Adaption (2002)

OT: Adaption - 114 Minuten - Satire
Adaption (2002)
Kinostart: 13.03.2003
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Adaption

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Da sitzt er, fast verschüchtert, hilflos, unbeteiligt, am Set zu „Being John Malkovich“: Charlie Kaufman, der Drehbuchautor, als habe er mit der ganzen Sache nichts zu tun. Schon hier, in der Anfangsszene ein doppelter Schein. Weil wir sehen nicht Kaufman, sondern Cage. Wir sehen Malkovich, aber nur scheinbar als Malkovich, in Wirklichkeit als „John Malkovich Being John Malkovich“. Kaufman / Cage steht im Weg. Er verlässt das Studio, schleicht sich, ist deprimiert, wie so oft, mit herunter hängenden Schultern, halb offenem Mund stiehlt er sich davon, dieser Kaufman, dieser Cage. Denn er hat ein riesiges Problem. Regisseur Jonathan Demme und dessen Partner als Produzent Edward Saxon wollen von ihm, dass er den Roman „The Orchid Thief“ der New Yorker Autorin Susan Orlean in ein Drehbuch verwandelt. So die fiktive-reale Realität. Und Kaufman, der richtige Kaufman, scheitert, merkt, dass der Roman nicht in einem Film adaptiert werden kann. Er kann es jedenfalls nicht, der richtige Kaufman.

Da kommt ihm eine Idee, die Idee des Buches: Eine Journalistin findet zu ihrer eigenen Leidenschaft, als sie die Leidenschaft eines Mannes beobachtet, der in Orchideen vernarrt ist. Warum also nicht einen Drehbuchautoren auf der Suche nach Leidenschaft zeigen und daraus eine ebenso ungewöhnliche, gewohnten Erzählstrukturen entfremdete Geschichte erzählen, die mit der Susan Orleans verwoben ist? Das Resultat dieser Idee ist der Film „Adaptation“. Der Ausgangspunkt dieser Idee ist ebenso der Film „Adaptation“. Und die realen Schwierigkeiten des realen Charlie Kaufman sind ebenso Ausgangspunkt und Resultat dieser Idee. Eine Katze scheint sich in den Schwanz zu beißen, die Einheit des klassischen Dramas destruiert und Realität und Fiktion kaum noch auseinander zu halten. Manches in und um und mit „Adaptation“ erinnert an die Bilder von Escher.

Zurück zu Cage. Der lebt mit seinem Zwillingsbruder Cage 2, der ganz anders ist als er, sozusagen ein lebenslustiger Partyhengst mit Schriftstellerallüren respektive Drang zum phänomenalen Thriller nach gewohntem Erfolgsrezept, die Hollywood-Ausgabe, der nette fiktive Bruder des Hollywood-Feindes Charlie. Cage 2 Donald (der aussieht wie Cage 1, also nicht „verkleidet“ gegenüber Cage Charlie) hat auch das berühmte Glück bei den Frauen, während Charlie – Schweißperlen auf der Stirn – der Malkovich-Produzentin Valerie (Tilda Swinton) gegenübersitzt und phantasiert, die könne aus seinen Geheimratsecken auf Glatze und dann auf alter Trottel usw. schließen, als just besagte Valerie ihm ein wohl ehrlich gemeintes Kompliment entgegen schleudert. Charlie ist impotent, ja auch sexuell (zumindest zeitweise). Die Verzweiflung über die Unfähigkeit, die Romanvorlage zu adaptieren, lähmt ihn in jedweder Hinsicht, während Donald die Schule des Erfolgs-Drehbuch-Lehrers McKee (Brian Cox) absolviert und groß rauszukommen gedenkt.

Derweil zeigt Jonze uns Meryl Streep als Susan Orlean und den Orchideen-Wahnsinnigen und -Dieb Chris Cooper Laroche mit seinen indianischen Freunden beim Orchideenraub im Sumpf und einer mehr als phänomenalen Rechtfertigung gegenüber einem vorbeifahrenden Cop. Orlean will wissen, was so faszinierend an diesen Blumen ist, gräbt, horcht Laroche – einen abgemagerten, zahnlosen Chris Cooper – nach Kräften aus, um die Urgründe von Leidenschaft zu finden. In Rückblenden, die andererseits jedoch als zeitgleich in bezug auf das Drehbuch bzw. den Film selbst erscheinen, verlieren Zeit und Raum scheinbar ihre Bedeutung.

Ich will über den weiteren Verlauf der Handlung nichts mehr verraten, weil dies den Genuss des Films erheblich schmälern würde.

Kaufman und Jonze arbeiten gegen den Strom. Aber auch das ist in gewisser Hinsicht Schein. Denn die Zitierung von Darwins Evolutionstheorie, nach der sich Individuen ihrer Umgebung anpassen, erhält in dieser Geschichte, die keine sein will und doch eine ist, eine besondere Bedeutung. Laroche hat seine Leidenschaft gefunden, Susan Orlean sucht irgendeine Leidenschaft und Charlie Kaufman sucht leidenschaftlich ein Drehbuch. Alle leiden. Drugs & Sex & Crime bringen die Lösung, so viel sei gesagt, aber auch das ist Fiktion, weil nur die Konsequenz aus der Idee zu diesem Film. Wieder beißt sich die Katze in den Schwanz. Soll ich dies erklären?

Die Leidenschaft, die Laroche gefunden zu haben vorgibt, ist von vornherein zeitlich begrenzt. Er erzählt Susan, früher habe er Fische geliebt, heute würde er nicht mal mehr einen Zeh ins Meer hängen. Später im Film wird er zum leidenschaftlichen Porno-Web-Designer. Susan Orlean sucht irgendeine Leidenschaft und findet – man glaubt es nicht – Drogen. Und Charlie? Der hat zumindest ein Drehbuch geschrieben und kann sich aus allem heraushalten. Denn das „Abdriften“ des Films in den gängigen Sex & Crime & Drugs-Showdown reproduziert genau die Hollywood-Mechanismen, denen sich Kaufman nicht verschreiben will – aber auf eine ironisch-bittere und zugleich hervorragende Weise. Der Showdown präsentiert nämlich den Schlussakkord, den der wirkliche Kaufman hätte anstimmen müssen, hätte er Orleans Bestseller in ein Drehbuch umsetzen wollen.

Jonze und Kaufman chaotisieren die Grenzen zwischen Realität und Fiktion dermaßen grandios, dass man die Tragik, die es in „Adaptation“ auch zu sehen gibt, für bare Münze nehmen könnte. Oder soll man das? Immerhin fließt auch Blut und einer stirbt, den es gar nicht gibt, und ein anderer, den es gibt, der aber nicht wirklich stirbt. Ist da Lachen oder Weinen angesagt? Und wer oder was stirbt da eigentlich? Selbst entscheiden! „Adaptation“ ist Film, ist Fiktion wie jeder andere Film. Kaufman will überleben und überlebt – sozusagen mit diesem Jonze-Film. Er war gescheitert und hatte durch Anpassung zugleich Erfolg. Das ist dem Film jedenfalls zu wünschen. Aber noch etwas anderes gelingt Jonze und Kaufman. Sie sind leidenschaftlich dabei, diesen Film zu drehen, und zeigen Menschen, die keine wirkliche Leidenschaft finden. Die Orchideen stehen für Laroche eher für Obsession, Besessenheit, Sucht. Zumindest stellt der Film die Frage, worin der Unterschied zwischen Besessenheit und Leidenschaft besteht und ob wir beides brauchen oder eins von beiden oder keines. Heftige Proteste! Aber „Adaptation“ ist, wie Kaufman selbst gesagt hat, eher eine Art Diskussion denn ein abgeschlossener Diskurs, und vor allem ein Kreislauf, eine Art selbstreflexiver Prozess, der am gängigen Zeit- und Raumverständnis nagt, auch wenn er es nicht aufhebt, und die Fiktion gnadenlos schön dazu benutzt.

Chris Cooper hat etwas Interessantes zu diesem Film gesagt: „Die Geschichte handelt von menschlichen Obsessionen und vielleicht der Tatsache, dass nicht jeder von uns voll und ganz erkennt, was er vom Leben will, weil wir uns selbst Restriktionen auferlegen.“ (1)

Scheinbar arbeitet Jonze mit Symbolen, die er allerdings zugleich wieder niedermacht. Die Orchideen mögen schön oder was auch immer sein, letztendlich interessiert sich niemand für sie. Die Besessenheit existiert sozusagen irgendwann autonom, unabhängig vom Objekt der Begierde, das wechseln kann.

Nicolas Cage spielt seine Doppelrolle grandios. Man glaubt, wirklich zwei völlig verschiedene Persönlichkeiten vor sich zu haben. Meryl Streep und Chris Cooper sind eine ebenso überzeugendes Filmpaar, gut aufeinander abgestimmt. Der teils bissige, teils selbstironische Humor des Films fesselt.

Was wird Kaufman als nächstes adaptieren? Adaption ist sein Beruf und sein Weg der Anpassung in einer Gesellschaft, die jedem die Schubladen bereit hält: Greife zu, nimm hier, nimm da, bastle dir deinen Weg, deine Biografie. Von wegen! „Adaptation“ spart nicht mit Absurditäten gerade in bezug auf diese Glücksgeschichten postmoderner Patchwork-Ideologien und ist doch zugleich selbst Ausgangspunkt und Resultat derselben. Allerdings in bewusster Art und Weise. Es lebe Kaufman! Es lebe Jonze! Und viva die Adaption!


Wertung:
10/10 Punkte 

Quelle: Follow-me-now.de / Ulrich Behrens

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