Der seltsame Fall des Benjamin Button

OT:  The Curious Case of Benjamin Button    -  159 Minuten -  Drama 
Der seltsame Fall des Benjamin Button
Kinostart: 30.01.2009
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Der seltsame Fall des Benjamin Button

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David Fincher ist natürlich kein Unbekannter mehr. Nach einem etwas strittigen Auftakt mit Alien 3, startete er seine pessimistische, hippe und düstere Filmreihe, mit Werken wie Sieben, Fight Club, The Game und Panic Room. Speziell dank seinen Meisterwerken Sieben und Fight Club hat er sich einen besonderen Platz im Herzen vieler Filmfans gesichert. Mit Zodiac wagte er aber einen Neubeginn in seinem filmischen Schaffen und Fincher schaffte es hervorragend einen Stilwechsel zu vollziehen. Der einst so ungestüme, schnelle und oftmals radikale Filmemacher scheint erwachsener geworden zu sein.

Der erwähnte Zodiac ist exemplarisch für den gewandelten Fincher. Wo er früher noch in Sieben die Jagd auf einen Serienmörder als psychopatische Hetzjagd in die Abgründe der menschlichen Seele anlegte, zeigte er in Zodiac, dass er sich verändert hat. Denn das ähnliche Thema wurde völlig anders auf die Leinwand gebracht, und Fincher überzeugte auch mit einer reiferen Art des Filmemachens. Mit Der seltsame Fall des Benjamin Button geht er diesen Stil nun konsequent weiter. Das Tempo wird gedrosselt, offensichtlich konstruierte Höhepunkte werden ausgespart, und stattdessen setzt Fincher ganz einfach auf die magische Kraft seiner Geschichte, und zeigt sich als einer der wenigen Hollywoodgrößen, die dem Zuseher tatsächlich noch etwas Intelligenz zusprechen.

Benjamin Button (Brad Pitt) wurde unter seltsamen Umständen geboren. Er ist kein normales Baby, sondern wirkt äußerlich wie eine Mischung aus Neugeborenem und Greis. Und während er innerlich normal altert, wird er äußerlich immer jünger. Seine Mutter ist bei der Geburt gestorben, und sein Vater konnte den Anblick dieses Babys nicht ertragen, und hat ihn weggegeben. Queenie (Taraji P. Henson) findet ihn, und zieht ihn als ihr eigenes Kind auf. Passenderweise arbeitet sie in einem Altersheim, und dank seinem Äußeren fällt Benjamin dort gar nicht so sehr auf. Dort trifft Benajmin auch zum ersten Mal auf die junge Daisy (Elle Fanning, später Cate Blanchett), die genau seinem inneren Alter entspricht. Es beginnt eine Liebesgeschichte, die unter dem traurigen Omen steht, dass sich beide zwar zunächst nähern, aber sich dann zwangsläufig voneinander entfernen…

Der seltsame Fall des Benjamin Button ist eine Kurzgeschichte von F. Scott Fitzgerald aus dem Jahr 1921. Seit 1994 wird bereits fieberhaft versucht dieses Projekt auf die Leinwand zu bringen, doch nun hat man es endlich geschafft. Besonders auffällig ist hier, dass Forrest Gump Autor Eric Roth das Drehbuch geschrieben hat. Denn obwohl ein Vergleich in gewisser Weise unfair ist, ist es doch unumgänglich zu erwähnen, dass Benjamin Button doch diverse Ähnlichkeiten mit Forrest Gump besitzt. Beide habe sie ein spezielles Wesen, das sie zu Driftern durch die Zeit macht und einen eigenwilligen Blick auf die Welt ermöglicht. Beide Filme haben einen gewissen Südstaatenflair, der die Atmosphäre prägt und beide Filme erzählen von einer großen Liebesgeschichte, angelegt als Abenteuer in mehreren Stationen.

Doch Der seltsame Fall des Benjamin Button hat auch seine Eigenständigkeit. Denn dem grundsätzlich unterhaltsamen Ton von Forrest Gump steht hier eine eher melancholische Grundstimmung gegenüber. Dazu trägt vor allem die Grundprämisse des Films bei. Denn zwar war auch Forrest Gump ein Streuner durch die Zeit, aber bei Benjamin Button wird diese Tragik natürlich dank seiner Natur verstärkt. Denn richtig zugehörig kann er sich nirgends fühlen: Denn er kann sich immer nur äußerlich oder innerlich Gleichgesinnten anschließen, aber beide Faktoren stimmen nur in der Mitte seines Lebens überein.

Benjamins Problem ist, dass er sich allen Menschen nur annähren kann, um später wieder von ihnen wegzudriften. Exemplarisch dafür ist die Episode rund um Elizabeth Abbott (Tilda Swinton), die in Benjamins Leben tritt, es gehörig verändert, nur um danach wieder daraus zu verschwinden. Jahre später taucht sie in einer kleinen, aber unglaublich großartigen, Szene wieder auf, die ich hier nicht näher beschreiben will, weil der Zuseher die Szene selbst erfahren muss. Diese Episode bringt die Ausgangslage des Films stimmig auf den Punkt: Wir leben unser Leben, driften aufeinander zu, und wieder auseinander. Die Vergänglichkeit des Lebens in seiner reinsten Form.

Bemerkenswert ist auch was Autor Eric Roth aus der Kurzgeschichte von Fitzgerald gemacht hat. Denn das Ausgangsmaterial war lediglich eine schemenhafte Skizze, die ähnlich wie ein rudimentärer Holzschnitt im Kopf des Zusehers weiterwächst. Der Film geht nun so gut wie möglich mit diesem Stoff um. Denn auf der einen Seite hat es Eric Roth geschafft aus der knappen Kurzgeschichte einen epischen Film zu machen, der einen Zeitraum von über 80 Jahren abdeckt, dabei mächtige 159 Minuten dauert, aber nie langweilig wird. Zusätzlich hat sich die Geschichte, dank zahlreichen Lücken, seinen Holzschnittcharakter bewahrt, und ermöglicht es dem Zuseher nicht nur einzutauchen, sondern das Gezeigte auch noch weiterwachsen zu lassen.

Mehr als erwähnenswert ist dabei auch die wunderbare Regie von David Fincher. Er verzichtet meistens auf die „ganz großen“ Szenen, die aus dem Film hervorstechen, sondern serviert einen angenehmen Fluss. Dies mag für so manchen Zuseher, der sich nicht im Film verlieren kann, unangenehm sein. Denn Der seltsame Fall des Benjamin Button verlangt eine offene Gedankenwelt und ein noch offeneres Herz, damit man ihn richtig lieben kann. Bringt man diese Vorraussetzungen mit, so wird man mit vielen großen „kleinen“ Szenen belohnt, aus denen die größte Kraft des Films wächst.

Hinzu kommt auch noch eine handwerkliche Perfektion mit denen der Film steht und fällt. Denn hätte es auch nur kleine Schwächen bei Brad Pitts Alterungs- und Verjüngungskur gegeben, hätte der Film leicht in Peinlichkeiten abdriften können. Doch Der seltsame Fall des Benjamin Button punktet mit grandiosem Make-up und mit wunderbaren visuellen Effekten, die sich dezent in den Film einfügen, sodass es hier keinerlei Bedenken gibt. Überhaupt hat David Fincher mit seinem Kameramann Claudio Miranda (arbeitete mit Fincher bereits an Sieben, The Game, Fight Club, Zodiac, allerdings in anderer Funktion) herrliche Bilder kreiert, in denen man sich verlieren kann. Der Film ist zwar zugegeben etwas dunkel, doch dies verstärkt nur den Holzschnittcharakter, und ist somit nicht wirklich als Kritikpunkt zu verstehen.

Großartig sind auch die Schauspielleistungen der gesamten Darstellerriege. Beginnen muss man natürlich beim atemberaubenden Brad Pitt, der die wahrscheinlich beste Leistung seiner Karriere abliefert. Er meistert den Umstand, dass sich sein Innenleben von seinem Äusseren unterscheidet, mit Bravour, und drückt dem ganzen Film seinen Stempel auf. Ihm gegenüber steht eine Cate Blanchett, die mit dieser Rolle ihre Karriere zwar nicht toppt, aber dennoch eine sehr gute Leistung abliefert. In den Nebenrollen sorgen vor allem Taraji P. Henson und Tilda Swinton für bemerkenswerte Darbietungen.

Dieser Absatz enthält leichte Spoiler: Als etwas enttäuschend erweist sich dabei die letzte Phase des Films. Damit ist nicht das ausgezeichnete Ende gemeint, sondern die Phase davor. Die Problematik beginnt damit, dass der Film hier etwas seine innere Logik verletzt. Denn Benjamin Button wird als Baby geboren, das aussieht wie ein Greis. Dementsprechend müsste er am Ende die normale Größe eines Greises haben, aber aussehen wie ein Baby. Aus diversen Gründen wurde aber natürlich darauf verzichtet. Dies ist zwar gut für den emotionalen Ausgang der Geschichte, aber eben doch etwas seltsam. Weiters fällt der Film mit dem Ausscheiden von Brad Pitt etwas ab. Es ist klar, dass er nicht die körperliche Kindheit von Benjamin Button spielen kann, aber der Film leidet doch unter seinem Ausfall. Das Ende entschädigt dann aber wieder dafür: Denn die Einstellung von einer alten Cate Blanchett, die ihre große Liebe als Säugling in den Armen hält, ist pure Magie, und auch der Epilog weiß zu gefallen.

Als nicht unbedingt astrein erweisen sich aber die zeitlichen Sprünge innerhalb des Films. Denn Der seltsame Fall des Benjamin Button beginnt am Sterbebett von Daisy, im Jahr 2005 vor der Ankunft von Hurricane Katrina in New Orleans, und nutzt diesen Zeitpunkt als Ausgangspunkt für die Geschichte, die im Folgenden anhand Benjamins Tagebuch erzählt wird. Leider bremsen die zahlreichen Sprünge zurück zu diesem Zeitpunkt den Fluss etwas. Es ergibt zwar an einigen Stellen durchaus Sinn, um die Haupthandlung zu kommentieren, aber an vielen Stellen wirkt es leider höchst überflüssig, die Struktur des Films aufzubrechen.

Auch leidet Der seltsame Fall des Benjamin Button zeitweise an seiner eigenen Genialität. Damit ist gemeint, dass der Film an einigen Stellen so brillant ist, dass seine lediglich „guten“ Stellen dagegen abfallen. Diese Umstände verhindern hier leider die Höchstwertung, aber gegen den Kinobesuch sollte hier wirklich gar nichts sprechen. Denn Der seltsame Fall des Benjamin Button ist großes Kino und eines der frühen Höhepunkte des Kinojahrs. Gleichzeitig liefert der Film auch noch den Beweis, dass ein Off-Kommentar durchaus Sinn machen kann, und schafft es durchgehend zu fesseln. Absolute Empfehlung für diesen durchdachten Film, der dem Publikum etwas Intelligenz zutraut, und auf erfrischende Weise berührt und inspiriert.

Fazit:
Der seltsame Fall des Benjamin Button ist der neuerliche Beweis dafür, dass David Fincher als Regisseur sichtbar gereift ist. Handwerklich perfekt, visuell betörend und narrativ durchdacht, erzählt er uns eine besondere Geschichte die es schafft zu fesseln und zu begeistern. Dank des gut organisiertem Drehbuch von Eric Roth, bewahrt sich der Film auf der einen Seite den rudimentären Charakter der Kurzgeschichte, füllt sie andererseits aber auch mit Leben und erweitert sie zu einem wahren Epos. Am Ende gibt es zwar leichte Ungereimtheiten, und auch gewisse Parallelen zu Eric Roths Forrest Gump können nicht von der Hand gewiesen werden, aber insgesamt ist Der seltsame Fall des Benjamin Button ein herrlich dezenter Film, der seine wahrhaft grandiosen Momenten nicht herausposaunt, sondern sie auf eloquente Weise vorträgt. Somit erzählt der Film eine große Geschichte, ist auf reife Art inszeniert und gespickt mit ausgezeichneten Darstellern. Ein Pflichttermin!

Wertung:

9/10 Punkte

Filmering.at
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Ø Wertung: 6.8/10 | Kritiken: 1 | Wertungen: 128
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