Der Elefantenmensch

OT:  The Elephant Man  -  123 Minuten -  Drama 
Der Elefantenmensch
Kinostart: 13.02.1981
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: 07.11.2013
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Filmkritik zu Der Elefantenmensch

Von am

„This is true my form is something odd,
But blaming me is blaming God;
Could I create myself anew
I would not fail in pleasing you.
If I could reach from pole to pole
Or grasp the ocean with a span,
I would be measured by the soul;
The mind's the standard of the man.“
(Isaac Watts)

Das Fremde hat, wenn überhaupt, nur drei Zwecke: es wird toleriert, es wird ausgemerzt – oder es wird ausstaffiert. Ein eigener Sinn wird dem Fremden in der Regel nicht zugesprochen. Es ist zweckhaft, weil wir es aus uns selbst verdrängt, hinausgeschleudert haben. Dieser (historische) Prozess der Verdrängung von Fremdem aus dem Eigenen – eigentlich die Spaltung einer Einheit in divergierende Pole – wird positiv gewendet als: Identität und Differenz als absoluten Gegensätzen.

So entstehen nicht nur Nationalismen, sondern auch scheinbar ganz persönliche Abgrenzungen. Das Fremde wird ausgemacht als etwas per se Negatives; etwas, was man nicht in sich haben will, will man auch nicht als personifiziertes Gegenüber. Der Prozess der Identitätsstiftung ist im wesentlichen (zunächst) einer des Abstreifens von all dem, was man als negativ, verachtenswert, oder in noch konkreterem Sinne: schmutzig, ekelhaft, hässlich, pervers usw. empfindet.

Der umgekehrte Weg ist viel komplizierter, nämlich anzuerkennen, dass das, was man ausgeschlossen hat – in einem historischen wie auch in einem individuellen Sinne –, letztlich Teil von jedem von uns ist. Toleranz heißt Duldung. Und Duldung von etwas, was man ausgeschlossen hat, ist ein Akt der arroganten Gnade, die dem Ausgeschlossenen keinen Eigenwert zuerkennt.

Sein Kopf ist lang, Tumore haben ihn befallen. Seine Haut ist stark verändert. Er leidet an Rückgratverkrümmung. Überhaupt scheint außer seinen linken Arm und seinen Genitalien alles an ihm verformt, verkrümmt, entstellt. Zudem leidet er an chronischer Bronchitis. In ihm verkörpert sich sozusagen alles, was an körperlicher Deformierung möglich scheint. Kurzum: Er ist die Ausgeburt an Hässlichkeit, ein Fremdkörper in einer ansonsten „normal” gestalteten Welt der Körper.

John Merrick (John Hurt) ist offenbar von Geburt an „verunstaltet”. Keiner weiß genau, wie er sein bisheriges Leben verbracht hat. Der Arzt Dr. Treves (Anthony Hopkins) findet ihn als „Attraktion” auf dem Jahrmarkt, mehr oder weniger im Besitz eines gewissen Bytes (Freddie Jones), der mit Merrick Geld macht. Treves hat ein starkes Interesse an Merrick, den Bytes als den Elefantenmenschen dem Publikum präsentiert. Wie anziehend doch das „Hässliche” ist!

Treves bringt Merrick, nachdem er Bytes bezahlt hat, in das Krankenhaus in London, in dem er arbeitet, um ihn zu untersuchen. Noch geht er davon aus, dass Merrick auch schwachsinnig ist. Wie sollte ein solcher Mann auch geistig gesund sein! Oberschwester Mothershead (Wendy Hiller) und die anderen Schwestern sind angeekelt vom Anblick des neuen Patienten. Treves führt ihn seinen Kollegen an der Universität vor und versucht, mit Merrick, der stumm ist und nur stöhnende Geräusche aufgrund seine Bronchitis von sich gibt, in Kommunikation zu kommen. Es gelingt ihm, den völlig verängstigten Merrick aus der Reserve zu locken. Merrick kann, wenn auch etwas gebrochen durch seine körperlichen Leiden, sprechen – nicht nur das: Er kann lesen und erweist sich bald als ein hoch intelligenter und sensibler Mann. Er kann gut zeichnen, baut eine Kathedrale aus Hölzchen und hat im Umgang mit anderen einen freundlichen Ton. Ein Gentleman – könnte man sagen.

Schon bald wird seine Anwesenheit im Krankenhaus publik – und während einerseits die feine Londoner Gesellschaft unbedingt diesen seltsamen Mann sehen will, um mit ihm Tee zu trinken und sich zumeist ordentlich zu ekeln, macht der Nachtwächter des Krankenhauses Geschäfte damit, dem einfachen Volk Merrick vorzuführen.

Nicht nur die bekannte Schauspielerin Kendal (Anne Bancroft), sondern selbst die Queen interessiert sich für den außergewöhnlichen Mann. Über Prinzessin Alex lässt sie dem Leiter des Krankenhauses Carr Gomm (John Gielgud) dafür danken, dass sie Merrick aufgenommen haben.

Treves kommen bald Zweifel, ob er nicht selbst dasselbe ausgelöst hat, was er an Bytes verachtet: Merrick vorzuführen und darüber hinaus den Mann dazu zu benutzen, seine eigene Karriere voranzubringen. Und dann ist da noch Bytes, der eines Tages Merrick aus dem Krankenhaus entführt, ihn schlägt und wieder auf dem Jahrmarkt im Ausland vorführen lässt ...

Eine dichte Atmosphäre des Londons des ausgehenden 19. Jahrhunderts lässt David Lynch in diesem Film entstehen. Die dampfenden Maschinen des Industriezeitalters, die Jahrmärkte, die Straßen voller Leute, arm wie reich, die dunklen Ecken, die Schaulustigen und Neugierigen usw. Vieles an dem Schwarzweißfilm erinnert an die Szenerie von David Leans „Oliver Twist”. Während Oliver Twist als Waise in gewisser Weise auch ein Außenseiter der damaligen Gesellschaft war, ist John Merrick als Filmfigur sozusagen die Probe aufs Exempel einer industriellen Gesellschaft, in der ausschließlich der Zeittakt der Produktion bestimmend zu sein scheint. Alles, was sich um diesen Zeittakt außerdem noch herum gruppiert, hechelt hinter der industriellen Entwicklung hinterher. Bytes kennt nur eines in seinem Leben: Geld und dessen Vermehrung. Alles andere verkommt bei ihm zum bloßen Instrument, um dieses Ziel zu erreichen. Auch Treves – so sympathisch er einem auch erscheinen mag – kennt nur den Erfolg, das berufliche Fortkommen, die Karriere. John Merrick, der Fremde mit dem fremden Körper wird nacheinander beider Opfer.

Nur: Treves erkennt später, wie falsch er gehandelt hat – und wie richtig zugleich. Denn zwischen ihm und Merrick, diesem höflichen, ängstlichen, sensiblen und intelligenten Mann, entwickelt sich so etwas wie Freundschaft. An dieser Freundschaft (erst) zerbricht der Takt, der alles andere zu beherrschen scheint.

Die dampfenden Maschinen im immer gleich währenden Rhythmus, die das Tempo der Industrialisierung und die ganze Gesellschaft zu beherrschen scheinen, erhalten durch diese Freundschaft eine Art Kontrapunkt. Merrick selbst kennt diesen Takt nur als Drohung, als lebensgefährliche, erniedrigende Behandlung (nicht nur durch Bytes). Merrick will in seinem Leben nur eines: zumindest von einem einzigen Menschen geliebt zu werden. Mehr nicht. Und in diesem „Mehr nicht” ist doch alles formuliert, wirklich alles an Humanität, was dem Zeittakt der Industrialisierung diametral entgegengesetzt ist.

Wenn man genau hinsieht, wenn man sich hineinversetzt in diese düstere und doch zugleich sentimentale (aber nicht rührselige) Geschichte, so wird man allmählich etwas konstatieren müssen, was einen zugleich erstaunen lässt: Wie nah man diesem John Merrick (gespielt von dem nicht als solchem erkennbaren John Hurt) kommt – nicht mit einem Gefühl der schäbigen Toleranz, des Duldens von oben herab oder des verächtlichen Erduldens, sondern in einer Art von Zuneigung, die weniger dadurch entsteht, dass dieser Mann freundlich ist, als vielmehr durch die Beziehung zwischen ihm und Treves und dadurch, was Merrick tut. Das abstoßende Körperliche erfährt in unserer Gefühlswelt und in unserem Denken „plötzlich” eine Metamorphose: Dieser Körper ist der des John Merrick, eines sympathischen Menschen, dessen Freundschaft einem selbst teuer wäre. Das scheinbar Degenerierte erweist sich als etwas dem Individuum Eigenes, nicht als körperlich Fremdes, und wird damit – wieder – zum eigenen Eigenen. Die maßlose Forderung des industriellen Zeittaktes nach gesunden, gestählten, „normalen” Körpern, die den Zwecken der industriellen Produktion angepasst sind, erweist sich eben als spezielles und vor allem inhumanes Interesse, als Ausdruck der instrumentellen Vernunft.

Wenn die Nationalsozialisten viel später solche Menschen wie John Merrick in den Konzentrationslagern bestialisch ermorden werden, so wird dies in gewisser Hinsicht auch die Konsequenz dieser instrumentellen Vernunft sein. Das „Arische” – sowieso nur ein ideologischer Abklatsch der geforderten „gestählten” Körper – macht aus dem nicht Tolerierbaren endgültig über eine zwar blödsinnige, aber nichtsdestotrotz wirksame ideologische Feinderklärung das „unnütze” Leben, das vernichtet werden muss.

„Ich bin kein Tier; ich bin ein menschliches Wesen!” schreit Merrick den Menschen zu, die ihn später im Film verfolgen. Lynchs Film – so „realistisch” er erscheinen mag, und schließlich gab es Treves und Merrick ja wirklich (1) – spielt (wie er dies in anderen Filmen auch getan hat) mit unterschiedlichen Zeitebenen, einem unterschiedlichen, ja diametralen Zeitverständnis und damit auch mit gegensätzlichen Prinzipien der Konstitution von Gesellschaft: Der Zeittakt der Industrialisierung mit seinem inhärenten Machtkonzept versus einem Zeitverständnis, das von dem Takt der Uhr abgekoppelt ist, innerhalb dessen sich Kommunikation, Freundschaft, wirkliche und wirkende menschliche Beziehungen entwickeln können, ein Zeitverständnis, in dem jegliche Machtkonstruktion fehl am Platz ist.

Das Fremde erweist sich so – im Film in Gestalt des John Merrick – als etwas, was durch den Takt der industriellen Produktion ausgestoßen wurde und nur deshalb als etwas Fremdes erscheinen kann. Die Entwicklung in der Erzählung löst die interessierte Illusion an „gesunden”, „gestählten” Körpern auf in das, was sie ist: eine interessierte ideologische Konstruktion. Und sie desillusioniert noch etwas: das Konzept der Toleranz im Sinne der Duldung des Fremden, die nur ein erbärmlicher Gnadenakt ist, aber keine humane Gesellschaft zu konstituieren vermag.

 
Wertung:
10/10 Punkte 

Quelle: Follow-me-now.de / Ulrich Behrens

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