Jesus Christus Erlöser

OT:  Jesus Christus Erlöser   -  84 Minuten -  Dokumentation
Jesus Christus Erlöser
Kinostart: 31.10.2008
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Jesus Christus Erlöser

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„Gesucht wird Jesus Christus. Angeklagt wegen Verführung, anarchistischer Tendenzen, Verschwörung gegen die Staatsgewalt. Besondere Kennzeichen: Narben an Händen und Füßen...“

Klaus Kinski steht auf der Bühne. Immer wieder muss er seinen streng auswendig gelernten Monolog, angelehnt an das Neue Testament, neu beginnen. Gesucht wird Jesus Christus. Der Konflikt ist vorprogrammiert: Der ohnehin schwierige Klaus Kinski trifft am 20. November 1971 auf 5000 Zuseher in der Berliner Deutschlandhalle. Er will vortragen, sie wollen diskutieren. Sie sind die 68er Generation, die allergisch auf Autoritäten reagieren. Er ist halt Klaus Kinski, der nun mal ist, wie er ist. Mittlerweile ist das Ergebnis Geschichte.

Das Publikum fühlte sich durch den streng vorgetragenen Monolog provoziert, und wie es in der Zeit üblich war, versuchte man mit einer Diskussion darauf zu reagieren. Klaus Kinski hatte aber an einer Diskussion kein Interesse. Er wollte performen. So bildete sich ein Hexenkessel, in dem beide Parteien immer weiter aufgescheucht wurden. Kinski beschimpfte das Publikum, welches wiederum seinen Vortrag störte. Kinski verschwand von der Bühne, kam wieder, und verschwand wieder. Jemand der das Mikrofon wollte, wurde von Kinski von der Bühne geschmissen. Schlussendlich musste der Vortrag abgebrochen werden und wurde später im kleinen Kreis der Interessierten zu Ende gebracht…

Eigentlich sollte jeder wissen, dass Klaus Kinski kein einfacher Mensch war. Ein kleiner Funke konnte oft reichen um ihn zum Ausbruch zu bringen, und natürlich waren sich die Medienvertreter dessen bewusst, und nutzten es aus. So kam es auch zu den zahlreichen Talk-Show Ausrastern und ähnlichem. Doch in erster Linie bleibt Klaus Kinski wohl einer der prägnantesten deutschen Schauspieler aller Zeiten. Zwar großteils durch trashige Filme berüchtigt, aber wie seine Arbeiten, unter anderem mit Werner Herzog, zeigen, zu deutlich mehr geboren.

Die Wenigsten wissen aber, dass Klaus Kinski noch vor seiner Karriere als Schauspieler ein hoch angesehener Bühnenredner war und unter anderem Werke von Schiller, Goethe und Shakespeare rezitierte. Er produzierte auch eine beachtliche Menge an Hörplatten, die seinen Ruf nur verstärkten, bevor er sich schließlich der Schauspielerei zuwandte. Dann versuchte er schließlich ein Comeback auf der Bühne und wurde mit einer Rekordgage zu seiner Jesus Christus Erlöser Tour gelockt. Doch wegen der desaströsen Premiere, gab es nur noch eine weitere Vorstellung (ohne Störungen), und dann war Kinski von der Bühne verschwunden.

Regisseur Peter Geyer hat nun versucht diesen Abend mit Klaus Kinski im Kino wieder aufzubereiten. Und er hat dies auf die einzig mögliche Weise getan: Er hat auf jede Form der Beeinflussung, wie zum Beispiel Intervieweinschübe oder einen Kommentar, verzichtet, und stattdessen einfach das gesamte Filmmaterial zu einem Ganzen arrangiert. Klaus Kinski war es übrigens selbst, der den Auftritt auf 16mm mitfilmen ließ, wollte aber, dass das Material erst nach seinem Tod verwendet wird, da er nicht als „schlechter Verlierer“ dastehen wollte.


Eigentlich sehen wir die ganze Zeit nur Kinski, vor einem dunklen Hintergrund. Sein Gesicht springt uns förmlich entgegen. Die Kraft die nicht nur in seiner Stimme, sondern vor allem in seinen Augen liegt, ist förmlich spürbar. Man fühlt wie die Atmosphäre knistert und wie etwas in der Luft liegt. Obwohl Jesus Christus Erlöser nur auf das minimalste reduziert ist, schafft er einen direkten Zugang zum Publikum aufzubauen und auf sehr intensive Art und Weise zu bewegen.
 

Das Ergebnis ist schlicht umwerfend. Denn nun hat man im Kino die Chance hautnah an der Geschichte teilzunehmen und fühlt sich so, als wäre man selbst im Publikum. Die Atmosphäre ist elektrisierend, Kinski der fesselnde Koloss auf der Bühne, der die Blicke auf sich zieht, und natürlich ist es einfach atemberaubend zu sehen, was sich an diesem Abend zugetragen hat. Zusätzlich dazu bekommt man auch noch einen Einblick in die damalige Mentalität. Somit gibt es keinerlei Grund dieses hoch interessante Zeitdokument zu verpassen.

Fazit:
Jesus Christus Erlöser verzichtet darauf einen Kommentar zum Geschehen abzugeben und auch ansonsten irgendwelche Spielereien einzufügen. Stattdessen bekommt man Kinski pur, und fühlt sich, als wäre man selbst ein Teil der legendären Jesus Christus Erlöser Vorstellung. Das Ergebnis ist elektrisierend, fesselnd und atemberaubend. Also ein klarer Pflichttermin im Kino.

Wertung:
8/10 Punkte
Filmering.at
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Liste von christoph_b
Erstellt: 19.04.2013