Rückkehr in die Normandie

OT:  Retour En Normandie   -  113 Minuten -  Dokumentation 
Rückkehr in die Normandie
Kinostart: 28.11.2008
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Rückkehr in die Normandie

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Man lernt viel über das Kino an sich, in Nicolas Philiberts Dokumentarfilm RETOUR EN NORMANDIE. Eine Rückkehr also, aber zu was und warum? Ja, es ist entschuldbar, wenn man René Allios MOI, PIERRE RIVIÈRE AYANT ÉGORGÉ MA MÈRE, MA SOEUR ET MA FRÈRE aus dem Jahr 1975 nicht kennt. Ein Umstand, den das Stadtkino übrigens vom 6.-8. Dezember zu ändern vermag, denn da läuft der Film wieder, in Originalfassung mit englischen Untertiteln – und wenn ich das mal so salopp formulieren darf: Das sind Termine, die man sich rot im Kalender anstreichen sollte, denn diesen Film zu verpassen wäre wahrlich ein Verlust! RETOUR EN NORMANDIE ist bereits ab 28. November zu sehen!

René Allios Film erzählt die Geschichte eines Mordfalls aus dem 19. Jahrhundert, in dem der als Sonderling beschriebene junge Pierre Rivière – wie der Titel unschwer erkennen lässt – seine Mutter, Schwester und seinen Bruder ermordet hat. Nach Tagen des Umherstreifens durch die Wälder wird er gefasst – und schreibt im Gefängnis auf 80 Seiten seine – wenn man so möchte – Memoiren, in denen er sein Vorgehen begründet. Rivière wird zum Tode verurteilt, dann vom König begnadigt. Er erhängt sich wenige Jahre später im Gefängnis. Anfang der 1970er Jahre entdeckt der Philosoph Michel Foucault den handschriftlichen Text und veröffentlicht ihn in Buchform. Zwei Jahre später entsteht der Film.

Unweigerlich stellt sich die Frage, warum man 30 Jahre, nachdem man einen Film gemacht hat, der nur mehr einem kleinen Cineastenkreis bekannt ist (denn Allios Film verschwand recht schnell von den Leinwänden) an seinen Entstehungsort zurückkehrt. Philibert strukturiert seine Dokumentation weniger als ein Making-Of, weniger als eine Aneinanderreihung von Interviews, sondern vielmehr als assoziative Bestandsaufnahme von menschlichen Befindlichkeiten. Er zeigt die Menschen, die damals im Film wichtige oder weniger wichtige Rollen innehatten in ihrer heutigen Umgebung. Die Darsteller in Allios Film waren ausnahmslos Laien, gecastet aus der Umgebung des Drehorts, hauptsächlich einem verfallenen Bauernhaus. Nach den Dreharbeiten kehrten mit Ausnahme des Hauptdarstellers Claude Hébert wieder zurück an ihre Arbeitsplätze. Sie arbeiten wieder auf Bauernhöfen (gleich zu Beginn zeigt Philibert, wie eine Sau ihre Ferkel wirft, von denen ein schwaches mit festen Handgriffen ins Leben zurückgerufen wird, später sind wir auch bei einer Schlachtung live dabei), in Behindertenheimen, haben selbst behinderte oder psychisch kranke Kinder, oder die Sprache verloren und wieder gefunden. Wer von den gezeigten Personen genau welche Funktion in Allios Film hatte, ist dabei oft etwas unklar, tut aber auch nicht wirklich viel zur Sache.

Im Off-Kommentar erläutert Philibert die komplizierte Produktionsgeschichte von PIERRE RIVIÈRE, und wie er sich jetzt auf die Suche nach den Darstellern macht. Schließlich kehrt sogar der verschollen geglaubte Hébert wieder – als Priester und Missionar lebt er jetzt auf Haiti! Man könnte auch sagen: Das Kino hat diese Menschen für einen kurzen Moment bei sich gehabt, und ist dann weiter gezogen. Ob sie sich den Film noch auf Kassette ansehe, fragt Philibert eine Frau. Nein, schon seit damals nicht mehr, bekommt er zur Antwort. Auf einer Anti-Atommüll Demonstration begegnet er einer Statistin, die sich, ein schwarz/weiß Foto des Filmteams betrachtend, erinnert – und plötzlich wie versteinert zurückschrickt. Es sind Momente wie diese, die Philiberts Film so erhaben machen.

Fazit:

Auch ohne Vorkenntnis von PIERRE RIVIÈRE… ist Renè Allios Film zu bewältigen – und von 6. – 8. Dezember wie gesagt, gibt’s keine gültige Entschuldigung, sich nicht Allios beeindruckenden „Hauptfilm“ anzusehen. Ein tolles Double-Feature, das sich da im Dezember im Stadtkino anbahnt!

Wertung:
7/10 Punkte

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