Zeiten des Aufruhrs

OT:  Revolutionary Road   -  119 Minuten -  Drama 
Zeiten des Aufruhrs
Kinostart: 16.01.2009
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Zeiten des Aufruhrs

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Sam Mendes ist zweifellos ein bemerkenswerter Regisseur. Sein absolutes Meisterwerk lieferte er aber bereits mit dem unglaublich intelligenten und starken American Beauty ab. Doch obwohl seine Nachfolgefilme Road to Perdition und Jarhead nicht das Niveau seines Erstlings erreichten, konnte er doch immer eine extrem hohe Qualität aufrecht halten. Damit teilt er sich wohl auch das Schicksal mit Autor Richard Yates, dessen erster Roman Zeiten des Aufruhrs als moderner Klassiker der amerikanischen Literatur gilt, der aber immer noch sein restliches Werk überschattet. Da scheint es doch gerade bezeichnend, dass Sam Mendes eben diesen Roman verfilmt. Und obwohl, wie könnte es auch anders sein, American Beauty weiterhin Mendes’ bester Film bleibt, reiht sich Zeiten des Aufruhrs doch gleich dahinter auf den zweiten Rang – natürlich ebenfalls als Meisterwerk.

Frank (Leonardo DiCaprio) und April (Kate Winslet) haben sich immer als etwas Besonderes gesehen. Sie wollten nie leben wie alle anderen, schon gar nicht wie ihre Eltern. Doch dann haben sie geheiratet, das erste Kind ist gekommen, und sie haben sich ein schönes Haus auf der Revolutionary Road gekauft. Dort leben sie nun, genau wie alle anderen. April träumt einer Karriere als Schauspielerin hinterher, und Frank quält sich in einem Job den er hasst, um das Geld nach Hause zu bringen. So leben sie nun im gleichen Trott Tag aus, Tag ein. Doch dann kommt April eine Idee: Sie sollen das alles hinter sich lassen, nach Paris übersiedeln, und noch einmal von vorne beginnen…

Es ist natürlich ein schöner Kniff das Titanic Traumpaar Kate Winslet und Leonardo DiCaprio für die Hauptrollen zu besetzen. Doch entgegen den Befürchtungen erweist sich dies nicht als Marketingtrick, sondern tatsächlich als grandiose Entscheidung. Denn die beiden gehen förmlich in ihren Rollen auf, die Aura der jungen Verliebten aus Titanic kann man nicht einmal mehr erahnen, und beide liefern sie hier einen absoluten Meilenstein in ihrem Oeuvre ab. Besonders hervorzuheben ist Leonardo DiCaprio, der die letzten Jahre erfolgreich gegen sein Image ankämpfte, und hier die Leistung seines Lebens vollbringt (zumindest bis jetzt).

Es ist die unterdrückte Verzweiflung, die man diesem Mann ansieht, die selbst sein Gesicht trübt wenn er lächelt, die seinen Frank Wheeler so besonders macht. Vor allem sind es die kleinen Momente, das kurze Aufbrechen der Trauer, der Wut, oder einfach nur der Frustration, die DiCaprio hier so unglaublich meistert. Zuletzt spielte er in harten Filmen wie The Departed, Blood Diamond und Der Mann, der niemals lebte so großartig gegen sein Softie-Image an, doch in Zeiten des Aufruhrs geht er nun einen Schritt weiter: Er verbindet die weichen und harten Seiten seiner Figur zu einem betörenden Konglomerat, das eine solche Kraft, und eine solche Ansammlung an Gefühl in den Film bringt, dass man seine Darbietung gar nicht genug loben kann.

Seine Partnerin Kate Winslet steht dem in nichts nach, wenngleich ich zugeben muss, dass mich DiCaprios Leistung noch mehr begeistert hat. Sie spielt eine Hausfrau, der ihre Träume genommen wurden, und die sich nun mit letzter Kraft an den Strohhalm Paris klammert, in der Hoffnung, dass sich ihr Käfig öffnet, und sie endlich wieder leben kann. Winselt erreicht dies, ähnlich wie DiCaprio, vor allem durch ihren Blick, der so viel Trauer und Wut in sich trägt, dass man kaum glauben kann, dass alles nur gespielt ist. Das Ensemble ist insgesamt durch die Bank großartig, aber besonders Kathy Bates und Michael Shannon, in einer kleinen aber besonderen Rolle, möchte ich noch extra herausheben.

Es mag vielleicht zunächst ungewohnt erscheinen eine Kritik so direkt mit den Darstellern zu beginnen, aber sie sind in diesem speziellen Fall das Rückrat des Films, ohne die die Vision von Sam Mendes nicht funktioniert hätte. Denn das Buch von Richard Yates (das ich übrigens nicht kenne, aber bald nachholen werde), soll anscheinend sehr viel in den Köpfen der Charaktere spielen, und sich viel mit der Gedankenwelt der Figuren und ihrem Innenleben auseinandersetzen, was natürlich eine heikle Angelegenheit bei einer Verfilmung ist.

Sam Mendes hat es aber virtuos geschafft, bedingt durch seine feinfühlige Schauspielerführung, die Gedanken der Charaktere nach außen zu tragen. Sein nuancierter Umgang mit den Darstellern, die er in so vielen Szenen so dermaßen geschickt arrangiert, erlaubt es uns einen tiefen Blick in ihre Seelenwelt zu werfen. Wie bereits erwähnt wäre dies nicht möglich ohne die grandiosen Darbietungen von DiCaprio und Winslet, die hier förmlich in ihren Rollen aufgehen. Die betörenden Bilder von Roger Deakins (Kameramann unter anderem von No Country for Old Men) tragen ihr übriges dazu bei, um den Film gelingen zu lassen, wenngleich sie sich nie aufspielen.

Dabei ist Zeiten des Aufruhrs sicher kein Werbefilm für die Ehe. Es ist ein Aufschrei, dass man nicht das aus seinem Leben machen muss, was alle anderen machen. Nur weil alle heiraten und Kindern kriegen, muss es nicht für alle das Richtige sein, und Zeiten des Aufruhrs analysiert diesen Umstand messerscharf. Ein bisschen wirkt der Film dabei wie eine Mischung aus American Beauty (mit weniger Zynismus und mehr Tragik) und Little Children (der Part rund um die Ehekrisen). Doch Zeiten des Aufruhrs ist dabei keine Kopie, sondern bewahrt sich durch und durch seine Eingeständigkeit.

Es wird sicher so manchen geben, der mit diesem Film gar nichts anfangen kann. Denn Zeiten des Aufruhrs beschränkt sich immer nur auf seine feinsinnige Sezierung des Ehelebens der Wheelers, bietet ihnen Fluchtmöglichkeiten aus ihrem Ehegefängnis, schließt diese Möglichkeiten wieder, und droht ihnen mit dem verteufelten Ausweg der Adaption und Gleichgültigkeit. Am Ende wird der Film doch noch ein bisschen zynisch, in dem er zwei mögliche Auswege aus dem Drama bietet: Anpassung oder Tod. Doch wie dem auch sei, Zeiten des Aufruhrs ist ein großer Film, über die Tragik des zwischenmenschlichen Zusammenlebens, und über das Dilemma in das man sich reiten kann, wenn man den falschen Partner wählt, oder die falschen Entscheidungen trifft, und diese dann den Rest seines Lebens ertragen muss. Ein Meisterwerk!

Fazit:
Zeiten des Aufruhrs ist ein großer Film geworden, der es versteht das Eheleben zu sezieren, und die einfache Tragik von falschen Entscheidungen glaubhaft zu beleuchten. Man muss sich aber vor allem auf einen feinsinnigen Film einlassen, den es zu ergründen gilt. Im Zentrum stehen dabei die unglaublichen Leistungen von Leonardo DiCaprio und Kate Winslet, die ihr Seelenleben für uns öffnen. Zeiten des Aufruhrs wird dabei sicher nicht jeden gefallen, aber alle die sich darauf einlassen, und die Charaktere und ihre Welt ergründen wollen, bekommen ein Meisterwerk serviert. Sam Mendes hat es wieder einmal geschafft!

Wertung:

9/10 Punkte

Filmering.at
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Ø Wertung: 8.1/10 | Kritiken: 0 | Wertungen: 28
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