Die Stadt der Blinden

OT:  Blindness   -  121 Minuten -  Drama 
Die Stadt der Blinden
Kinostart: 16.01.2009
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Die Stadt der Blinden

Von am

José Saramago’s Roman Die Stadt der Blinden ist bereits 1995 erschienen, und der Autor, der übrigens 1998 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, hat sich stets gegen eine Verfilmung gewehrt. Sein Roman erzählt von den Abgründen der Menschen und entwirft eine postapokalyptische Szenarie, und Saramango wollte unbedingt verhindern, dass der Stoff in falsche Hände gerät. Der absolut fähige und talentierte Regisseur Fernando Meirelles, der mit seinen ersten beiden Filmen City of God und Der ewige Gärtner zwei äußerst starke Meisterwerke abgeliefert hat, hat ihn nun aber scheinbar von einer Verfilmung überzeugen können. Und obwohl sich diese auf keinenfall mit den „Meisterwerken“ Meirelles’ vergleichen kann, verdient sie doch zumindest das Prädikat „gut“.

In einer nicht näher bekannten Stadt wird ein Mann plötzlich blind. Doch es handelt sich nicht um eine Dunkelheit, sondern er sieht alles durch einen weißen Schleier. Die Seuche breitet sich bald schon mit rapider Geschwindigkeit aus. Um den Verfall einzubremsen, werden die Blinden in eine Anstalt gesteckt. Was aber niemand weiß: Die Frau (Julianne Moore) eines eingewiesenen Augenarztes (Mark Ruffalo) ist scheinbar immun gegen die Blindheit, und muss mit ansehen wie die Zivilisation innerhalb der Anstalt verloren geht, und sich der blanke Terror durchsetzt. Nur die Stärksten überleben…

Fernando Meirelles ist natürlich ein großartiger Regisseur. Bereits mit seinem ersten Spielfilm City of God hat er ein Meisterwerk abgeliefert, und mit Der ewige Gärtner hat er bewiesen, dass dies kein Glückstreffer war. Nun darf er sich auch in Die Stadt der Blinden als großer Handwerker beweisen, und den Stoff standesgemäß auf die Leinwand bringen. Er hat ein durchaus faszinierendes visuelles Konzept ausgearbeitet, in dem er den Verfall der Gesellschaft nicht in Dunkelheit, sondern in ein betörendes weißes Licht hüllt, was dem ganzen Film eine höchst interessante Aura gibt. Auch die Figuren hat er verstanden, und er schafft es sie stimmig zur Geltung zu bringen.

Die Geschichte selbst, die durchaus etwas an Herr der Fliegen erinnert, ist dabei natürlich vor allem eine Parabel auf die Menschheit. Wir sind unfähig zu sehen, und deshalb hüllt uns der Film in eine, nicht näher erklärte, Blindheit. Besonders interessant wirkt dabei der einem Experiment ähnliche Aufbau in der Anstalt. Binnen kürzester Zeit werden die Regeln der Zivilisation vergessen, und die Blinden fallen auf das primitive Recht des Stärkeren zurück. Ohne die gewohnten Beschränkungen entwickelt sich der Mensch zurück zum Tier, und lässt alle Schamgrenzen fallen.

Hier schafft es Meirelles sehr gut Stimmung aufzubauen, und die Ausgangslage zu nützen. Natürlich erinnern die Bewegungen der Blinden, und speziell die verlassenen Straßen im letzten Akt auch teilweise an einen Zombiefilm, aber diese Ähnlichkeit soll sich als gar nicht so schlecht erweisen. Denn im Endeffekt sind Zombies auch nur Menschen, die auf ihre niedrigsten Triebe reduziert werden, und jede Bürde der Zivilisation hinter sich gelassen haben, was ja genau der Thematik des Films entspricht.

Doch obwohl dies alles relativ gut umgesetzt wurde, der Roman gefeiert wird, und mit Fernando Meirelles ein allseits anerkannter Regisseur inszeniert hat, hat Die Stadt der Blinden nur gemischte Kritiken bekommen, und wurde speziell bei seiner Weltpremiere in Cannes, nicht gerade herzlich aufgenommen. Warum das? Nun ja, trotz seiner starken Thematik, muss man einfach erwähnen, dass Die Stadt der Blinden eine teilweise simple Reduktion ist, und man die Symbolik etwas aufdringlich gestaltet hat. Speziell im Off-Kommentar wird uns ständig um die Ohren gehauen, dass die Menschheit ja schon immer blind war, was sich auf Dauer einfach als zu einfache Lösung darstellt.

Dafür bekommt man durchaus gut agierende Darsteller zu sehen. Besonders interessant ist hierbei, wie sich die Rolle von Mark Ruffalo verlagert. Zu Beginn ist er noch der dominante Augenarzt, der geborene Anführer, doch nach und nach beginnt Juliannes Moores Figur ihre Verantwortung als letzte Sehende zu begreifen, und ihr Mann muss sich in ihre Obhut begeben, und verliert jede Kraft als Anführer. Hoch interessant auch das Schauspiel von Gael García Bernal, der als König von Station 3 der "Bösewicht" des Films ist, und seinen Rang als Barkeeper, den er in der alten Zivilisation besetzte, hinter sich lässt, und sich zum Unterdrücker der anderen Stationen emporschwingt.

Insgesamt ist Die Stadt der Blinden also auf jedenfall ein sehenswerter Film, aber wegen der genannten Schwächen schafft er es eben leider nicht sich mit den Meisterwerken von Fernando Meirelles zu messen. Eine Chance sollte man dem Film aber trotzdem geben, denn das Prädikat „gut“ verdient er sich definitiv.

Fazit:
Die Stadt der Blinden ist kein uneingeschränktes Meisterwerk geworden. Dazu erweist sich die Symbolik als zu einfach gestrickt, und die Parabel als ein wenig zu „gut gemeint“. Trotzdem weiß der Film insgesamt zu gefallen, kann seine Thematik gut verkaufen, und zeichnet ein erschreckendes Bild, wie leicht unsere geordnete Zivilisation doch zu kippen ist. Insgesamt also kein Meisterwerk, aber auf jedenfall gut.

Wertung:
7/10 Punkte

Filmering.at
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