Lost Highway

OT:  Lost Highway  -  135 Minuten -  Mystery / Thriller 
Lost Highway
Kinostart: 10.04.1997
DVD-Start: 05.05.2011 - Blu-ray-Start: 05.05.2011
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Filmkritik zu Lost Highway

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„Die Unschuld wird vor allem von einem getötet –
der Angst. Meine›unschuldigen‹ Figuren fallen
irgendwann vom Himmel und müssen die Hölle
durchqueren, um wieder mit einer gewissen Unschuld
überleben zu können” (David Lynch in einem
Interview im Filmbulletin 2/1997, Heft 211).

Es gibt Kritiker der Filme von David Lynch, die meinen, diese würden sich einfachen Interpretationen entziehen, sie seien schwer zugänglich und bedürften sozusagen des pädagogischen Begleitheftes.

Ich würde sagen: Jeder sieht seinen eigenen Film, wie jeder auch sein eigenes Buch liest. An Lynchs Filmen wird – ob er das beabsichtigt oder nicht – zumindest das ganz deutlich, unabhängig davon, was Lynch selbst in seine Werke hineingepackt hat bzw. hineinpacken wollte. Tausende von Interpretationen zu einem Film sind möglich. Bei Lynch ist nur besonders auffällig, was bei anderen Filmen eher als „guter” Film kontra „schlechter” Film an der Oberfläche zu beobachten ist. Lynchs Filme machen offenbar, welche Bandbreite an Interpretationsmöglichkeiten Filme an sich zulassen: so viele, wie die Zahl der Personen, die seine Film gesehen haben (von überschneidenden Ansichten und Empfindungen einmal abgesehen).

Zunächst aber zum Inhalt, den ich knapp halte angesichts der Fülle der Ereignisse in „Lost Highway”.

Als ob er auf diese Ansage durch die Türsprechanlage gewartet habe, doch gleichzeitig nicht weiß, was diese Nachricht bedeuten soll, hört der Saxophonist Fred Madison (Bill Pullman) eine Stimme mit der Nachricht „Dick Laurent ist tot”. Madison steckt in einer Ehekrise, schaut zu, wie seine Frau Renee (Patricia Arquette) eine Affäre nach der anderen hat, ohne das vor Fred groß zu verheimlichen.

Zwei Videofilme, die dem Paar anonym geschickt werden, zeigen Aufnahmen ihres Hauses und von ihnen selbst, wie sie schlafen. Die Polizei kann nichts Verdächtiges feststellen. Noch mysteriöser geht es auf einer Party von Andy (Michael Massee), einem Bekannten von Dick Laurent (Robert Loggia) zu. Ein Unbekannter (Robert Blake) spricht Fred an und behauptet, zur gleichen Zeit in Freds Haus zu sein. Er gibt Fred eine Handy, mit dem er bei sich zu Hause anruft und dieselbe Stimme am Telefon hört. „Wie sind Sie in mein Haus gekommen?”, fragt Fred. Antwort: „Sie haben mich eingeladen. Es ist nicht meine Art, dorthin zu gehen, wo ich nicht erwünscht bin.”

Anderntags erhält Fred ein weiteres Videoband, auf dem er neben der blutüberströmten, zerstückelten Leiche seiner Frau zu sehen ist.

Fred wird verhaftet und zum Tode verurteilt. In der Zelle hat er immer wieder Phantasien an die Videobänder und die anderen merkwürdigen Ereignisse, bekommt starke Kopfschmerzen. Als einige Zeit später ein Gefängniswärter in seine Zelle schaut, sieht er eine völlig andere Person. Fred ist verschwunden. Statt dessen sitzt Pete Dayton (Balthazar Getty) dort, der keine Erinnerung mehr hat, wie er dorthin gekommen ist. Die Polizei muss Pete laufen lassen, da nichts gegen ihn vorliegt, lässt ihn aber durch zwei Beamte ständig beobachten.

Pete arbeitet als Automechaniker. Stammkunde in der Werkstatt ist auch Mr. Eddy (Robert Loggia), ein Gangster, der mit Pornofilmen Geld macht. Eines Tages erscheint Mr. Eddy mit einer blonden schönen jungen Frau, Alice (Patricia Arquette), die Renee fast wie aus dem Ei gepellt ähnlich sieht, nur dass letztere schwarze Haare hat(te). Pete verliebt sich sofort in sie, lässt seine Freundin Sheila (Natasha Gregson Wagner) fallen und verbringt mehrere Nächte mit Alice, die für Mr. Eddie als Pornostar arbeitet. Da der von der Affäre mit Pete nichts erfahren darf, überredet Alice Pete, Andy in dessen Haus zu überfallen, ihn zu berauben und zu flüchten.

Pete schleicht sich in Andys Haus und schlägt ihn nieder. Als Andy sich halb benommen auf Pete stürzen will, weicht dieser aus und Andy fällt mit dem Kopf so auf die Ecke eines Tisches, dass die Tischplatte ihm den Schädel spaltet.

Alice und Pete flüchten in die Wüste zu einem Haus, schlafen nochmals miteinander. Andys Wunsch „Ich will Dich! Ich will Dich!” beantwortet Alice mit einem harten, kalten: „Du wirst mich niemals kriegen” und verschwindet.

Kaum hat sie dies gesagt, verwandelt sich Pete in Fred. Als er ihr folgen will, steht plötzlich der mysteriöse Mann mit der Videokamera vor ihm. „Wo ist Alice?” fragt er: „Ihr Name ist Renne”, bekommt er harsch zur Antwort. Fred fährt mit dem Auto weg, wird dabei von dem Unbekannten auf Video gefilmt und sieht sich wieder im „Lost Highway Hotel” bei Dick Laurent, der gerade mit Renee schlafen will. Fred packt Dick, schlägt ihn zusammen, lädt ihn in den Kofferraum seines Autos und bringt ihn hinaus in die Wüste. Als er Laurent aus dem Kofferraum zerrt, kommt es zu einem Handgemenge. Plötzlich gibt der Unbekannt Fred ein Messer in die Hand, mit dem Fred Laurent die Kehle aufschlitzt. Doch Laurent lebt noch. Er kann dem unbekannten Zwerg noch ins Gesicht sehen und sagen: „Sie und ich, Mister, wir stellen all die anderen Scheißkerle bei weitem in den Schatten.” Dann erschießt der Unbekannte Laurent. Fred sitzt einen Moment bei der Leiche. Am Morgen fährt er nach Hause, drückt die Klingel und spricht in die Türsprechanlage: „Dick Laurent ist tot.”

Die Möglichkeiten, einen Film wie „Lost Highway” zu verstehen, sind vielfältig, je nach Blickwinkel und Art der Perspektive, intellektuell oder – was Lynch selbst bevorzugt – intuitiv. Dabei ist keine dieser Perspektiven „die richtige”; und es ist auch möglich, dass eine Person aus verschiedenen Perspektiven „gleichzeitig” beobachtet, wertet, erfühlt.

Die Handlungsperspektive ...
... behauptet: Zentral in „Lost Highway” ist eine Handlung, die sich sozusagen im Kreis verliert. Dieser Kreis schließt sich zum Anfang hin zurück oder voran. Die zeitliche Perspektive scheint aufgehoben. Die Handlung voran treibt ein mysteriöser Mann, nicht Fred / Pete oder Renee / Alice. Er nimmt Fred / Pete die Möglichkeit, aus sich heraus zu handeln. Er bestimmt ihr Schicksal. Renee / Alice ist nur der sexuelle Lockvogel, das Zugpferd. Damit kann man die Handlung eindeutig zur Traumlandschaft erklären, die keinen realen Geschehensabläufen entsprechen kann. Die Logik der Handlung ergibt sich ausschließlich aus der Logik des Traums.

Die psychoanalytische Perspektive ...
... ergänzt: Es kann sich also nicht um eine reale Handlung drehen, da es keine Möglichkeit gibt, die Zeit zu manipulieren. Also muss es sich bei Fred / Pete um einen psychisch gestörten Menschen handeln, der in einer extremen Angstsituation lebt und damit nicht fertig werden kann. Er ist bereit, einen Menschen zu töten, weil Alice es von ihm verlangt, das bedeutet aus sexueller Obsession heraus, die pubertär wirkt, da Pete aber ein erwachsener Mensch ist, krankhaft sein muss, vielleicht sogar auf seinen schizoiden Charakter verweist.

Die soziologische Perspektive ...
... stimmt dem nur bedingt zu. Denn als Fred befindet sich Pete in einer Situation, die durchaus auf viele Menschen zutreffen könnte, die sich in einer ernsthaften Lebens-/Ehekrise befinden, die wiederum großenteils Ausdruck historisch gewachsenen sozialen Rollenverhaltens ist. Von diesem Blickwinkel aus könnte man den Schluss des Films auch anders deuten, nämlich als ein Zurück zur Ausgangssituation, aber auf einer qualitativ höheren Ebene. Fred durchläuft Höllenqualen auf einem Weg, der ihn selbst vor Mord nicht zurückschrecken lässt. Er halluziniert seine Frau Renee als Alice, um sich für sein „Fremdgehen” zu legitimieren, gleichzeitig aber zu demonstrieren, dass er aus Liebe zu seiner Frau bereit ist, alles zu tun. Der Satz „Dick Laurent ist tot” hat damit am Ende des Films eine andere Bedeutung. Fred ist nun bewusst, dass seine Liebe eine Art falsch verstandene Liebe ist, die tragisch enden musste. Diese „Tragik nach der Hölle” gibt ihm die Chance, un-tragischer weiterzuleben. Der Satz „Dick Laurent ist tot” ist die nüchterne Form des Eingeständnisses eines Mordes aus einer Obsession heraus, die er nun erkannt hat. Der Film besteht also durchaus aus Traumsequenzen, enthält aber auch Geschehnisse aus der realen Welt, die sich für seine Hauptfigur nicht mehr differenzieren lassen.

Die intuitive Perspektive ...
... meint, dass das ja alles ganz gut und schön ist, aber ausschließlich logisch hergeleitet und nicht erfühlt, also nicht aus einer Art inneren Erkenntnis des eigenen Ichs heraus intuitiv erschlossen ist. „Lost Highway” versucht Bilder zu produzieren, die auf die „vielen Menschen” in uns verweisen, vor allem aber die potentiellen Abgründe, die in uns allen schlummern. So mag der Film von einem Psychopathen handeln oder auch nicht. Wir will das schon entscheiden?

Wichtiger ist, was der Betrachter der fast schon gemalten Bilder dabei selbst, aus sich heraus empfindet. Gewalt entsteht aus Frustrationen, die wiederum nicht erfüllten Wünschen entspringen. Trotzdem ist die Gewalt, die Fred / Pete ausüben, kein „rein” logisch erschließbarer und logisch durchdachter Akt, den man auf eben diese Logik, auf Erklärbares reduzieren könnte. Es sei denn, man wollte die Handlungskette des Films für bare Münze nehmen und damit verhindern, unter die Oberfläche des Geschehens zu schauen. Vielmehr ist es bedeutend, durch einen Vergleich von Erfahrungshorizonten zwischen den Bildern des Films und dem eigenen Inneren, das sich aus Bildern der Erinnerung speist, sich dem Gezeigten intuitiv zu nähern. Der Mystery Man reißt die Bilder der Erinnerung an sich, um Fred / Pete zu zwingen, dorthin zu schauen, wo er normalerweise nicht hinsehen würde.

„Lost Highway” erschließt sich nicht aus einer einzigen Perspektive. Das Thema des Films sind nicht nur die menschlichen Abgründe. Lynch führt uns vor – uns, die wir zumeist meinen, kulturell eingeübt darin sind zu denken, es gebe für alles eine verständliche, logisch deduzierbare Erklärung, die jeden „Fall” abschließen könne. Polizei und Staatsanwalt ermitteln, die Verhandlung beweist, der Richter spricht das Urteil, das wird rechtskräftig, der Fall wird ad acta gelegt. So in etwa funktioniert unser Verstand, aber nicht unser Innenleben.

„Lost Highway” ist daher auch in einem aufklärerenden Sinne anti-aufklärerisch. Er zweifelt an einer Mentalität objektivierbarer Wahrheiten, bebildert ein Geschehen gegen eine Ideologie, die im Brustton der Selbstherrlichkeit deklamiert, man könne die Welt durch und durch rationalisieren. Verstand kann töten.

Wo der Verstand versagt ...
... laufen wir vor uns selbst davon: „Ich fühle mich gut. Ich betrete ein Café, in dem ich während meines Urlaubs schon öfter saß, ein Café, in dem Menschen sitzen, die ich nicht kenne, setze mich an die Bar und bestelle einen Pernod. Plötzlich beschleicht mich ein ungutes Gefühl. Die Leute im Bistro reden weiter, als wenn nichts wäre. Mich beschleicht eine leichte Angst. Ich spüre eine Atmosphäre, die Unheil heraufzubeschwören scheint. Niemand sagt etwas zu mir. Keiner kümmert sich um mich, keiner bedroht mich. Der Mann hinter der Theke ist freundlich wie sonst auch, fragt, ob ich noch einen Pernod wünsche. Ich verneine. Mir ist unwohl. Nichts ist vorher geschehen, aus dem ich mir dieses Unwohlsein, die Angst erklären könnte. Als ich das Café wieder verlasse, geht es mir merklich besser. Bis heute kann ich mir diesen Vorgang nicht erklären.”

Solche recht trivial anmutenden Erlebnisse hat wahrscheinlich schon jeder einmal gehabt. Ob sie vor allem mit der Situation außerhalb von mir, die sich mir nicht erschloss, zusammenhing, d.h. mit dem intuitiven Spüren einer Atmosphäre, die sich nicht aus Gesagtem oder Beobachtbarem ergab, oder ausschließlich mit mir, ohne dass mir bewusst war, warum und woher, ist nicht zu ergründen. Aber selbst wenn es zu ergründen wäre, bleiben solche Situationen dem Verstand meist nicht zugänglich.

Fred / Pete durchläuft eine solche Situation, aber in drastischeren Ausmaßen. Der unbekannte mysteriöse Mann, eine Art Mephisto, lässt Fred eine fast schon kafkaeske Wandlung zu Pete und „zu sich” zurück durchleiden, ohne dass Fred begreift, was mit ihm geschieht. Jeder stelle sich selbst eine Situation vor, in der er die Hölle von Leid, Gewalt, Alpträumen oder ähnlichem durchläuft und am Ende um die innere Erkenntnis reicher ist, dass er es war, der diese Gewalt verursacht hat. Fred steht am Anfang in seinem bunkerähnlichen Haus. Eingesperrt in seine Ängste hört er durch die Sprechanlage „Dick Laurent ist tot” und weiß nichts damit anzufangen. Am Ende steht er vor dem Haus und spricht diesen Satz. Er hört sich selbst diesen Satz sagen, aber jetzt kann er vielleicht „mit einer gewissen Unschuld” überleben. Eine fast Nietzsche-ähnliche Prophezeiung der Wiederkehr des immer gleichen.

Lynch arbeitet mit Bildern, Gemälden gleich, führt uns über den dunklen Highway in die Finsternis, durch die Hölle, manchmal in die Verdammnis der Seele. Trotzdem ist Lynch kein Kulturpessimist, sondern „nur” Fragender, der nichts außen vor lassen will, kein konservativ-trübsinniger Philosoph des Untergangs, sondern Suchender, Analytiker, aber trotz aller Skepsis hoffender Optimist. Besonders in „Straight Story” kommt das zum Tragen.

Die aufgeklärte Gesellschaft ist eine rationalisierte Gesellschaft, die sich vor allem selbst gerecht ist. Der Verstand scheint mächtiger als alles andere. Doch dieser Trugschluss, den wir seit der Aufklärung mit uns herumtragen, ist eher tragisch; das spürten schon die Romantiker. Lynchs Filme werfen diese Fragen nicht in großen Zusammenhängen der Politik, der Ökonomie usw. auf, sondern auf der „untersten” Ebene des Individuums, in „einfachen” Kontexten. Lynchs Mephisto, der Mystery Man, der Zwerg mit der Videokamera stößt uns mit der Nase drauf, sogar in scheinbar Unscheinbarem. Er hält uns den Spiegel unserer eigenen Abgründe vor die Augen. Wir ächten die Gewalt, verbannen den Tod aus dem Leben, so als ob beide nicht wirklich, wahrhaftig und präsent wären. Wir waschen uns rein von dieser Pest der zivilisierten Menschheit und glauben dem Schnitter ein Schnippchen schlagen zu können. Nur in den visuellen Medien scheint es noch Gewalt zu geben – Gewalt ohne Schmerz.

Den Verstand und die Vernunft erklären wir zu Mächtigen unseres Daseins. Die „instrumentelle Vernunft” herrscht. Dabei können wir noch nicht einmal erklären, warum uns das Zwitschern von Vögeln ein angenehmes Gefühl bereitet.

  
Wertung:
10/10 Punkte 

Quelle: Follow-me-now.de / Ulrich Behrens

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