Slumdog Millionär

OT:  Slumdog Millionaire    -  120 Minuten -  Drama 
Slumdog Millionär
Kinostart: 20.03.2009
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Slumdog Millionär

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Danny Boyle war stets ein Filmemacher, der sich für die Extremsituationen im Leben interessierte. Begonnen mit seinem Kinodebüt Kleine Morde unter Freunden, über seine Kultfilme Trainspotting, 28 Days Later und The Beach, bis hin zu seinem letzten Film Sunshine, zieht sich dieses Motto wie ein roter Faden durch seine Filmographie. Sein Slumdog Millionär steht dem nun in nichts nach. Der Film ist auf der einen Seite ein erschütternder Blick in die indischen Slums, gleichzeitig aber auch ein atemberaubendes Märchen, das auf der Leinwand förmlich explodiert. Eines ist Slumdog Millionär aber immer: Extrem. Extrem unterhaltsam, extrem schnell, extrem erschütternd, und einfach extrem gut.

Jamal (Dev Patel) ist in der Polizeistation, und wird von zwei Polizisten verhört. Der Grund ist einfach: Kurz zuvor hat er einen Durchlauf bei der indischen Variante von Wer wird Millionär? geschafft, und keiner glaubt, dass ein Junge aus den Slums dies ohne Betrug könnte. Die Polizisten geben die Folter bald schon auf, und beschließen das Band von der Sendung Punkt für Punkt mit Jamal durchzugehen. Er soll ihnen erklären woher er sein Wissen nimmt. Es beginnt eine atemberaubende Reise durch Jamal’s Leben, und durch Indien im Wandel der Zeit…

Das indische Bollywoodkino hat es immer noch recht schwer in der westlichen Welt. Hier springt Danny Boyle nun ein, und versucht als Verbindung zu dienen. Denn sein Slumdog Millionär, basierend auf dem Roman Q&A von Vikas Swarup, vermischt gekonnt Elemente des indischen Kinos, mit Elementen des amerikanischen Kinos. Vor allem aber ist sein Film ein ungewöhnlich authentischer Blick auf das vergangene und das moderne Indien, und schafft es gekonnt die radikale Stimmung des Umbruchs, die in Indien magisch in der Luft schwebt, auf die Leinwand zu bringen.

Danny Boyle, der Großmeister der Pop-Kultur bewegt sich dabei genau im Takt mit den Figuren, und hat immer den Finger am Puls der Zeit. Aus Bombay wird Mumbai, während Jamal seine Abenteuer durchlebt, und dies ist nur exemplarisch für den Wandel dem das Land ständig ausgesetzt ist. Während den Dreharbeiten haben sich Drehorte, die vor Monaten ausgewählt wurden, so verändert, dass man sich neu orientieren musste. Denn während die westliche Welt in solchen Dingen noch vergleichbar träge unterwegs ist, rast Indien auf der Überholspur.

Die Einwohnerzahlen explodieren, die Schere zwischen Reichtum und Armut geht immer weiter auseinander, und während sich das Land zu den Atommächten zählt, gibt es immer noch keine öffentlichen Toiletten. Das ist Indien, und das ist auch Danny Boyles rasanter Trip Slumdog Millionär. Denn Danny Boyle lässt sich nicht etwa sanft in diese Welt gleiten, er nimmt Anlauf und stürzt sich ohne Rücksicht auf Verluste hinein – und reisst uns gleich mit. Das Ergebnis ist eine so unglaublich dynamische Bilderflut, getränkt in gleißend bunte Farben, dass dem Betrachter die Kinnlade runterkippt.

Denn während die meisten Bollywoodproduktionen in geschützten Studios entstehen, hat sich Danny Boyle dazu entschlossen die vorhandene Infrastruktur nicht zu nutzen, und stattdessen direkt in den harten, staubigen Locations der Slums zu drehen. Kameramann Anthony Dod Mantle (28 Days Later, Dogville, Der letzte König von Schottland) hat sich großteils einfach mit einer handlichen Digitalkamera ins Getümmel gestürzt und so fiebrige Aufnahmen kreiert, die nur so vor Energie strotzen. Der Film ist dabei so unglaublich kraftvoll und dynamisch, dass man meinen könnte, er könnte jederzeit explodieren.

Inhaltlich ist Slumdog Millionär vor allem ein modernes Märchen. Man könnte ihn auch als eine Mischung aus dem harten Blick in die Slums eines City of God, mit der imaginativen Kraft eines Forrest Gump beschreiben, getränkt in eine radikale Dynamik, die Boyle bereist in seinen früheren Filmen Trainspotting und 28 Days Later zeigte. Vergleichbar ist die narrative Entwicklung natürlich mit der Dickens’schen Kraft aus Oliver Twist. Oder auch einfach das „vom Tellerwäscher zu Millionär“ Klischee, aufbereitet in seiner schönsten Form.

Die Geschichte besitzt dabei so viele wunderbare und kreative Stationen, sodass sich Slumdog Millionär recht umfangreich anfühlt, obwohl die straffe Laufzeit von 120 Minuten doch noch etwas länger hätte sein können. Denn die vielen Aspekte der Geschichte, die sich hier auftürmen, besitzen soviel Spritzigkeit und Kreativität, dass man gerne noch mehr von dieser Welt sehen würde. Die Liebesgeschichte ist dabei eigentlich nur ein Aufhänger (die beiden Verliebten haben auch nur überraschend wenig gemeinsame Screen-Time), um die Welt zu zeigen, und uns eine unglaubliche narrative Kraft entgegen zu schleudern.

Besonderes Lob verdient sich Danny Boyle auch für seine bemerkenswerte Schauspielerführung. Zum einen war es eine sehr gute Entscheidung großteils auf unbekannte Gesichter zu setzen (mit Ausnahme einiger Bollywoodgrößen), denn so wirkt die Geschichte natürlich um einiges unverbrauchter und frischer. Zum anderen musste Boyle viele Kinderdarsteller einsetzen, da seine Geschichte über einige Jahre geht, und großteils in der Kindheit seiner Hauptfigur spielt. Und wirklich bemerkenswert ist, welch großartige Leistungen er aus diesen Kindern herauskitzelt. Selten habe ich so natürlich agierende Kinder gesehen, die es schaffen selbst die extremsten Situationen glaubhaft auf die Leinwand zu bringen.

Slumdog Millionär verzaubert weiters durch seine durchdachte narrative Struktur. Der Film springt geschickt von der Verhörsituation in der Polizeiwache, zur „Wer wird Millionär“-Show, hin zu den diversen Rückblenden, die die Story vorantreiben, und alle Aspekte des Films geschickt verweben. Bei vielen Filmen ist eine solche zerstückelte Struktur eher misslungen, aber Slumdog Millionär schafft es perfekt den Film dadurch zu verbinden. Da der Film ohnehin in einzelne Stränge geteilt ist, passt dies als Knotenpunkt perfekt, und trägt auch dazu bei die Taktfrequenz des Films hoch zu halten. Slumdog Millionär ist ein schneller, rasender und unglaublich greller Blick in eine ferne Welt, randvoll gestopft mit einer narrativen Kraft, sodass man oft meinen könnte, der Film würde aus der Leinwand springen. Herausragend!

Fazit:
Danny Boyle kreiert mit Slumdog Millionär einen vibrierenden Film, brodelnd wie Mumbai selbst, und verbunden durch einzelne Handlungsstränge, die rasen und holpern wie die Eisenbahn, die sich als Lebensader durch Indien zieht. Der Film strotzt nur so vor Energie und kreativen Einfällen, sodass er scheinbar kurz vor der Explosion steht. Bemerkenswert ist auch, wie Danny Boyle selbst seine Kinderdarsteller zu Großleistungen treibt, und so eine unglaubliche Authentizität erreicht. Slumdog Millionär mischt den ungeschönten Blick in die Slums eines City of God, mit der imaginativen Kraft eines Forrest Gump. Das Ergebnis ist eine atemberaubende Achterbahnfahrt, der man sich nur schwer entziehen kann. Großes Kino!

Wertung:

9/10 Punkte

Filmering.at
Community
Ø Wertung: 7.5/10 | Kritiken: 1 | Wertungen: 128
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