Der Vorleser

OT:  The Reader   -  124 Minuten -  Drama
Der Vorleser
Kinostart: 27.02.2009
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Der Vorleser

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Bernhard Schlink’s Roman Der Vorleser, aus dem Jahr 1995, bringt einiges mit, das ihn für einen Verfilmung prädestiniert. Zum einen hat der Roman den Kritikertest bestanden, und bekam großteils positive Rezensionen und zum anderen bringt er auch noch ein wichtiges Thema mit, das auf interessante Art aufbereitet wird. Hinzu kommt noch, dass Der Vorleser das erste deutsche Buch war, das es auf Platz 1 der New York Times Betensliste brachte. Gute Vorzeichen also für die Verfilmung, und am schönsten ist, dass der Film diesen auch gerecht wird. Zumindest großteils.

Der 15jährige Michael (David Kross) wächst in einer kleinen Stadt im Nachkriegsdeutschland der 50er Jahre auf. Der zweite Weltkrieg wirft immer noch seinen Schatten über das Land und seine Eltern versuchen ihm Disziplin beizubringen. Doch dann kommt es zu einer folgenschweren Begegnung: Als ihm eines Tages schwindelig wird, hilft ihm eine Frau namens Hanna (Kate Winslet). Als sich Michael später bei ihr bedanken will, beginnen die beiden eine feurige Liebesbeziehung. Vor dem Sex muss Michael ihr immer etwas vorlesen, doch eines Tages ist Hanna plötzlich verschwunden. Jahre später ist Michael ein Jura-Student, und da trifft er Hanna wieder: Sie ist als Nazi-Kriegsverbrecherin angeklagt…

Der Vorleser wurde als große internationale Koproduktion in Deutschland realisiert. Als Produzenten standen dem Film unter anderem die beiden legendären, und mittlerweile leider verstorbenen, Filmemacher Sydney Pollack und Anthony Minghella zur Seite. Dabei ist es zunächst noch etwas merkwürdig zu sehen wie sich eine Ansammlung an deutschen Darstellern in einer deutschen Stadt herumtreiben, und manchmal im Hintergrund sogar deutsch gesprochen wird, während der gesamte Film in englisch gedreht wurde. Aber gut, das sind nun einmal die Vorzeichen einer internationalen Produktion, und dies soll hier auch nicht weiter kritisiert werden.

Die großen Themen des Films sind dabei natürlich offensichtlich. Auf der einen Seite thematisiert Der Vorleser selbstverständlich den Holocaust, und konzentriert sich dabei vor allem auf die Schuldbewältigung, bzw. wie man die Täter bestrafen sollte und ob es überhaupt rechtens ist dies zu tun. Dies sind schwierige Themen, die wohl auch einigen Diskussionsstoff liefern werden. Zusätzlich ist Der Vorleser aber auch eine Hommage an die Kraft der Literatur, und ein Plädoyer gegen den Analphabetismus. Man kann aber auch einfach sagen, dass Der Vorleser eine atemberaubende Liebensgeschichte vor tragischen Umständen ist, die auf erfrischende Art erzählt wird.

Der Vorleser geht dabei nämlich ungewöhnlich dezent mit seinem Subtext um, und versucht nicht mit aller Gewalt diesen in den Vordergrund zu ziehen. Denn das Zentrum wird stets von den Charakteren ausgefüllt, und der Subtext wird sanft in ihre Geschichte integriert. Was ja bei weitem nicht selbstverständlich ist, denn speziell das Thema Holocaust wird gerne einmal in den Vordergrund gestellt, und die Geschichte nur rundherum konstruiert. Interessant ist aber auch die erzählerische Tiefe die der Film dank seiner interessanten Struktur erreicht.

Der Film zeigt sich dabei als im Wesentlichen dreigeteilt. Der erste, und wahrscheinlich beste Part des Films dreht sich um die aufkeimende Liebe zwischen Hanna und Michael. Dieser Teil des Films wird vor allem durch die offensichtliche Erotik charaktisiert, und es ist hier bei weitem kein Selbstzweck, dass die beiden Hauptdarsteller hier so gut wie immer nackt sind. Denn es ist vor allem eine Zeit in der sich beide öffnen, ihren Panzer abstreifen, und sich speziell in den Szenen in denen Michael vorliest unaussprechlich nahe kommen.

Der Mittelteil erzählt von Michaels Wiedersehen mit Hanna während ihres Prozesses. Hier kann man bereits erahnen, wie sehr Michael durch seine frühe Beziehung geprägt wurde, und emotional immer noch an ihr zu leiden hat. Außerdem können sowohl Michael, als auch Hanna hier, auf Grund ihrer versteckten Scham nicht den Ausgang des Prozesses beeinflussen, obwohl dies theoretisch möglich gewesen wäre. Der letzte Abschnitt schließlich konzentriert sich auf den gealterten Michael, und die noch viel ältere Hanna, die beide noch immer an der Vergangenheit zu leiden haben.

Dabei muss man speziell die prägnante Inszenierung von Regisseur Stephen Daldry (The Hours) loben. Nicht nur dass sich diese nie aufspielt, der gesamte Stil des Films erweist sich als edel, durchdacht und wunderschön. Vor allem aber ist es seine Inszenierung, die Der Vorleser so gut gelingen lässt. Denn eigentlich fällt es schwer zu sagen was genau das Faszinierende ist, aber der Film verfügt über eine solch atemberaubende Komposition und einen solch wunderbaren Fluss, dass man sich einfach nur in ihm verliert, und eine wunderbare Reise ins Ungewisse startet.

Doch leider ist Der Vorleser auch nicht ohne Schwächen. Diskussionswürdig ist sicher das spätere Make-up von Kate Winslet, aber daran soll es nicht scheitern. Negativ ist allerdings, dass man sich den ganzen Film über an David Kross als Hauptfigur gewöhnt, und die Geschichte aus seinen Augen sieht, aber der letzte Abschnitt des Films dann mit Ralph Fiennes als Hauptdarsteller erzählt wird. Somit verliert man etwas die emotionale Bindung, und hinzu kommt, dass die erste Stunde zusätzlich auch noch generell stärker ist, sodass Der Vorleser leider am Ende etwas abfällt.

Doch genug des Tadels, und zurück zum Lob: Der größte Pluspunkt des Films muss nämlich erst herausgehoben werden. Kate Winslet zeigt sich, nach Zeiten des Aufruhrs, mit der nächsten grandiosen Leistung in diesem Jahr, und es ist kein Wunder, dass sie erst kürzlich für beide Rollen mit Golden Globes prämiert wurde, und sich auch für beide Rollen Oscarchancen ausrechnen kann. Denn das Beste an ihr ist, dass sie Rollen nicht spielt, um Awards zu gewinnen, sondern einfach nur weil es die Rollen wirklich wert sind gespielt zu werden. Und dabei scheut sie keine strittigen Entscheidungen, und zeigt sich immer wieder als eine von Hollywoods mutigsten Darstellerinnen. An ihrer Seite sorgt vor allem David Kross für eine starke Leistung, und Ralph Fiennes spielt zwar gewohnt souverän, leidet aber daran, dass man seine Rolle etwas mehr mit David Kross identifiziert.

Der Vorleser hat dabei, wie bereits erwähnt, zwar mit kleinen Schwächen zu kämpfen, aber insgesamt sollte man den Film dennoch nicht auslassen. Besonders eindrucksvoll ist dabei die erzählerische Struktur, die auf drei verschiedenen Zeitebenen einen sehr runden Gesamteindruck erreicht. Nicht minder eindrucksvoll ist die wunderbare Komposition von Stephen Daldry, der es schafft einen herausragenden Fluss zu kreieren, der den Zuseher voll in die Geschichte zieht. Da die zugrunde liegende Geschichte auch noch sehr interessant und fesselnd ist, steht einem ansprechenden Kinoerlebnis eigentlich nichts mehr im Weg.

Fazit:
Der Vorleser punktet mit einer fesselnden Geschichte, die sehr interessant aufbereitet wurde, und verteilt auf drei Zeitebenen, einen angenehm runden Eindruck hinterlässt. Die ersten beiden Drittel des Films sind dabei seine Besten, und speziell wenn David Kross als Hauptdarsteller durch Ralph Fiennes ersetzt wird, fehlt etwas die Identifikationsfigur. Doch dies ändert nichts an der wunderbaren Komposition von Stephen Daldry, der es schafft einen wunderbaren Fluss zu erzeugen, und den Zuseher mit in seine Welt entführt. Das Thema wird dabei sicher für Diskussionen sorgen, doch dank den fabelhaften Schauspielern (besonders Kate Winslet spielt grandios) erzeugt Der Vorleser eine Kraft, der man sich nicht entziehen kann. Empfehlenswert!

Wertung:

8/10 Punkte

Filmering.at
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Ø Wertung: 6.9/10 | Kritiken: 1 | Wertungen: 44
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