The Straight Story - Eine wahre Geschichte (1999)

OT: The Straight Story - 112 Minuten - Road Movie
The Straight Story - Eine wahre Geschichte (1999)
Kinostart: 02.12.1999
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu The Straight Story - Eine wahre Geschichte

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Im Norden von Iowa, in Laurens, lebt der 73jährige Farmer Alvin Straight (Richard Farnsworth) mit seiner Tochter Rose (Sissy Spacek). Als Alvin in der Küche stürzt, verlangt der Arzt von ihm, mit dem Rauchen von Zigarren aufzuhören und besser auf sich aufzupassen. Alvin kann nur noch einigermaßen gehen, wenn er zwei Stöcke benutzt. Doch was der Arzt sagt, interessiert ihn nicht. Und als dann Rose am Telefon erfährt, dass Alvins Bruder Lyle (Harry Dean Stanton) einen Schlaganfall erlitten hat, beschließt Alvin, mit seiner kleinen Mähmaschine samt Anhänger und den nötigen Utensilien wie Kaffee, Wiener Würstchen und Benzin zu seinem Bruder nach Wisconsin zu fahren – gegen alle Zweifel seiner Tochter, trotz seiner Gebrechlichkeit und der Tatsache, dass er nicht mehr besonders gut sehen kann. Der erste Anlauf geht zwar schief; die Maschine versagt. Doch Alvin denkt nicht daran aufzugeben und legt sich eine „John Deere”-Ersatzmaschine, Baujahr 1966, zu, um die Hunderte von Kilometern in etlichen Wochen zurückzulegen.

Auf seinem Weg trifft er allerlei Leute, eine Ausreißerin, die glaubt, dass ihre Familie sie hasst, eine Frau, der auf ihrem täglichen Weg zur Arbeit und zurück ein Reh ins Auto läuft, Radrennfahrer, einen alten Weltkriegsveteranen, Zwillingsbrüder, die seine Maschine reparieren, alles in allem freundliche, ruhige und meist hilfsbereite Menschen, die ihn unterstützen, weil sie seine Absicht und Konsequenz bewundern, unter diesen misslichen Umständen sein Ziel auf jeden Fall und wenn irgend möglich ohne fremde Hilfe zu erreichen ...

Lynch erzählt eine Geschichte, die in einen Road-Movie verpackt ist, der doch gleichzeitig gewissermaßen ein Anti-Road-Movie ist. Denn der Held ist alt, gebrechlich, sein Fahrzeug kein schneller Flitzer, sondern das langsamste Gefährt, das man sich für eine solchen „Trip” vorstellen kann. Das Höchstmaß an Action ist der Ausfall der Maschine, als Alvin einen steile Straße hinunterfährt und die Maschine gerade noch anhalten kann. Und nicht zuletzt strahlt der Film nicht urbane Hektik, sondern die Ruhe der weiten und menschenarmen Landschaft des Mittelwestens aus, spielt nicht mit kriminellen Einsprengseln, sondern mit einer geradezu erstaunlich erfrischenden, fast beruhigenden, aber nicht gestelzten oder aufgesetzten Freundlichkeit derjenigen Menschen, die Alvin auf seinem Weg begegnen.

Lynch erzählt von Eigensinn und Geschichte, und von Versöhnung. Alvin ist unbeirrbar in seinem Wunsch der Aussöhnung mit seinem Bruder, den er zehn Jahre nicht mehr gesehen hat, mit dem er eine solidarische Kindheit verbracht, von dem er sich aber im Streit getrennt hatte. Alvin ist einerseits zur Ruhe gekommen, und die geradezu malerischen Bilder des Mittelwestens, die Weite dieser durch schier endlose Getreidefelder durchzogenen Landschaft symbolisiert dieses Zur-Ruhe-Gekommen-Sein. Doch in Alvin lodert, vielleicht ein letztes Mal, auch die Unruhe, auf jeden Fall das zu tun, durch dass er irgendwann in Frieden sterben kann.

Auf seinem Weg begegnet ihm das, was ihm die Möglichkeit gibt, die Leiden der Vergangenheit, die schrecklichen Kriegserlebnisse, den Streit mit seinem Bruder, den Tod seiner Frau, die Verzweiflung seiner Tochter über den Tod ihrer Kinder innerlich noch einmal nachzuvollziehen, aber auch zu überwinden: es ist der familiäre Sinn derjenigen, die ihm begegnen und seinen Eigensinn bewundern. Dieser Eigensinn ist kein Starrsinn, erst recht nicht das, was man Altersstarrsinn nennt. Es ist der Gewinn seines Lebens, die letzte Konsequenz und zugleich der Weg seines Lebens: der eigene Sinn. Der Streit mit seinem Bruder – das war die Starrsinnigkeit.

Als Alvin sein Ziel erreicht hat, ist er schon längst versöhnt. Als Lyle sieht, dass er mit der Mähmaschine unterwegs war, „nur” um ihn zu besuchen, ist Lyle versöhnt. Es bedarf keines Wortes, kaum eines Blickes. Die beiden Brüder sitzen vor der fast verfallenen Hütte von Lyle, weinen leise und schauen in den Sternenhimmel. Das Pathetische des Films ist zugleich das Natürlichste, was man empfinden kann. Es ist die Zufriedenheit mit dem, was ist, nicht die hektische Suche nach einem Sinn, nach dem „Wohin gehe ich? Wohin soll ich gehen?”.

Alvin nimmt das, was ihm begegnet, als das, was es ist. Er lässt die anderen, wie sie sind. Er sucht nicht seinen Bruder; er hat ihn längst wieder gefunden, als er beschließt, die Reise zu unternehmen.

Richard Farnsworth gibt der Figur des Alvin genau diese Eindrücklichkeit, Ruhe, Gelassenheit und den Eigensinn, den sie gebraucht hat.

Lynch inszeniert die Utopie einer liebenden, leidenschaftlichen, eigensinnigen und zugleich solidarischen, Weisheit ausstrahlenden Welt. Diese Utopie ist kein künstliches Konstrukt, kein Phantasieprodukt, keine hehre Wunschvorstellung. Lynch schöpft sie restlos aus einer realen Welt. Ein wunderbarer Film.

  
Wertung:
10/10 Punkte 

Quelle: Follow-me-now.de / Ulrich Behrens

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