XXY

OT:  XXY   -  91 Minuten -  Drama
XXY
Kinostart: 28.11.2008
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu XXY

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Regisseur Lucia Puenzo eröffnet mit XXY auf den ersten Blick eine psychologische Studie zum Thema Intersexualität, die sich im Laufe des Films zunehmend vom eigentlichen Schwerpunkt abwendet und sich verstärkt auf Teenager-Eltern bzw. Selbstfindungsproblematik konzentriert – in diesem Fall jedoch unter besonderen Bedingungen.

Der Meeresbiologie Nestor Kraken (Ricardo Darin) beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Erforschung und dem Schutz von Wasserschildkröten, die an den Küsten von Uruguay oftmals von einheimischen Fischern verwundet oder getötet werden. Gemeinsam mit seiner Frau Suli (Valeria Bertuccelli) und seiner 15jährigen Tochter Alex (Ines Efron) lebt Nestor, der mit seiner Familie aus Argentinien weggezogen ist, in einem kleinen Haus, scheinbar in selbst gewählter Isolation zur Außenwelt. Es gibt tatsächlich ein tiefgründiges Motiv für die offensichtliche Flucht und Zurückgezogenheit: dieses ist in Alex’ DNA versteckt, in Form eines zusätzlichen X-Chromosoms. Sie wurde aufgrund dessen mit beiden Geschlechtsteilen geboren, was zwar als seltenes, aber nicht hervorstechendes medizinisches Phänomen angesehen wird. Viele Neugeborene mit dieser genetischen Anomalie werden von Ärzten ‚normalisiert’, allerdings hat sich Alex’ Vater gegen diesen Eingriff entschieden. Um sie zu schützen und ihr ein möglichst normales Leben zu gewährleisten, entschieden sich Nestor und Suli, Argentinien zu verlassen.

Alex, die aufgrund ihrer Stimme und sekundären Geschlechtsmerkmale nun eher als Mädchen erscheint, konnte als Kind ihre Andersartigkeit immer gut vertuschen, jedoch mit zunehmenden Alter und eintretender Pubertät musste sie mittels Hormonen ihre männlichen Anlagen (sprich: sichtbarer Bart etc) unterdrücken. Doch auch die Abkapselung und die Hormontherapie lassen Alex nicht unbeschwert heranwachsen, da immer wieder Jugendliche des angrenzenden Fischerdorfes auf das divergente Auftreten der jungen Frau aufmerksam werden und mit dementsprechender, adolezenter Grausamkeit reagieren. Ebenso zeichnen sich viele männliche Gefühlsregungen und Handlungen, vor allem bei sozialer Interaktion mit Gleichaltrigen, bei Alex mit einiger Deutlichkeit ab (Sie bricht einem Jungen die Nase). Sie ist aber weder eine Frau im Körper eines Mannes noch ein Mann im Körper einer Frau – Alex ist beides vereint und hat nun das kritische Alter erreicht, in dem sie ihre eigene Entscheidung bezüglich ihres Geschlechts treffen muss, weswegen sie auch kommentarlos und aufgrund einer gewissen Gleichgültigkeit hinsichtlich des ständig aufkeimenden Themas ihre Medikamente absetzt. Druck wird auch zunehmend von ihren Eltern auf sie ausgeübt, die diese Handlung mitverfolgen und auf einen endgültigen Entschluss hinsichtlich ihrer Sexualität drängen.

Nicht ohne Hintergrund lädt Alex’ Mutter Suli eine aus Buenos Aires stammende, befreundete Familie ein: Ramiro (German Palacios), dessen Profession – er ist plastischer Chirurg mit Spezialisierung auf Korrekturen von Fehlbildungen und Geburtsdefekten – Nestor verheimlicht wurde, soll Alex Vorschläge für ihre Entscheidung liefern. Doch auch der Sohn von Ramiro, Alvaro
(Martín Piroyansky), der im gleichen Alter von Alex und zudem ebenso sexuell unerfahren ist, hat nach anfänglichen Schwierigkeiten eine intensive Beziehung zu ihr aufgebaut…

Die spanisch-argentinische Produktion XXY basiert auf der Kurzgeschichte „Cinismo“ des Argentiniers Sergio Bizzio, der zugleich der Ehemann der Regisseurin ist. Laut Regiedebütantin Lucia Puenzo selbst hat sie, nachdem sie die Geschichte gelesen hatte, noch wochenlang an die bizarre Situation der/des Protagonist/in denken müssen und diese schlussendlich in einen Film verwandelt, der sich mit der Freiheit von Wahlmöglichkeit, Identität und Verlangen beschäftigt.

Diese eindrucksvolle Charakterstudie ist ihr auch gelungen, was die Auszeichnungen wie etwa den „
International Critics’ Week Grand Prize“ bei den Filmfestspielen von Cannes belegen können. Mit nur wenig Dialogen, die punktuell und akzentuiert eingesetzt werden, damit die Tragweite der Handlung durch die visueller Darstellung verstärkt zum Zuseher durchdringen kann, schildert XXY eine verblüffende Coming-of-Age Geschichte mit interessantem Twist. Atmosphärische, lange Aufnahmen von Strandszenarien bei Tag und Nacht unterstützen die surreale, düster anmutende Grundstimmung, die dieses psychologische Puzzle umgibt. Das Dilemma, in dem Alex steckt, ist nicht nur die unausweichliche Wahl über ihr Geschlecht, die sie treffen muss, sondern auch hinsichtlich ihrer eigenen sexuellen Ausrichtung - XXY’s grundlegender Ausgangspunkt ist einzigartig in dieser Form. Der Fokus liegt jedoch strikt auf dem komplizierten, aber romantischen Miteinander der Protagonisten, anstatt das Geschehen von einem dokumentarischen oder gar medizinischen Standpunkt aus zu betrachten.

Hervorstechend ist die unglaublich besetzte Hauptrolle: Ines Efron, die mit 22 unmerklich eine/n 15 Jährige/jährigen spielt, erweist sich als vielschichtig und glaubwürdig, zudem überzeugt ihr für den Film besonders ausschlaggebendes Aussehen – sie wirkt nicht zu männlich oder weiblich. In jeder einzelnen Sekunde des Films kann sie das ambivalente Schicksal des Protagonisten überzeugend vermitteln, was leider jedoch nicht von der gesamten Besetzung behauptet werden kann. Auch die etwas ungeschickten, scheinbar wahllos verstreuten und nicht gerade subtilen Allegorien und Symboliken wirken aufgesetzt: So hat Alex in ihrem Aquarium etwa Clownfische (Anmerkung: Findet Nemo) – eine Spezies, die sich im Laufe der Zeit von männlicher zu weiblicher Art umwandelt oder, noch prägnanter, eine Kollektion von Puppen, die mit rudimentären Penissen ausgestattet wurden. Nichtsdestotrotz überzeugt XXY auf weiten Strecken, die schwierige Beziehungen zwischen Vater und Tochter/Sohn bzw. die eigentliche Liebesbeziehung erhält durch den entscheidenden Unterscheid in der untypischen Charakterzeichnung von Alex den nötigen Schwung um durch den gesamten Film zu führen. Das offene Ende fügt sich zudem perfekt in das Gesamtbild ein.

Fazit:
XXY ist in vielerlei Hinsicht empfehlenswert: Nicht nur das die Handlung ausgesprochen ungewöhnlich ist, auch die Umsetzung verblüfft durch ein gänzlich unerwartetes, surreales Setting. Das sexuelle Limbo des Protagonisten wird eindrucksvoll, wenn auch zeitweise etwas ungeschickt vermittelt, der Großteil der Besetzung – allen voran die Hauptbesetzung – überzeugt mit guten Darbietungen. XXY mag vielleicht auf den ersten Blick ein schwieriger, artifiziell anmutender und schwer verdaulicher Film sein, erweist sich aber für diejenigen, die sich darauf einlassen, als ein großes, emotionales und dramatisches Werk, das Aufmerksamkeit erregt und - vom Publikum – verdient.

Wertung:
8/10 Punkte
 

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