schlechte Gewissen über die Tat macht ihn nicht nur unsicher. Je später der Abend, desto mehr gerät er in Gegensatz zu Brandons Sadismus und Zynismus. Die Reue über das Verbrechen, das eben auch sein Verbrechen ist, macht ihn nervös, lässt ihn zuletzt zusammenbrechen. Der perfekte Mord erweist sich als schäbiges, skrupelloses, völlig unperfektes Verbrechen, das für beide Mörder zur Katastrophe wird.

Brandon erweist sich als unreifer, törichter, unerwachsener Mensch und zerbricht am Ende selbst an seiner Tat. Er hat keine Ahnung von dem, was Professor Cadell in seinen Vorlesungen vermitteln wollte, agiert und reagiert als Erwachsener wie ein Kind, das für bare Münze nimmt, was nur verstehen will. Er begibt sich in die extreme egozentrische Position eines Menschen, der alle anderen für seine Zwecke funktionalisiert. Für Professor Cadell ein furchtbares Anschauungsbeispiel für das, was er lediglich erörtern wollte, um es zu begreifen – und das ihm jetzt selbst ein schlechtes Gewissen verschafft.

Fazit
„Cocktail für eine Leiche“ – mal wieder ein unmöglicher deutscher Titel – arbeitet mit ausgeklügelten Tricks, deren Unauffälligkeit, gepaart mit makabrem Humor eine enorme Wirkung entfaltet. Schon der Originaltitel „Rope“ deutet auf die Schlinge, die Mordinstrument ist, aber eben auch der Strick, den sich die Mörder selbst knüpfen, in einem moralischen wie strafrechlichen Sinne. Das Fatale an der Handlung ist, dass die Einsicht, die zunächst Philip und zum Schluss auch Brandon gewinnen, nicht nur zu spät kommt. Sie erscheint beinahe nutzlos angesichts des Geschehenen.

„Rope“ war die erste Zusammenarbeit Hitchcocks mit James Stewart; es folgten weitere Filme mit Stewart, „Das Fenster zum Hof“ (1954), „Der Mann, der zu viel wusste“ (1956) und „Vertigo“ (1958).


Wertung:
10/10 Punkte

Quelle: Follow-me-now.de / Ulrich Behrens

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